Herr B. fühlte sich seltsam an diesem Morgen. Fast wollte man meinen, dass dieser Morgen ein stinknormaler Morgen, genauer gesagt, ein stinknormaler Mittwochmorgen war, wie jeder andere Mittwochmorgen im stinknormalen Leben des Herrn B. auch. Doch dieser Mittwochmorgen fühlte sich ganz anders an. Herr B. erwachte heute Morgen mit einem eigenartigen Gefühl im Bauch: einer Vorahnung, dass sich etwas Ungewöhnliches, etwas Ungeplantes ereignen würde. Herr B. hatte eine Aversion gegen Ungeplantes und spontan auftretende Ereignisse, weswegen er den Kontakt zu anderen Menschen auf das Notwendigste reduzierte. Denn, und davon war Herr B. felsenfest überzeugt: der Mensch ist dem Wesen nach die Unruheursache im wohlgeplanten Ablauf seiner Tage. Nur die konsequente Vermeidung jeglichen menschlichen Umgangs würde die ewige Monotonie des Lebens von Herrn B. gewährleisten.

Seine Frau war die einzige Regelausnahme. In den letzten 20 Jahren ihrer Ehe hatte sie sich nämlich irgendwann mit der Tatsache abgefunden, dass für ihren Gatten die Monotonie der Unveränderlichkeit seiner Tage die höchste und erfüllteste Form menschlichen Daseins bedeutete. So brachte sie ihm auch an diesem Morgen das Frühstück zu Tisch, genauso wie sie es jeden Morgen servierte: Eine Scheibe Schwarzbrot mit einem dünnen Bestrich Butter, zwei Rühreier und sieben Stück Silberzwiebeln in einer kleinen Schale. Warum gerade Silberzwiebeln zum Frühstück und weshalb ausgerechnet sieben Stück, war eine der vielen Fragen, die Frau B. schon lange aufgegeben hatte, zu stellen.

Durch die gelebte Monotonie seiner Tage und die Resignation seiner Frau, Dinge, die er verlangte, nicht einmal zu hinterfragen, geschweige denn, ändern zu wollen, war die Ehe der beiden in großem Maße ereignislos und somit auch frei von jeglichen Krisen.

In der Straßenbahn las er normalerweise während der siebzehnminütigen Fahrt von seiner Wohnung zu seinem Büro in der Bülowstraße den Wirtschaftsteil der Züricher Zeitung, die er seit vielen Jahren jeden Morgen wortlos vom Zeitungskioskinhaber – Herrn Emil Wanka, dessen Namen Herr B. weder wusste noch daran interessiert war, ihn zu erfahren – überreicht bekam. An ebenjenem Mittwochmorgen im letzten Waggon der Straßenbahn der Linie 37, in den er fahrplanmäßig um 7 Uhr 27 an der Haltestelle Ludwigstraße gestiegen war, an jenem Morgen, als er sich noch immer ziemlich seltsam fühlte, so seltsam, dass er sich nicht auf seine gewohnte Lektüre konzentrieren konnte, saß er nun. Er musste diesem seltsamen und für ihn höchst ungewöhnlichen Gefühl, dieser inneren Unruhe, dessen Ursache er selbst zu sein schien, auf den Grund gehen. Sonst, ja, sonst würde noch irgendetwas passieren. Herr B. blickte aus dem Fenster und betrachtete die Allee alter Kastanienbäume, die in regelmäßigen Intervallen das Licht der Morgensonne durchbrachen, welches Herrn B. an diesem wolkenlosen und kalten Februarmorgen blendete und ihn dazu veranlasste, seine Augen zu schließen. War es Zufall oder Fügung, dass diese regelmäßigen Störungen des Lichtfelds genau die richtige Frequenz aufwiesen, um Alphawellen in seinem Gehirn auszulösen, das hinter geschlossenen Augenliedern gerade dabei war, über die Seltsamkeit seines Befindens nachzusinnen? Dies setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, welche die Monotonie seiner Morgenroutine auf verstörendste Weise ein und für allemal zerstörte.

Innerhalb weniger Sekunden fand er sich in einem Zustand wieder, der nicht nur ein wenig seltsam oder eigenartig war – wie jener, den er nach seinem Erwachen spürte –, sondern orgiastisch, ein Rausch unbezähmbarer Sinneswahrnehmungen, die ohne jegliche Kontrolle in seinem Körper Amok liefen, wie ein Feuerwerk, ein gigantischer Rausch seiner Sinne, ein Rausch, der seinen Mund weit offen stehen ließ aus dem ein lautes langgezogenes „aaaaaaaaaaaaaah…“ entfuhr.

Sein Körper, dessen Kopf an der Scheibe des Straßenbahnfensters lehnte, begann mit einem Male, zu zucken, richtete sich auf und bewegte sich wieder auf das Fenster zu, bevor er sich daran rieb und anschmiegte! Dann, fast meinte man, das Schnurren einer Katze zu vernehmen, richtete sich sein Körper kerzengerade auf, um dann in die andere Richtung zu fallen. Sein Kopf legte sich auf die Schultern von Sparkassendirektorstellvertreter Herrn Poppal, den Herr B. trotz der Tatsache, dass sich die beiden jahrelang dieselbe Fahrtstrecke teilten, noch niemals bewusst wahrgenommen hatte. Als sich die Schnurrgeräusche, welche nun eindeutig und für jeden Mitfahrer der umliegenden Sitzreihen klar zu hören waren, in lautes Stöhnen verwandelten – „aaaaaaaaaaaaaah…“ – und er seine Wangen an den Wangen Herrn Poppals rieb, hatte der Sparkassendirektorstellvertreter genug und sprang mit einem Satz von seinem Sitz.

