Die Sparkasse Grieskirchen und ihre deutschgesinnten Honoratioren

NĂŒrnberger Kriegsverbrecher, Nazi-BĂŒrgermeister, Ortsgruppenleiter und ein Denunziant— alles Begriffe, die man nicht leichtfertig in Verbindung mit einer ehrwĂŒrdigen lĂ€ndlichen Vereinssparkasse mit beinahe 150-jĂ€hriger Geschichte stellt. Doch gerade wegen ihrer bewegten Geschichte, die sich vom alten Kaiserreich ĂŒber einen „Staat, den niemand wollte“, bis hin zum Schrecken einer NS-Diktatur in unsere Zeit erstreckt, lohnt es sich auf das Leben, die Gesinnung und das Handelns einzelner Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen zu blicken— epochale Spiegelbilder einer vom NationalitĂ€tenhass, Wirtschaftskrise und Kriegen geprĂ€gten stĂŒrmischen Zeit unserer oberösterreichischen Heimat.


Ein unscheinbarer Artikel in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ vom 11. Oktober 1945 birgt scheinbar unfassbares, heutzutage nur schwer begreifliches, eine Frage der „österreichischen Gesinnung“ einiger der angesehensten Familien von Grieskirchen vor dem Hintergrund der rauchenden TrĂŒmmer einer siebenjĂ€hrigen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. „Die Sparkasse Grieskirchen (gegr. 1872) ist eine der Ă€ltesten Vereinssparkassen Oberösterreichs. Sie unterhĂ€lt Zweigstellen in Neumarkt i. H., Bad Schallerbach, Hofkirchen a. Tr. und eine Wechselstelle in Gallspach. Nach der Befreiung Österreichs durch die alliierten Truppen wurden zunĂ€chst alle politisch nicht mehr tragbaren FunktionĂ€re der Sparkasse aus leitenden Stellen entlassen und die FĂŒhrung des Institutes MĂ€nnern anvertraut, die eine österreichische Gesinnung gewĂ€hrleisteten. Hiebei wurde insbesondere darauf RĂŒcksicht genommen, dass im Gegensatz zu frĂŒher möglichst alle Berufsgruppen vertreten sind. Das Entgegenkommen des hiesigen Befehlshabers der alliierten MilitĂ€rregierung und die rasche DurchfĂŒhrung der von der MilitĂ€rregierung Österreich angeordneten Massnahmen ermöglichten es der Sparkasse, ihren GeschĂ€ftsbetrieb in ihrer Hauptanstalt schon am 4. Juni wieder aufzunehmen. Auch die Zweigbetriebe Neumarkt, Bad Schallerbach und Gallspach konnten bald wieder eröffnet werden.“


Die AnfĂ€nge als „Sparkassa Grieskirchen“


Um verstehen zu können, warum 1945 alliierte Truppen einen Großteil der Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen und ihrer Leiter verhaftete und zur Entnazifizierung in ein Lager steckte, warum sich dieses traditionsbewusste lĂ€ndliche Institut mit den Namen von Kriegsverbrechern und stadtbekannten Nazi-Bonzen brĂŒstete, muss man viele Generationen in der Zeit zurĂŒckgehen, weit zurĂŒck bis ins 19. Jahrhundert. 1872, im GrĂŒndungsjahr der Sparkasse Grieskirchen prangt ein, gerade erst aus seinem Ei geschlĂŒpfter, doppelköpfiger Adler, als Hoheitszeichen einer k. u. k. Habsburger Monarchie unter dem traditionsverhafteten Kaiser Franz Joseph I., dessen Machtanspruch imperialer Gewalt schon lĂ€ngst angefangen hatte, unter seinen gesalbten HĂ€nden zu zerbröseln. Ein Vielvölkerstaat, in dem sich deutsche und slawische NationalitĂ€ten um ihr „alleiniges“ Anrecht auf ein Fleckchen Heimat stritten, ein gefĂ€hrlicher Konflikt, der sich durch das unvermeidliche Fortschreiten der Demokratisierung des Wahlrechts und dem— bisher von den HerrscherhĂ€usern unterdrĂŒckten— Nationalismus der Völker zum tödlichen Tsunami des Nationalismus aufbĂ€umt, welcher schon bald Europa in Schutt und Asche legen wird.
Anfang der 1860er Jahre regt der Kaufmann Johann Reiter die GrĂŒndung einer „Sparkassa Grieskirchen“ an, welche jedoch lange Zeit am Widerstand einiger reicher BĂŒrger scheitert, die das GeldverleihgeschĂ€ft in HĂ€nden hatten und zu verhindern wussten, dass die Stadtgemeinde Grieskirchen die Haftung fĂŒr den Garantiefonds ĂŒbernimmt. Dank des unermĂŒdlichen Einsatzes des Grieskirchner Notars Dr. Karl Lötsch wird endlich im Jahre 1872 die Sparkasse als Vereinssparkasse gegrĂŒndet und nimmt am 1. Juli 1872 ihre GeschĂ€fte auf. Bei der konstituierenden Versammlung der „Sparkassa in Grieskirchen“ werden die Herren Heinrich Breymann zum Vereinsvorsitzenden und Georg Hubinger zu dessen Stellvertreter gewĂ€hlt und Dr. Karl Kaltenbrunner, Johann Reiter, Johann Genner, Johann Mauhart und Dr. Karl Lötsch zu Direktoren ernannt. Den Sitzungsaal der Sparkasse, deren AmtsrĂ€ume ursprĂŒnglich im Haus Grieskirchen Nr. 1 und spĂ€ter im alten Rathaus untergebracht waren, schmĂŒcken PortrĂ€ts der ehrwĂŒrdigen GrĂŒndungsvĂ€ter, auf welchen sich auch Matthias Ammer, Alois Augustin, Georg Fuchshuber, Leopold und Josef Göttner, Johann Hager, Thomas Klausmayr, Michl Pruckmair und Matthias Winkler ein malerischen Denkmal setzen ließen.


Unter dem Symbol der „Sparkassa“, einem Bienenkorb und dem passenden Motto: „Arbeite, sammle, vermehre“, gedeiht das VerleihgeschĂ€ft der Sparkasse prĂ€chtig. Die österreichische Wirtschaft und Kultur erlebt um 1900 eine BlĂŒtezeit, wĂ€hrend sich das Kaiserreich auf Grund des „NationalitĂ€tenhaders“ oft nur mehr „fortwurschtelt“. Das Vertrauen der Grieskirchner BĂŒrger in die neue Landeskasse wĂ€chst, sie tragen ihr mĂŒhsam Erspartes auf die Bank, nehmen gĂŒnstige Kredite auf, um ihre HĂ€user zu bauen und wiegen sich in einer Zeit, welche spĂ€ter als „Wiener Moderne“ bezeichnet werden sollte, mit Gottvertrauen und Hoffnung in den reformresistenten alternden Kaiser, in realitĂ€tsverweigernder Sicherheit und traditionsbewusster blinder Ergebenheit.
Nach dem Tod des Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Grieskirchen, des weit ĂŒber die Grenzen des Landls angesehenen Rechtsanwaltes Dr. Hans Ritter Peyrer von HeimstĂ€tt, der im Alter von 61 Jahren am 13. September 1908 seinem schweren Herzleiden erlegen ist, ĂŒbersiedelt im Jahr 1909 das Institut in das neu erbaute SparkassengebĂ€ude in Grieskirchen Nr. 17 (heute Stadtplatz 14), neben welchem sich das, bei der Bevölkerung beliebte und geschĂ€tzte Brauhaus Grieskirchen, befindet. Die „Linzer Tages-Post“ berichtet: „Von seiten der Sparkasse Grieskirchen wurde dem Musealverein zur Unterbringung der Sammelobjekte ein gerĂ€umiger Saal im erstenStocke des neuen SparkassegebĂ€udes in liebenswĂŒrdiger Weise zur VerfĂŒgung gestellt, welcher sich zu dem gedachten Zwecke vorzĂŒglich eignet.“


Der „Deutsche Schulverein“


Ebenfalls in der „Linzer Tages-Post“ ergeht am 29. Mai 1913 ein Aufruf zur Sammlung von Unterschriften an „Deutsche Oberösterreicher und Deutsche Bewohner der Landeshauptstadt Linz!“. Auf der Titelseite schwört das Blatt das Schrecken-Szenario eines jeden deutschvölkisch empfindsamen BĂŒrgers jener Zeit herauf, spricht davon, dass die „Zahl der tschechischen Arbeiter, Handwerksgehilfen und Staatsangestellten in den StĂ€dten und Industrialorten im Steigen begriffen ist und dass auch auf dem flachen Lande immer mehr BauerngĂŒter in tschechische HĂ€nde ĂŒbergehen und vielfach geschlossene Siedlungen entstehen“. Man vermutet, dass „diese Einwanderung nach einem wohlangelegten Plane vor sich geht und sich das Tschechentum vorbereitet hat, unserem Kronlande den reindeutschen Charakter zu nehmen“ und warnt jeden deutschen Oberösterreicher, dass dieser Gefahr rechtzeitig begegnet werden mĂŒsse. „Es gilt der Kampf um unsere Muttersprache, denn wer nicht verdrĂ€ngt sein will, muss sich zur Wehre setzen!“ lautet die Forderung auf einer Massenpetition, mit der man hofft in den KronlĂ€ndern zwei Millionen Unterschriften aufzubringen. Neben Vertretern des „Deutschen Volksbundes fĂŒr Oberösterreich“, zahlreichen Frauen-Ortsgruppen wie „SĂŒdmark“ oder „der Ostmark“, dem „Alldeutschen Verein“ und dem Verein „Deutsche Heimat“ unterstĂŒtzt auch der „Deutschen Schulverein“ diese Unterschriftenaktion.


