Böller und Granaten

1934 setzt in Oberösterreich ein noch die dagewesener Bombenterror ein. Die seit 1933 illegalen Nationalsozialisten verschĂ€rfen ihre Gangart, versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken und zwingen den immer diktatorischer agierenden Bundeskanzler Dollfuß harte Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ein turbulentes Jahr auch im Bezirk Grieskirchen.

Das neue Jahr 1934 beginnt in Grieskirchen mit einem Knall. Am 3. JĂ€nner wird „ein Böller gegen das Haus des Abgeordneten Franz Huber geworfen, wodurch einige Fenster zerschlagen wurden. Ein weiterer Anschlag war gegen den Gendarmerieposten geplant. An die GartentĂŒre vor dem PostengebĂ€ude wurde nĂ€mlich ein Sprengkörper gehĂ€ngt, er konnte jedoch rechtzeitig entfernt werden.“ Die SchĂ€rdinger Chronik vermerkt, „ [
] das an gewalttĂ€tigen Auseinandersetzungen reiche Jahr wurde in SchĂ€rding durch zwei PapierbölleranschlĂ€ge in der Silvesternacht eingeleitet. Der erste Böller explodierte in der Silvesternacht am Stadtplatz und richtete keinen Schaden an.“ Die AlpenlĂ€ndische Morgen Zeitung weiß, dass „am Neujahrstag auf dem Hauptplatz in SchĂ€rding ein Papierböller geworfen [wurde], wodurch 52 Fensterscheiben zertrĂŒmmert wurden. Die Ladung des Böllers war so stark, daß noch zwanzig Schritte entfernt ein Fenster in Scherben ging. Viele HĂ€user waren mit Hakenkreuzen und SchmĂ€hschriften beschmiert.“

Die seit dem Jahr 1933 fĂŒr illegal erklĂ€rte NSDAP verschĂ€rft zum Jahresanfang 1934 ihren Ton und beginnt nicht nur den Bezirk Grieskirchen, sondern auch ganz Österreich mit einer Terrorkampagne zu ĂŒberziehen, welche die Regierung Dollfuss in Wien das FĂŒrchten lehren und in weiterer Folge zu Fall bringen sollte. Harmlos, wie man aus dem Namen schließen könnte, sind die Papierböller, wie sie von den meist jungen Nazis in Dörfern und StĂ€dten zur Explosion gebracht und auf prominente Gegner des Nationalsozialismus geworfen wurden auf keinen Fall. So findet am 16. JĂ€nner „ein Papierbölleranschlag gegen das LandesregierungsgebĂ€ude am Pestalozziplatz in Linz und in anderen Teilen Oberösterreichs, u. a. auch gegen die Redaktion der “Rieder Volkszeitung” statt, gefolgt von sieben weiteren Sprengkörpern, die in Linz am 28. JĂ€nner zur Explosion gebracht wurden.

