Der Schrecken meiner Geburt

Ich wurde nicht geboren – ich wurde auf die Erde geworfen. Meine resolute Weigerung, die Geburtshöhle zu verlassen, welche ich seit dem Tag meiner Zeugung vor zweiundvierzig Wochen bewohnte, war der erste Akt meiner Rebellion gegen meine Mutter. So war ich bereits der sechste Versuch meiner Eltern, ein Kind in diese Welt zu setzen. Bevor sie sich jedoch zu einem Fötus hatten entwickeln können, verließen meine Embryonal-Ahnen bereits wieder den Bauch meiner Mutter durch die Toilette – verschlungen durch das öffentliche Kanalsystem der Stadt, fand ihr kurzes Erdendasein ein abruptes Ende. Ich jedoch, in den wenigen Monaten meines GebĂ€rmutteraufenthaltes schnell herangewachsen, gedieh prĂ€chtig. Es fehlte mir an nichts. Meine Zeit vertrieb ich mir ausgiebig mit dem einzigen Spielzeug, welches ich besaß: meiner Nabelschnur – ich griff nach ihr, lutschte daran und erforschte sie mit allen meiner sich immer weiter entwickelnden Sinne. Da ich bereits als Ungeborenes den Drang hatte, sehr aktiv zu sein, fand ich immenses VergnĂŒgen darin, mich zu drehen und zu wenden, PurzelbĂ€ume zu schlagen und die StĂ€rke der mich umgebenden WĂ€nde durch heftige Tritte meiner kleinen FĂŒĂŸchen zu testen. Je mehr ich an Kraft gewann und diese einsetzte, um mich auf immer neue Arten zu bewegen und TurnĂŒbungen zu vollbringen, desto mehr Zeit verbrachte meine Mutter, unter KrĂ€mpfen und Beschwerden leidend, im Bett. Sie, in der Hoffnung, dass ich bald ihren Körper verlassen wĂŒrde, und ich, energisch dazu entschlossen, in diesem zu bleiben. Dies war der erste unserer unzĂ€hligen MachtkĂ€mpfe, welche meine Mutter und ich noch vor uns haben sollten. Als ich mich jedoch auch in der zweiundvierzigsten Woche unserer Schwangerschaft weiterhin weigerte, geboren zu werden, riss meiner Mutter schließlich der Geduldsfaden, und sie befahl meinem Vater, sie nach Linz in das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern zu fahren. Warum sie gerade diesen Ort wĂ€hlte, um ihrem Martyrium ein Ende zu bereiten, verstand ich erst viel spĂ€ter, da mein innerkörperliches Universum zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen frei von jeglichen religiösen Dummheiten der Geborenen war. Meine Mutter jedoch vertraute auf die Kraft des ans Kreuz genagelten Sohn Gottes, ihre stillen Gebete und der gemurmelten RosenkrĂ€nze der christlichen Klosterschwestern, welche, von Gottes Auftrag besessen, so viele Seelen wie möglich den werdenden MĂŒttern aus ihren Leibern zu ziehen und mit heiligem Wasser zu ĂŒberschĂŒtten, um die Neuankömmlinge vor der Verdammnis des ewigen Fegefeuers zu bewahren. Meine Weigerung, der Welt der Geborenen beizutreten, grĂŒndete sich in der immer stĂ€rker werdenden Angst, meine beschĂŒtzte Wohnhöhle verlassen zu mĂŒssen und als Kleinkind hilflos meiner Mutter ausgeliefert zu sein. Obwohl meine Mutter sich sehnlichst wĂŒnschte, ein Kind zu besitzen, war fĂŒr sie der Grund ihres Kinderwunsches kein anderer, als ihr selbstauferlegter Zwang, einen Ehemann, ein Haus, Geld und vor allem einen guten Ruf, aufweisen zu können. Attribute, die sie erfĂŒllen zu mĂŒssen glaubte, um sich in den Augen der elitĂ€ren Oberschicht der Kleinstadt fĂŒr ein perfektes Familienleben zu qualifizieren, welches ihr soziale Achtung einbringen wĂŒrde. Ihrem Streben nach Anerkennung und absolutistischer Macht durfte sich weder ihr ohnehin willensschwacher Ehemann, noch ihr bald Erst-und-noch-ungeborener Sohn, den sie entschlossen war, auch gegen seinen Willen auf die Welt zu bringen, entgegensetzen. Um ihren totalitĂ€ren Herrschaftsanspruch unanfechtbar zu machen, umgab sie sich nur mit Menschen, deren Willen sie brechen und die sie dadurch widerstandslos beherrschen konnte. Ich meinerseits hatte keine Lust, Teil ihrer Diktatur zu werden, und stemmte meine nun schon sehr krĂ€ftigen Beine als Zeichen meines Widerstandes gegen ihr Becken und verteidigte auf diese Weise und mit aller Kraft mein Recht, nicht geboren werden zu wollen. Meiner Mutter blieb keine andere Wahl, als den jungen Arzt, der sie untersuchte, – nein! – nicht zu bitten, sondern ihm zu befehlen, meine Geburt unverzĂŒglich kĂŒnstlich einzuleiten – ein Auftrag, den er umgehend ausfĂŒhrte. Kurz darauf verabreichte er meiner Mutter einen Drogencocktail: Mein erster bitterer Vorgeschmack auf die Welt außerhalb der meinen, welcher meine entschlossene Resolution bleiben zu wollen, wo ich war, nur noch bestĂ€rkte. Hatte ich stets die BestĂ€ndigkeit und den Schutz, welche die WĂ€nde meiner Wohnhöhle fĂŒr mich darstellten, als Tatsache angesehen, so Ă€nderte sich diese Ansicht in dem Moment, als diese plötzlich anfingen, sich unter immer heftiger und hĂ€ufiger werdenden Bewegungen zusammenzuziehen. Erstmalig in meinem ungeborenen Dasein durchlebte ich einen Zustand von Panik und mir wurde plötzlich klar, dass meiner Mutter alle Mittel recht waren, um ihren Willen gegen den meinen durchzusetzen.