Das traditionsverhaftete, „deutsch-identitĂ€re“ Denken der ehrwĂŒrdigen Direktoren und Vereinsmitglieder der Sparkasse Grieskirchen zeigt sich anhand eines Beschlusses der Sparkasse im Jahr 1909 zur Zeichnungs-ErklĂ€rung fĂŒr eine sogenannte „Rosegger-Stiftung“ des 1880 gegrĂŒndeten Deutschen Schulvereines, zu welcher das Institut eine Spende von 2000 K beisteuert. Dem berĂŒhmten Spendenaufruf „2.000 Kronen mal 1.000 sind 2 Millionen Kronen“ des steirischen Heimatdichters Peter Rosegger folgen neben der Sparkasse Grieskirchen und weiteren Spendern auch der „Verein deutscher Studenten Erz“ in Leoben, der „Verein deutscher Salzburger Studenten in Wien“ oder auch die Ortsgruppe „Theodor Körner“ des Deutschen Schulvereines in Troppau. Der „Deutsche Schulverein“ (DSchV) ist der Name eines sogenannten „Schutzvereins der Deutschen“ in allen KronlĂ€ndern der Österreichischen ReichshĂ€lfte, welcher aktiv die StĂ€rkung des Grenz- und Auslandsdeutschtums unterstĂŒtzt und vor allem in Böhmen, MĂ€hren, Österreich-Schlesien, in Galizien und der Bukowina, der Untersteiermark, Krain sowie im KĂŒstenland tĂ€tig ist. Ihm gehören Vertreter aller politischer Lager an, wie auch der GrĂŒnder der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und der Arbeiterzeitung, Österreichs Außenminister und bekennender AnschlussbefĂŒrworter an das Weimarer Reich, Viktor Adler. Da im „Deutschen Schulverein“ schon seit Anfang an viele Juden Mitglieder und Förderer sind, kommt es bereits in den 1880er Jahren zu Konflikten mit AnhĂ€ngern der „Deutschnationalen Bewegung“ eines Georg Ritter von Schönerers, welche die liberale Haltung des DSchV gegenĂŒber Juden prinzipiell stört und die in Folge zur Abspaltung der „Schönerianer“ und GrĂŒndung eines „Antisemitischen Schulvereins fĂŒr Deutsche“ fĂŒhrt.


In Eferding wird am 28. MĂ€rz 1883 in BockeÂŽs Gasthof die zweite Vollversammlung der „Eferdinger Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins“ eröffnet. Die Zahl der Mitglieder der, im Juli des Vorjahres gegrĂŒndeten Ortsgruppe, ist auf 110 angewachsen. Ein Mitglied und Obmann-Stellvertreter ist der, seit 1868 in die Advokatenliste „Ober-Oesterreichs“ eingetragene und im Jahr 1876 von Grieskirchen nach Eferding ĂŒbersiedelte, Dr. Karl Kaltenbrunner. Nur wenige Jahre nach seinem Umzug nach Eferding steht er schon 1895 als „Directionsvorstand der Sparcasse Eferding“ vor. Ein Jahr spĂ€ter steigt er zum Obmann der „Ortsgruppe Eferding des Deutschen Schulvereins“ auf und wird 1889 als Obmann des örtlichen Verschönerungsvereins wiedergewĂ€hlt. Der auch im Sparkassenverein Grieskirchen tĂ€tige, eifrige Vereinsmeier Kaltenbrunner unterliegt in der Direktionssitzung der „Allgemeinen Sparcasse in Linz“ dem „Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Ludwig Dosch“ im Februar 1890 bei der Wahl fĂŒr die sehr hoch dotierte „neucreierte Amtsdirectorsstelle“ ganz knapp. Nur ein Jahr spĂ€ter gewinnt Dr. Karl Kaltenbrunner am 31. Juli 1891 einstimmig die Wahl zum BĂŒrgermeister von Eferding. Bis 1898 fungiert er auch als Direktions-Mitglied der Sparkasse Grieskirchen. Am 24. April 1911 stirbt der einzige noch am Leben gewesene, Ă€lteste Sohn des bekannten oberösterreichischen Dichters Karl Adam Kaltenbrunner, plötzlich an HerzlĂ€hmung und wird unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und ehrwĂŒrdiger Honoratioren zu Grabe getragen.


Nur ein lĂ€ngerer Blick auf die Strömungen dieser Zeit lĂ€sst uns das Denken, die Ängste und die Gesinnungen der angesehensten BĂŒrger und Vertreter einer Stadt verstehen, dessen kaiserliches Fundament vermodert und brĂŒchig ist. Nach der Hoch-Zeit der „Wiener Moderne“ beginnen sich dunkle Gewitterwolken am Horizont Europas aufzutĂŒrmen, die den lauen Wind der ersten Jahre des neuen, des zwanzigsten Jahrhunderts, in einen immer heftiger werdenden Sturm verwandeln, der mit Revolutionen und UmstĂŒrzen, die gottgegebene und mit königlicher Macht gesalbte Weltordnung bedroht. Schließlich kommt es am 28. Juni des Jahres 1914 in Sarajewo zur Entladung. Die serbische „schwarze Hand“ schleudert Blitze flammenden Hasses gegen einen österreichischen Monarchen, Kugeln schlagen in den Leib des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin, Sophie Herzogin von Hohenberg zerfetzen seine Halsvene und Luftröhre. Der Thronfolger und Neffe des Kaisers verliert das Bewusstsein und verblutet, auch Herzogin Sophie stirbt bei diesem Attentat. Mit einem Male brennt die Welt wie Zunder, lichterloh, eine Fackel der Zerstörung, ein neuer, ein „großer Krieg“ ist angebrochen, der vier Jahre die Menschheit der Erde an die Grenzen ihrer selbst bringen sollte.


Das Feuer des NationalitÀtenhasses


Nach diesem FlĂ€chenbrand steht kein Stein mehr auf dem anderen, liegen geköpfte HĂ€upter in der Asche einer abgefackelten Donaumonarchie, unzĂ€hlige Leichen verwesen in den GiftgasgrĂ€ben der zerstörten LĂ€nder Europas. Am 11. November 1918 verzichtet der Kaiser „auf jeden Anteil an den StaatsgeschĂ€ften“ und entlĂ€sst sein Ministerium Lammasch. Doch auch nach dem Machtverzicht des „ehemaligen TrĂ€gers der Krone“ Karl I. ist das Feuer des NationalitĂ€tenhasses noch nicht erloschen, es schwelt weiter unter den TrĂŒmmern eines zerfallenen Habsburger Kaiserreiches, dessen „Rest-“ bzw. „Rumpfstaat“ weite Teile der Bevölkerung als nicht lebensfĂ€hig ansehen.


Die am 30.10.1918 neu gewĂ€hlte Staatsspitze verpasst am 12. November dem, vorerst „Deutschösterreich“ genannten Staat, die Form einer demokratischen Republik. Man lebt nun in einem „Staat, den keiner wollte“, welchem als erster Staatskanzler Dr. Karl Renner, ein bekennender Antisemit, vorsteht. Der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich— gemeint ist dabei die „Weimarer Republik“— wird von den alliierten SiegermĂ€chten 1919 im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye dezidiert untersagt, was der „deutsch-identĂ€re“ Teil der Bevölkerung als Schande und „Anschlussverbot“ sieht. Den von der konstituierenden Nationalversammlung am 21.10.1919 verbindlich neuverpassten Staatsnamen „Republik Österreich“ empfinden auch gutbĂŒrgerliche Grieskirchner als Hohn. Der österreichische Staatskanzler Karl Renner kommt Anfang 1919 auf Schloss Eckertsau im Marchfeld, wohin sich der Kaiser, der nicht ans Abdanken denken will, zurĂŒckgezogen hat. Karl I. lehnt es ab Renner persönlich zu treffen, da dieser nicht dem Hofzeremoniell entsprechend um Audienz gebeten hat. Renner lĂ€sst daraufhin ĂŒber MittelsmĂ€nner dem Kaiser ausrichten, dass das geplante Habsburgergesetz, falls seine MajestĂ€t gedenke, weder auszureisen noch abzudanken, seine Internierung bestimmen wird. Am 23. MĂ€rz 1919 verlĂ€sst Ex-Kaiser Karl I., der als Bedingung gestellt hat, dass die Abreise „in allen Ehren“ zu erfolgen hatte, Deutschösterreich ins Schweizer Exil. Vor dem GrenzĂŒbertritt in die Schweiz am darauffolgenden Tag, widerruft der, unter dem starken Einfluss seiner, als Zita Maria delle Grazie von Bourbon-Parma geborene Ehefrau, Kaiser im Feldkircher Manifest seine ErklĂ€rung vom 11. November 1918 und protestiert gegen seine Absetzung als Herrscher. Der letzte Schrei eines entmachteten Kaisers, mit habsburgischer Arroganz und Verachtung fĂŒr das gemeine Volk, wird in Österreich nicht veröffentlicht. Zita erachtet die Wiedererlangung des Throns als eine von Gott auferlegte Pflicht und ermuntert Karl, niemals aufzugeben. Sie begleitet ihn im Oktober 1921 per Flugzeug zu seinem zweiten Restaurationsversuch in Ungarn, der wie der erste ebenso klĂ€glich scheitert. Daraufhin werden beide im Auftrag der SiegermĂ€chte mit britischen Kriegsschiffen auf die portugiesische Insel Madeira gebracht, wo sie am 19. November 1921 eintreffen. GedemĂŒtigt und deprimiert stirbt Karl am 1. April 1922 an einer LungenentzĂŒndung.


