Grausige Entdeckung bei Grieskirchen

GRIESKIRCHEN. Ein Streckengeher der Bahn machte zwischen dem Bahnhof Grieskirchen und der Haltestelle SchlĂŒĂŸlberg eine furchtbaren Fund, als er neben den Gleisen die unbekleideten Leichen von 21 Personen entdeckte. Er verstĂ€ndigte die örtliche Gendarmerie, welche umgehend veranlasste, dass die Toten eingesammelt und zum Friedhof nach Grieskirchen gebracht werden, wo sie unter Bewachung und Ausschluss der Öffentlichkeit, noch am selben Tag, in einem nicht nĂ€her bezeichneten Massengrab verscharrt wurden.

So wĂŒrde die Nachrichtenmeldung lauten, welche wir in der Zeitung, online im Internet oder auf Facebook lesen wĂŒrden, falls dieses grauenhafte Ereignis heute stattgefunden hĂ€tte und nicht, als es tatsĂ€chlich geschehen ist, vor ĂŒber 70 Jahren, am 26. JĂ€nner 1945.

Damals musste man darĂŒber schweigen. Damals durfte darĂŒber nicht berichtet werden. Ist ein Ereignis gesellschaftlich nicht erwĂŒnscht, fĂ€llt es dem Totschweigen anheim. Das Ereignis hat dann scheinbar nicht stattgefunden, der Schein sichert das Sein.

WĂ€re es nicht wegen der beherzten Initiative einer Grieskirchner Seniorin, deren Vater Augenzeuge des entsetzlichen Leichenfundes wurde, dann wĂ€re dieses Ereignis fĂŒr immer im Schatten der Zeit versunken. Niemand in Grieskirchen wĂŒrde den 21 unschuldigen Menschen gedenken, die Opfer des schlimmsten Verbrechens wurden, zu dem Menschen je fĂ€hig waren. Ihr tragisches Schicksal, ihr unsĂ€gliches Leiden und ihr qualvoller Tod werden durch unser Andenken zu mahnenden Zeugen der Vergangenheit, die uns an unsere Verantwortung fĂŒr unsere Zukunft erinnern.

Was war geschehen?

Als am 17. JĂ€nner 1945 die HĂ€ftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz in eisiger KĂ€lte zu einem letzten Abendappell antreten, ist in der Ferne das Donnern schweren Artilleriefeuers zu hören. Der Lagerkommandant Rudolf HĂ¶ĂŸ, unter dessen Aufsicht mehr als 1,1 Millionen MĂ€nner, Frauen und Kinder ermordet wurde, weiß, dass der Vormarsch der Russen nicht mehr aufzuhalten ist und gibt Befehl das Konzentrationslager Auschwitz zu rĂ€umen.

Es herrscht eisiges Winterwetter mit Schnee und Temperaturen von 15 Grad unter dem Gefrierpunkt, als in den folgenden Tagen 58.000 zu Skeletten abgemagerten HĂ€ftlingen, ohne Proviant, warmer Kleidung und oft barfuß oder in Holzschuhen, von SS-MĂ€nnern bewacht, gezwungen wurden, sich in Bewegung zu setzen. Der Todesmarsch hatte begonnen. 15.000 werden ihn nicht ĂŒberstehen.

Hören wir die Worte, mit denen die wenigen Überlebenden das unsagbare Martyrium beschreiben, welches sie auch an Grieskirchen vorbeifĂŒhren wird.

Benjamin GrĂŒnfeld: „Am 18. Januar 1945, einem Donnerstag, hatten wir zehn Stunden gearbeitet. Als wir ins Lager zurĂŒckkamen, bekamen wir kein Essen ausgeteilt, außer dem Ersatzkaffee und der Grassuppe mittags, kein Abendessen. Dann mussten wir zu Fuß bis zu einer Stadt gehen, die Gleiwitz heißt, auf Polnisch Gliwice. Sie liegt ca. 70 km von Auschwitz entfernt. Es war extrem anstrengend, am aller anstrengendsten war es, wach zu bleiben.“

Am Ende jeder Marschgruppe fuhren oder liefen einige SS-Leute, die das „Exekutionskommando“ bildeten: Sie erschossen nach eigenem Ermessen NachzĂŒgler, die sie fĂŒr nicht mehr marschfĂ€hig hielten oder die tatsĂ€chlich zusammengebrochen waren.

