Die Initiation des Jaguars

Die WohnungstĂŒr öffnete sich und eine kleine asiatische Frau in den Dreißigern mit einem großen LĂ€cheln erschien in dem Spalt, aus dem der seltsame Geruch von Weihrauch herausströmte.

„Du Meister suchen?“, fragte sie und schob, ohne auf eine Antwort zu warten, den Jungen hinein. Dann verschwand sie hinter einem Vorhang in einem Raum auf der rechten Seite.

Er starrte in die Dunkelheit, die mit den Nebelschwaden der vielen RĂ€ucherstĂ€bchen, die wie rote Zwergsterne in der Dunkelheit glĂŒhten, erfĂŒllt war. Der lange, schmale Flur erstreckte sich vor ihm in Richtung des TĂŒrspalts. Ein weißes, glitzerndes Licht leuchtete aus dem Spalt und beleuchtete teilweise den Durchgang. Der schmale Flur war ĂŒberfĂŒllt mit Stapeln voller Zeitschriften, BĂŒchern, LeinwĂ€nden – sowohl bemalte als auch jungfrĂ€uliche – und alten Filmplakaten auf beiden Seiten, die fast bis zur Decke reichten. Ein Tuch mit bunten Farben mit geheimnisvollen, unergrĂŒndlichen Stickmustern hing wie ein himmlischer Baldachin von der Decke.

Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und machte ein paar vorsichtige, kleine Schritte in den Flur, wobei er auf einmal ĂŒber eine SchĂŒssel Katzenfutter auf dem Boden stolperte. Er versuchte, seinen Fall abzufangen, indem er sich an einem Zeitschriftenstapel festhielt, der aber gefĂ€hrlich zu schwanken begann und zahlreiche Exemplare der Zeitschrift Tattoo Artist ausspuckte. Sie fielen wie ein Wasserfall auf seinen Kopf, wie ein Schwarm bösartiger FledermĂ€use, die mitten in der dunklen Nacht Beute angreifen. Er bedeckte den Kopf mit den Armen, hockte sich auf den Boden und wartete, bis der Angriff vorĂŒber war. Als er seine Augen wieder öffnete, befand er sich in einem gigantischen Wirbel, der sich zu einem unendlich weit entfernten Punkt von hellem weißen Licht erstreckte. Plötzlich erschien eine Katze von hinten, die hastig zwischen den Beinen den mystischen Tunnels entlang rannte und in dem strahlenden Schimmer einer anderen Welt verschwand. Vorsichtig, um keine weitere Destabilisierung im Wirbel zu verursachen, arbeitete er sich bis zur TĂŒr am Ende des Flurs durch und drĂŒckte sie auf.

Das helle Licht aus der KĂŒche blendete ihn. Als seine Augen sich endlich akklimatisiert hatten, entdeckte er, auf einem Stuhl sitzend, den nackten RĂŒcken eines ĂŒber und ĂŒber tĂ€towierten, krĂ€ftigen Mannes mit einem Jaguarkopf. Der Mann wandte sich ihm zu, wĂ€hrend er eine zweispulige Tattoopistole in seiner rechten Hand, die in einem Handschuh steckte, hielt und mit seiner Linken auf einen freien Stuhl am Ende des Tisches zeigte.

„Setz dich, Kind“, sagte er mit einer tiefen, knurrenden Stimme.

Fast in einem Schockzustand setzte sich der Junge nieder. Gleichzeitig entdeckte er den fetten nackten Oberkörper  eines grob aussehenden Mannes mit einem teigigen, unrasierten und aschgrauen Gesicht, der zusammengesackt auf einem KĂŒchenstuhl saß und dessen massives Hinterteil aussah, als ob es gerade dabei wĂ€re, den Stuhl langsam zu verschlingen. Der Meister trug gerade die letzten Schattierungen auf einen der beiden großen Totenköpfe auf, die auf die wabbelige, weiße, haarlose Brust des Mannes tĂ€towiert wurden, der seine letzten zwölf Jahre fĂŒr den bewaffneten RaubĂŒberfall einer Post in der staatlichen Justizanstalt in Mahanoy verbracht hatte, demselben GefĂ€ngnis, in dem Mumia Abu Jamal fĂŒr den Rest seines Lebens eingesperrt sein wird, nachdem die StaatsanwĂ€lte im Jahr 2011 vereinbart hatten, nicht mehr die Todesstrafe fĂŒr ihn zu fordern. Der rechte Totenkopf, der in groben, dicken Linien eingefĂ€rbt war, befand sich einem sehr aufwendigen, fast holographisch aussehenden Totenkopf gegenĂŒber, der einem der berĂŒhmten vorkolumbianischen KristallschĂ€del Ă€hnelte und von dem ein gruseliges rötliches GlĂŒhen von frisch gereizter Haut, einem Heiligenschein Ă€hnlich, ausging. Der Junge beobachtete schweigend und starrte auf den Jaguar, der trotz seines aufgepumpten Muskelkörpers und der groben pfotenĂ€hnlichen HĂ€nden die TĂ€towierpistole wie ein Chirurg seine Skalpelle und Instrumente bewegte.

„Leben! Jetzt haben wir Leben!“, rief der Jaguar, wobei er seine Arme in die Luft warf, von seinem Stuhl aufsprang und mit dem fetten Glatzkopf auf dem Stuhl herumtanzte, der ein zufriedenes Grinsen auflegte. „Magie wird dir verliehen!“, schrie er. „Steh jetzt auf! Stehe auf und umarme die Unsterblichkeit. Wiedergeborener Sohn, du sollst jetzt wieder zum Leben zurĂŒckkehren!“

Unter erheblicher Anstrengung stand der Mann von seinem Stuhl auf, unterstĂŒtzt vom Meister, und stand wie ein Berg in der Mitte der KĂŒche. Er nickte dem Jaguar dankend zu, bevor er langsam seinen massiven Körper zur TĂŒr bewegte und in dem Strudel verschwand. Ruhe trat in der KĂŒche ein. Der einzige Ton, den der Junge ausmachen konnte, war das laute Schlagen seines Herzens, das in seinen Ohren hĂ€mmerte. Eine Ewigkeit lang beobachtete er den Jaguar mit seinem mĂ€chtigen Kopf, der sich langsam und sanft von links nach rechts und zurĂŒck mit geschlossenen Augen bewegte, als ob er in eine absurde Vision der Unendlichkeit starrte. Schließlich öffneten sich die Augen des Meisters und er wandte sich dem Jungen zu.