Wie in einem Berufungsprozess vor dem Obersten Gerichtshofe des ersten „Linzer Papierböllerprozesse“ im Juli 1934 festgestellt wird, waren entgegen der Auffassung der Verteidigung der beiden Angeklagten, dem Handelsangestellter Franz Altreiter und dem Hafner Hermann Sellner, die vom Landesgericht wegen Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz zu je 7 Monaten schweren Kerkers verurteilt worden waren, dass „diese Böller [
] frĂŒher als Feuerwerkskörper im Handel frei erhĂ€ltlich gewesen und schon daraus gehe hervor, daß sie nicht als „Sprengstoffe“ angesehen werden können“, die Gerichtsgutachter ganz anderer Meinung. Sie stellen fest, dass die Papierböller alles andere als harmlose „Kracher“ darstellen, sondern „ein Gemisch aus Chlorkalium und Aluminiumpulver gefĂŒllte Papierböller [sind], die unter besonders starkem Knall explodieren, nicht nur großen Sachschaden verursachen, sondern auch, insbesondere bei direkter BerĂŒhrung schwere KörperbeschĂ€digungen hervorrufen können.“ Die Nichtigkeitsbeschwerde wird deshalb vom Obersten Gerichtshof verworfen. In Innsbruck wirde „am 23. JĂ€nner mittags vor die Wohnung der Agnes Junger in Innsbruck ein Papierböller mit brennender ZĂŒndschnur gelegt. Der 17jĂ€hrige Sohn Walter der Wohnungsinhaberin sah den rauchenden Böller, hob ihn auf und wollte ihn in der KĂŒche in ein Wasserschaff werfen, um ihn auf diese Weise unschĂ€dlich zu machen. Der Böller explodierte jedoch, bevor ihn der Junger wegwerfen konnte, und riß ihm die rechte Hand beim Handgelenk ab. Außerdem wurde durch die Explosion die KĂŒcheneinrichtung der Wohnung der Agnes Junger vollkommen zertrĂŒmmert.“ Am Dienstag, „den 23. JĂ€nner abends krachte vor dem GebĂ€ude der Kaiser-Franz-Josefs- JubilĂ€umsschule in Linz ein Papierböller. In Altheim explodierte am Donnerstag vor dem KaufgeschĂ€ft Faschang ein Böller, drei Minuten spĂ€ter vor dem Hause des Schmiedemeisters Buchleitner. „Auf dem Kirchturm in Vöcklamarkt wehte am Samstagmorgen eine Hakenkreuzfahne, die wie das Blatt hervorhebt, von Leuten mit Rang und Namen schweigend und mit sympathischem LĂ€cheln begrĂŒĂŸt wurde.“

Gegenmassnahmen des Austrodiktators Dollfuß

Die Regierung reagiert auf die schweren TerroranschlĂ€ge indem sie nach jedem Anschlag eine bestimmte Anzahl amtlich bekannte Nationalsozialisten verhaften lĂ€sst und sie in das Durchzugslager in Wels oder Anhaltelager wie den „Kaisersteinbruch“ oder das Lager „Wöllersdorf“ steckt. Ein bekannter aufstrebender Nazi, der in Ried geborene Dr. Kaltenbrunner wird wegen seiner nationalsozialistischen Einstellung bereits im Januar 1934 von der Dollfuß-Regierung verhaftet und mit anderen fĂŒhrenden Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Kaisersteinbruch eingeliefert. Ein von ihm veranlaßter und gefĂŒhrter Hungerstreik zwing die „Systemregierung“, 490 nationalsozialistische HĂ€ftlinge zu entlassen.

In neuen Schnellverfahren verurteilen die Gerichte „Pöllerwerfer“ zu immer hĂ€rteren und lĂ€ngeren GefĂ€ngnisstrafen. So werden die zwei AttentĂ€ter, die in Bad Hall am 17. JĂ€nner SprengsĂ€tze gezĂŒndet hatten, der 20jĂ€hrige Maurer Franz Pernegger und den 26 Jahre alte Tischlermeister Ludwig Brunmayr zu fĂŒnf Jahren und neun Monaten schweren Kerker verurteilt, verschĂ€rft durch ein hartes vierteljĂ€hriges Lager.

Der Terror geht weiter

Trotz des harten Durchgreifens der österreichischen Regierung und Exekutive explodieren alle paar Tage in Oberösterreich SprengsĂ€tze. „In der Nacht zum 19. JĂ€nner wurden im Stadtgebiet Wels mehrere Papierböller zur Explosion gebracht. Ein Böller explodierte in der Maximilianstrasse vor dem kath. PreßvereinsgebĂ€ude, wo die Rollbalken zum Teil eingedrĂŒckt und einige Fensterscheiben zertrĂŒmmert wurden. In der Umgebung der Stadt sollen, wie verlautet, ebenfalls mehrere Explosionen stattgefunden haben.“ Am selben Abend waren „um etwa 19.45 Uhr [
] in der Stadt Linz nacheinander drei Detonationen zu hören. Es stellte sich heraus, daß wiederum Papierböller zur EntzĂŒndung gebracht worden waren. Einer explodierte in der Domgasse vor dem Hause des Ordens der Gesellschaft Jesu [
], wobei zahlreiche Fensterscheiben zertrĂŒmmert wurden, ein zweiter Pöller in der unbeleuchteten Marktstrasse vor der Westfront des KolosseumgebĂ€udes und zwei Pöller mit gleichzeitiger Detonation in der Harrachstrasse vor dem GebĂ€ude des Priesterseminars der Diözese Linz. Die Linzer Tages-Post stellt beunruhigt fest: „In der Stadt herrscht wegen der fortgesetzten GefĂ€hrdung des Lebens und Eigentums der Bewohner durch AnschlĂ€ge obiger Art begreifliche Aufregung.“