Wie wĂŒrdest Du dich fĂŒhlen, wenn die WĂ€nde deines Zimmers plötzlich anfingen, sich zu winden und zusammenzuziehen, immer nĂ€her und nĂ€her auf dich zukĂ€men, um dich – nackt und schutzlos – vor die TĂŒr in eine bedrohliche, kalte und viel zu grelle Welt zu setzen.

WĂ€hrend meine Mutter also brĂŒllend vor Schmerz und unter Anrufung der Heiligen Jungfrau Maria, die sie, obwohl vom Papst zur ewigen Jungfer erklĂ€rt, als Expertin fĂŒr Geburtssachen ansah, bei jeder Wehe AtemĂŒbungen machte, die ihr eine Krankenschwester beherzt vormachte, begann ich mich zu drehen und zu wenden, angetrieben von der Wut auf meine Mutter und der Verzweiflung meiner fĂŒr mich aussichtslosen Situation. Als dann auch noch meine Fruchtblase platzte und ich mit einem Male auf dem Trockenen lag, hatte ich endgĂŒltig genug von dieser Geburt! Besser folgte ich dem Beispiel meiner Embryonal-Ahnen und – wenn auch in letzter Minute – verließ, mich als Sternenkind mit der Unendlichkeit vereinend, meinen Körper, als ein Leben lang dem Willen dieser ĂŒbel meinenden Frau ausgesetzt zu sein. In dem Moment, als sich die Heiligenbeschwörungen meiner Mutter zu profanen gegen meine ungeborene Person gerichteten FlĂŒche und VerwĂŒnschungen wandelten, war dies fĂŒr mich das Zeichen, angesichts meiner immer bedrohlicher und aussichtsloser werdenden Lage, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden. Mit letzter Kraft drehte ich mich so oft ich nur konnte um meine eigene Achse, was meiner Mutter heftige Schmerzen bereitete und Blutungen verursachte.Mit einem Male herrschte außerhalb der kurz vor dem Kollaps stehenden GebĂ€rmutter Aufruhr und Panik: WĂ€hrend die Klosterschwester ein ĂŒberlautes Vaterunser anstimmte, um die Schmerzensschreie und gotteslĂ€sternden FlĂŒche meiner Mutter zu ĂŒbertönten, stĂŒrzte die Krankenschwester mit dem Auftrag aus dem Zimmer, den Oberarzt herbei zu holen, nach welchem der behandelnde Arzt geschickt hatte, als er durch sein Stethoskop meinen immer schwĂ€cher werdenden Herztönen lauschte. Als Krönung des Ganzen fĂŒhrte die Hebamme auch noch ihre Hand in den Geburtskanal meiner Mutter, umfasste meine FĂŒĂŸe und versuchte, mich in die Welt zu ziehen, was durch die um meinen Hals gewickelte Nabelschnur zu meiner – von mir beabsichtigten – Strangulation fĂŒhrte. Der herbeigeeilte Oberarzt, welcher den Ernst der Situation sofort erkannte, befahl der Hebamme, ihre Geburtshilfe sofort zu stoppen, und wies die Krankenschwester an, den Operationssaal fĂŒr eine Notoperation vorzubereiten.