„Wozu bist du gekommen, was suchst du?“, brĂŒllte seine Stimme mit einem dunklen Knurren.

Der Junge zögerte, sprachlos. Schließlich murmelte er: „Ich bin hierher gekommen, um ein Tattoo zu bekommen.“

Der Meister antwortete nicht. Er zog die Tattoopistole auseinander, sĂ€uberte sie, warf die gebrauchten Nadeln weg und zog schließlich die weißen, mit dunklen Tintenspritzern gefĂ€rbten Plastik-Chirurgenhandschuhe aus, die er getragen hatte, und warf sie in ein BehĂ€ltnis auf dem Boden.

„Wer hat dich geschickt?“, fragte er den Jungen, ohne ihn anzusehen.

„Niemand“, sagte der Junge und fĂŒgte hinzu: „Ich habe in der Schule gehört, dass Sie Tattoos machen, und herumgefragt, um Ihre Adresse zu bekommen.“

„… Tattoos machen?“, wiederholte der Meister auf eine leicht spöttische Art und Weise.

Nach einer langen Stille drehte der Meister die helle Tischlampe, die normalerweise auf die Haut seiner Kunden leuchtete, direkt in Richtung des Jungen, so dass sein Gesicht wie bei einer polizeilichen Befragung erleuchtet wurde.

„Wie alt bist du?“, fragte er den Jungen.

„19.“

„Raus hier!!!“, brĂŒllte der Jaguar. „Sofort raus hier!“

„Es tut mir leid, es tut mir leid“, antwortete der Junge und hob seine HĂ€nde in einer schĂŒtzenden Geste vor sein Gesicht. Dann gab er mit einer fast unhörbaren Stimme zu: „Ich bin 14.“

Der Jaguar schaute den Jungen eine Weile lang an und dachte ĂŒber seine Antwort nach. Er war damit zufrieden, denn es war die Wahrheit.

„Nun, da wir festgestellt haben, dass das LĂŒgen sicherlich keine Methode ist, um ein Tattoo zu bekommen, wie wĂ€re es mit einem Tee? Ich könnte jetzt wirklich einen gebrauchen.“

„Ping!“, rief er mit einer Stimme, die nicht sĂŒĂŸer sein hĂ€tte können. „Liebling? Wo bist du?“

Ein paar Sekunden spĂ€ter kam die thailĂ€ndische Frau, die die TĂŒr fĂŒr den Jungen geöffnet hatte, mit einem großen LĂ€cheln auf ihrem Gesicht in die KĂŒche, offenbar erleichtert, dass der Meister mit der Arbeit fertig war. Sie ging direkt zum Ofen, schaltete ihn ein und begann, Wasser zu erhitzen.

„Magst du Tee, guten Mate, gut, gut“, fragte sie den Jungen, der als Antwort nickte.

Ping nahm aus ein paar Stofftaschen, die an einer Schnur in der KĂŒche herunterhingen, einige getrocknete BlĂ€ttern, legte sie in eine Holzschale und zermalmte sie mit einem abgerundeten Holzstab zu einer groben Mischung. Sie gab den Inhalt in eine seltsam aussehende Schale, die mit einer Art Stammesmuster verziert war. Dann bedeckte sie die Öffnung mit ihrer HandflĂ€che, drehte sie auf den Kopf und schĂŒttelte sie zuerst krĂ€ftig und dann immer sanfter. Sie drehte die gefĂŒllte Schale, in der sich der Yerba Mate abgesetzt hatte, geschickt wieder zur Seite und bewegte sie weiter mit einer sanften SeitwĂ€rtsbewegung. Dann fĂŒgte sie ein bisschen kaltes Wasser hinzu, um die Tee- und KrĂ€utermischung einzuweichen, bevor sie vorsichtig einen langen, leicht gebogenen silbernen Strohhalm mit vergoldeten Ornamenten in die Schale legte. Sie nahm die Teekanne vom Herd und trug sie an den Tisch, wo sie bis zum Rand heißes Wasser in die Schale schĂŒttete. Dann wartete sie etwas, bis sich die aufgewirbelte Mischung beruhigt hatte, und trank sie dann in kleinen Schlucken durch den Strohhalm.

„Ich mag!“, rief sie, fĂŒllte die SchĂŒssel nochmals mit heißem Wasser auf und gab sie an den Jungen auf ihrer rechten Seite weiter, der, da er unsicher war, ob er das, was fĂŒr ihn wie HexengebrĂ€u aussah, annehmen oder ablehnen sollte, zögerte.

„Es ist Mate-Tee mit ihrer speziellen Mischung aus allen Arten von KrĂ€utern. Er kommt aus SĂŒdamerika“, erklĂ€rte der Meister. „Probier ihn, er schmeckt dir bestimmt.“

Ermutigt durch die ErklĂ€rung griff der Junge nach der Schale, empfing sie mit seinen beiden ausgestreckten HĂ€nden und fĂŒhrte sie zu seinem Gesicht, wo sein Mund einen ersten Geschmack von diesem einheimischen GebrĂ€u, dessen UrsprĂŒnge Jahrhunderte zurĂŒckliegen, erhielt.

„Wow, das ist gut!“, rief er und gab die leere Schale an die „Cebador“ zurĂŒck, die heißes Wasser nachfĂŒllte und sie dem Meister anbot, der sie  mit einem großen Schluck leerte.

„Ich bin Alex“, sagte der Jaguar.

„Ich bin Ping“, fĂŒgte die thailĂ€ndische Frau mit einem großen LĂ€cheln hinzu. Sie  packte seine massiven, tĂ€towierten Arme und streichelte sie, als ob sie Welpen wĂ€ren. Dann fĂŒgte hinzu: „Er mein starker Ehemann“, und beide lĂ€chelten und lachten.

Der Junge begann sich wohlzufĂŒhlen und sich in der seltsamen AtmosphĂ€re dieser KĂŒche, die mit komischen und geheimnisvollen Objekten vollgestopft war, zu entspannen. Alte Holzregale krĂŒmmten sich unter dem Gewicht zahlreicher GlĂ€ser und Töpfe mit nicht identifizierbaren Inhalten. Knoblauch- und Zwiebelzöpfe hingen von der Decke, und Taschen vollgestopft mit exotischen KrĂ€utern verströmten einen angenehmen Duft und ĂŒberfluteten die ganze KĂŒche mit einer Aura von Mystik und weit entfernten Kulturen.