(K)eine Sache zum Lachen

Einer Terrorgruppe aus Marchtrenk wird unter regem Interesse der Öffentlichkeit der Prozess gemacht. Als die acht jungen Burschen, alle gerade mal zwanzig Jahre alt, von vier Justizwachebeamten aus der Haft dem Richter vorgefĂŒhrt werden, sitzen sie auf der Anklagebank, lachen und kichern fortwĂ€hrend. Die Anklage wirft den acht Jugendlichen neben Hakenkreuzschmierereien auch SprengstoffanschlĂ€ge „beim BĂŒrgermeister Asböck, beim Tischlermeister KĂŒhrer und beim VizebĂŒrgermeister Bittermann“ vor. „Weiters wollten sie auch die vaterlĂ€ndische Kundgebung dadurch stören, indem sie in ein StarlhĂ€usl einen Sprengkörper legten, das sie in der NĂ€he des Kriegerdenkmales auf einen Baum hĂ€ngten, damit es dort wĂ€hrend der Kundgebung explodieren sollte. Weiters haben sie auch Sprengkörper nach Weißkirchen und Nettingsdorf gebracht, damit auch dort AnschlĂ€ge durchgefĂŒhrt werden sollten. Außerdem haben sie sich Gewehre verschafft, wovon sie einen Teil aus dem Besitze der christlich-deutschen Turner stahlen und einen Teil durch Kauf an sich brachten. Es wurden aber auch Unterhandlungen gepflogen wegen Ankauf eines Maschinengewehres. Wie niedertrĂ€chtig sie bei ihren Handlungen vorgingen, beweist die Tatsache, daß sie die Spitzen der Gewehrmunition abfeilten, damit die Wirkung eine grĂ¶ĂŸere sein sollte.“

Die Schwere dieser Anklage scheint bei weitem keine Sache zum Lachen zu sein, doch das hindert die jugendlichen Angeklagten nicht wĂ€hrend der Befragung dem Gericht schnippische Antworten zu geben. „Dem Angeklagten paßt das Wort „Terrorgruppe“ absolut nicht und so behauptet er, daß ihm diese Bezeichnung bei der Polizei in den Mund gelegt worden ist, obwohl seine Abteilung keine Terrorgruppe war, sondern die SS von Marchtrenk.“ Sie hĂ€tten „am 18. JĂ€nner [
] so einen Böller auf freiem Felde zur Explosion gebracht, zu Ehren der auf der Durchfahrt nach Wöllersdorf befindlichen Parteigenossen, damit sie auf uns Marchtrenker aufmerksam werden“, geben sie selbstsicher und keck als Rechtfertigung fĂŒr ihre SprengstoffanschlĂ€ge dem Gericht gegenĂŒber an. Auf die abgefeilten Spitzen der Munition angesprochen, gibt ein Angeklagter lĂ€ssig zurĂŒck „Ja ich nahm aber das gar nicht so ernst, weil ich glaubte, daß es eine harmlose Sache ist.“ „Da der junge Mann immerfort lacht, rĂŒgt das der Vorsitzende mit ernsten Worten.“ Das Urteil: Sieben Angeklagte werden zu je fĂŒnf Jahren schweren Kerkers verurteilt, einer freigesprochen.