Justus Marchand: „Nun waren die Kolonnen aufgeteilt auf Gruppen von ungefĂ€hr 1.000 Mann und hinter diesen 1.000 Mann gingen die SS, eine Reihe von 4 bis 5 Mann mit ihren Gewehren. In dem Moment dass irgend ein Mann fiel und [
] nicht mehr aufstehen konnte RRRRRT!! Erledigt. Die Leute die an der Seite fielen, RRRRRT!! Erledigt. Ohne weiteres.“

Als die ausgezehrten und völlig entkrĂ€fteten Überlebenden, halb wahnsinnig vor KĂ€lte und Hunger, nach tagelangen brutalen FußmĂ€rschen in Gleiwitz ankamen, wurden sie in das dortige Außenlager gesperrt.

Benjamin GrĂŒnfeld: „In Gleiwitz kamen wir am Samstagabend an und Sonntagnacht mussten wir hinaus rennen, weil die Wachen hysterisch waren. Sie glaubten, die Russen wĂ€ren in der NĂ€he. Wir mussten auf offene Waggons klettern, gemacht, um Kohle zu transportieren, und wir waren etwa zweihundert in jedem dieser kleinen Wagen. Wir konnten nur stehen [
] Als der Zug anfuhr, fiel ein HĂ€ftling um und konnte sich nicht mehr aufrichten. Er wurde tot getrampelt. Nach fĂŒnf Tagen waren ca. 20 Prozent der HĂ€ftlinge tot. Durch die KĂ€lte, aber am allerschlimmsten war der Durst.“

Es ist Sonntagnacht, der 21. JĂ€nner 1945, als sich die ersten ZĂŒge in Bewegung setzen. Ihr Ziel: Konzentrationslager im Deutschen Reich, die noch vor dem heranrĂŒckenden Feind sicher waren.

Bei eisigen Temperaturen, in offenen Kohlewaggons, ohne Nahrung und ohne Wasser, fĂ€hrt einer dieser Transporte mit 4.000 dicht aneinander gedrĂ€ngten Menschen, dem Vernichtungslager Mauthausen entgegen, welches sich etwa 60 Kilometer östlich von Grieskirchen befindet. Da das Lager Mauthausen bereits ĂŒberfĂŒllt ist, wird die Annahme dieses Transports verweigert.

Erich Kary: „Erst nach Mauthausen ĂŒberstellt, nicht angenommen, dann ging es rĂŒckwĂ€rts, vorwĂ€rts, rĂŒckwĂ€rts, vorwĂ€rts. Unterwegs dann mal wieder nachts angehalten oder in den frĂŒhen Morgenstunden. Kleine Nebenstationen, wo vielleicht ein Dorf oder so war. [
] und dort mussten dann die Toten die in der Zwischenzeit auf Grund keiner Verpflegung, auf Grund keines Trinkens, auf Grund der KĂ€lte nicht mehr lebten, aus den Waggons, von den noch Überlebenden rausgeworfen werden. Die Waggons wurden leer. Ein Waggon [
] von nebenan [
] die Leichen wie Holz gestapelt. Alles was rausgeworfen worden war, wurde dann von HĂ€ftlingen im Auftrag der SS’ler nachgesehen [
] hat er noch einen Goldzahn oder nicht [
] das Gebiss wurde rausgetreten. Man kriegte das ja alles gut zu sehen ĂŒber den Waggon der ja oben offen war. Und das war neben allen Dingen, eines der schlimmsten Erlebnisse, die man selbst mitgemacht hat“

Der Todeszug ist bereits fĂŒnf Tage unterwegs. Da das Lager Mauthausen noch immer die Annahme verweigert, wird befohlen, dass der Transport ins berĂŒchtigte Konzentrationslager Dora-Mittelbau weiterfahren soll, welches sich 700 km entfernt, zwischen Kassel und Leipzig befindet. Weitere Tage unbeschreiblicher Qualen. Viele HĂ€ftlinge sind bereits zu schwach und sterben.