Inmitten all der Fremdartigkeit entdeckte der Junge eine Pinnwand aus Kork, die mit Bildern ĂŒberladen war. Einige Bilder zeigten Alex und Ping, die an exotischen StrĂ€nden HĂ€ndchen halten oder auf einem Motorrad sitzen, immer lĂ€chelnd und glĂŒcklich, und eindeutig die gemeinsame Zeit genossen. Bilder, die nackte Frauen in allen Positionen zeigten, hingen an jeder Wand; einige von ihnen waren sehr höhnisch und voller sexueller Anspielungen, mit dynamischen Pinselstrichen und bunten Farben.

„Ich bin Maler“, sagte Alex, „aber vor einigen Jahren begann ich mit dem TĂ€towieren, da ich den menschlichen Körper so gerne als lebendige Leinwand benutze.“

„Das ist genial!“, rief der Junge und sein Gesicht leuchtete auf. „Darum bin ich gekommen, um Sie zu sehen. Ich möchte, dass Sie mir ein Tattoo machen, etwas, das Sie entworfen haben, in vielen Farben, ich … “

„Nicht so schnell“, unterbrach ihn der Meister und lachte so laut und krĂ€ftig, dass sich die ganze KĂŒche anfĂŒhlte, als ob sie von einem Erdbeben durchgeschĂŒttelt worden wĂ€re.

„Laut Gesetz musst du 18 Jahre alt sein, um ein Tattoo zu bekommen, ansonsten könnte es als Angriff auf einen MinderjĂ€hrigen betrachtet werden. Und die Polizei wieder im Haus zu haben ist definitiv nicht etwas, worauf ich scharf bin.“

„Aber … ich will so gerne eins“, bettelte der Junge. „Ich wollte schon so lange eins. Es bedeutet mir so viel. Ich kann den Schmerz ertragen, ich habe keine Angst davor.“

„Ich sehe, dass du ehrlich bist“, gab der Jaguar zurĂŒck, „aber der einzige legale Weg ist, wenn deine Eltern das Zustimmungsformular unterschreiben, das von jedem Kunden, an dem ich arbeite, gesetzlich vorgeschrieben ist.“

Sogleich wollte der Junge ihm sagen, dass er am nĂ€chsten Tag das unterschriebene Zustimmungsformular bringen könnte, aber dann erinnerte er sich an die Reaktion des Jaguars, als er ihn beim LĂŒgen ertappte, und seine augenblickliche Begeisterung erstarb und machte der Resignation Platz.

„Sie wĂŒrden so etwas nie unterschreiben“, antwortete er mit einem traurigen Blick und starrte vor sich auf den KĂŒchenboden.

„Ich kann dir jetzt kein Tattoo machen, erst wenn du 18 Jahre alt bist. Aber du bist immer willkommen, wenn du nach der Schule mal vorbeikommen und zuschauen möchtest, wenn ich an meinen Besuchern arbeite.“

Er hatte zwar nicht bekommen, war er wollte, aber er wusste, dass es unmöglich war, Alex umzustimmen, und war daher gerne mit dem Vorschlag einverstanden. Er versprach, nÀchste Woche wiederzukommen.

Unbeirrbar – wie ein junger Baum, dessen Wurzeln sich schließlich in frischen, nĂ€hrstoffreichen Boden gegraben haben und der jetzt kurz vor einem VitalitĂ€tsausbruch stand, bei dem die ersten jungfrĂ€ulichen BlĂŒten aufzubrechen begannen,  die den FrĂŒhling seiner Jugend begrĂŒĂŸten – besuchte der Junge den Meister und seine Frau fast jeden Tag nach und oft auch anstatt der Schule.

Ping fĂŒhrte ihn in ihre Welt der kulinarischen Zauberei ein, enthĂŒllte ihm die Geheimnisse sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlter Zutaten, lehrte ihn ĂŒber ihre richtige Textur, Komposition und die richtige Menge und schuf vor seinen Augen Gerichte von extravaganter Konstanz, jedes ein eigenes Meisterwerk. Gerichte tauchten wie von Zauberhand vor seinen Augen auf mit orientalischen, fernöstlichen GerĂŒchen, oder verhöhnten seine Geschmacksknospen mit einer exotischen WĂŒrze, die TrĂ€nen in die Augen und Schweißperlen auf seine Nase trieb. Einige ihrer Kreationen verwirrten seine Sinne, die damit zu kĂ€mpfen hatten zu entscheiden, ob ein Gericht nun sĂŒĂŸ, sauer oder scharf war.

Ein großer hölzerner Löffel, der durch das Hineintauchen in unzĂ€hlige Saucen aus Curry, KokosnĂŒssen und Chilis, in Nam Phriks, Pestos oder Guacamolen, in wĂŒrzige Fische, HĂŒhnern oder heiße Bohnensuppe, die von einem herzhaften Gulasch gerötet und von Gelatine glasiert wurden, schon ganz alt aussah, war ihr magischer Zauberstab, den sie jetzt auf den Jungen richtete, damit er ihre köstlichen GebrĂ€ue und ZaubertrĂ€nke in jedem Zubereitungszustand probieren sollte. Eine Aromaexplosion versetzte die Geschmacksknospen des Jungen in einen euphorischen, ekstatischen Zustand, von dem er niemals getrĂ€umt hĂ€tte, das einfach nur mit Essen zu erleben zu können. Ob es durch Backen, Kochen, Schmoren oder Blanchieren, Pochieren, Köcheln oder DĂ€mpfen, DĂŒnsten, Grillen, Braten, Frittieren, scharfes Anbraten oder sogar Fermentation der Zutaten in großen alten KeramikgefĂ€ĂŸen war, ihr Essen glich stets einer Hymne oder einem von den Engeln, die als kleine, zerbrechliche Porzellanfiguren auf ihrem KĂŒchenregal saßen, gesungener Segen. Pings Fröhlichkeit war in jedem Bissen zu schmecken. Sie flĂ¶ĂŸte der Nahrung, die sie so gerne zubereitete, ihre Lebenskraft tief ein; ihre Liebe zeigte sich an den unbeschreiblichen Aromen, die von ihren Gerichten ausgingen, die KĂŒche durchdrangen und ihre Magie auf alle Anwesenden – sei es Alex, der Junge oder ein Kunde, der gekommen war, um ein Tattoo zu bekommen, aber am Ende zu einer faszinierenden Mahlzeit eingeladen wurde – ausgossen.