Beinahe hatte ich es also geschafft! Meinen Willen gegen den meiner Mutter durchsetzend, flog ich also in einem himmlisch schönen Schwebezustand nĂ€her und nĂ€her dem Reich meiner ungeborenen Ahnen entgegen, als, mit einem Schnitt, einer Sichel gleich, der Oberarzt die Bauchhöhle meiner Mutter aufschlitzte, um mich in die Welt zu heben.Mein Körper hatte bereits eine blĂ€uliche Farbe angenommen, mein kleines Herz, im Blut meiner Mutter ertrunken, aufgehört zu schlagen, als das Schicksal auf eine vollkommen unerwartete Weise eingriff. Mit einem Blick sah der Oberarzt, dass ich bereits klinisch tot war. Er griff nach meinem leblosen Körper, um mich dem geöffneten Bauch meiner Mutter zu entreißen, als ich ihm, wegen seiner ĂŒbereilten Hast und der Tatsache, dass ich noch von Fruchtwasser und Blut umgeben war, aus den HĂ€nden rutschte und mit dem Kopf voran hart auf dem Fliesenboden des Operationssaals aufschlug. Dieser Akt göttlicher Intervention, fĂŒr mich eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit und extrem schmerzhafte Erfahrung, beendete abrupt und auf Ă€ußerst brutale Weise die Auffahrt zu meinen Ahnen und katapultierte meine Seele zurĂŒck in meinen Körper. BrĂŒllend vor Schmerz und Schock, wĂŒtend auf Gott, die Welt, in die ich gefallen war, und vor allem auf meine Mutter, hing ich an der bis zum Ă€ußersten gespannten und noch um meinen Hals gewickelten Nabelschnur – zwischen Himmel und Erde – aus dem Bauch meiner Mutter, die noch unter Vollnarkose von meiner Bruchlandung in mein Leben nicht das Geringste mitbekam. Mein Schrei der Verzweiflung, als mir gewahr wurde, dass ich trotz all meiner BemĂŒhungen doch noch lebend geboren worden war, erfĂŒllte den Oberarzt, die Krankenschwester und die Klosterschwester, welche ein schallend lautes Halleluja anstimmte, mit einem GefĂŒhl der Erleichterung und Freude. Ich wurde aufgehoben und vom Galgenstrick meiner Nabelschnur befreit. Meine Lungen wurden vom Blut meiner Mutter gesĂ€ubert und meine Kopfwunde steril verbunden. Langsam wechselte die blĂ€uliche FĂ€rbung meiner Haut in die typisch rote Farbe eines Neugeborenen, zu denen ich ja nun zĂ€hlte.