Mit vollem Galopp in die Weltwirtschaftskrise


Die Wirtschaft Österreichs liegt aufgrund der Kriegsfolgen, der Gebietsverluste und neuen Zollgrenzen am Boden, das Vertrauen in den neuen Staat, sowie auch die Einlagen der Banken und Sparkassen schwindet. Auch vor der Sparkasse in Linz bilden sich lange Schlangen, Menschen drĂ€ngen in das Institut um ihr hart Erspartes vor der rasenden Geldentwertung zu retten. Erst eine WĂ€hrungsreform am 20. Dezember 1924 kann die galoppierende Hyperinflation der Krone, 13 Monate nach der deutschen WĂ€hrungsreform, stoppen. 1 Schilling wird in den ersten Monaten 1925 zum Kurs von 1 : 10.000 gegen die Krone getauscht. Voraussetzung fĂŒr das Vertrauen in die neue SchillingwĂ€hrung ist eine, vom rechtsradikal liebĂ€ugelnden christlich-sozialen Bundeskanzler Ignaz Seipel— wegen seiner blutigen Niederschlagung der Julirevolte nach dem Brand des Wiener Justizpalastes 1927 auch „BlutprĂ€lat“ genannt— verhandelte Anleihe des Völkerbundes, die eine konsequente HartwĂ€hrungspolitik zur Folge hatte und dem Schilling bald den Spitznamen „Alpendollar eintrĂ€gt“.
In Grieskirchen steuert die Vereinsleitung die Sparkasse mit Zuversicht durch die wirtschaftliche Krisenzeit, die im Zusammenbruch der New Yorker Börse am „Black Tuesday“ des 29. Oktober 1929 ihren Höhepunkt findet. Trotz alledem beschließt der heimatliche Sparkassenverein auch dieses Jahr, so wie jedes Jahr, der „Deutschvölkischen HochschĂŒlerhilfe Oberösterreichs“ 10 Schilling zu spenden. Nach Vereinssitzungen sitzt man gemĂŒtlich bei einem KrĂŒgerl Bier oder einem Achterl Wein beisammen, um in gehobenem oberösterreichischen Dialekt das Spracherbe eines Carl-Adam Kaltenbrunner, Peter Roseggers oder Franz Stelzhammers zu ehren und die althergebrachte Tradition des „Stammtischphilosophierens“ zu pflegen.


Die „großdeutsche Partei“


Am 11. April 1929 hĂ€lt die Grieskirchner Ortsgruppe der Großdeutschen Partei in „Ruhlands Gasthof“ ihre zweite WĂ€hlerversammlung ab und setzt die Namen des Direktionsvorsitzenden der örtlichen Sparkasse, Dr. Hermann Peyrer, neben dem des Sparkassenvereinsmitglieds Martin Matzinger und dem beigeordneten Ratsherren und Sparkassenbeamten Bruno Blumauer auf die „Nationale Einheitsliste“. 1930 erzielt die Wahl der SparkassenfunktionĂ€re des Grieskirchner Traditionsinstitutes folgendes Ergebnis: Vereinsvorsitzender, der Apotheker Hugo Purtscher, sein Stellvertreter wird Martin Matzinger. Zum Direktionsvorsitzender wiedergewĂ€hlt wird Dr. Hermann Peyrer, als sein Stellvertreter der Großkaufmann Karl Seiberl. Zu Direktionsmitglieder werden unter anderen Johann Higelsberger, Friedrich Leeb und Franz Eybl aus Neumarkt bestimmt. Am 14. Juli 1932 feiert die Sparkasse Grieskirchen, die seit 1920 auch Zweigstellen in Neumarkt am Hausruck, Bad Schallerbach und die Zahlstellen Gallspach und Hofkirchen an der Trattnach betreut, ihr 60-jĂ€hriges Bestehen. Da diese Feier in eine Zeit wirtschaftlicher Not fĂ€llt, begnĂŒgt man sich damit, eine Festschrift mit Bildern der Hauptanstalt in Grieskirchen herauszugeben und eine Festsitzung im großen Saal der Sparkasse abzuhalten. Der Vorsitzende, Apotheker Hugo Purtscher eröffnet die Sitzung und begrĂŒĂŸt alle Anwesenden, worauf der seit 1919 als Direktions-Mitglied fungierende Dr. Hermann Peyrer „alle hervorragenden Ereignisse wĂ€hrend der langen Reihe von Jahren seit 1872, der Festversammlung vor Augen fĂŒhrt. Unter großem Beifall teilt der Vorsitzende mit, dass anlĂ€sslich der Feier den Armen der Stadtgemeinde Grieskirchen 1000 S, gewidmet wurden.“


Zeit des „Anschlusses“


Rechte Wogen radikaler VerĂ€nderung schwappen 1933 und 1934 vom Deutschen Reich auch nach Oberösterreich ĂŒber und so mancher deutschvölkisch gesinnter Grieskirchner blickt mit Sehnsucht ĂŒber die bayrische Grenze, wo sich ein tausendjĂ€hriges Deutsches Reich aus der „Schmach von Versailles“ erhebt. Im Februar 1933 erreicht die durch die Weltwirtschaftskrise in Österreich hervorgerufene Arbeitslosigkeit ihren Höchststand; 600.000 Leute sind ohne Arbeit. Die große wirtschaftliche Not im eigenen Land ist der Grund, warum viele Grieskirchner sehnsĂŒchtig ins Deutsche Reich spĂ€hen, in dem Hitler 1933 die Macht ĂŒbernimmt.


Am 12. MĂ€rz 1938 ist der von vielen Grieskirchnern seit Jahrzehnten herbeigesehnte „Tag des Anschlusses“ an das Deutsche Reich gekommen. Der Tag des Einmarsches der Soldaten der deutschen Wehrmacht ist der Auftakt zu einer noch nie dagewesenen Welle von Verhaftungen, Denunziationen und UmfĂ€rbungen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, welche in den nĂ€chsten Monaten auch die Sparkasse Grieskirchen ganz auf die Ziele des nationalsozialistischen Regimes ausrichten wird. Unter vielen FunktionĂ€ren und leitenden Beamten der österreichischen Sparkassen hatte bereits vor dem „Anschluss“ eine deutschnationale Gesinnung geherrscht. Auch einige Grieskirchner Mitglieder des Sparkassevereins sind seit Jahren im geheimen „Illegale Nationalsozialisten“ gewesen, doch nun tragen sie mit Stolz Hakenkreuzbinde und NSDAP-Parteiabzeichen am Revers. Diejenigen, deren Einstellung nicht mit den wahnsinnigen und rassistischen Idealen des FĂŒhrers Adolf Hitlers ĂŒbereinstimmen, mĂŒssen auch im Sparkassenverein Grieskirchen ihren Sessel rĂ€umen.


Der Sparkassenverein wird braun eingefÀrbt


Der bekannte Grieskirchner Historiker und Autor Johann Großruck berichtet in seinem detailreichen, und hervorragend geschriebenen Buch „Grieskirchen – Kreisstadt in Oberdonau“ auch von der Geschichte der MĂ€nner seiner Familie. Sein Urgroßvater, der Weißgerber Johann Großruck, war von 1888 bis zu seinem Tod im Jahre 1902, Mitglied des „Sparkassa-Vereins Grieskirchen“. Den Statuten der Sparkasse entsprechend, ging diese Ehre 1907 an seinen Großvater Johann ĂŒber, der bis zu seinem Ableben 1924, neben Dr. Peyrer, fĂŒnf Jahre lang als Direktions-Mitglied fungierte. 1929 folgt gemĂ€ĂŸ der Tradition sein Sohn, der vormalige Weißgerber und spĂ€tere Mediziner Dr. med. Johann Großruck als Vereinsmitglied nach. „Am 28. Mai 1942 wird er jedoch von BĂŒrgermeister Peyrer mit Berufung auf die neuen Satzungen dieser Funktion enthoben und zwar mit der BegrĂŒndung: Es „können nur solche Personen der Sparkasse als Mitglieder angehören, die ihren Wohnsitz innerhalb des Kreises Grieskirchen haben.“ Sein Sohn, der Historiker Johann Großruck weiß zu berichten: „Mein Vater ist 1903 in Grieskirchen geboren und hat hier natĂŒrlich seinen Hauptwohnsitz, ist jedoch auch in Wien ausbildungs- und berufsbedingt wohnhaft. Die Wohnsitz-BegrĂŒndung scheint aber vorgeschoben zu sein, denn in Wahrheit dĂŒrften seine in Grieskirchen bekannte christlich-soziale Orientierung und seine Mitgliedschaft zur katholischen Hochschulverbindung „KĂŒrnberg“ die GrĂŒnde fĂŒr die „Erlöschung“ der Sparkassen-Funktion gewesen sein. Erst nach dem Ende des NS-Regimes lebt die Sparkassen-Mitgliedschaft meines Vaters wieder auf, der von 1946 bis zu seinem Tod im Jahre 1959 Vorsitzender des Verwaltungsausschusses dieses traditionsreichen heimischen Kreditinstitutes ist.“

Landrat Dr. Reiter


1940 wird in der „Übersicht der Bankenlandschaft des Gau Oberdonau“ noch Dr. Karl Feyrer als StaatskommissĂ€r der Sparkasse Grieskirchen aufgefĂŒhrt. Schon kurz darauf ĂŒbernimmt der Grieskirchner Landrat Dr. Georg Reiter dieses Amt, da Dr. Feyrer einen attraktiven Posten in Linz wahrnimmt. In der „Neuen Zeit“, dem Organ der Kommunistischen Partei Oberösterreichs findet sich in der Ausgabe vom 23. Oktober 1945 in einem Artikel Dr. Karl Feyrer „am Pranger“. Darin heißt es: „Dr. Karl Feyrer ist kein NazimitlĂ€ufer, das weiß jeder, der den Mann kennt. Er war Illegaler und Landrat in Grieskirchen. Anfang 1941 wurde dieser Illegale, offenbar in Anerkennung seiner Verdienste um das braune Regime, stellvertretender GeschĂ€ftsfĂŒhrer bei der Landesversicherungsanstalt in Linz. Das blieb er bis zum Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft. Er blieb es sogar noch gute sechs Wochen lĂ€nger. Aber schließlich ist er doch hinaus geflogen. Am 30. Juni 1945 ist Dr. Karl Feyrer mit der BegrĂŒndung, dass er „alter KĂ€mpfer“ war, entlassen worden. Man sollte meinen, dass damit die Angelegenheit erledigt wĂ€re? Nein, das soll man nicht meinen. Der am 30. Juni 1945 entlassene alte KĂ€mpfer ist nĂ€mlich seit 15. Oktober schon wieder in der Landesversicherungsanstalt drinnen! Und zwar keineswegs, wie es vielleicht verstĂ€ndlich wĂ€re, um irgendwelche AufrĂ€umungsarbeiten zu verrichten, sondern als wohlbestallter Abteilungsleiter.“


Dr. Georg Reiter, nationalsozialistischer Landrat von Grieskirchen, dessen Vater Johann Reiter einer der GrĂŒndungsvĂ€ter der Sparkasse Grieskirchen ist, wird von einmarschierenden amerikanischen Truppen am 25. Juli 1945 verhaftet und in das Lager Glasenbach bei Salzburg gesteckt.