Grieskirchner Terroristen

Auch vier Neumarkter „Pöllerwerfern“, Franz D., Walter W., Rudolf H. und Josef F. wird der Prozess gemacht und in einem, von der Sicherheitsdirektion fĂŒr OÖ erlassenen Bescheid vom 26. JĂ€nner 1934 den Angeklagten vorgeschrieben, EntschĂ€digungszahlungen fĂŒr SachbeschĂ€digungen durch SprengstoffanschlĂ€ge zu leisten. In der BegrĂŒndung heißt es: „Am 8.1, 15.1., 16.1., 15.1. 22.1. und 6.1.1934 wurden im Zuge der nationalsozialistischen Terrorpropaganda in Neumarkt in Kallham Papierböller von unbekannten TĂ€tern zur Explosion gebracht.“ Es gingen im Haus des Pfarrers 15 Fensterscheiben zu Bruch, beim Spengler die Auslagenfenster, sowie SchĂ€den am Schulhaus, am Haus des Nationalrates Johann Weidenholzer, weiters 22 kaputte Fensterscheiben im Personalhause der österr. Bundesbahnen. „Die vier [Angeklagten] haben durch ihr Verhalten den fraglichen Anschlag insoferne begĂŒnstigt, gefördert und dadurch mittelbar mitverschuldet, als sie aus ihrer nationalsozialistischen Gesinnung auch bis in die letzte Zeit noch kein Hehl machten, sĂ€mtliche wegen verbotener ParteitĂ€tigkeit bzw. politischer Demonstrationen von der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen im Jahre 1933 bestraft werden mußten und hiedurch wohl wesentlich dazu beigetragen haben, auch noch andere Personen zu verbotenen ParteitĂ€tigkeiten und zu Terrorakten zu ermutigen. Die Voraussetzungen fĂŒr die im Spruch verfĂŒgte Ersatzvorschreibung war daher voll gegeben.“

Am 9. JĂ€nner 1934 finden in Grieskirchen zahlreiche Hausdurchsuchungen bei Nationalsozialisten statt unter anderem bei dem bekannten Rechtsanwalt Dr. Hermann R., dem DarmhĂ€ndler und spĂ€teren Grieskirchner Ortsgruppenleiter Josef H., den GebrĂŒdern die BĂ€cker W., sowie zahlreichen anderen amtsbekannten Grieskirchner Nazis. Es werden zahlreiche, „die NSDAP betreffende BĂŒcher und Schriften gefunden und einstweilen beschlagnahmt.“ Rechtsanwalt Dr. Hermann R. sowie DarmhĂ€ndler H. geben gegenĂŒber der Gendarmerie an, dass sie „in Erfahrung brachte[n], daß bereits am 9. JĂ€nner 1934 um 3 Uhr frĂŒh, die Gendarmerie diesbezĂŒglich AuftrĂ€ge erhielt. Die Aufforderung jene Person zu nennen, welche ihm dies mitteilte, beantwortete er dahin, daß er dies selbstverstĂ€ndlich nicht sagen werde.“