Der Junge machte es sich zur Gewohnheit, zur TĂŒr zu stĂŒrzen, sobald er die TĂŒrglocke hörte, und öffnete sie der interessantesten Mischung an Charakteren, die er je gesehen hatte. Es waren Personen, die gewöhnlich im Einheitsbrei von doofen Gesichtern verschwinden, die NormalitĂ€t verkĂŒndeten, wĂ€hrend sie vorgeben, die ganze Nation zu verkörpern, aber nichts weiter als die vulgĂ€ren Todesmasken einer verfaulten Gesellschaft in ihrer letzten Phase der Zersetzung sind.

„Es geht um eine Gesellschaft im freien Fall. Auf dem Weg nach unten sagt sie sich immer wieder: ,So weit so gut, so weit so gut.’ Aber wichtig ist nicht, wie man fĂ€llt. Wichtig ist die Landung. “ Diese wenigen Worte, die er in einem französischen Film aufgeschnappt hatte, den er eines Abends mit Alex und Ping angeschaut hatte, wurden zu seinem Mantra, das stĂ€ndig in seinem Kopf herumgeisterte. „So weit so gut, so weit so gut“, beruhigte er sich und versuchte, ruhig zu bleiben. Oft öffnete er MĂ€nnern, selten Frauen, die TĂŒr, die, freiwillig oder nicht, ĂŒber den Rand der Gesellschaft gefallen waren, die kein Interesse mehr daran hatten, Teil des Hamsterrades zu sein, nach Geldscheinen zu jagen und große Zahlen mit vielen Nullen auf dem Bankkonto anzusammeln oder zu versuchen, prĂ€chtige HĂ€user mit mehr Schlafzimmern als Bewohnern zu kaufen. Es waren diejenigen, die das Gesetz wie Vampire mieden, die tagsĂŒber scheu sind, diejenigen, die von ihrer tĂ€glichen Drogenstimulation abhingen, um mit allem fertig zu werden, und diejenigen, die gerade nach Monaten, manchmal Jahren in GefĂ€ngnissen freigelassen wurden, wo sie die erstaunlichsten Körperfarben erhielten, oft selbstgemacht oder von anderen Insassen gemacht. Prostituierte, Schriftsteller, KĂŒnstler, Liebespaare, die Herzmotive mit dem eingearbeiteten Namen ihres oder ihrer Lieben wollten, und gelegentlich sogar ein Seemann aus einem weit entfernten Hafen wurden vor der winzigen Wohnung angeschwemmt und holten sich ein weiteres Tattoo fĂŒr ihren eingefĂ€rbten Körperanzug.

Bald wurde es fĂŒr den Jungen zu einer Routine, auch die seltsamsten Besucher in der Höhle des Meisters zu begrĂŒĂŸen und sie in die KĂŒche zu fĂŒhren, wo man schweigen musste, um den Drachen nicht zu stören, dessen ruhiges Atmen von einem unheimlichen, höchst sĂŒchtig machenden, durchdringenden Klang der schnellen, prĂ€zisen Bewegung der Nadeln begleitet wurde, die Schönheit und Schmerzen zugleich darstellten. Ein kleiner Tisch war fĂŒr bescheidene Bewunderer, neue AnhĂ€nger oder bereits HardcoresĂŒchtige der Körperkunst daneben gestellt worden, damit sie einfache Anweisungen in gedĂ€mpfter Stimme von dem Jungen erhalten können, der das viel besser machte als Ping, deren Sprachgebrauch allerhöchstens eine bizarre, unerklĂ€rliche Form von Thai war, vermischt mit einigen englisch klingenden Wörtern, die fast den Anschein hatten, als ob sie zufĂ€llig aus einer EnzyklopĂ€die herausgerissen worden wĂ€ren.

Nachdem das Wesentliche mit den Kunden geklĂ€rt war und sie ĂŒber die allgemeinen Regeln, StundensĂ€tze und die Wartezeit, die nie weniger als ein paar Monate betrug, informiert worden waren, gab er ihnen eine große Mappe mit Hunderten von Fotos von Tattoo-Kunstwerken des Meisters, den Ping zusammengestellt hatte. Dieser war nach Motiven sortiert und mit winzigen bunten Stickern verziert, was Alex nur mit dem Hochziehen seiner Augenbrauen, einem gepressten LĂ€cheln und dem Hin- und Herwackeln seines Kopfes kommentierte. Der Junge schrieb alle Details zu den KundenwĂŒnschen in ein kleines Notizbuch, markierte die gewĂŒnschte Stelle und die GrĂ¶ĂŸe des Designs auf einer fotokopierten Silhouette einer menschlichen Figur und rief dann Ping, um einen Termin fĂŒr eine kostenpflichtige Beratung mit dem Master auszumachen, in der Regel eine Stunde bevor Alex mit seiner tĂ€glichen TĂ€towierungsarbeit begann. Jedes Design, das der Meister machte, war einzigartig. WĂ€hrend er mit den Kandidaten sprach, etwas ĂŒber ihre Lebensgeschichte erfuhr und sie nach ihren GrĂŒnden fragte, eine TĂ€towierung zu bekommen, nahm er sein Skizzenbuch heraus und begann, ein paar Bleistiftstriche auf das weiße Papier zu bringen, wobei er nur kurz aufschaute, um einen Blick in die Augen der Kunden zu werfen und tief in ihre Seelen einzudringen. WĂ€hrend dieser ganzen Zeit saß der Junge bewegungslos da, mit seinen Augen starr den schnellen Bewegungen des Bleistifts folgend, deren Linien sich zu Drachen, Totenköpfen, Rosen oder manchmal surrealen Kompositionen zu formen begannen, die direkt aus den Tiefen des vereinigten Bewusstseins von Meister und Lehrling kamen.

