Die Registrierung der Grieskirchner Nazis

Als die Amerikaner Anfang Mai 1945 den Gau Oberdonau aus dem WĂŒrgegriff einer siebenjĂ€hrigen Nationalsozialistischen Herrschaft befreien und Oberösterreich zur amerikanischen Besatzungszone erklĂ€ren, sehen sie sich bald mit der Frage konfrontiert: Wie geht man mit hunderttausenden— nun politisch desorientierten— frĂŒheren NSDAP-Mitgliedern um?

Sieger und Besiegte

WĂ€hrend in vorhergegangen Kriegen diese Trennung eine sehr klare war, finden die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine vollkommen neue Situation vor. Zwar ist Hitler endlich tot und sein verkohlter Körper unter den TrĂŒmmern seines tausendjĂ€hrigen Deutschen Reichs begraben, doch lebt in den Köpfen vieler Menschen die Ideologie des Nationalsozialistischen Terrorregimes weiter.

Zwölf Jahre lang hĂ€mmert Göbbels totalitĂ€re Propaganda-Maschinerie den Hass auf Juden und Andersdenkende und die Überlegenheit der eigenen, der deutschen Rasse in die Köpfe der Menschen, die sich kritiklos dem Willen ihres FĂŒhrers unterwerfen. Der Nationalsozialismus ĂŒberlebt den Untergang im Denken der Bevölkerung. Den alliierten Siegern bleiben nur zwei Möglichkeiten um sicherzustellen, dass sich nach ihrem Abzug kein 4. Deutsches Reich aus dem Schutt der Vergangenheit erheben wĂŒrde. Entweder all jene ehemaligen Nazis sofort töten oder ihr Denken von allen EinflĂŒssen des Nationalsozialismus zu „sĂ€ubern“.

Die Entnazifizierung – ein Unwort

Das (Un)wort der „Entnazifizierung“ wird geboren und soll fĂŒr das erste Mal in der Weltgeschichte, die Bevölkerung eines besiegten Landes, in friedensliebende, demokratieverherrlichende, kritisch denkende und hart arbeitende BĂŒrger verwandeln und so immerwĂ€hrenden Frieden garantieren. Diesen utopischen TrĂ€umereien verfallen vor allem die Amerikaner und beschließen, dass das perfekte Mittel um die Nazi-Doktrin ein fĂŒr alle mal aus den Köpfen der Bevölkerung zu vertreiben, ein Fragebogen sein muß.

Wieder auf dem österreichischen Boden der tristen NachkriegsrealitĂ€t ihrer amerikanischen Besatzungszone gelandet, wird den Amerikanern, die Unmöglichkeit eines Unterfangens wie der Entnazifizierung der ganzen Bevölkerung eines Landes klar. Schnell findet man eine Lösung: Sollen sich doch die besiegten Österreicher selbst „entnazifizieren”, beschloss man in Rettung seines eigenen Rufs. Im Februar 1946 wird der österreichischen Regierung die Entnazifizierungskompetenz fĂŒr das ganze Land ĂŒbertragen und ĂŒber sie gleichzeitig das Damoklesschwert der Wiedererlangung der Eigenstaatlichkeit und Freiheit gehĂ€ngt. „Ohne Entnazifizierung, kein Staatsvertrag“, lautet die Devise.

Grundlage fĂŒr den österreichischen Versuch einer Entnazifizierung sind unter anderen das “Verbotsgesetz” vom Mai 1945, welches die NSDAP und ihre Gliederungen verbietet, eine Registrierung der Nationalsozialisten bestimmt, Strafbestimmungen fĂŒr “Illegale” und “schwer belastete” Nazis festsetzt sowie Volksgerichte zur Aburteilung der NS-Verbrecher errichtet.

Eine Drei-Parteien-Einigung fĂŒhrt im Februar 1947 das Nationalsozialistengesetz ein, mit einer Einteilung der Registrierten in Kriegsverbrecher, Belastete und Minderbelastete womit nunmehr neben der Frage der Parteizugehörigkeit, das Ausmaß und die Art der nationalsozialistischen AktivitĂ€t im NS-Regime im Vordergrund stehen.