„Guat is gegangen, nix is gschehn!“

Johann H., BĂ€ckergehilfe bei BĂ€ckermeister Johann W. aus Grieskirchen, einem bekannten Nationalsozialisten der ersten Stunde und SS-Mann, wird am 22. JĂ€nner 1934 verhaftet und ihm beim Bezirksgericht Grieskirchen der Prozess wegen des Verdachts des Verbrechens nach §9 des Sprengmittelgesetzes gemacht. Er wird „dringend verdĂ€chtig von den am 21. JĂ€nner 1934, um ca. 19 Uhr 45 in der NĂ€he des hiesigen Gendarmeriepostenkommandos verĂŒbten Papierbölleranschlages, zu einer Zeit, da die Verhinderung dieses Anschlages noch möglich war, Kenntnis erlangt und es unterlassen zu haben, der Behörde die Anzeige zu erstatten. Nachdem kurz nach dem Pölleranschlag im Gastgarten des Gasthauses des Emil Hubinger [
] in unmittelbarer NĂ€he des Gendarmeriepostens ein Pistolenschuß abgefeuert wurde, wurden sĂ€mtliche im Gasthaus anwesend gewesenen GĂ€ste einer Leibesdurchsuchung nach Waffen mit negativem Erfolge unterzogen.“ „Da von verschiedenen Vertrauenspersonen die Vermutung ausgesprochen wurde, es könnten im GeschĂ€ft des EisenhĂ€ndlers Georg W. [
] dessen Angestellte zum Großteil AnhĂ€nger der NSDAP sind, Papierpöller oder sonstiges Propagandamaterial verborgen gehalten werden, wurde am 22. JĂ€nner 1934 [
] eine grĂŒndliche Durchsuchung der Wohnung und der GeschĂ€ftsrĂ€ume mit negativem Erfolge vorgenommen. Johann H. gab zu seiner Verteidigung an, ein Alibi zu haben. Er sei am 21. JĂ€nner 1934 „in der Backstube meines Dienstgebers beschĂ€ftigt [gewesen und] hörte um ca. 19 Uhr 45 einen heftigen Knall und vermutete, daß dies die Explosion eines Papierpöllers gewesen sein mĂŒĂŸte. Daß ich an dem Papierpölleranschlag selbst beteiligt war oder davon Kenntnis hatte, stelle ich entschieden in Abrede, weil ich zur Zeit des Anschlages schon lĂ€ngere Zeit zu Hause war, daher den Anschlag nicht verĂŒben konnte. Daß ich zur Zeit der Explosion tatsĂ€chlich im Hause meines Dienstgebers war, muß meine Dienstgeberin Aloisia W., deren Töchter Mizzi, und Grete, sowie die Söhne Alfons und Karl bestĂ€tigen können.“ „Die mir vorgehaltene Äußerung: „Gut ist es gegangen, geklappt hat es und nichts ist geschehen“ stelle ich entschieden in Abrede und kann der Angeber nur aus GehĂ€ssigkeit gegen mich eine solche Behauptung aufstellen.“

Die „Österreichische Legion“ droht

Seit Mitte 1933 verlassen viele junge Oberösterreicher illegal das Land, um sich der „Österreichischen Legion in Bayern“, einer militanten Kampftruppe der NSDAP anzuschließen, die den gewalttĂ€tigen Umsturz der österreichischen Regierung unter Dollfuss zum Ziel hat und hofft dadurch den Anschluss an Hitlerdeutschland zu erzwingen. Bereits am 8. September 1933 verbreitet die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen ein streng vertrauliches Rundschreiben an alle Gendarmeriekommanden des Bezirks, um vor der Bedrohung durch die Legion zu warnen. „Verschiedenen Nachrichten zufolge soll schon fĂŒr die nĂ€chste Zeit eine Aktion der in Bayern aus österreichischen NSDAP Angehörigen gebildeten Österreichischen Legion beabsichtigt sein. Es sollen einzelne Angehörige derselben nach Österreich zurĂŒckgeschickt werden, um im Innern als Instrukteure oder FĂŒhrer der dort befindlichen NSDAP Gruppen zu wirken. Es wĂ€re daher nicht ausgeschlossen, daß diese Gruppen Sabotageakte gegen die Bahn, Telephon und andere öffentliche oder private Einrichtungen versuchen werden. Diesem Umstande muß demnach das grĂ¶ĂŸte Augenmerk zugewendet werden, um solche eventuell beabsichtigen AnschlĂ€ge nach Möglichkeit zu verhindern. Alle aus Deutschland zurĂŒckkehrenden österreichischen LegionĂ€re oder sonst verdĂ€chtige Personen sind an der Überschreitung der Bundesgrenze zu verhindern. Sollte dennoch in EinzelfĂ€llen ein solcher GrenzĂŒbertritt stattgefunden haben, so sind die Betreffenden festzunehmen und zur Bestrafung einzuliefern. [
] Jeder Versuch einer feindseligen Aktion von aussen oder von innen ist mit der grĂ¶ĂŸten RĂŒcksichtslosigkeit und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln sofort zu unterdrĂŒcken, worauf besonders aufmerksam gemacht wird.“