Bei den höchst intrinsischen und feinen Muster, die auf Papier fix festgehalten und dennoch mit einer dynamischen Energie durchtrĂ€nkt waren, hatte man das GefĂŒhl, als ob sie sich jeden Moment von der Seite lösen und herausspringen und zu ihren eigenen Rhythmen tanzen wollten, die im Notizbuch des Meisters entstanden waren. Immer mehr Teile wurden hinzugefĂŒgt, leere Stellen wurden schattiert, Umrisse wurden immer wieder in unzĂ€hligen KreativitĂ€tsebenen gezogen … keine Linie wurde jemals gelöscht und plötzlich kam alles zusammen. Ein Entwurf war entstanden, auf Papier ersonnen, wenn sich GenialitĂ€t mit unbĂ€ndiger KreativitĂ€t gepaart hatte. Es kam nicht ein einziges Mal vor, dass ein Kunde das Design, das Alex hingekritzelt hatte, nicht gemocht oder um eine Änderung gebeten hĂ€tte; der Meister wurde lediglich angefleht, noch mehr Details hinzuzufĂŒgen oder es zu vergrĂ¶ĂŸern, so dass es einen breiteren Teil der Haut bedeckte. Danach wurde Ping gerufen, die das Datum fĂŒr die TĂ€towierung ausmachte. Das einzige Mal, als der Junge Alex und Ping streiten sah, war, als sie mehr Zeit mit ihrem Mann verbringen wollte. Der Meister war besessen und hĂ€tte auch das Wochenende mit TĂ€towieren verbracht, wenn Ping es nicht verhindert hĂ€tte, indem sie diese Tage mit einem großen roten X auf ihrem Kalender durchstrich.

Die Monate vergingen, und der Junge gewann Ping und Alex sehr lieb. Er wurde Teil ihrer kleinen Familie und ĂŒbernahm Aufgaben im Haushalt. Er begleitete Ping oft zum Obst- und GemĂŒsemarkt mit seinen kleinen, exotischen asiatischen GeschĂ€ften, die in den Nebenstraßen versteckt waren, wo sie auf der Suche nach den ungewöhnlichsten Zutaten waren, von Yum-Wurzeln bis hin zu Ginseng, ihre Nase in scharfe KrĂ€uter steckten und ihre besonderen Aromen genossen, manchmal einen getrockneten Pilz probierten oder die Challenge einer Ladenbesitzerin annahmen, dass ihre Chilis die stĂ€rksten auf dem ganzen Markt seien, indem sie in eine hineinbissen und ihre starke WĂŒrzigkeit alle Sinne ĂŒberwĂ€ltigen ließen.

Die Mutter des Jungen nahm sich niemals die Zeit zum Kochen. FĂŒr sie war das nur eine lĂ€stige Pflicht, die sie so schnell und mit so wenig Aufwand wie möglich hinter sich bringen wollte. Die meisten Mahlzeiten, die sie zubereitete, kamen entweder aus der Mikrowelle oder waren irgendwelche herkömmlichen Fertiggerichte wie Nudeln, Schweine- oder manchmal auch Rindsschnitzel, die sie in kochendem Wasser kochte, bis sie die Konsistenz eines alten Schuhs hatten. Abgesehen von einem Salzstreuer und einer alten PfeffermĂŒhle, die auf dem KĂŒchentisch Staub sammelten, gab es keine GewĂŒrze im ganzen Haus – ein starker Kontrast zu Pings KĂŒche, die voller exotischer GewĂŒrzen und KrĂ€uter war, die die KĂŒche in eine Wolke sich ergĂ€nzender DĂŒfte hĂŒllte.

Wochen vergingen, bis der Meister den Jungen bat, ihm einige Desinfektionsmittelpads zu reichen oder ihm zu helfen, zur Vorbereitung auf die TĂ€towierung die Brust oder den Arm eines Kunden zu rasieren. Eines Tages wĂ€hrend eines Lebensmitteleinkaufs sagte Ping zu ihm, dass Alex sie gebeten hatte, ein großes StĂŒck Schweinebauch zu kaufen, was recht ungewöhnlich war, da er niemals WĂŒnsche zum Essen Ă€ußerte und ihm jedes Essen, das sie kochte, vorzĂŒglich schmeckte. Doch heute wollte er, dass sie ein großes StĂŒck Schweinebauch kaufte, nicht zerhackt, sondern an einem StĂŒck. Sie kauften das Fleisch beim Fleischhauer und Ping reichte es dem Jungen, wobei sie ihre Nase angewidert rĂŒmpfte. „Du trĂ€gst Schweinebauch, igitt“, sagte sie und reichte ihm die Tasche. Als sie wieder in der Wohnung waren und der Junge gerade im Begriff war, den Einkauf wegzurĂ€umen, sagte Alex, der gerade einen Kunden tĂ€towierte, zu dem Jungen, dass er das Schweinefleisch nicht in den KĂŒhlschrank legen, sondern es auf den Tisch liegen lassen solle. Ping kommentierte: „Jetzt er dong dong“, bevor sie in ihrem Zimmer verschwand.

Als der Kunde gegangen war, begann der Junge mit der Reinigung, eine tĂ€gliche Routine, die er gerne machte. Er zerlegte die Tattoopistole, desinfizierte alle ihre Teile, entsorgte die verwendeten Nadeln auf sichere Art und wollte gerade das elektrische Fußpedal wegrĂ€umen, als Alex einschritt und ihn bat, sich hinzusetzen. Mit einem platschenden, wabbeligen Ton landete das schwere StĂŒck Schweinebauch vor dem Jungen.

„Hol das alte TĂ€towiergerĂ€t heraus und lade es auf“, sagte er. Der Junge zögerte, weil er seinen Ohren nicht glaubte.

„Worauf wartest du?“, grunzte Alex. Der Junge sprang auf, lief hinĂŒber zum Schrank, wo er nach einigem Suchen Alex’ erstes TĂ€towiergerĂ€t fand, das er zum Tisch trug und zusammenbaute. Er schloss die beiden ElektrizitĂ€tsklammern an, kontrollierte noch einmal, ob sie eh richtig gepolt waren, und richtete das Fußpedal aus. Als er die Tattoomaschine zum ersten Mal in seinen HĂ€nden hielt, war er ĂŒberrascht, wie schwerfĂ€llig und unbeholfen sie sich anfĂŒhlte. Er musste sich ziemlich anstrengen, sie in seinen kleinen HĂ€nden richtig zu positionieren, damit er einen festen Griff hatte und trotzdem noch flexibel genug ist, um die Nadeln genau zu bewegen. Alex rieb Vaseline auf den Schweinebauch und drĂŒckte dann ein Papier, auf das er ein paar einfache Muster gezeichnet hatte, dagegen, rieb es vorsichtig daran, damit das Design auf die FleischoberflĂ€che ĂŒbertragen wurde.