Mit vollem Elan und Entschlusskraft geht das das junge Österreich die SĂ€uberung des eigenen Landes an: Kriegsverbrecher, sofern sie nicht schnell genug ĂŒber Rattenlinien ins rettende SĂŒdamerika fliehen oder als braune U-Boote in der AnonymitĂ€t einer komplizit schweigenden Bevölkerungsmasse abtauchen konnten, werden von Volksgerichten zu langjĂ€hrigen Haftstrafen oder sogar zum Tode verurteilt. Doch sehr schnell wandelt sich der Wille zur Entnazifizierung in eine, von wĂ€hlerstimmen-gierigen Parteien betriebene Konsenspolitik, so dass die, oftmals mit ehemaligen Nazi-Richtern besetzten Volksgerichte, immer öfters, selbst den schlimmsten Kriegsverbrechern, in skandalösen FreisprĂŒchen, weiße Westen ausstellen.

Die Registrierung der Nazis

Obwohl aufgrund der Verordnung vom 11.6.1945, StBGl. Nr. 13 die ehemaligen NationalsozialistInnen verpflichtet sind sich selbstverantwortlich zu registrieren, weiß man dass der Widerwille, seine eigene braune Vergangenheit freiwillig amtlich zu melden und dadurch öffentlich bekannt zu machen, bei den meisten Ehemaligen so stark ausgeprĂ€gt ist, dass man ihn nur brechen kann, indem man die Registrierung zu einer Überlebensfrage macht. Ein kluger Kopf kommt auf die Idee, die Registrierung der NationalsozialistInnen an den Erhalt von Lebensmittelkarten zu koppeln.

Die fĂŒr die Stadt Grieskirchen zustĂ€ndige Meldestelle befindet sich im Gemeindeamt. An Hand der ausgewerteten Daten der MeldeblĂ€tter wird eine amtliche Registrierungsliste angelegt. Um einer kollektiven Amnesie und allzu kreativen Auslegung beim AusfĂŒllen des Fragebogens Einhalt zu gebieten, wird die Registrierungsliste öffentlich ausgehĂ€ngt.  Jedermann ist berechtigt sie einzusehen und Änderungen, sofern unrichtige oder unvollstĂ€ndige Daten bemerkt werden, vornehmen zu lassen.

Nach ÜberprĂŒfung des Fragebogens teilt ein „Entnazifizierungsbeamter“ die AntragstellerInnen in eine von vier Kategorien ein: Kriegsverbrecher und Belastete, Illegale und Minderbelastete, auch als MitlĂ€ufer bezeichnet. FĂŒr den ehemaligen Nationalsozialisten hĂ€ngt viel davon ab, in welche Kategorie er eingestuft wird. Je nach Art und Ausmaß der frĂŒheren nationalsozialistischen BetĂ€tigung reicht die Palette der Bestrafungen von Freiheitsentzug bis zur SĂŒhnepflicht, welche mit finanziellen SĂŒhneabgaben, dem Verlust der Arbeit, Berufsverbot, sowie der Streichung sĂ€mtlicher Privilegien, die sich so manch einer in opportunistischer Weise durch geschicktes Hochschleimen oder Denunzieren anderer im NS-System erworben hatte, verbunden waren.

Der arme BĂŒrgermeister


Wie groß noch ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Not des tĂ€glichen Überlebens und die allgemeine Ressourcenlosigkeit, nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch bei der Stadtgemeinde Grieskirchen ist, spiegelt sich in der Art des Briefpapiers wieder, welches BĂŒrgermeister Gföllner verwendet, um darauf wöchentliche Berichte ĂŒber den Fortschritt der Registrierung an die Bezirkshauptmannschaft zu tippen. Er benutzt die Briefvordrucke, welche schon der Nazi BĂŒrgermeister Dr. Peyrer-HeimstĂ€tt verwendet hatte und die mit dem Titel „Der BĂŒrgermeister der Kreisstadt Grieskirchen, Oberdonau“ ĂŒberschrieben sind. Mit seiner Schreibmaschine entnazifiziert Gföllner das offizielle Briefpapier, indem er das Wort „Kreis“ streicht und „Oberdonau“ mit „Oberösterreich“ ersetzt.

Die Wochenberichte ĂŒber den Ablauf der Nationalsozialistenregistrierung der Stadt Grieskirchen erlauben uns einen Blick hinter die Kulissen einer wohl gut-gemeinten, jedoch sowohl auf Lokalebene, wie auch in ganz Österreich, völlig gescheiterten SĂ€uberung der Bevölkerung von allen Spuren der Nazi-Ideologie.