Als meine Mutter eine Stunde spĂ€ter aus ihrer Narkose erwachte und wieder ansprechbar war, wurde mein – fĂŒr mich – verlorener Kampf vom Oberarzt als medizinisches Wunder, von der Krankenschwester als heroische Tat, welche Zeugnis von der hohen Kunst der Ärzte ablegte, und von der geistlichen Schwester als Akt der barmherzigen Gnade Gottes geschildert. Da die Ärzte es nicht ausschließen konnten, dass ich durch die UmstĂ€nde meiner Geburt einen möglichen Gehirnschaden davongetragen haben könnte, wurde meiner Mutter als potentielle Ursache dafĂŒr der durch meine Selbststrangulation hervorgerufene Sauerstoffmangel sowie mein Ertrinken in ihrem Blut, welches zu einem minutenlangen Herzstillstand gefĂŒhrt hatte, genannt. Mein tiefer Fall, von dem lediglich der Verband auf meinem Kopf zeugte, wurde als kleiner Ausrutscher abgetan – in der wohl-ĂŒberlegten Absicht, einen Gerichtsprozess zu vermeiden. FĂŒr meine Mutter war mein Überleben der Grund fĂŒr eine ewige Schuld, die ich auf mich geladen hatte und an die sie mich noch Jahrzehnte lang erinnern wĂŒrde; eine Schuld, welche mich ins Leben brachte und ihres beinahe auslöschte. Obwohl ich mich zunĂ€chst vollkommen normal entwickelte, wuchs in den folgenden Jahren in meiner Mutter immer mehr die Überzeugung heran, dass die Ärzte mit ihrer BefĂŒrchtung, ich könne einen Hirnschaden erlitten haben, recht behalten hatten, da ich mich in ihren Augen nicht so verhielt, wie sich ein Kind seiner Mutter gegenĂŒber zu verhalten hatte: Viel zu lebhaft und aufmĂŒpfig wagte ich es, ihr zu widersprechen, und folgte nur meinem statt ihrem Willen.

Ich hingegen hatte mich sehr schnell mit der nun unabĂ€nderlichen Tatsache, dass ich schlussendlich doch noch geboren worden war, abgefunden und beschloss, aus meinem Erdendasein das Beste zu machen und mich vor allem und unter keinen UmstĂ€nden der Herrschaft meiner Mutter zu unterwerfen. Da diese Frau einen ebenso starken Willen besaß wie ich, begann zwischen uns ein Machtkampf, der unser ganzes Leben lang andauern sollte. Ich hatte meinen dreifachen Tod ĂŒberlebt. Weder der Strang der Nabelschnur, noch das Blut meiner Mutter in meinen Lungen und auch nicht der tiefe Fall auf die Erde vermochten mich von meiner Bestimmung abzubringen: Eine, wenn auch mir noch vollkommen unbekannte, so doch sicherlich fĂŒr die Zukunft der Menschheit bedeutende Mission zu erfĂŒllen. War der mythologische, dreifache Tod nicht das Zeichen dafĂŒr, ein AuserwĂ€hlter unter Menschen zu sein, und im Allgemeinen nur Königen, Helden, ja selbst Göttern vorbehalten? Was musste die Vorsehung fĂŒr denjenigen bestimmt haben, der, noch bevor er auf Erden wandeln konnte, siegreich – und das ganze dreimal – dem sicheren Tod entronnen war?

Noch bevor ich das Licht der Welt erblickte, beeinflusste mein dreifacher Tod demzufolge nicht nur die Art und Weise, wie ich geboren wurde, sondern mein gesamtes zukĂŒnftiges Leben – geprĂ€gt von einem Kampf der Titanen, wie Zeus ihn gegen Kronos gefĂŒhrt hatte. Ich wĂŒrde es niemals zulassen, dass meine Mutter meine Existenz auslöschen und meine Lebenskraft absorbieren und in sich verschlingen wĂŒrde. All ihre verzweifelten Versuche, meine Geburt rĂŒckgĂ€ngig zu machen, um ihre Vorstellung einer schrecklich perfekten Familie aufrecht zu erhalten, scheiterten an der Wirklichkeit meines Daseins. Wir bedingten einander wie Tag und Nacht, Hoffnung und Macht, Leben und Tod.

Author: freakingcat
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