Der Sicherheitsdirektor in Linz fĂŒrchtet, dass es zu Massenverhaftungen von LegionĂ€ren kommen könnte und lĂ€ĂŸt deswegen nachfragen, ob im Bezirk Grieskirchen „geeignete Objekte oder Lagerstellen zur VerfĂŒgung stehen, welche fĂŒr den Fall des Bedarfes fĂŒr lĂ€ngere Zeit als Sammellager in Betracht gezogen werden könnten.“ Es wird ihm geraten „in ganz dringenden FĂ€llen könnte vorĂŒbergehend das sog. Schloß in Steegen, Gemeinde Steegen, in Betracht kommen. Dieses GebĂ€ude ist 5 Minuten außerhalb des Marktes Peuerbach gelegen, alleinstehend und verfĂŒgt ĂŒber eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von WohnrĂ€umen, in denen gegenwĂ€rtig lediglich Möbel, BĂŒcher etc. untergebracht sein sollen. Im Schlosse selbst wohnt nur die Witwe des seinerzeitigen EigentĂŒmers Johann Eisterer mit 2 Dienstboten.“

Die Tragik des 12. Februars

Nachdem die österreichische NSDAP am 19. Juni 1933 verboten wurde, erreicht sie schon Anfang 1934 wieder ihre ursprĂŒngliche Schlagkraft, was sich in einer HĂ€ufung von SprengstoffanschlĂ€gen zeigt. Als Anfang Februar in mehreren StĂ€dten große BauernaufmĂ€rsche zur UnterstĂŒtzung der Bundesregierung stattfinden, explodieren bis zu vierzig Böller an nur einem Tag. Als am 12. Februar 1934 in Linz, Attnang und Steyr KĂ€mpfe zwischen dem Republikanischen Schutzbund und Regierungstruppen ausbrechen, kommt dies der NSDAP FĂŒhrung sehr gelegen und so ordnet den sofortigen vorlĂ€ufigen Stop der Terrorwelle an, um sich „diplomatisch als neutral zu geben.“

Als Konsequenz lĂ€ĂŸt die Reguering die Sozialdemokratische Partei und zahlreiche sozialistischer Vereine, sowie die GemeinderĂ€te vo Linz und Steyr auflösen, verhĂ€ngt das Standrecht in Oberösterreich und Wien und ernennt RegierungskommissĂ€re. Es kommt zu zahlreichen Verhaftungen in Linz, unter ihnen der Nationalrat Dr. Ernst Koref und Landesrat Eduard Euller. Die traurige Bilanz der KĂ€mpfe laut amtlicher Verlustliste: 239 Tote und 658 Verwundete worauf auf Oberösterreich 29 Tote (darunter 2 Frauen), 54 verletzte MĂ€nner, 9 Frauen und ein Kind entfallen.

Eskalation des Nazi Terrors

Am 10. April schrauben die Nazis den Bombenterror, welchen sie ĂŒber Oberösterreich brachten, noch eine weitere Stufe höher und schrecken selbst vor SprengstoffanschlĂ€gen auf unschuldige Zivilisten nicht mehr zurĂŒck. Mit einem Bombenanschlag auf den Pariser Nachtschnellzug zwischen Oftering und Marchtrenk am 10. April, bei dem ein Eisenbahner getötet wird und 15 Personen zum Teil schwer verletzt wurden, „werden die nationalsozialistischen Attentate wieder aufgenommen, bei denen in den Wochen bis zum Beginn des Juliputsches in Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark weitere Menschen ums Leben kommen. Über 300 Attentate und Böller-AnschlĂ€ge der ersten JahreshĂ€lfte 1934 — waren von wenigen Ausnahmen abgesehen — keine spontanen Einzelaktionen, sondern wurden von Deutschland aus gesteuert, zumindest aber mit Waffen, Geld und logistischer Hilfe unterstĂŒtzt.“ Innerhalb nur eines Jahres steigert sich die Gewaltbereitschaft der Nazis von vormals harmlosen Protestaktionen, wie dem Anbingen von riesigen Hakenkreuzen in FelswĂ€nden, Plakataktionen und Schmierereien an HauswĂ€nden usw. die in der lokalen Erinnerungstradition als „persönliche Waghalsigkeiten“ romantisch verklĂ€rt werden zu brutalen terroristischen Aktionen, die in Mord- und TerroranschlĂ€gen ihren vorlĂ€ufigen blutigen Höhepunkt finden.

