Die Spur

1666 sticht der DĂ€ne Henry Matteson gegen Westen in See. Wochen spĂ€ter betritt er auf Prudence Island erstmals amerikanischen Boden. Generationen hartarbeitender Nachfahren hatten aus Robert Eliot Matteson einen US-Patrioten gemacht, der, als er einen Monat nach der Landung der Alliierten in der Normandie als einfacher Fußsoldat an Land geht, fest entschlossen ist, Hitler und seinen Nazi-Kumpanen den Garaus zu machen. Seine Einheit, das 318. Regiment der 80. Infanteriedivision, folgt dem halbwahnsinnigen General George S. Patton, der seine 3. US-Armee siegreich Schlacht fĂŒr Schlacht, in östlicher Richtung quer durch Westeuropa rast, bis er auf tschechischem Boden mit der Sowjetarmee zusammentrifft, die bereits Prag besetzt hĂ€lt. Patton bleibt nur der Weg nach SĂŒden, so sich laut US Geheimdienstberichten in der berĂŒhmt-berĂŒchtitgen Alpenfestung, einem Gebiet in den österreichischen Bergen, Hitlers Top-Nazis samt ihren Elitetruppen mit immensen Vorratslagern und in Felsen gehauenen Fabriken, in uneinnehmbaren Stellungen und bombensicheren unterirdischen Magazinen, geschĂŒtzt durch V-Waffen, verschanzt halten, um ihren Feinden ein letztes Gefecht zu liefern. Als ein Agent der Spionageabwehr ums Leben kommt und keine Zeit ist, um Ersatz zu entsenden, sieht Matteson seine Chance gekommen, endlich mit eigener Hand Nazi Bonzen zu jagen. Er meldet sich freiwillig und wird mit der FĂŒhrung des Spionageabwehrkorps des 319. Regiments beauftragt.

Sidney Bruskin spricht so gut Deutsch, als ob es seine Muttersprache ist und wird deswegen Mattison als Dolmetscher zugeteilt. Seit dem 4. Mai sind die beiden auf der Jagd nach NazifĂŒhrern in der Alpenfestung, die sich als Goebbelsches Meisterwerk der Propaganda entpuppt, ein reines Phantasiegebilde der NS-FĂŒhrung, die den amerikanischen Geheimdienst monatelang tĂ€uschte. Sid lenkt den Jeep durch das liebliche Dorf Gmunden und bleibt vor dem Haus des Ortsgruppenleiters stehen. Von der Gmundner Ortspolizei erfahren sie, dass sowohl der Reichsleiter der NSDAP, Robert Ley, als auch Gauleiter Eigruber erst vor ein paar Tagen durch den Ort gefahren sind und sich Richtung Inneres Salzkammergut abgesetzt hatten. Auch SS ObergruppenfĂŒhrer Ernst Kaltenbrunner, der einst mĂ€chtige Chef des RSHA, der Kripo und Gestapo und verantwortlich fĂŒr die Konzentrationslager des Reichs, hĂ€lt sich in der Gegend zwischen St. Wolfgang, Bad Ischl und Bad Aussee versteckt. Endlich hat Mattison eine erste Spur.

Im Schutz unseres Panzerbataillons fahren wir die gebirgige Ufterstrasse des malerischen Traunsees entlang an dessen SĂŒdspitze das Konzentrationslager Ebensee liegt, eines von 40 Außenlager der Vernichtungsmaschinerie des KZ Mauthausens. Kaltenbrunner ließ die KZ-Anlagen mit Tarnnamen wie „SS-Arbeitslager Zement“ , „Taube I“ oder „Dachs II“ im November 1943 von der SS direkt neben dem kleinen Ort Ebensee errichten, um in unterirdischen Stollen eine Schmierölraffinerie zu errichten und Bauteile fĂŒr Panzer und Flugzeuge zu produzieren.