Die Wochenberichte

Am 12.2.1946 fasst BĂŒrgermeister Gföllner in einem ersten Bericht an die Bezirkshauptmannschaft seine EindrĂŒcke zusammen: „Im Stadtgebiet Grieskirchen und in der Gemeinde SchlĂŒĂŸlberg wurde einen Tag nach Eintreffen der dortigen VerfĂŒgung durch gedruckte Kundmachungen die DurchfĂŒhrung der Registrierung verlautbart. Am Montag, den 11.2. l. J. wurde mit der Registrierung begonnen. [
] Eine verhĂ€ltnismĂ€ssig große Anzahl der Registrierungspflichtigen gibt an, nicht in der Lage zu sein, nĂ€here Angaben ĂŒber Beitrittsdaten usw. zu geben. Manche ehemalige Soldaten geben als Daten des Austritts den Tag Ihrer EinrĂŒckung an. Von den bis Dienstag mittags eingebrachten 25 Ansuchen hat ein großer Teil Ansuchen um Abstandnahme von der Registrierungspflicht eingebracht. Mit Ausnahme eines Falles wurde bisher von allen anderen die RegistrierungsgebĂŒhr entrichtet, obwohl der Betrag fĂŒr manche Registrierungspflichtigen eine große finanzielle Belastung darstellt. Ansonsten verlaufen die Anmeldungen klaglos.“

Eine Woche spĂ€ter folgt schon der nĂ€chste Bericht: „Die Registrierung verlĂ€uft bisher klaglos [
] In den meisten FĂ€llen können sich die Registrierungspflichtigen an die Beitrittsdaten nicht mehr erinnern. Sie geben vielmehr an, daß durch eine von der Bezirkshauptmannschaft getroffene Anordnung sĂ€mtliche Personaldokumente ĂŒber die Zugehörigkeit zur NSDAP vernichtet werden mußten. [
] Die Registrierungspflichtigen geben in der Mehrzahl an, daß sie außer ihren MitgliedsbeitrĂ€gen mit der NSDAP nichts zu tun hatten. Es haben auch schon einige Blockleiter ein Ansuchen um Abstandnahme von der Registrierung eingebracht.“

Nur zögerlich macht man und frau sich auf den Weg ins Gemeindeamt Grieskirchen um sich zu seiner/ihrer eigenen braunen Vergangenheit zu bekennen und die damit verbundene SĂŒhnepflicht zu akzeptieren. Am 20. Februar meldet BĂŒrgermeister Gföllner „Da sich bisher bei weitem noch nicht die HĂ€lfte der Registrierungspflichtigen gemeldet haben, ist es sehr wahrscheinlich, daß in der gestellten Frist nicht alle Meldungen erstattet werden.“

Die Meldestelle der Stadtgemeinde Grieskirchen vermeldet am 22. Februar telefonisch ein Zwischenergebnis: „Bisher registriert insgesamt 245, Nachsichtsgesuche 111, Illegale [Anmerkung: NSDAP Mitglieder vor am Anschluss am 13.3.1938]: 124“. Der BĂŒrgermeister antwortet schlagfertig: „Unter diesen 124 befinden sich 44, die im Mai 1938 in die Partei aufgenommen wurden, allerdings nicht am 1. Mai. Ich habe der Meldestelle gesagt, dass diese gedĂ€chtnisschwachen Leute ruhig zu den Illegalen gezĂ€hlt werden können.“

Im nĂ€chsten Wochenbericht vom 27. Februar stellt BĂŒrgermeister Gföllner verblĂŒfft fest: „Auffallend ist, daß sich noch kein einziges Mitglied der SS gemeldet hat, sowie auch die Frage des Ansuchens um Aufnahme in die SS bisher von sĂ€mtlichen Registrierungspflichtigen verneint wurde.“ Der Verfasser ist von der kollektiven Beteuerung der Unschuld der Grieskirchner weniger erstaunt als der BĂŒrgermeister. Im Bezirk Grieskirchen sind 19 „BlutordenstrĂ€ger und TrĂ€ger des goldenen Ehrenzeichens“ verzeichnet. Es gab also guten Grund einiges zu verheimlichen.