„Bitteschön, Kind“, sagte er. „Beginne mit dem Zeichnen der Umrisse, die Schattierung zeige ich dir spĂ€ter.“

Von da an nahm der Junge jeden Tag Unterricht in TĂ€towierung und besuchte den Fleischhauer so oft, dass dieser sich ĂŒber den seltsamen Jungen zu wundern begann, der immer ein großes StĂŒck Schweinebauch kaufte, das nicht geschnitten, sondern an einem StĂŒck sein musste. Sogar Ping fing an sich zu beschweren, da ihr langsam die Schweinebauch-Rezepte ausgingen, und zeigte oft auf Alex’ wachsenden Bauch mit der sarkastischen Bemerkung, dieser gleiche mehr und mehr einer „Muh“. Alex schenkte dem Jungen einen Notizblock, der zu seinem meistgeschĂ€tzten Besitz wurde. Er trug ihn stĂ€ndig mit sich herum und fĂŒllte ihn mit Ideen, Resten und Designs fĂŒr immer schwierigere Muster und Tattoodesigns. Der Meister war ein sehr kritischer und strenger Lehrer, der oft ĂŒber seine Arbeit schimpfte und selbst die kleinsten Fehler fand, aber seine barschen Bemerkungen immer durch viele Informationen ergĂ€nzte, so dass sich die FĂ€higkeiten des Jungen in nur wenigen Wochen deutlich verbesserten. Ungeduldig begann der Junge, Alex immer öfter mit der Frage zu nerven, wann er endlich ein einfaches Design auf seinen Arm tĂ€towieren dĂŒrfe, was Alex kategorisch verweigerte. „Es ist noch nicht so weit, Kind. Noch nicht“, erinnerte er ihn.

Es war wĂ€hrend einer langweiligen Mathestunde, die sich ewig hinzog, dass der Junge einen Zirkel zur Hand nahm und ihn durch eine runde Tintenpatrone mit blauer Tinte stach, die er aus seinem FĂŒller herausgenommen hatte. Seine HĂ€nde hielten den Zirkel wie eine leichte Tattoopistole. Wie in Trance drĂŒckte er seinen Unterarm gegen den Schreibtisch, so dass die Haut leicht gespannt war, und trieb die Nadel tief in seine Haut. Er tauchte die Nadel oft in die Tinte und nach kurzer Zeit wurde eine kleine, dĂŒnne Linie sichtbar. Da er wusste, dass er mit diesen primitiven Werkzeugen nur sehr einfache EntwĂŒrfe machen konnte, stach er mit der Nadel weiter in sein Fleisch, bis die Zahl „23“ auf seinem Unterarm deutlich sichtbar wurde. Als er sich gerade an den Feinschliff machen wollte – denn die obere Kurve auf der „2“ musste noch verbessert werden – wurde ihm der Zirkel plötzlich gewaltsam aus seiner Hand gerissen.

Auf einmal tĂŒrmte sich Frau Bartl, die Mathematiklehrerin, ĂŒber ihm auf wie ein tödlicher Cyborg. Den beschlagnahmten Beweis fĂŒr die angebliche kriminelle Handlung hielt sie mit einer Hand fest umklammert, wĂ€hrend ihr anderer Arm axiomatisch nach seinem Handgelenk griff und es fest auf den Schreibtisch presste, um zu verhindern, dass der Junge vom Tatort flieht.

„Was zum Geier denkst du, dass du da machst, Junge?“ Ihre schrille Roboterstimme klang wie das kreischende, qualvolle Gequietsche des Stahls von den Bremsen und RĂ€dern eines ĂŒberladenen BerggĂŒterzuges, der zu einer Notbremsung gezwungen wurde.

„Das wird schlimme Konsequenzen haben“, fĂŒgte sie hinzu. Sie zog ihn von seinem Stuhl auf und zerrte ihn an seinem Handgelenk wie eine Siegesbeute, wĂ€hrend sie mit hoher Geschwindigkeit aus dem Klassenzimmer und in Richtung des SchulleiterbĂŒros abdampfte.

Der dunkelbraune Eichenschreibtisch des Schulleiters fĂŒllte fast das ganze BĂŒro und keuchte unter seiner eigenen MĂ€chtigkeit und seinem Gewicht. Er hatte vier kleine HolzstĂŒmpfe auf der Unterseite, die das einzige Merkmal waren, das ihn von einer ganz normalen Holzkiste unterschied. Ein rundes, fettes Gesicht mit winzigen dunklen Punkten als Augen und einer Nase, die wie ein Hammer geformt war, hob sich kaum von der dunklen OberflĂ€che des Schreibtisches ab. Am Ende eines Arms war ein Kreuz, das er in einem seltsamen Winkel hielt, damit es aufrecht schien und es fast den Anschein hĂ€tte, als ob es auf dem Schreibtisch stehen wĂŒrde, wĂ€hrend der andere Arm, der auf den Jungen zeigte, ĂŒberraschend dĂŒnn und gelenkig war und stĂ€ndig unruhige Bewegungen machte.

FrĂ€ulein Bartl prĂ€sentierte den beschlagnahmten Zirkel und eine halbleere, mit Löchern ĂŒbersĂ€te Patrone, dem mĂ€chtigen Rektor, der die GegenstĂ€nde mit einem Grunzen zur Kenntnis nahm. Sie fing an, ihre Aussage zu machen, in der sie darauf hinwies, dass der Junge in der Vergangenheit immer ein Unruhestifter gewesen war, aber dass dieser Akt der SelbstverstĂŒmmelung wĂ€hrend ihrer Mathestunde solch ein unverschĂ€mtes Verhalten war, dass es streng bestraft werden mĂŒsste. Auf einmal riss sie den Arm des Jungen – den sie noch immer in einem engen, skelettartigen Handgelenk-Fingerschloss umschlossen hielt – nach vorne, wo die Ameisenaugen des Rektors ĂŒber die frisch eingefĂ€rbte „23“ nachzugrĂŒbeln und jeden Zentimeter in jeder Richtung sorgfĂ€ltig zu untersuchen begannen, was dem Jungen ein unangenehmes Kitzeln bescherte.