Rechtsanwalt und NS-BĂŒrgermeister Dr. Peyrer


Ein weiter „Alter KĂ€mpfer“ und Nazi der ersten Stunde ist Dr. Hermann Peyrer, Rechtsanwalt und BĂŒrgermeister der Kreisstadt Grieskirchen, welcher seit 1919 erst als Direktionsvorsitzender und spĂ€ter als Vereins- und Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Grieskirchen treue Dienste leistet. Das Innviertler Heimatblatt berichtet, dass „nach Schaffung von Groß-Grieskirchen nun am 19. Dezember 1938 die Neugestaltung der Stadtgemeinde-Vertretung erfolgte. Bei derselben konnte BĂŒrgermeister Rechtsanwalt Dr. Hermann Peyrer die, vom Beauftragten der NSDAP bestĂ€tigten, neuen Ratsherren begrĂŒĂŸen und zwar als VizebĂŒrgermeister, den Molkerei-Inhaber und Sparkassenvereinsmitglied Franz Mittermaier und die Beigeordneten: Sparkassenbeamter Bruno Blumauer, Reichsbahnbeamter in Ruhestand Johann Neubauer und Friseumeister Ludwig Pintirsch, sowie die Ratsherren: Brauereiprokurist und einfaches Sparkassen-Vereinsmitglied Jakob Gangl, sowie Schneidermeister Ferdinand Kern. Gasthofbesitzer Franz ZweimĂŒller, Baumeister Friedrich Reinhart, Kaufmann Karl Willinger, Schlossermeister Alois Pöttinger, Kraftwagenlenker Karl Lohner und das einfach Sparkassenvereinsmitglied, der Kaufmann Otto Doppelbauer.

Dr. Peyrer wird am 23. August 1945 von alliierten Truppen verhaftet und ebenfalls zur Entnazifizierung ins Camp Marcus W. Orr gesteckt.


Die Großkaufleute Doppelbauer und Seiberl


Als Direktionsvorsitzender-Stellvertreter steht Peyrer, der angesehene Grieskirchner Kaufmann und Kommerzialrat Karl Seiberl zur Seite, welcher bald auch als Vorstandsmitglied im Sparkassenverein sitzt. Mit dem Großkaufmann Otto Doppelbauer, wie bereits erwĂ€hnt Ratsherr und ein einfaches Vereinsmitglied der Sparkasse Grieskirchen, verbindet ihn geschĂ€ftliches: Er verkauft ihm sein Kaufhaus, welches seit dem 6. Oktober 1930 im Firmenregister nunmehr als “Karl Seiberl, Inh. Otto Doppelbauer“ gefĂŒhrt wird. AnlĂ€sslich der Hochzeit am 10.6.1930 vermerkt „Die Neue Warte am Inn“: „Das junge Paar ĂŒbernimmt mit 1. Juli das große KaufmannsgeschĂ€ft Seiberl in Grieskirchen Nr. 2, das durch die große GeschĂ€ftstĂŒchtigkeit des BrĂ€utigams Otto Doppelbauer einen großen Aufschwung genommen hat.“


Nach der Verhaftung des NSDAP Mitglieds Doppelbauers am 23. Mai 1945 und konsequente Einlieferung ins Entnazifizierungslager Glasenbach ĂŒbernehmen die amerikanischen Verwaltungsbehörden interimsmĂ€ĂŸig seine Firma und beenden die öffentliche Verwaltung erst am 7. Mai 1948 durch die Übergabe des GeschĂ€fts an seine Frau Gabriele Doppelbauer.


Fred Duswald junior – ein Exkurs weit ĂŒber den rechten Rand hinaus


So manchem aufgeweckten Leser, der sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und dem heutigen Rechtsextremismus in Österreich beschĂ€ftigt, mag der Name Duswald im Ohr schmerzen. Fred Duswald junior, Jahrgang 1934 ist in der rechtsextremen Szene kein Unbekannter. Seit 1962 ist er „Alter Herr“ der extrem rechten MĂŒnchner Burschenschaft Danubia. Von seinem Vater Fred erbt er die Duswald-MĂŒhle in Neumarkt-Kallham, welche 1980 Ausgleich anmelden musste und war 1974 Bundeskassier und 1976 Bundeskassierstellvertreter der 1988 behördlich aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP) von Norbert Burger. 1979 schien er als Unterzeichner des Aufrufes fĂŒr Generalamnestie fĂŒr NS-Verbrechen in der „Deutschen National-Zeitung auf. Auch war Duswald Vorstandsmitglied des 1998 behördlich aufgelösten Vereins „Dichterstein Offenhausen“. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) kennt ihn nur zu gut, stĂ€ndig fiel er seit Jahrzehnten durch einschlĂ€gige Aussagen auf. Er verunglimpft den christlichen WiderstandskĂ€mpfer Franz JĂ€gerstĂ€tter und beschimpft homosexuelle Opfer der Nationalsozialisten als „Sittenstrolche“ und „Sittlichkeitsverbrecher“. Unter Verwendung von Nazi-Zeitzeugen denunzierteDuswald ehemalige Mauthausen-HĂ€ftlinge als “Landplage” und wird 2011 ĂŒber Österreich hinaus bekannt, weil er sich vehement gegen die Aufnahme eines chinesischstĂ€mmigen Studenten in eine Burschenschaft ausspricht. „Ein Asiat sei „kein Arier““, argumentiert er im erst 2018 eingestellten rechtsextremen Monatsmagazin „Aula“, welches sich als Sprachrohr der „national-freiheitlichen“ Studentenverbindungen Österreichs sieht und dessen Medieninhaber die der FPÖ nahestehende Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher AkademikerverbĂ€nde Österreichs war. Duswald setzt sich nach eigenem Bekunden „fĂŒr historische Wahrheit und gegen verlogenen Schuldkult und einseitige VergangenheitsbewĂ€ltigung zu Lasten des eigenen Volkes 
 und strafbewehrte Denkverbote“ ein. Ein Dorn im Auge ist Duswald die „Holocaust-Zivilreligion“. Mittels angefĂŒhrter zweifelhafter Beweise leugnet er vehement die Existenz von Krematorien und unterstellt mehrfach Zeitzeugen, die davon berichten, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Selbst das Schicksal von Anne Frank verharmlost Duswald dahingehend, dass er sie lediglich als das Opfer einer Typhus-Epidemie darstellt. Die FPÖ unter dem ehemaligen Klubobmann und Ex-Vizekanzler Strache schien solche Aussagen nicht zu stören. Duswald wurde noch nie fĂŒr seine Aussagen gerichtlich belangt.


Kehren wir nach diesem Exkurs von den Söhnen mit rechtsextremen Gedankengut wieder zu ihren VĂ€tern zurĂŒck. 1934, als Fred jun. das Licht der Welt in einer nationalsozialistisch eingestellten Familie erblickt, sitzt sein Vater aufgrund seiner Beteiligung am Juliputsch, gemeinsam mit tausenden Nationalsozialisten im Anlagehalter Wöllersdorf. Aufgrund seiner NSDAP- und SS-Mitgliedschaft verbringt Fred Duswald senior einige Wochen im Lager, in welchem ein frisch verheirateter Ernst Kaltenbrunner einen Hungerstreik organisiert, der in der Entlassung hunderter verhafteter Nazis erfolgreich endet. Wieder zurĂŒck im heimatlichen Kallham trifft Fred Duswald wieder auf seine TurnbrĂŒdern Eybl und Wurm, man kommt zu feuchtfröhlichne Gesinnungstreffen zusammen, fĂ€hrt gemeinsam auf Sommerfrische nach Bad Ischl und frönt der Turnleidenschaft, seitdem der Turnverein Neumarkt 1937 wieder zugelassen wurde und sich eines regen Turnbetriebs erfreut. Ein Auszug aus dem Bescheid des Bundesgerichtshof ĂŒber die Auflösung und Wiederzulassung des Neumarkter Turnvereins gibt darĂŒber Aufschluss:


„Am 18. Juni 1934 hatte die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen an den Sicherheitsdirektor fĂŒr OÖ den Antrag gestellt, den Turnverein in Neumarkt auszulösen, weil die Vereinsmitglieder nationalsozialistischer Gesinnung seien und es nicht von der Hand zu weisen sei, dass der Verein an den blutigen VorfĂ€llen, die sich anlĂ€sslich einer vaterlĂ€ndischen Grenzkundgebung in Braunau am 17. Juni 1934, sowohl am Bahnhof als auch auf dem Marktplatz von Neumarkt abgespielt haben, mitschuldig ist. Damals meldete das Wiener Morgenblatt unter der Überschrift „Greift zur Selbsthilfe“: „Zu einer großen Grenzlandkundgebung in Braunau am Inn, in der Geburtsstadt Adolf Hitlers, versammelten sich heute trotz der intensiven Gegenpropaganda der Nationalsozialisten, viele tausend Menschen. Die Nationalsozialisten hatten Tausende von Flugzetteln verstreuen lassen, die einen Totenkopf mit zwei gekreuzten Totengebeinen trugen und darunter den Text: „BeschĂŒtzet Euer Leben bei der Starhemberg-Kundgebung am 17. Juni und meidet den Kundgebungsplatz.“ Die „Neue Warte am Inn“ berichtet von einem „denkwĂŒrdigem Tag in der Geschichte Braunaus. Das Grenzlandtreffen am Sonntag war eine eindrucksvolle Kundgebung des eisernen Willens der vaterlĂ€ndisch gesinnten Bevölkerung und eine deutliche Antwort auf den schmachvollen Kampf, den das heutige Deutschland und die geflohenen HochverrĂ€ter im Verein mit den Nationalsozialisten in Österreich gegen unser schönes Vaterland fĂŒhren. Der farbenprĂ€chtige Aufmarsch und die jubelnde Begeisterung hat so manchem die Augen geöffnet, um zu sehen, dass Österreichs Volk in seinen weitaus grĂ¶ĂŸten Mehrheit hinter der Regierung steht und dass die „Prahlhansreden“ eines Habicht, eines Frauenfeld, eines Bolek und Proksch usw. eitles GeschwĂ€tz sind. Unserer Nationalsozialisten mĂŒssen sich wohl oder ĂŒbel damit abfinden, dass ihre Hoffnung, Österreich als preußische Kolonie sehen zu können, ein fĂŒr allemal zu begraben ist.“ Trotz dieser gefĂ€hrlichen Drohung verlĂ€uft die Kundgebung und „in voller Ruhe“. „Es war sehr auffallend, dass die radikalen Simbacher Nationalsozialisten und der Chef der „Grenzbeunruhiger“, d. i. der geflohene Kaindl Gustl, diesmal ganz von ihrer einjĂ€hrigen Gepflogenheit, BöllergrĂŒĂŸe oder Ballonbomben ĂŒber den Inn herĂŒberzusenden, Abstand genommen haben.“