Verwirrter Opportunismus – Zwei entschuldigte FĂ€lle

Nach Ablauf der Registrierungsfrist und Auswertung der angegebenen Daten meldet am 2.4.1946 BĂŒrgermeister Gföllner der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen zwei FĂ€lle in denen „ehemalige Parteigenossen der Registrierungspflicht nicht nachgekommen [sind].“

Bei der ersten Person handelt es sich um Maria S. welche „in der von den ehemaligen Blockleitern der NSDAP aufgestellten Liste ĂŒber die in Grieskirchen wohnhaften Parteimitglieder auf[scheint].“ Der zweite, der nicht dem Aufruf zur „freiwilligen“ Registrierung folgte, war Josef W., dessen „Parteimitgliedschaft [
] die Registrierungsstelle durch die vom Bahnhofsvorstand in Grieskirchen eingesandte Mitteilung ĂŒber die Parteizugehörigkeit der Bediensteten der österr. Staatsbahnen in Erfahrung gebracht hat.“

Das InformationsbĂŒro der BH Grieskirchen geht der Sache nach und meldete am 16. April: „Maria S. [
] wurde in ihrer Wohnung befragt, warum sie ihrer Registrierungspflicht als Nationalsozialistin nicht nachgekommen sei. Sie gab an, dass sie hierĂŒber in völliger Unkenntnis gewesen sei und sich ĂŒber die Bedeutung des Wortes „registrieren“ vollkommen im Unklaren war.“ Als ErklĂ€rung fĂŒr die Verwirrung von Frau S. wird im Bericht angefĂŒgt: „Bei der Genannten handelt es sich um eine gutmĂŒtige, altersschwache Frau, die zweifellos seinerzeit nicht aus Überzeugung, sondern ĂŒber Aufforderung der damaligen NS-FunktionĂ€rin, zahlendes Mitglied der NSDAP wurde. [Da sie] seit 2 Jahren ihr Wohnhaus nicht verliess, kann [sie] als eine harmlose MitlĂ€uferin der NSDAP bezeichnet werden. Diese Schlussforderung wird auch durch eine Vorsprache der Frau von Medizinalrat Dr. Engl bestĂ€tigt.

Auf Vorladung erscheint am 16.4. der stĂ€ndige Arbeiter der österreichischen Bundesbahnen Josef W. auf der Bezirkshauptmannschaft und gibt nach einer verwirrenden Einleitung seiner „Wahrheitserinnerung“, in der er seine einmonatige HJ-Mitgliedschaft zugibt, an, dass „wĂ€hrend [ich] im Bahnhofe in Grieskirchen den Dienst eines Fahrdienstleiter-EinschĂŒlers [versah], [
] habe ich innerhalb dieser Zeit fĂŒr meine Dienststelle einen Fragebogen ausgefĂŒllt, in welchem ich, um mir spĂ€ter eine berufliche Besserstellung zu erwirken, angegeben habe, dass ich Mitglied der NSDAP sei, obwohl dies eigentlich nie der Fall war.“

Das InformationsbĂŒro der BH scheut keine MĂŒhe der Wahrheit auf den Grund zu gehen und pflegt RĂŒcksprache mit dem Vorstand des hiesigen Bahnhofes, welcher angibt, dass „W. bestimmt kein Mitglied der NSDAP war und seinerzeit im Personalfragebogen nur deshalb angegeben hatte Mitglied der NSDAP zu sein, um sich dadurch, nach seiner Neueinstellung zur damaligen Reichsbahn, einen besseren beruflichen Aufstieg zu sichern.“ Von offizieller Stelle wurde W.’s opportunistische LĂŒge kein Nazi gewesen zu sein, sondern sich nur nach oben hieven haben wollen, geglaubt und bestĂ€tigt „Der Genannte dĂŒrfte daher in politischer Hinsicht einwandfrei sein und nicht unter die Bestimmungen ĂŒber die Registrierung ehemaliger Nationalsozialisten fallen.“ Damit ist fĂŒr die Behörden die ganze Sache gegessen und abgeschlossen.

Der kuriose Fall der zwei Franz K.

Gegen die Aufnahme in die Registrierungslisten bzw. wegen der Nichtaufnahme von Nationalsozialisten in diese Listen konnten Einspruchs- und Beschwerdekommissionen angerufen werden. NatĂŒrlich wurde auch im Bezirk Grieskirchen von diesem Einspruchsrecht ordentlich Gebrauch gemacht.

Ein kurioser Fall ereignet sich in Gaspoltshofen, der in seiner NaivitĂ€t typisch ist, fĂŒr das vollkommene Fehlen jeglicher Selbsteinsicht oder Schuldbewusstseins der eigenen braunen Vergangenheit gegenĂŒber und sich mit einer Unverfrorenheit und blankem opportunistischem Zynismus direkt an die österreichische Freiheitsbewegung wendet, deren Mitglieder oftmals unter Einsatz des eigenen Lebens fĂŒr die Freiheit unseres Land kĂ€mpften. Lesen wir die mit Schreibmaschine getippte Anfrage der Gaspoltshofener Nachbarn Franz K. und Franz K., beide „Besitzer in Hairedt“ an die österreichische Freiheitsbewegung in Grieskirchen vom Juli 1945 im Orginalwortlaut:

„Wir die Unterfertigten wurden am 16.11.1944 von der Partei der NSDAP wegen gemĂ€ĂŸ § 4. Abs. 7 ausgeschlossen. Trotz alldem werden wir noch immer in der Liste, die in der Gemeinde Gaspoltshofen aufliegt, als gewesene Parteigenossen gefĂŒhrt. Als Parteigenossen kamen wir nie in Frage, da wir erst seit 1938 ParteianwĂ€rter waren und noch keine Mitgliedsnummer hatten. Jedoch hatte der gewesene Ortsgruppenleiter der NSDAP in Gaspoltshofen Dr. K. uns als Parteigenossen der Gemeinde bekannt gegeben, was unrichtig ist, denn als ausgeschlossener Parteigenosse kann ich nicht als Parteigenosse in Frage kommen. Wir bitten daher um Richtigstellung der Liste und der Gemeinde Gaspoltshofen das mitteilen zu wollen.“

Mit einem „Wir bitten daher uns an dem Aufbau des neuen Österreich teilhaben zu lassen“ schließen die beiden Gaspoltshofener Nachbarn ihren Brief ab. Es unterliegt der Interpretation des Lesers diesen Schlusssatz entweder als sarkastische Verhöhnung der österreichischen Freiheitsbewegung zu sehen oder als sehr plumpen Versuch sich bei den neuen Machthabern im Land einzuschleimen.

Auf Anfrage des Bezirkshauptmannes Dr. Hofer, der als KZ-Überlebender am eigenen Leib die GrĂ€uel des Nationalsozialistischen Terrorregimes erfahren musste, wird der BĂŒrgermeister von Gaspoltshofen um AufklĂ€rung in dieser Angelegenheit gebeten.

Bereits eine Woche spĂ€ter antwortet der BĂŒrgermeister in fast schon poetischer Ausdrucksweise: „Ich glaube, dass es keinem Anstand unterliegt, wenn Franz K. und Franz K. in einer Liste verzeichnet aufscheinen, dass sie frĂŒher einmal Parteigenossen waren, hierbei möchte ich hervorheben, eifrige Parteigenossenwaren. Dass die beiden Genannten von der NSDAP ausgestossen wurden, mag zutreffen, weil sie in einer Wilddiebstahlsangelegenheit verwickelt waren und K. auch tatsĂ€chlich vom Gericht wegen Wilddiebstahl verurteilt worden ist.“

Auch ĂŒber den zweiten Nachbarn weiß der BĂŒrgermeister von Gaspoltshofen interessantes zu berichten: „Franz K. war nach dem November 44 noch als Blockleiter in der NSDAP tĂ€tig, da er ja in den Listen der Blockleiter, die in den Monaten Dezember 1944 und MĂ€rz 1945 die ViehzĂ€hlung durchzufĂŒhren hatten, aufscheint. Ab 21. MĂ€rz 1945 ist Franz K., der bis dahin beamteter Schuhmachermeister beim Reichsarbeitsdienst in Gallspach war und ich glaube, er hĂ€tte das nicht sein können, wenn er frĂŒher von der Partei ausgestossen worden wĂ€re, gefĂ€nglich eingezogen worden. [
] Franz K. war im Jahre 1934 aktiv beim Nazi-Putsch beteiligt und er ist damals ins Altreich geflĂŒchtet. Er war bei der Legion und hat auch, als er zurĂŒckkam, deshalb die beamtete Schuhmacherstelle beim RAD erhalten.“

Das Ergebnis der Registrierung

In Österreich waren mehr als eine halbe Million Menschen Mitglieder der NSDAP, was etwa 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung entspricht. Ein Bericht der Bezirkshauptmannschaft an die „MilitĂ€rregierung fĂŒr Oberösterreich“ gibt zum „Stand der Registrierung der Nationalsozialisten mit dem Stichtag 31. August 1946“ ĂŒber den Bezirk Grieskirchen folgende Auskunft:

Gesamtzahl der nach dem Verbotsgesetz Registrierte         6.396
Illegal [d.h. Parteimitglieder vor dem „Anschluss“]                  1.730
FunktionÀre ab Blockleiter und Gleichgestellte                             801
Zahl der registrierten SA-Angehörigen                                            636

Aus der Stadt Grieskirchen, deren Einwohnerzahl auf dem Sammelnachweis mit 3.089 Personen angegeben wird, vermeldet BĂŒrgermeister Gföllner am 11. MĂ€rz 1946 das vorlĂ€ufige Ergebnis der Registrierung der Nationalsozialisten.