Am 21. Mai wird die Grenzlandkundgebung der VaterlĂ€ndischen Front mit Landeshauptmann Dr. Heinrich Gleißner und Landesrat Heinrich Wenninger in SchĂ€rding durch an Luftballons befestigten Papierböllern ĂŒber der Stadt bedroht. Dem folgt am 9. Juni ein weiterer Sprengstoffanschlag auf die Bundesbahn bei Vöcklabruck, im MilitĂ€rverpflegungslager Wels und ein Mordanschlag in Sierning. Sicherheitsdirektor Dr. Hans Hammerstein-Equord erlĂ€sst eine neue Terrorwarnung und befiehlt die schĂ€rfste Bewachung der Bahnstrecken durch die Exekutive.

Die traurige Bilanz des Terrors der illegalen Nationalsozialisten in Österreich. Vom Juni 1933 bis zum Anschluss an das Deutsche Reich im MĂ€rz 1938 werden 803 Menschen Opfer nationalsozialistischen Terrors. Durch AnschlĂ€ge werden 117 Personen sofort getötet, weitere 52 so schwer verletzt, dass sie an den Folgen dieser Verletzungen verstarben.

Die Ermordung des Bundeskanzlers

Der 25. Juli 1934 ging in die österreichischen GeschichtsbĂŒcher ein, als 150 illegale Nationalsozialisten, als Offiziere und Soldaten des österreichischen Bundesheeres verkleidet „zur Wachablöse“ in den Hof des Bundeskanzleramtes am Wiener Ballhausplatz vorfahren. SS- und SA-MĂ€nner stĂŒrmen in das Kanzleramt um die österreichische Regierungsmitglieder gefangen zu nehmen und so durch den von Hitler geplanten Putsch die Regierung Dollfuß zu stĂŒrzen. Doch die Regierungsmitlieder waren vorgewarnt worden und hatten das Kanzleramt rechtzeitig verlassen, nur Bundeskanzler Dollfuß blieb zurĂŒck. Er wurde durch zwei Kugeln, welche wie bei der Obduktion festgestellt wurde verschiedene Kaliber hatten und deswegen aus zwei verschiedenen Waffen abgefeuert worden sind, verletzt und verblutete langsam, da die Nazis ihm medizische Hilfe sowie den Beistand eines Priesters verweigerten. Der 34-jĂ€hrige arbeitslose Otto Planetta hatte einen Schuss auf den Bundeskanzler abgegeben und wurde spĂ€ter dafĂŒr gehenkt. Lange Zeit war der Name des zweiten AttentĂ€ters ein Geheimnis bis spĂ€tere Forschungen glauben in Rudolf Prochaska, einem 39jĂ€hrigen Luftwaffenoffizier im Bundesheer der Ersten Republik und illegales Mitglied der SA, den zweiten SchĂŒtzen identifizieren zu können. Trotz der tragischen Ermordung Bundeskanzler Dollfuß scheitert der Putschversuch schon wenige Stunden spĂ€ter. Jedoch kommt es in Oberösterreich zu zahlreichen Aufstandsversuchen. In Wilhering und in Laakirchen wird ein Gendarm ermordet, im Raum Hinterstoder – Windischgarsten kommt es zu umfassenderen nationalsozialistischen Aktionen und Verhaftungen in Bad Ischl, Pinsdorf und Goisern, verlustreiche KĂ€mpfe der 4. Brigade (2 Tote und 9 Verletzte) gegen die am Pyhrnpass verschanzten nationalsozialistischen AufstĂ€ndischen des Oberen Ennstales, die Ermordung eines Gendarmen bei einem Überfall der österreichischen Legion im Raume Kollerschlag und dieVerhaftung eines deutschen Kuriers mit detaillierten Putschanweisungen, ebenfalls in Kollerschlag, kennzeichnen den stĂŒrmischen und blutigen Höhepunkt des turbulenten Jahres 1934.