TurnbrĂŒder und Bierbrauer


ZurĂŒck zu der beantragten Auflösung des Turnvereins Neumarkt. Dort hatten die Gendarmerieerhebungen ergeben, „dass dem Verein eine parteipolitische BetĂ€tigung nicht nachgewiesen werden kann. Auch die Feststellung, dass fast alle Vereinsmitglieder der NSDAP angehört haben, ist aktenwidrig, da der Gendarmeriebericht von 44 ausĂŒbenden Mitgliedern nur 23 und von 34 unterstĂŒtzenden Mitgliedern nur 6 als Nationalsozialisten bezeichnet. Die Ergebnisse des Ermittlungsverfahrens reichen nicht aus, daher ist der angefochtene Auslösungsbescheid aufzuheben. Der Turnverein Neumarkt wird daher wieder zugelassen.“
Nicht nur als GrĂŒnder und TurnbrĂŒder des, seit 1905 bestehenden Turnvereins, sind Franz Eybl II als Obmann und Fred Duswald senior, als Turnwart, untereinander seit Generationen eng miteinander verbunden. Gemeinsam zeigen sie Interesse an einer weiteren traditionsverbundenen Neumarkter Institution: Der Brauerei. Anfang des 17. Jahrhunderts bestanden in Neumarkt zwei Brauereien, das OberbrĂ€u und das UnterbrĂ€u. Die Neumarkter BĂŒrgerfamilie Schließlberger grĂŒndete 1609 schließlich direkt am Neumarkter Marktplatz das „MitterbrĂ€u“, dass in seinem Wappen einen Ritter fĂŒhrte. 1727 gelangte die Brauerei durch Heirat in den Besitz der Familie Göttner, welche die Geschicke der Brauerei bis ins Jahr 1860 lenkte. WĂ€hrend die ĂŒbrigen Brauerei in Neumarkt in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts schließen mussten, konnte das MitterbrĂ€u expandieren, wenngleich die BesitzverhĂ€ltnisse in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts mehrfach wechselten. Als sich 1905 der damalige Besitzer der Neumarkter Brauerei, Johann Feiks, zur Auswanderung nach Amerika entschließt, scheint auch das Ende des MitterbrĂ€u gekommen zu sein. Die vier Neumarkter August und Franz Duswald, Franz Eybl und Hermann Kislinger tun sich jedoch zusammen, retten den Betrieb und taufen die BraustĂ€tte in „BĂŒrgerliche Brauerei Neumarkt“ um.

Grosskaufmann aus Neumarkt, Franz Eybl


Am 27.2.1934 stirbt AltbĂŒrgermeister Franz Eybl II., Direktionsmitglied der Sparkasse Grieskirchen, VizeprĂ€sident der Lokalbahn Neumarkt-Weizenkirchen-Peuerbach, GrĂŒnder und Ehrenobmann des Turnverein Neumarkts uvm. mit noch jungen 67 Jahren. Unter großer Anteilnahme erweisen die BĂŒrger von Neumarkt dem angesehenen Grosskaufmann die letzte Ehre. Sein Sohn Franz Eybl III. folgt ihm, den Statuten entsprechend, als neues Mitglied als Vorstandsmitglied im Verein der Sparkasse Grieskirchen nach und wird auch zum Obmann des Turnvereins gewĂ€hlt, dem er bis 1945 vorsteht. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl Eybl tritt er auch in der beim Volk beliebten „BĂŒrgerlichen Brauerei“ die Nachfolge seines verstorbenen Vaters an. Nach dem auch von vielen Bier- und TurnbrĂŒdern herbeigewĂŒnschten „Tag des Anschlusses an das Deutsche Reich“, ĂŒbernimmt im Juli 1938 Fred Duswald von Fritz Reinthaller den Posten des NS-BĂŒrgermeisters von Kallham, welchen er schon im Oktober an seinen Freund, den Lederfabrikanten und Mitglied des Sparkassenverein Grieskirchens, Gustav Wurm jun. weitergibt. Dessen Vater wiederum, Gustav Wurm d. Ä. wird als „Privater“ im Verwaltungsausschuss der Sparkasse Grieskirchen gefĂŒhrt. Die Mitgliederliste des Sparkassenverein Grieskirchen vom 31.12.1943 weist neben ihm auch den Großkaufmann Franz Eybl als Vorstandsmitglied, den Schlossermeister Ferdinand Raab und Gustav Wurm jun. als einfache Mitglieder aus Neumarkt aus.


Der Turnbetrieb des Neumarkter Turnvereins geht nur mehr bis 1944 weiter, da, obwohl der Turnplatz 1928 vom Verein rechtmĂ€ssig erworben wurde, er in Folge der drohenden Vereinsauslösung 1934 noch vorher schnell verkauft worden war. Dies erfolgte im Juni 1933 an die drei „rechtschaffenen TurnbrĂŒder Karl Eybl, Gustav Wurm und Karl Duswald. Nach 10 Jahren schenken die TurnbrĂŒder den Turnplatz wieder dem Turnverein, was im Schenkungsvertrag vom 31.10.1944 notariell durchgefĂŒhrt wird. 1944 wird der Turnbetrieb gĂ€nzlich eingestellt, 1945 der Turnverein Neumarkt aufgelöst.


Vater und Sohn Wurm


Gustav Wurm junior, bleibt bis 1945 Nazi BĂŒrgermeister von Neumark und wird aufgrund der automatischen Arrestbestimmungen am 28. August von den Amerikanern verhaftet und gemeinsam mit seinem Bruder Walter, der PrĂ€sident der Gauwirtschaftskammer war, in das Entnazifizierungslager Marcus W. Orr in Glasenbach gebracht. Die Alliierten bescheinigen seinem Vater, Gustav Wurm d. Ä., kein Nazi gewesen zu sein.


WĂ€hrend Franz Eybl III. den Rang eines NSDAP Propagandaleiters bekleidete, war sein Bruder Karl einfaches Mitglied der NSDAP. Die BrĂŒder Eybl werden nach der Befreiung Österreichs ebenfalls am 30.5.1945 verhaftet und ins Lager Glasenbach gebracht, wo sie auf zahlreiche festgenommene Mitglieder des Sparkassenverein Grieskirchen treffen: Reiter, Peyrer, Wurm, Doppelbauer, Matzinger, Mittermayr, Raab und Leitner sitzen dort zur „Entnazifizierung“ und „LĂ€uterung“ ein. Die Brauerei der Neumarkter Freunde wird unter öffentliche Zwangsverwaltung gestellt. Monate spĂ€ter werden die drei Neumarkter Freunde, mehr oder weniger entnazifiziert und eines besseren belehrt, aus dem Lager entlassen und widmen sich ihren Unternehmen, welche Neumarkt bis in die 1980er Jahre wirtschaftlich so stark prĂ€gen, dass sogar ein Teil des Ortes, die sogenannte Wurmsiedlung, welche extra fĂŒr die Arbeiterschaft der Lederfabrik Wurm errichtet worden war, den Namen des GrĂŒnders trĂ€gt.


NS-BauernfĂŒhrer Alois Dornetshuber


Mit Ende des Jahres 1943 findet ein weiterer bekannter Name auf der Liste der Verwaltungsmitglieder der Sparkasse Grieskirchen. Neben Kommerzialrat Karl Seiberl und Großkaufmann Franz Eybl aus Neumarkt i. H, ist das dritte Vorstandsmitglied ein Schallerbacher, der einen kometenhaften Aufstieg im Gau Oberdonau hinter und einen spektakulĂ€ren Sturz noch vor sich hat: Alois Dornetshuber


Schon als 15-jĂ€hriger tritt der, in Mauerkirchen geborene, in die Ortsgruppe Steyr der damaligen nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterjugend Österreichs ein, wird bereits mit 19 Jahren Obmann der HJ Linz und steigt in weiterer Folge ab 1929 zum KreisfĂŒhrer der HJ Linz auf. Nur ein Jahr spĂ€ter wird er zum GaujugendfĂŒhrer von Oberösterreich bestellt. Am 15. Mai 1928 tritt er als 20-jĂ€hriger der NSDAP bei und erhĂ€lt die Ă€ußerst niedrige Mitgliedsnummer 83.498. 1932 grĂŒndet Dornetshuber die Ortsgruppe der NSDAP Bad Schallerbach, wird deren OrtsgruppenfĂŒhrer und behĂ€lt diesen Posten ohne Unterbrechung bis zum April 1938. Gauleiter August Eigruber, mit dem ihm eine innige Freundschaft verbindet, ĂŒbertrĂ€gt ihm nach dem Umbruch im MĂ€rz 1938 die Funktion eines Kreiswahlleiters und macht ihn zum kommissarischer Kreisleiter der NSDAP Grieskirchen. Alois Dornetshuber ist ein fanatischer „Alter KĂ€mpfer“ und glĂŒhender AnhĂ€nger des Hitler-Regimes, welches ihm am 16.6.1940 das goldene Ehrenzeichen der NSDAP verleiht. Er verhilft seiner Bad Schallerbacher Nachbarin Maria Schicho zur Stelle einer Gaufrauenschaftsleiterin.