David Salz: „Ich hatte auch nicht die Kraft dazu, aber es war schon mehr Platz im Waggon, denn an und fĂŒr sich war Anordnung, man durfte die Leichen nicht rausschmeißen. Aber nachts war ein ganzer Tumult um die Leichen rauszuschmeissen [
] unglaublich zu begreifen, bis zum heutigen Tag, das ĂŒberlebt zu haben.“

In der Nacht vom 25. auf den 26. JĂ€nner 1945 fĂ€hrt der Todeszug an Grieskirchen vorbei. Zwischen der Haltestelle SchlĂŒĂŸlberg und dem Bahnhof Grieskirchen werden 21 nackte Leichen aus den offenen Waggons geworfen.

Benjamin GrĂŒnfeld: „Nach fĂŒnf Tagen Reise auf diese schlimme Art, sahen die Wachen, dass viele Tote unter den HĂ€ftlingen lagen. Da sagten sie uns, dass wir die toten Gefangenen loswerden sollten. Wir mussten sie nach draußen werfen, an einem Bahnhof, ich weiß nicht mehr, wie der hieß.”

Justus Marchand: „Dann hat man die Leichen ausgezogen, denn jedes, KleidungsstĂŒck war ungeheuer wichtig [
] und dann hat man sie nackt an die Wand gelegt.”

Von den 4.000 HĂ€ftlingen, die am 21. JĂ€nner von Gleiwitz in Polen abgefahren waren, ĂŒberleben 500 die 1200 km lange Todesfahrt nicht. Als bei der Ankunft des Zuges am Sonntag, den 28. JĂ€nner 1945 auf der Bahnhofsrampe des Hauptlagers Dora die TĂŒren geöffnet werden, befinden sich in manchen Waggons nur noch steif gefrorene tote und sterbende Menschen. In den nĂ€chsten Tagen sterben weitere 600 Menschen.

Benjamin GrĂŒnfeld: „Tibor [
] am ĂŒbernĂ€chsten Tag sagte er zu mir: „Benny, ich spĂŒre, dass ich sterben werde, ich schaffe das nicht.“ „Doch Tibor, streng dich an, ich bin sicher, dass wir morgen ankommen.“ Ich versuchte ihn zu trösten. Aber am Morgen war er tot. Er hatte gespĂŒrt, dass das Leben fĂŒr ihn zu Ende ging. Ich wĂ€re sicher auch gestorben, wĂ€re ich noch einen Tag gefahren. Denn mindestens 50% starben in dem Waggon, in dem ich saß.“

Anfang 1945 schufteten in diesem Konzentrationslager rund 35.000 HĂ€ftlinge; jetzt kommen – direkt aus Auschwitz und wenig spĂ€ter auch aus Groß-Rosen – weitere 15.000 Menschen dazu. Sie alle sind nach den endlosen MĂ€rschen, nach Tagen in eiskalten Waggons ohne jede Verpflegung, in einem erbĂ€rmlichen Zustand.

Der Grieche Anton Luzidis, der gezwungen worden war, die Toten und Sterbenden zu “entladen”, berichtete nach seiner Befreiung im Mai 1945: “Diese Tage waren fĂŒr mich die schrecklichsten in meinem Leben, und ich werde sie nicht vergessen. [
] Wenn wir die Toten anfassten, so blieben uns öfter Arme, Beine oder Köpfe in den HĂ€nden, da die Leichen gefroren waren.”

“War Auschwitz die heiße Hölle gewesen, so war Dora die kalte Hölle”, schrieb der langjĂ€hrige Vorsitzende des internationalen Auschwitz-Komitees Hans Frankenthal kurz vor seinem Tod im Jahr 1999. Zeitgleich mit den “Evakuierten” treffen nĂ€mlich auch mehrere hundert SS-Angehörige aus Auschwitz ein. Diese besetzen fast alle wichtigen Posten im Lager. SS-ObersturmbannfĂŒhrer Richard Baer wird zum neuen Lagerleiter ernannt.