Als die Ameisen-Untersuchungsaktion keine Ergebnisse in Bezug auf die Bedeutung der Zahl „23“ lieferte, warf der Rektor FrĂ€ulein Bartl einen strengen Blick zu, der sie fĂŒr einen Augenblick unterwĂŒrfig vor ihm kriechen ließ, bevor sie wieder ihre verklemmte, beherrschte Körperhaltung annahm.

„SchĂŒler, warum hast du diese Nummer in deinen Arm gekratzt?“

Der Junge schwieg, denn er wusste nicht, was man auf  eine so dumme Frage antworten sollte.

„SchĂŒler, antworte!“, wiederholte sie mit einer Stimme, die scharf wie ein Messer war.

„Ich … ich … kann es Ihnen nicht sagen … es ist ein Code … Sie wĂŒrden es nicht verstehen“, antwortete der Junge.

„Ein Code … eine Nummer … vielleicht eine Telefonnummer“, vermutete die Mathematiklehrerin laut, bevor sie zu dem Schluss kam, dass die einzige vernĂŒnftige ErklĂ€rung fĂŒr „23“, wie fĂŒr jede Zahl, die auf ein Körperteil geschrieben werden soll, wenn auch in den meisten FĂ€llen nur vorĂŒbergehend, nur die sein kann, dass es die ersten Ziffern einer Telefonnummer sind, die fĂŒr die Person wichtig ist und aufgeschrieben werden muss, bevor man sie vergisst.

„Wessen Telefonnummer hast du auf deinen Körper gekratzt, SchĂŒler?“ Ihre Stimme war wie zwei aufgeladenen Schlangen mit hocherhobenen Köpfen, die sich um den Arm des Jungen schlangen und in sein Gesicht zischten.

„Aber … es ist … keine Telefonnummer“, sagte der Junge. „Es ist ein Code.“

„Ein Code? Was fĂŒr ein Code? “ Die Lehrerin setzte die Vernehmung unter den winzigen dunklen Augen des Rektors fort, die in ihre Löcher zurĂŒckgekehrt waren.

„Illuminatus!“, versuchte der Junge zu erklĂ€ren. „Es ist ein Buch, in dem es ĂŒber die geheime Bedeutung der Nummer 23 geht. Sie sollten es lesen!“, fĂŒgte er fast begeistert hinzu.

Die verwirrten Augen des Rektors lauerten aus der Dunkelheit der EichenoberflĂ€che des Schreibtisches, außerstande, die Tatsache zu begreifen, dass jemand Bezug auf ein  ihm unbekanntes Buch genommen hatte.

„Ist dieses Buch auf der offiziellen SchĂŒlerleseliste?“, wandte er sich mit seiner dunklen Stimme an Frau Bartl.

„NatĂŒrlich nicht!“, antwortete Frau Bartl. „Das Schulkomitee wĂŒrde niemals ein Buch billigen, das dazu fĂŒhrt, dass die SchĂŒler dazu veranlassen wĂŒrde, sich selbst zu verstĂŒmmeln.“

Sich dem Jungen zuwendend, fragte sie weiter: „Woher hast du dieses subversive Buch?“

„Man kann es aus dem Internet herunterziehen …“, versuchte der Junge zu erklĂ€ren, bevor er unterbrochen wurde.

„Also ist dieses ,Illuminatus’ eine illegale Raumkopie?“, schloss die Lehrerin.

„Nein … ich meine … ich bin sicher, dass man es auch online kaufen kann, aber mein Vater gibt mir keine Kreditkarte.“

„Ich denke nicht, dass wir noch irgendeine weitere ErklĂ€rung brauchen.“

Damit beendete Frau Bartl ihr PlĂ€doyer und wandte sich an den Rektor: „Ich fordere die strengste Form der Strafe fĂŒr diese kriminellen Handlungen.“

„Hast du etwas hinzuzufĂŒgen, SchĂŒler?“, wandte sich die schreckliche Stimme des Rektors an den Jungen.

Da er wusste, dass es keine Möglichkeit gab, zu erklĂ€ren, warum er „23“ als seine erstes Tattoo gewĂ€hlt hatte, und befĂŒrchtete, dass weitere Untersuchungsfragen ihn dazu zwingen könnten, Alex und Ping zu verraten, antwortete der Junge fast unhörbar:

„Nein.“

„In diesem Fall befehle ich dir als Rektor, deinen Körper niemals wieder zu verstĂŒmmeln noch andere dazu anzustiften, dasselbe zu tun. Deine Eltern werden sofort informiert und ich werde ihnen raten, medizinische Hilfe zu suchen, um die Markierungen auf deinem Arm zu entfernen. Zu dem Buch, das du illegal erworben hast, gebe ich dir eine strenge Anweisung, es sofort zu zerstören und es nicht wieder zu erwĂ€hnen, sonst muss ich es den Behörden melden. Du wirst mit sofortiger Wirkung fĂŒr eine Woche von der Schule suspendiert. Du darfst jetzt gehen.“

Mit einer triumphierenden Geste drehte Frau Bartl schnell ihren Kopf zu dem Jungen, hob ihre Augenbrauen und forderte ihn auf, das BĂŒro des Schulleiters mit ihr zu verlassen. Der Junge folgte ihr. Er fĂŒhlte sich wie ein geschlagener Hund und biss die ZĂ€hne zusammen, um zu verhindern, dass sein Zorn ihn ĂŒbermannen und er die Lehrerin rĂŒcklings erwĂŒrgen wĂŒrde. „Nun rufen wir deine Eltern an“, sagte sie auf fast melodische Art und Weise. „Ich bin sicher, dass sie nicht begeistert sein werden.“

Der Junge wurde fĂŒr eine Woche von der Schule suspendiert, wĂ€hrend seine Eltern beschlossen, ihn wĂ€hrend dieser Zeit in seinem Zimmer einzusperren. FĂŒr den Jungen war dies keine zusĂ€tzliche Strafe, denn er war erleichtert, dass er ihre WutanfĂ€lle nicht weiter mit ansehen musste. Das Einzige, was den Jungen traurig machte, war, dass er Alex und Ping eine Weile lang nicht besuchen konnte. Zum GlĂŒck hatten seine Eltern seinen Notizblock mit den EntwĂŒrfen, das er unter dem Bett versteckt hatte, nicht gefunden.

Gleich nachdem seine Strafe aufgehoben worden war, ging er zu Alex und Ping, denen er ĂŒber bei einem Glas Mate den ganzen Vorfall erzĂ€hlte. Alex hörte sich alles schweigend an, wĂ€hrend Ping etwas in Thai murmelte, das niemand außer ihr verstehen konnte, das sich aber anhörte, als ob sie alle schlechten Lehrer, Schulleiter und bösen Eltern auf diesem Planeten verfluchte.