1943 steigt Dornetshuber als Nachfolger von Ing. Reinthaller zum LandesbauernfĂŒhrer der selbstĂ€ndig gewordenen Landesbauernschaft Oberdonau auf und scheint im Verwaltungskörper der Sparkasse Grieskirchen als langjĂ€hriges Vorstandsmitglied in voller Titelglorie als „Oberbereichsleiter der NSDAP, LandesbauernfĂŒhrer von Oberdonau, Bad Schallerbach“ auf. Mit dem Hochmut kommt auch sein Fall, der fĂŒr Dornetshuber erst mit dem Zusammenbruch des Nazi Regimes einsetzt. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ berichten am 24.8.1945: „Der frĂŒhere LandesbauernfĂŒhrer Alois Dornetshuber wurde gestern in der NĂ€he von Enns in den Donauauen tot aufgefunden. Wie aus einem bei ihm vorgefundenen Brief hervorgeht, hat er sich vor zehn Tagen vergiftet. Er hatte sich unter dem beigelegten Namen Huber bis dahin verborgen gehalten. Dornetshuber, gelernter Elektriker, hatte nach Aufhebung des Stiftes KremsmĂŒnster den Pfarrhof Buchkirchen bei Wels erworben, um als „Bauer“ leichter LandesbauernfĂŒhrer sein zu können. Dornetshuber war einer der intimsten Freunde Eigrubers und diesem in Fanatismus und BrutalitĂ€t wesensgleich. Auf ihrer gemeinsamen Flucht am 4. Mai 1945 rief Dornetshuber seine Gattin in Schallerbach telephonisch an und erklĂ€rte ihr: „Du weißt, was du jetzt zu tun hast!“ Tags darauf fand man sie mit ihren Kindern und ihrer Mutter vergiftet auf. Die zwei Frauen und zwei Kinder waren tot, zwei Kinder konnten gerettet werden.“


Der denunzierende Gerber


Als Verwaltungsausschuss-Vorsitzender der Sparkasse zĂ€hlt auch der Gerbereibesitzer Friedrich Leeb zu den „ehrwĂŒrdigen Herren“ der Stadt Grieskirchen. Die „Amtliche Linzer Zeitung“ vom 8. November 1946 weiß mehr ĂŒber den Gerbermeister zu berichten: „Das Landesgericht Linz als Volksgericht hat ĂŒber die von der Staatsanwaltschaft Linz gegen Friedrich Leeb, geboren am 13.9.1906 in Kematen bei Wels, zustĂ€ndig nach Grieskirchen wegen § 7 KVG und §58 StG, in der Fassung der §§10 und 11 Verbotsgesetz am 6.9.1946 Anklage erhoben.“ Der Richterspruch besagte, dass der Angeklagte Friedrich Leeb schuldig ist, er habe in Grieskirchen— Punkt 1: In der Zeit zwischen dem 1.7.1933 und dem 13.3.1938 der NSDAP und einer ihrer WehrverbĂ€nde, nĂ€mlich der SA angehört und sei als Illegaler in der SA als SturmfĂŒhrer tĂ€tig gewesen. Er habe eine Handlung aus besonders verwerflicher Gesinnung, nĂ€mlich die unter Punkt 2 bezeichnete Denunziation begangen und sei TrĂ€ger der Ostmarkmedaille, sowie der zehnjĂ€hrigen Dienstauszeichnung gewesen. Punkt 2: Zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in AusnĂŒtzung der durch die geschaffenen Lage zur UnterstĂŒtzung dieser Gewaltherrschaft die Anna R. durch Denunziation bewusst geschĂ€digt. Er habe hierdurch, und zwar zu Punk 1 das Verbrechen des Hochverrats und zu Punkt 2 das Verbrechen der Denunziation begangen und wird zu 2 Jahren schweren Kerker verschĂ€rft durch ein hartes Lager vierteljĂ€hrlich, zur Zahlung von 300 S als EntschĂ€digungsansprĂŒche und gemĂ€ĂŸ § 389 zum Ersatze der Kosten des Strafverfahrens und Vollzuges verurteilt.“


Nach dem Krieg kauft die Sparkasse Grieskirchen dem „denunzierenden Gerber“ das GrundstĂŒck mit der heutigen Adresse Rossmarkt 35 ab. UrsprĂŒnglich war auf der Roßmarktseite ein Kaffeehaus, wĂ€hrend das GebĂ€ude an der Trattnach-Seite die WerkstĂ€tten der Rotgerberei Leeb beherbergte. Dort errichtete das ehrwĂŒrdige Sparkasseninstitut auf dem GelĂ€nde der alten Gerberei Leeb 1964 ihr neuerbautes GebĂ€ude in dem sie auch heute noch beheimatet ist.


ViehhÀndler Martin Matzinger


Martin Matzinger, ViehhĂ€ndler in Grieskirchen, seit 1929 Mitglied der „Großdeutschen Partei“, sitzt 1943 neben dem Fleischermeister Hans Higelsberger, dem Kaufmann Ing. Felix Mairinger, Oberlehrer Alfons Zehetmayr und dem bereits erwĂ€hnten Gustav Wurm d. Ä. im Verwaltungsausschuss der Sparkasse Grieskirchen. Sein Sohn, Josef Matzinger, ist Rechtsanwaltspraktikant und SS-Mann und wird im Mai 1945 in Haft genommen. Auch der Sohn des Vereinsmitglieds der Sparkasse, Oberlehrer i. R. Josef Berger, wird am 18.6.1945 als Kreisamtsleiter des RLB von alliierten Truppen gefangengenommen.


Stadtarzt Dr. Julius Leitner


Dr. Julius Leitner ist nach dem Ausschluss jĂŒdischer Ärzte Stadtarzt in Grieskirchen und 1943 einfaches Sparkassen Vereinsmitglied. Er wurde am 7.2.1896 in Komorn geboren und ist seit dem 29.1.1927 als Zahnarzt in Grieskirchen tĂ€tig, wurde am 18.5.1945 verhaftet und ins Lager Glasenbach gesteckt.


Ortsgruppenleiter und Schlossermeister Raab


Mit Ferdinand Raab findet sich ein Schlossermeister aus Neumarkt auf der Liste der Vereinsmitglieder der Sparkasse Grieskirchen. Der Sohn des schon frĂŒh, im 48. Lebensjahr verstorbenen BĂŒrgermeisters, turnt mit Turnbruder Wurm und Eybl im „Deutschen Turnverein Neumarkt“, wird unter den Nazis zum Ortsgruppenleiter der NSDAP ernannt und folgt am 7. Dezember 1945 den, bereits seit Monaten im Lager Glasenbach schmorenden Kollegen der Sparkasse, nach.


Kriegsverbrecher SS-ObergruppenfĂŒhrer Ernst Kaltenbrunner


Wenden wir uns zum Abschluss dieser detaillierten Betrachtung der Geschichte der Sparkasse Grieskirchen und biographischen Notizen zu einzelnen Sparkassenmitglieder nun einem einfachen Mitglied des Grieskirchner Sparkassenvereins zu, dessen Name in die GeschichtsbĂŒcher einging und als ein Synonym des Holocausts, der barbarischen Vernichtung Millonen unschuldiger Menschen, steht: Dr. Ernst Kaltenbrunner.


Als Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) ist er Herr ĂŒber Leben und Tod. Befehle zur Ermordung von Kriegsgefangenen oder zur ZufĂŒhrung einer „Sonderbehandlung“, dem Abschlachten Unschuldiger, tragen seine Unterschrift; unter seiner Aufsicht und in seiner Verantwortung stehen die Konzentrationslager des Reiches. Alfred Eichmann, den er schon von seiner Schulzeit am Realgymnasium in Linz kennt und dessen VĂ€ter gut miteinander befreundet gewesen waren, trifft er im April 1932 anlĂ€sslich einer Massenveranstaltung der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ im MĂŒnchner MĂ€rzenkeller wieder und ĂŒberredet ihn zuerst in die NSDAP und spĂ€ter in die SS einzutreten. Ein paar Jahre spĂ€ter holt Kaltenbrunner sich seinen SchĂŒtzling ins RSHA, behandelt ihn gönnerhaft, weil er sich ihm geistig, körperlich und gesellschaftlich ĂŒberlegen fĂŒhlt. Da Eichmann jedoch kritiklos Befehlen gehorcht, ohne auch nur nachzufragen, wird er schnell Leiter des „Judenreferats IV-B-4“, ein unbarmherziger Vernichtungsbeamter, der die von Kaltenbrunner unterschriebenen Deportationsbefehle fĂŒr die besetzten Gebiete mit so großer Effizient und PrĂ€zision ausfĂŒhrt und VernichtungszĂŒge in die Konzentrationslager perfekt organisiert, dass ihm dies den Namen „Fahrdienstleiter des Todes“ einbringt.


Aufstieg und Fall


Zeit seines Lebens vergisst der, in Ried im Innkreis geborene, Ernst Kaltenbrunner niemals seine heimatlichen Wurzeln und pflegt selbst zu einer Zeit, als er schon lĂ€ngst in den Olymp der SS-Hierarchie aufgestiegen war und im fernen Berlin wohnt, die auf seinen Großvater, den Rechtsanwalt Dr. Karl Kaltenbrunner, zurĂŒckgehenden persönlichen Kontakte zu angesehenen Grieskirchnern und nachmaligen NSDAP-ReprĂ€sentanten der Stadt. Am 16. August 1940 berichtet das „Welser Heimatblatt“ ĂŒber die „einflußreiche Persönlichkeit des Höheren SS-FĂŒhrers, SS-GruppenfĂŒhrers Dr. Kaltenbrunner“, der „die Mitgliedschaft bei der Sparkasse als ein Nachfahre der verdienstvollen GrĂŒnder“ ĂŒbernommen hat. Man spart nicht mit lobenden Worten: „Ein sinnfĂ€lliger Ausdruck der traditionellen Verbundenheit“ des Instituts „mit den Familien ihrer GrĂŒnder“ und rĂŒhmt „das lebhafte Interesse, das Dr. Kaltenbrunner durch seine wertvolle Mitarbeit“ bekunde. Am 31.12.1943 scheint Dr. Ernst Kaltenbrunner als „SS-ObergruppenfĂŒhrer, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Berlin“ auf der Liste der Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen auf. FĂŒr den zwischen Linz, Berlin und Wien wohnhaften prominenten Nazibonzen haben die „neuen Satzungen“ des Reichsstatthalters von Oberdonau, welche besagen, dass ein Vereinsmitglied seinen Wohnsitz im Kreis Grieskirchen haben muss, keine Relevanz. Seitens der Sparkasse Grieskirchen schmĂŒckt man sich mit dem Namen eines hochrangigen Vertreter des NS-Systems, der nach dem Stauffenberg Attentat vom 20. Juli 1944 einen direkten persönlichen Kontakt zu Hitler besitzt.