Der in Ried geborene Ernst Kaltenbrunner, ehemaliger Sicherheitsdirektor des Landes und HeimwehrfĂŒhrer, der im Bezirk Grieskirchen Schloss und Land besaß, FĂŒhrer des illegalen Linzer SS-Abschnittes und von 1943 bis Kriegsende Chef der Sicherheitspolizei und des SD sowie Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Ă€ußert sich bei seinem Prozess in NĂŒrnberg am 11. April 1946 zurĂŒckblickend, dass die Nationalsozialisten Opfer der Regierung Dollfuß gewesen seien und meint lapidar: „Dieser Putschversuch, der auch unglĂŒcklicherweise den Mord an Dollfuß mit eingeschlossen hatte, ist niedergeschlagen worden und mit strengsten Verfahren gegen eine Unzahl von Nationalsozialisten gerĂ€cht worden. Eine besonders harte Maßnahme bestand darin, daß viele Tausende von Nationalsozialisten ihres Berufes verlustig erklĂ€rt wurden, und es bestand die Notwendigkeit, eine Befriedung, ich möchte sagen, eine Milderung der GrundsĂ€tze der Regierung herbeizufĂŒhren.“

Eine misslungene „Befriedung“

Indirekt schien der Terror mit dem die illegalen Nazis das Land ĂŒberzogen hatten, FrĂŒchte zu tragen. Es beginnen Versuche einer Befriedung mit den Nationalsozialisten. Ernst Kaltenbrunner und Anton Reinthaller aus Vöcklabruck, seit Ende der 1920er Jahre NSDAP Mitglied, wird es „gestattet“ mit seinen eigentlich illegalen Parteigenossen „Besprechungen abzuhalten“. „Schon im August 1934 hatte der oberösterreichische Landeshauptmann Gleißner mit „nationalen“ bzw. „gemĂ€ĂŸigt [sic!] nationalsozialistischen Gruppen“ GesprĂ€che gefĂŒhrt. Kein Jahr darauf hatte der Sicherheitsdirektor des Landes Oberösterreich, Peter Graf Revertera, gegenĂŒber – dem spĂ€teren NS-BĂŒrgermeister von Linz und Richter beim Volksgerichtshof – bedauert, so viele Nationalsozialisten verhaften zu mĂŒssen.“

Schuschnigg, der Dollfuß nachfolgt unterliegt 1938 am Berghof den EinschĂŒchterungen Hitlers, der am 12. MĂ€rz der deutsche Wehrmacht befiehlt die Grenzen zu ĂŒberschreiten und ein im Sterben gelegenes Österreich „heim ins Reich“ zu holen. Den Jubeltag der „österreichischen Befreiung“ den viele österreichische LegionĂ€re jahrelang im deutschen Exil sehnsĂŒchtigst erwartet hatten, mĂŒssen die MĂ€nner der Legion in ihren Baracken verbringen. Auf Hitlers Befehl darf die Österreichische Legion erst Ende MĂ€rz die neuen deutschen Gaue betreten und muss ernĂŒchternd feststellen, dass die meisten der versprochenen lukrativen Posten, Ämter und arisierten Betriebe schon von deutschen Nazibonzen vereinnahmt und unter ihnen aufgeteilt wurden. Österreich verschwindet unter dem Jubel der Bevölkerung, von denen die meisten erst der RealitĂ€t und des Schreckens eines Krieges bedurften, um aufzuwachen aus der kollektiven Hypnose eines FĂŒhrerkults, an den sie so gerne glauben wollten.

Author: freakingcat
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