Der Junge nahm seine Nachmittage am Tattoo-Tempel wieder auf und bald kehrte das GlĂŒck wieder zu dem Jungen zurĂŒck. Eines Tages kam der Junge zwei Stunden frĂŒher als ĂŒblich – er hatte nĂ€mlich die Unterrichtsstunden geschwĂ€nzt, die er so unertrĂ€glich langweilig fand – und traf Alex mit seinem Notizblock vor sich an, obwohl kein Kunde in Sicht war.

Er wollte Alex nicht stören, der sehr konzentriert und in seine Arbeit vertieft zu sein schien, und setzte sich daher einfach neben ihn. Dennoch war er neugierig. Als er auf den Notizblock spĂ€hte, sah er ein Bild von einem wunderschönen Drachen, der ein seltsames Symbol, das wie ein dreifaches Yin Yang aussah, was er noch nie zuvor gesehen hatte. Der Drache hatte einen freundlichen Blick und drĂŒckte Kraft und StĂ€rke aus. Es war ein junger Drache voller Energie, Neugier und Eifer, seine FlĂŒgel auszubreiten und die Welt zu erkunden. Der Stift hörte auf zu zeichnen, Alex blickte auf und ihre Augen trafen sich, was ihm wie eine Ewigkeit vorkam.

„Sag es niemandem, Kind …“, sagte der Meister.

„Oh wow, wow, es ist so schön“, japste der Junge. „Ich danke dir sehr.“

Genau in diesem Moment kam Ping in die KĂŒche. Der Junge sprang von seinem Stuhl auf und warf die Arme um sie herum und hielt sie an der Taille und wirbelte sie voller unbĂ€ndiger Freude in der KĂŒche herum.

„Es ist so weit …“ sagte der Jaguar. „Es ist Zeit fĂŒr deine Einweihung, du bist bereit.“

Ping, die immer noch von ihrem spontanen Tanz mit dem Jungen zitterte, kritzelte in ihrem Terminkalender herum und legte den nĂ€chsten Samstag, einen Tag, der normalerweise fĂŒr sie und Alex reserviert war, als Tag fĂŒr die Einweihung fest. Sie kreiste ihn mit ihrem geliebten Hello-Kitty-Stift ein.

Am Freitagabend war der Junge so aufgeregt, dass er nicht schlafen konnte. Endlich wĂŒrde er sein erstes echtes Tattoo bekommen, etwas, worauf er seit Monaten gewartet hatte. Alex hatte ihm eine Kopie des Entwurfs gegeben, den er nun in seiner Hand hielt und die Umrisse seines Drachen streichelte und sich dabei vorstellte, wie der Meister ihn tĂ€towieren wĂŒrde. Die Aufregung, die schnellen Nadeln zu spĂŒren, die sĂŒĂŸen Schmerzen, die seine Haut durchdringen, sie mit Farbe trĂ€nken, der Klang, den die Tattoopistole von sich gab … der Junge glitt in einen tiefen Schlaf.

Am Samstagmorgen sprang der Junge aus dem Bett, duschte sich schnell und rannte zur Wohnung von Alex und Ping. Er war fast zwei Stunden zu frĂŒh, als er an der TĂŒr klingelte. Sie wurde von einer sehr schlĂ€frigen Ping geöffnet, die er aufgeweckt hatte.

„Du zu frĂŒh. Ping geht wieder ins Bett“, murmelte sie vor sich hin.

Der Junge stĂŒrzte durch den Flur vorbei am Bad, wo er Alex duschen  hörte. In der KĂŒche richtete er das Wasser fĂŒr den Mate-Tee her, den ein ĂŒberraschter Alex dampfend auf dem Tisch vorfand. Er war gut gelaunt und lĂ€chelte den Jungen sanft an.

„Heute ist ein wichtiger Tag fĂŒr dich“, sagte der Jaguar. „Heute trittst du in eine neue Welt ein. Du bist schon seit vielen Monaten ein guter SchĂŒler und jetzt bist du bereit fĂŒr deine EinfĂŒhrung.“

Ping, die nicht wieder ins Bett gegangen war, kam in die KĂŒche, nahm die Mate-Schale im Austausch fĂŒr einen Morgenkuss aus Alex’ Hand und betrachtete den Drachendesignentwurf, den Alex erst am Vorabend fertiggemacht hatte. Er sah großartig aus.

„Mangon!“, rief sie plötzlich.

„Mangon“, wiederholte sie und sah den Jungen mit scharfen, aufmerksamen Augen an, die tief in die Tiefen seiner Seele durchdrangen.

Da ihr Ausbruch keine Reaktion hervorzurufen schien, zeigte sie mit ihren dĂŒnnen Fingern auf den Drachenentwurf auf dem KĂŒchentisch und sagte: „Jetzt bist du Mangonjunge … der Drachenjunge.“

Das Gesicht des Jungen, der jetzt Mangon war, leuchtete auf und er wiederholte den Namen ein paar Mal, wobei er dessen Klang genoss.

„Mang-o-n“, wiederholte er langsam den Klang seines neuen Namens.

„Ja, ich bin Mangon, ich bin der Drachenjunge“, rief er, sprang von seinem Stuhl auf, zog sein Hemd aus und wirbelte es ĂŒber den Kopf, wĂ€hrend er auf eigenartige Weise durch die KĂŒche tanzte. „Ich bin Mangon, Mangon, der mĂ€chtige Drache, Mangon!!“, schrie er laut, was Alex zum Lachen und Ping zu hysterischem Kichern veranlasste.

Es dauerte fĂŒnf Stunden, um den Drachen auf seinen RĂŒcken zu tĂ€towieren, was schmerzhafter war, als es sich Mangon vorgestellt hatte, aber er genoss jeden Moment seiner Einweihung. Als das Tattoo fertig und die Haut gereinigt und desinfiziert war, erhob sich der Junge schließlich vom Stuhl und zum ersten Mal in seinem Leben fĂŒhlte er, etwas großartiges und wichtiges getan zu haben.

„Sei unerschĂŒtterlich wie ein Drache“, sagte Alex.

„Das werde ich immer sein“, antwortete Mangon.

Author: freakingcat
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