Doch nicht mehr allzu lange sollte es mehr dauern, bis das Monstrum der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in sich zusammenstĂŒrzt und sich Hitler am 30. April 1945 im FĂŒhrerbunker in Berlin mit einer Kugel aus seiner Verantwortung stiehlt. Drei Tage zuvor, am 27. April erteilt Kaltenbrunner noch dem Kommandanten des KZ Mauthausen Ziereis den Befehl, tĂ€glich mindestens eintausend Gefangene in Mauthausen umzubringen und flieht, nach einem Kurzbesuch in Eferding, am 1. Mai 1945 in die „Alpenfestung“ nach Altsaussee. In einer HĂŒtte auf der Blaa-Alm findet am 5. Mai sein frĂŒherer guter Freund aus besseren Linzer Tagen und Untergebener, Adolf Eichmann, Kaltenbrunner, mit Schihose und Schischuhen bekleidet, cognactrinkend beim Solitaire Spiel. Kaltenbrunner, der vorgezogen hĂ€tte, Eichmanns Gesellschaft zu vermeiden, erklĂ€rt ihm, dass er fĂŒr ihn, sowie vermutlich fĂŒr sich selbst „keine Chance mehr“ sehe. Er schickt ihn mit den Worten: „Es ist alles eine Menge Mist. Das Spiel ist aus!“ und dem sinnlosen Befehl zur Aufstellung einer „Wehrwolf“-Einheit wieder weg. Er selbst lĂ€sst sich und drei SS-Offiziere, unter ihnen sein Adjutant SS-ObersturmbannfĂŒhrer Arthur Scheidler, von den beiden JĂ€gern Fritz Moser und Sebastian Raudaschl zur Wildensee-HĂŒtte ins Toten Gebirge fĂŒhren, wo er am 12. Mai von Angehörigen der US-Armee unter der Leitung von Robert E. Matteson verhaftet wird. Neben falschen Papieren, welche ihn als Wehrmachtsarzt Josef Unterwogen ausweisen, französischem Champagner, Schokolade-Bonbonnieren und einer großen Menge an gefĂ€lschten amerikanischen und britischen Banknoten, finden die Amerikaner in der Aschenlade der Holzheizung den Rest seines Ausweises und die Erkennungsmarke Kaltenbrunners. Sein grausames Spiel ist nun endgĂŒltig aus und vorbei.


Nach seiner Verhaftung und einem ersten Verhör in London wird Kaltenbrunner gestattet, einen Brief an seine Frau zu schreiben. Wohlwissend, dass der Inhalt mitgelesen wird, klagt er in apologetisch-weinerlichem Tonfall darĂŒber, dass er sich nicht nur seiner Freiheit beraubt sieht, sondern auch, bis auf den Wert seiner kleinen Briefmarkensammlung, vollkommen mittellos sei.


Ein paar Monate spĂ€ter findet er sich in der Gesellschaft von 22 Kriegsverbrechern, darunter Bestien wie Hermann Göring, dem „SchlĂ€chter von Polen“ Hans Frank, dem Judenhasser Streicher und anderen hochrangigen Nazis auf der Anklagebank in NĂŒrnberg, wo ihm barbarische Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden. Von Reue keine Spur und Verantwortung fĂŒr das Leid und den Tod von Millionen Opfern lehnt er kategorisch ab! Nichts habe er ĂŒber das Dahinsiechen und Sterben in den Konzentrationslagern gewusst, die auch nicht in seinen Verantwortungsbereich fielen, argumentiert er. Befehle ĂŒber die „Sonderbehandlung“ jĂŒdischer Menschen oder von Kriegsgefangenen habe er niemals unterzeichnet. Selbst als ihm die Anklagevertretung hunderte von persönlich unterschriebenen Dokumenten und Befehlen vorlegt, leugnet er hartnĂ€ckig, diese unterzeichnet zu haben. „Der Mann ohne Unterschrift“ wird wegen seiner feigen und menschenverachtenden LĂŒgen sogar von seinen Mitangeklagten abgrundtief verachtet. FĂŒr ihn ist alles im Grunde genommen nur mehr ein Spiel, dass es bestmöglich zu spielen gilt und von welchem er weiß, dass er es am Ende verlieren wird. In den langen Tagen und NĂ€chten, in denen er auf seine Hinrichtung wartet, fĂ€ngt er im Geheimen an, einen Brief an seine Kinder zu schreiben, der mehr als nur Abschiedsworte an seine Familie enthĂ€lt. Den eigenen Tod vor Augen flieht er in die Traumbilder eines deutschrassigen Idealbildes aus Kindertagen, schreibt 40 Seiten lang völkisch-national verklĂ€rte Erinnerungen an die Zeit seines Heranwachsen in der oberösterreichischen Heimat, einer bĂ€uerlichen, perfekten Welt zwischen Grieskirchen, Raab und Eferding. Dieser, in einem BH einer Besucherin aus dem NĂŒrnberger GefĂ€ngnis geschmuggelte Brief, ist sein VermĂ€chtnis fĂŒr die Nachwelt, in der Kaltenbrunner den Geist seiner heimatliebenden, seiner deutschen Weltanschauung ein letztes Mal beschwört, um ihn fĂŒr die kommenden und, so hofft er, deutsch-identitĂ€ren Generationen zu bewahren.
Seinem Sohn rĂ€t sein Vater, „unsere oberösterreichische Mundart“ zu lernen, weil diese sich wie „keine andere deutsche Mundart so rein erhalten hat“ – rein, wie die autochthonen Sprachgebraucher ihren „Stamm“ sehen. Seine „heimatlichen ZwiegesĂ€nge“ mit dem „aus Peuerbach“ stammenden Wirt des Bierlokals seiner Studentenverbindung „Arminia“ behĂ€lt er selbst in seinem Todesjahr als „Höhepunkt“ im GedĂ€chtnis.


Traditionelle Verbunden mit der Sparkasse Grieskirchen


Seitenlang beschwört er die traditionelle Verbundenheit seiner Familie mit der geliebten oberösterreichischen Heimat und schreibt: „Mein Großvater war der Rechtsanwalt Dr. Karl Kaltenbrunner in Grieskirchen, bekannt durch die GrĂŒndung der ersten großen bĂŒrgerlich-bĂ€uerlichen Sparkasse in dieser Landstadt Oberösterreichs
 [Er] kam als Rechtsanwalt im Jahre 1868 nach Eferding, war dort öfters, insgesamt mehr als 20 Jahre BĂŒrgermeister dieser alten, mir immer so lieben Stadt. Er wurde 1830 in Enns geboren und starb im Mai 1910 in Eferding.“ Seinem Sohn schildert er sein Anrecht auf einen Sitz in der örtlichen Sparkasse: „Dein Urgroßvater begann seine Rechtsanwaltslaufbahn in Grieskirchen, wo er mit anderen BĂŒrgern die dortige Sparkasse grĂŒndete, ein angesehenes, vorbildliches Institut des bĂ€uerlichen Oberösterreichs. Die Statuten bestimmen, dass jeweils der Erstgeborene mĂ€nnliche Nachkomme der GrĂŒndungsmitglieder zum Vorstand der Sparkasse gehöre, weshalb mein Vater und ich spĂ€ter oft zu den Sitzungen nach Grieskirchen fuhren. Es bot sich dabei immer ein Einblick ins gesunde volkswirtschaftliche Leben, ein Berufszweig, der mir immer nĂ€her stand als der Juristische. Du hĂ€ttest ein Anrecht, diese Funktion nach mir anzutreten, erst recht, wenn Du ein Bauer dieser Gegend geworden wĂ€rst. Mir tat es leid, dass Krieg und schwere Aufgaben mich davon abhielten, diese Heimatwurzel mehr zu pflegen.“


Wer aber vermeint, dass die Beziehung Ernst Kaltenbrunners mit der Sparkasse Grieskirchen zwischen 1940 und 1945 sich auf eine bloß reprĂ€sentative beschrĂ€nkt, in dem Sinn, dass sich ein kleines, traditionsbewusstes lĂ€ndliches Institut mit einem bedeutenden Namen aus den SphĂ€ren der NS-Prominenz schmĂŒcken will, irrt und verkennt die QualitĂ€t der, ĂŒber Generationen gewachsenen Verbindungen zwischen Kaltenbrunner und einigen Grieskirchner Honoratioren. So trĂ€gt er seinem Sohn auf: „GrĂŒĂŸe die Herren von mir, namentlich den Rechtsanwalt Dr. Peyrer, der schon mit meinem Vater befreundet war“.