Gesamtzahl der Registrierten: 503 [16.28% der Einwohner von Grieskirchen]

1. Illegale Parteimitglieder: 131
2. Illegale Angehörige der WehrverbÀnde: 43
3. Parteimitglieder mit Funktionen vom Zellenleiter aufwÀrts:

a) Zellenleiter: 13
b) Ortsgruppenleiter: 3 (diese sind namentlich aufgefĂŒhrt)
c) Ortsgruppenschulungsleiter: 1
d) Beauftragter fĂŒr Vereinsliquidierung: 1
e) NSV-Ortswalter: 1
f) Ortsfrauenschaftsleiterinnen: 3
g) Kreisamtsleiter fĂŒr Volkstumsfragen: 1
h) Kreishandwerkswalter der DAF und Gemeinderat der Stadt Wien: 1

4. Gliederungsangehörige vom UntersturmfĂŒhrer aufwĂ€rts (ausgenommen SS)

a) SturmfĂŒhrer: 1
b) SA-Arzt: 1

5. Einfache Parteimitglieder und Angehörige der SA, des NSKK und NSFK: 297
6. SS-Angehörige: 3 (Ein Mann der Waffen-SS meldete sich ebenfalls zur Registrierung)
7. ParteianwÀrter: 52

Zahl der [Ent]Registrierungsansuchen: 355

Als Anmerkung fĂŒgt BĂŒrgermeister Gföllner noch an: „Als illegale Parteimitglieder wurden alle diejenigen Parteimitglieder gezĂ€hlt, die eine Parteizugehörigkeit zwischen dem 1.7.1933 und dem 1.5.1945 selbst zugegeben haben. Die Mitgliedskarte haben durchwegs alle Parteimitglieder verbrannt und die meisten geben auch zu, ihre Mitgliedsnummer nicht zu wissen, so daß auf Grund dieser eventuellen Angabe die IllegalitĂ€t nicht festgestellt werden konnte.

355 von 503 ehemaligen NSDAP Mitgliedern, also satte 70.5% suchten um eine Ausnahme von der Registrierung als ehemalige Nationalsozialisten an, ein schockierend hoher Wert und Gradmesser, der die Weigerung der Ehemaligen, eine persönliche Mitverantwortung an der Nazi Diktatur zu akzeptieren, sehr gut widerspiegelt. Diese hohe Zahl zeigt an, wie sehr sich bereits 1946 die Österreicher, nicht nur in der Stadt Grieskirchen, sondern im ganzen Land, sich als selbst Opfer und nicht als MittĂ€ter sahen, obwohl viele neben ihrer Parteimitgliedschaft und monatlichen NSDAP BeitrĂ€ge, das totalitĂ€re Regime der Nazi Diktatur tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzten.

Die LĂŒge vom Opfermythos

Noch bevor das offizielle Österreich die LĂŒge vom „Opfermythos“ als Strategie fĂŒr eine jahrzehntelange Weigerung die eigene nationalsozialistischen Vergangenheit aufzuarbeiten fĂŒr sich adoptierte, beschweren sich bereits 1946 viele der, von der Registrierung betroffenen NationalsozialistInnen ĂŒber die, in ihren Augen ungeheuerliche Ungerechtigkeit, die ihnen widerfĂ€hrt.

„Nur die Pflicht habe man/frau erfĂŒllt“, „gemacht, was einem aufgetragen wurde“, „war wĂ€re einem denn auch anders ĂŒbergeblieben?“ lautet der Tenor der Klagen der Ewiggestrigen. Manch einer geht sogar weit, seine eigene Unschuld, an jenen Opfern des NS-Terrorregimes zu messen, die das GlĂŒck hatten den Vernichtungswahn des Holocausts zu ĂŒberleben.

Helmut Qualtinger fasst diese Niederung menschlichen Verhaltens in einer SchlĂŒsselszene des „Herrn Karl“ prĂ€zise und in unnachahmlicher KĂŒrze in einem einzigen Satz zusammen:

“Is eahm eh nix passiert” – „ein Satz, der nicht nur die Überlebenden als Zeugen fĂŒr die Unschuld der TĂ€ter aufruft, sondern ihnen wegen ihres Überlebens auch noch das Recht auf die Erinnerung an das erlittene Unrecht abspricht.“

Author: freakingcat
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