„Ist Ihnen nicht wohl, mein Herr?“ versuchte er fragend von der Scham abzulenken, die er, als heterosexueller, verheirateter Mann empfand, nachdem sich ein anderer Mann in durchaus liebevoller Weise, jedoch im öffentlichen Raum, an ihn geschmiegt, ja gerieben hatte.

Unter den Blicken der anderen Fahrgäste, die Herrn B. über den Rand ihrer Zeitung anstarrten, war sein Körper durch die plötzliche Abwesenheit der starken Schulter des Herrn Poppal auf die Seite gefallen und lag nun auf der Sitzbank, zuckend, windend und mit einem derartig lauten Stöhnen, das sich zu einem orgiastischen Crescendo steigerte.

Eine Frau, genauer gesagt Maria Elena Vasquez, Hausangestellte, 24 Jahre, die gerade dabei war, den Sohn der Mendelsons, Malte, Schüler, sechs Jahre, in die Schule zu bringen, hielt dem Knaben die Ohren zu und drückte seinen Kopf in ihren Schoß, in welchen er – durch das eben vernommene, erste orgiastische Stöhnen im noch sehr jungen Lebensalter selbst in Empfindungen gebadet war, die für ihn eindeutig das Erwachen seiner Sexualität bedeuteten – tief und mit einem neuartigen Gefühl von Genuss eintauchte. Obwohl er sich dessen nicht bewusst war und später die Ereignisse dieses seltsamen, für ihn jedoch höchst sinnlichen Morgens vergessen würde, war es dieser Moment, der ihn für sein ganzes Leben prägte. In genau diesem Moment, als er sein Gesicht tief in den Schoss Maria Elenas vergrub, assoziierte Maltes Gehirn das prickelnde Gefühl aufkeimender sexueller Lust mit dem Geruch ihrer ungewaschenen Unterwäsche, welche die Haushälterin nun schon seit zwei Tagen unter ihrem Kittel trug. In diesem Moment begann Maltes Vorliebe, oder eher sein sexueller Fetisch für getragene Frauenunterhöschen, der ihn eines Tages sogar mit dem Gesetz in Konflikt bringen würde, nachdem er ertappt worden war, wie er ungewaschene Damenunterwäsche aus einem Schutzsack der Wäscherei entwenden wollte.

Von all dem, was auf ihn einmal zukommen würde, hatte der Junge natürlich keine blasse Ahnung und auch nicht Herr B., der von all dem, was ihm passiert war, nicht den leisesten Schimmer hatte. Ein besorgter Fahrgast rüttelte stark an Herr B.s Schultern, während Frau Seeligmann, die dicke Bäckersfrau, die Züricher Zeitung aus seiner Hand nahm und diese als einen improvisierten Fächer benutzte, um einen Luftstrom in sein Gesicht zu leiten.

Die besorgte Intervention der Fahrgäste sowie die Tatsache, dass die Reizüberflutung mittels Alphawellen aufgehört hatte, führte dazu, dass Herr B. seine Augen aufschlug und langsam, ganz langsam den Blicken der anderen Fahrgäste gewahr wurde, die auf ihn gerichtet waren. Mit einem Male sprang Herr B. auf, packte seine Aktentasche und drängte durch die Gruppe der Fahrgäste und neugieriger Schaulustiger zum Ausgang. Ein paar Sekunden später fuhr die Straßenbahn in die Kurbischstraße ein und hielt an der Haltestelle.

Einige Leute, unter ihnen Frau Barschel, die Herrn B. erkannte und auch wusste, dass er erst zwei Stationen weiter aussteigen musste, um zu seinem Büro zu gelangen, würde ihre Observation ein paar Stunden später der Frau des Fleischers erzählen – „vielleicht betrügt er sie ja?“ –, die wiederum im Laufe des Nachmittags ihre Kundschaft über das seltsame Benehmen Herrn B. informieren würde.

Während sich Frau Barschel noch wunderte, Herr B. aus der Tramway taumelte und die Straße, ohne vorher links oder rechts zu schauen, überquerte, hatte Frau B. in ihrer Küche eine Empfindung, die man nur als Vorahnung, fast will man sagen, als siebten Sinn beschreiben könnte. Frau B. wusste in dieser Sekunde, dass sie ihren Mann verlassen musste und zwar auf der Stelle. Warum, das schien für sie in diesem Moment nicht wichtig zu sein. Sie suchte nach keinen Erklärungen. Frau B. legte ihre Schürze ab, faltete sie fein säuberlich und legte sie über die Lehne des Küchenstuhls, drehte sich um und verließ die Wohnung. Herr B. würde sie nie mehr wiedersehen.

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