Wir stehen vor der verschlossenen LagertĂŒr des Konzentrationslagers. Von den SS-Wachmannschaften keine Spur, sie haben wenige Stunden vor unserer Ankunft das Lager verlassen. Als wir um 15 Minuten vor drei Uhr nachmittag das Tor aufbrechen, brandet tosender Jubel unter den auf dem Appellplatz versammelten abertausenden HĂ€ftlingen auf „Die Amerikaner sind da! Wir sind frei, frei!“ Alle fallen sich in die Arme, haben TrĂ€nen in den Augen. Eine Gruppe singt die Marseillaise, andere die Internationale, jeder in seiner Sprache.

Vor mir stehen menschliche Körper in einem Zustand, den ich nicht fĂŒr möglich gehalten habe. Menschliche Skelette in schmutzigen Lumpen, teilweise barfuß strecken uns HĂ€nde entgegen. „Essen! Gebt uns Essen“ betteln sie. Wir haben keines und mĂŒssen den vollkommen ausgezehrten und entkrĂ€fteten Menschen erklĂ€ren, dass amerikanische Soldaten bald eintreffen wĂŒrden, mit Verpflegung und medizinischer Hilfe. Viele brechen daraufhin zusammen. „Vier, fĂŒnf, sechs Jahre haben wir auf euch gewartet und nun kommt ihr mit leeren HĂ€nden.“

Ich blicke in Augen die ihren Glanz verloren haben, jahrelang unfassbares sehen mussten, brutale Folterungen und wahllose Erschießungen durch Lagerkommandanten, die Trinker und Sadisten waren. Otto Riemer, leitender SS-Offizier hielt im Lager die auf Menschen abgerichtete Dogge „Lord“, die mehrmals HĂ€ftlinge zerfleischte. Einen Tag vor der Befreiung versuchte der Lagerkommandant noch, sĂ€mtliche HĂ€ftlinge in die Stollen zu treiben, um im ewigen Schweigen des Berges die Zeugen rassistischer Menschenvernichtung fĂŒr immer verschwinden zu lassen.

Im Lagerspital siechen eng zusammengedrĂ€ngt auf Bretterpritschen, ausgemergelte Körper mit Lumpen und LĂ€usen bedeckt, durch grausame medizinische Experimente bereits rettlos an den Tod verloren. Man bedeutet uns, wir sollten auf jeden Fall auch das Krematorium sehen. Wir drĂ€ngen wir uns durch dichtes GewĂŒhl halb oder ganz nackter Menschenleiber, von allen Seiten wird auf uns eingeredet. Und immer wieder „Hunger! Gebt uns etwas zu Essen!“

Wie ein Obelisk ragt ein viereckiger Schornstein aus dem Dach einer niedrigen Holzbaracke: das Krematorium. Je nĂ€her ich herankomme, umso stĂ€rker macht sich der sĂŒĂŸliche Leichengeruch bemerkbar. Syd muss sich ein Taschentuch vor die Nase halten, unertrĂ€glich ist der Gestank des Todes. Den Anblick von 140-150 aufeinander geschichteten, nackten und bis auf die Knochen vertrockneten Leichen im Aufbewahrungsraum werde ich mein Lebtag nicht mehr vergessen können. Es ist ein Blick ins Infernum. Man vertrĂ€gt das Grauenvolle nicht auf einmal und muss erst weggehen und wieder hineinschauen, um Einzelheiten zu erblicken; Skelette von einer gelben oder grĂŒnlichen oder blĂ€ulich-schwarzen Haut ĂŒberzogen. Mund und Augen stehen offen. Ein Durcheinander von verrenkten Gliedern. Manche Leiber sind noch durch furchtbare Wunden entstellt. Hinter dem Krematorium entdecken wir eine gewaltige offene Grube. Lastwagenweise wurden HĂ€ftlinge herangekarrt, durch einen Schuss in den Hinterkopf ausgelöscht, in das Loch geworfen, um dort zu verrotten. Die KapazitĂ€t der Öfen reichte nicht lĂ€nger aus die Leichenberge in Rauch und Asche zu verwandeln.

Am Abend eskortieren Syd und ich 50 Nazis aus der Umgebung ins Lager damit sie mit eigenen Augen sehen mĂŒssen, was sie alle immer schon wussten und niemals zugeben werden. In der darauffolgenden Nacht begehen drei der Nazis Selbstmord, unter ihnen der Ortsgruppenleiter.

Author: freakingcat
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