Nicht nur seitens seines Großvaters und des 1875 in Grieskirchen geborenen Vaters, Dr. jur Hugo Kaltenbrunner, ist er mit der ehrwĂŒrdigen Institution der Sparkasse verbunden. In seinem Abschiedsbrief erinnert er sich, dass seine Großmutter „Frau Marie Kaltenbrunner, eine geb. Augustin [seines] Wissens eine geborene Rosenauer gewesen [ist], sodass solcher Art mit den angesehenen Linzer BĂŒrger und Kaufmannsleuten Rosenauer blutsverwandt sind. Diese Rosenauer haben als alte EisenhĂ€ndler und Schiffersleute Handels- und wahrscheinlich auch Familienbeziehungen zur Sensenschmiedefamilie Zeitlinger gehabt. Die Zeitlinger sind durch Heirat in den Besitz der Kaltenbrunner-Schmiede in Micheldorf an der Krems gekommen, woher wir Kaltenbrunner alle abstammen.“ In der Festschrift der Sparkasse Linz, welches dieses Jahr ihr 170-jĂ€hriges JubilĂ€um feiert, wird ĂŒber den Sensenfabrikanten und Industriepionier Caspar Zeitlinger berichtet: „Eine Gruppe der GrĂŒndungsmitglieder wurde spĂ€ter als die „Fugger von Linz“ bezeichnet, angelehnt an den Namen des höchst erfolgreichen schwĂ€bischen Kaufmannsgeschlechts. Dazu zĂ€hlte man Josef Dierzer von Traunthal, Anton Georg Pummerer, Ignaz Mayer, Franz Honauer, Johann Grillmayr, Caspar Zeitlinger sowie Ignaz Karl Figuly. Letzterer war der erste „SekretĂ€r“ der Handels- und Gewerbekammer und als Einziger der illustren Schar kein GrĂŒndungsmitglied der Sparkasse.

Pandeutsch
Deutschvölkisch
Nationalsozialistisch


Dem aufmerksamen Leser, welcher den langwierigen AusfĂŒhrungen der Verbundenheit ausgewĂ€hlter Honoratioren des Landls mit den historischen, alt-österreichischen Wurzeln des Nationalsozialismus, bis hierher gefolgt ist, wird die Ähnlichkeit der „pandeutschen“, „deutschvölkischen“ und spĂ€ter „nationalsozialistischen“ Denkweise am Anschauungsbeispiel einiger Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen ins Auge springen. Das in Burschenschaften, Turn- und Verschönerungsvereinen oder SĂŒdmark-Ortsgruppen und Deutschen Schulvereinen gepflegte „verschwommene, völkisch-deutschnationale, arisch-rassentĂŒmelnde, antimarxistische, [
] autoritĂ€re und xenophobe Gedankengut, aus dessen Dunstkreis sich die nationalsozialistischen VorlĂ€ufer vom Schlage Schönerers und Karl Luegers erhoben“ hatten, wurde in den meisten FĂ€llen vom Vater auf den Sohn weitergegeben. So verbindet die honorigen „deutschen“ Herren unserer Heimat ein „völkischer Nationalismus“, der um die Jahrhundertwende „den fruchtbarsten Boden in den [
] LĂ€ndern“ fand, „in welchen sich das Zu-kurz-gekommen-sein in der neuen territorialen Expansion mit dem Unvermögen zum Nationalstaat verband, also [auch] in Österreich-Ungarn.[
] schrankenloses SchwĂ€rmen fĂŒr „Volksgemeinschaften“ ist keine Erfindung oder originelle Neuschöpfung des Nationalsozialismus. Das antislawische, antisemitische und alldeutsche „ideologische Fundament“ eines Ernst Kaltenbrunner war frĂŒh und wohl zu einem wesentlichen Teil in der oberösterreichischen Provinz gelegt worden. Um das politische Denken und die Gesinnung eines nationalsozialistischen Extremisten eines Ernst Kaltenbrunners auch nur annĂ€hernd und doch nur unvollstĂ€ndig verstehen zu können, darf die biographische Bedeutung und lebenslange Wirkung dieses „völkischen Nationalismus“ und die „österreichische Spielart pangermanistischer “PrĂ€gung durch sein Elternhaus nicht unterschĂ€tzt werden. Als am 5. September 1938 Ernst Kaltenbrunners Vater im Alter von 63 Jahren verstirbt, wird er in gleichgeschalteten Zeitungen als „eine sehr bekannte und geachtete Persönlichkeit“ geehrt, „welche bei der Verfolgung seines Sohnes in der Systemzeit viel mitzuleiden gehabt hatte“ und mit dessen Ableben „ein unbeugsamer nationaler VorkĂ€mpfer aus dem Leben geschieden ist.“


Eine „geldwerte Verbindung“


Doch zurĂŒck zu seinem Sohn, dem jur. Dr. Ernst Kaltenbrunner, der auf den freigewordenen Sparkassen-Vereinsmitglied Sessel aufrĂŒckt und nicht nur eine vereinsmĂ€ĂŸige Beziehung zur Sparkasse Grieskirchen pflegt, sondern ĂŒber dies hinaus, auch eine „geldwertige“ Verbindung zu dem traditionsverhafteten Institut pflegt. Obwohl er in seinen „Memoiren“ beteuert „seine Stellung niemals zu materiellem Vorteil missbraucht“ zu haben, verbanden ihn „kurz vor und nach dem Ende des III. Reiches immerhin 68.753,99 Reichsmark mit der Stadt Grieskirchen, oder, um genau zu sein, der dortigen Sparkasse.“


Der SchlĂŒĂŸlberger Mag. Martin Demelmair recherchierte die Fakten dazu ausfĂŒhrlich und schreibt: „Der erst wenige Monate zuvor von der MilitĂ€rregierung ernannte Bezirkshauptmann Dr. Hofer hatte im August 1945 als StaatskommissĂ€r an einer Sitzung der Sparkasse Grieskirchen teilgenommen und dabei zu seinem Erstaunen und Entsetzen feststellen mĂŒssen, dass „der GĂŒnstling Heinrich Himmlers“ und „Edelgermane der Ostmark“ auf einem Konto den Betrag von „RM 68.753,99 liegen hatte – bis zu diesem Zeitpunkt noch dazu mit dem Vorzugszinssatz von „3 Âœ statt [
] 2 Âœ %“. Der CIC mochte Kaltenbrunner schon im Mai 1945 als mutmaßlichen Kriegsverbrecher bei Bad Aussee festgenommen haben, in Grieskirchen sollte es aber noch beinahe bis in den Herbst dauern und des entschiedenen Einschreitens eines antinazistischen Bezirkshauptmanns bedĂŒrfen, bis endlich „die Sperre dieses Kontos vorgenommen und die Abbuchung der zuviel bezogenen Zinsen veranlasst“ wurde. Mit den von Ernst Kaltenbrunner in (Ober-)Österreich hinterlassenen Vermögenswerten hatten sich Justiz und Verwaltung in (Ober-)Österreich jedenfalls noch einige Jahre zu beschĂ€ftigen. Die Welser Zeitung meldet Ende 1948: „Das Landesgericht Wien verlautbarte jetzt die Beschlagnahme des Vermögens des Dr. Ernst Kaltenbrunner, der bekanntlich eine der fĂŒhrenden SS-Persönlichkeiten war und im großen NĂŒrnberger Prozeß zum Tode verurteilt und dort auch hingerichtet worden war. Auf Kaltenbrunners Schuldkonto ist so u.a. auch die gleich beim Umbruch im Jahr 1938 erfolgte Ermordung des damaligen Linzer Polizeidirektors zu setzen. Mit der DurchfĂŒhrung der Vermögensbeschlagnahme wurde die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen betraut.“


Die EFKO in Eferding


Neben dem oben erwĂ€hnten Betrag soll Kaltenbrunner auch bei der mittlerweile dunkelbraun umgefĂ€rbten „Bast in Eferding“ eine „Einlage von RM 50.000,-“ besessen haben. Eine Aufstellung der Verbindlichkeiten der, heute besser unter dem Namen EFKO bekannten, Vertriebsgenossenschaft weist noch 1950 den langfristigen Schuldposten „Dr. Ernst Kaltenbrunner“ mit einer Verbindlichkeit ĂŒber 56.375 Schilling auf.


In seinen „Memoiren“, dem Abschiedsbrief an seine Kinder, schreibt er ĂŒber einen Grundbesitz in Eferding und erinnert sich an seinen Freund, den NS-BĂŒrgermeister und Vorsitzenden des Sparkassenausschusses Eferding, Hugo von Wanivenhausen. „Der Acker war seit vielen Jahren an einen Kleinbauern, dessen GĂŒtl an der Straße nach Brandstatt linker Hand liegt, verpachtet. Den Pachtzins hat er auf ein Sparbuch in Eferding einzuzahlen gehabt, das nĂ€here wĂŒsste der ehemalige BĂŒrgermeister aus Eferding, Hugo v. Wanivenhaus, der fĂŒr mich alles besorgte. Meiner SchĂ€tzung nach mĂŒssten dort heute an die 2500 RM liegen. Wahrscheinlich sind auch sie ein Opfer der Verfolgung geworden.“


Der Schatz des Ernst Kaltenbrunner


Viel wurde ĂŒber den, ins mythenhafte ĂŒberzeichnete und des angeblich auf den Grund des „MĂŒlleimer des Dritten Reiches“, des Toplitzsees, versenkten „Kaltenbrunner-Schatz“ geschrieben, gefunden wurde von dem „Fluchtgeld“ und dem Gold, das er sich auf die Seite geschafft hatte, freilich nur wenig. Neben seiner, von Dr. Hofer entdeckten Einlage auf der Sparkasse Grieskirchen, welche dieser als eine „ungeheure“ Bereicherung bezeichnete, stießen amerikanische Truppen im Salatbeet der, vom letzen Kommandanten der geflĂŒchteten SS-SD Ernst Kaltenbrunner, am Weihnachtstag 1944 angemieteten „Villa Kerry“ in Aussee auf ein paar Kisten. Diese enthielten 76 kg Gold, 10.000 GoldstĂŒcke, 15.000 Dollar und 8.000 Schweizer Franken. Im Jahr 1948 findet der JĂ€ger Herbert Köberl unter dem Fußboden der WildenseehĂŒtte 200.000 Reichsmark. Ein urlaubender Taucher entdeckt im September 2001 im Schlamm des Altausseer Sees das Dienstsiegel Kaltenbrunners. WĂ€hrend der Rest von Kaltenbrunners legendĂ€ren Schatz fĂŒr immer verschwunden blieb, erfreuten sich einige Altausseer eines plötzlichen, scheinbar unerklĂ€rbaren Reichtums. Man schweigt sich bis heute in gegenseitigem Einvernehmen darĂŒber aus. Ernst Kaltenbrunner wird am 16. Oktober 1945 in der Turnhalle des Justizpalastes NĂŒrnberg gehĂ€ngt.

Author: freakingcat
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