400 Jahre Nachschlagen im Buchkirchner Kirchenbuch hatten den Einband aus gewachstem Schweinsleder, von den, mit feingedrehten Hanfschnüren gebündelten, handgeschöpften Flachsblättern gelöst, deren eng beschriebene Seiten jahrhundertelang dem Leseunkundigen ihre Geheimnisse vorenthielten. Nur rußtintengeschwärzten Pfarrers- oder weihrauchharzigen Gsellpriesterhänden war es gestattet, das Buch zu berühren, wobei sie in der rechten unteren Ecke des Deckblatts, den Fingerabdruck ihrer eigenen Zeitlichkeit hinterließen. Auf dem Vorderschnitt entdecke ich tiefschwarze Flecken: Spuren der Ungeschicklichkeit eines weintrunkenen, alterszittrigen Pfarrers oder stumme Zeugen jenes dramatischen Augenblicks im Jahre 1595, als eine aufgebrachte Horde rebellierender Bauern, den Pfarrhof stürmte und der Mesner bei dem Versuch, die Matricula vor dem zerstörerischen Zorn glaubensverwirrter Lutheraner zu retten, in aller Aufgeregtheit, das Tintenfass umstieß. Tief beuge, nein, verbeuge ich mich vor diesem Buch, welches für mich ein Heiliges ist. Der Geruch von Schimmel und feuchtem Moder fährt in meine Nase und berauscht meine Sinne, ein süsslich lockendes Mittel eines erregenden Rausches, um meinen, von unbändiger, jedoch noch unerfüllter Wissbegier, durchtränkten Geist, endlich!, von der Qual seiner Neugier und dem Wahn jahrelangen Sehnens und Wartens zu erlösen, das Siegel der Vergangenheit zu brechen und die steinernen Wurzeln meiner Ahnenväter aus dem Grab der Terra incognita einer längst vergessenen Zeit, zu heben.

 

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