FĂŒr die ehemaligen HĂ€ftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz geht ihr verzweifelter Kampf ums Überleben weiter. Sie arbeiteten bis zur Erschöpfung in unterirdischen Tunnels am Bau der V2 Raketen, mit denen Hitler hofft, den Krieg doch noch zu gewinnen.

In Auschwitz bringt Dr. Mengele die Akten seiner Zwillingsforschungsversuchsstation in Sicherheit. Das große Vernichten von AktenbestĂ€nden beginnt. HĂ€ftlinge, deren Aufgabe das Entfernen von GoldzĂ€hnen, Schmuck und Haaren der vergasten HĂ€ftlinge und das Verbrennen ihrer Leichen gewesen war, werden erschossen. Kein Zeuge soll ĂŒberleben, um der Welt von dem Massenvernichtungswahnsinn des Deutschen Reiches zu berichten. SS-Mannschaften fangen an, zurĂŒckgebliebene HĂ€ftlinge, die zu krank oder schwach fĂŒr die TodesmĂ€rsche waren, zu erschießen, damit sie nicht in die HĂ€nde der schon bedrohlich nahegerĂŒckten Roten Armee fallen. Das letzte Krematorium mitsamt der Gaskammer ist bis zum Schluss in Betrieb und wird erst am 26.1.1945 gesprengt, einen Tag bevor die Sowjets das Konzentrationslager erreichen und 7.600 bis auf die Knochen ausgemergelte Überlebende, unter ihnen 600 Kinder, vorfinden.

Am 26. JĂ€nner 1945 trug Grieskirchen bei, Beweise des grĂ¶ĂŸten Verbrechens des Naziregimes zu beseitigen.

Nach der Entdeckung der 21 bis zum Skelett abgemagerten und maltrĂ€tierten Leichen, erstattet der Streckengeher der Reichsbahn umgehend Meldung bei der örtlichen Gendarmerie, die sofort SA-Leute der Kreisleitung und des Volksturms aus der Umgebung organisiert. Einem Bauern wird befohlen, seinen Pferdeschlitten, den er normalerweise zum Mist fĂŒhren benutzte, bereitzustellen und beim Einsammeln der Toten zu helfen. Diese werden auf den Kotschlitten geworfen und notdĂŒrftig mit einer Plane abgedeckt. Links und rechts schauen die Arme und Beine der gemarterten Körper hervor, als die Fracht den Friedhof in Grieskirchen erreicht.

Vor dem Eingang werden zwei SA-MĂ€nner postiert, die den ganzen Tag den Friedhof  fĂŒr die Bevölkerung sperren. Ein Massengrab wird ausgehoben, in welches die 21 Leichen der KZ-HĂ€ftlinge geworfen werden. In demselben Grab werden auch ein Flieger-Leutnant und eine Frau mitsamt ihrer Handtasche und ein Kind begraben. Sie wurden von amerikanischen Tieffliegern erschossen. In den Nachkriegsjahren werden der Soldat, der noch seine Erkennungsmarke um hat, die Frau und das Kind exhumiert. Die Leichen der KZ-HĂ€ftlinge beließ man im Grab. Nichts sollte an ihre Existenz erinnern.

Selbst Jahre nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches hielt man sich daran, dass “darĂŒber” nicht gesprochen werden durfte. Die Existenz der 21 KZ HĂ€ftlinge, die das Schicksal auf so tragische Weise mit der Stadt Grieskirchen verband, wird totgeschwiegen.

Frau E.: „Heute bin ich 82 Jahre alt und es lĂ€sst mir keine Ruhe, was diese armen Menschen ertragen mussten. Meiner Meinung nach gehört eine Erinnerungstafel an der Friedhofsmauer angebracht.“

Es ist einer mutigen Grieskirchnerin zu verdanken, dass 70 Jahre danach, am 1. November dieses Jahres, auf Initiative des Mauthausen Komitees, auf dem Martinsfriedhof eine Gedenktafel fĂŒr jene 21 Opfer des Nationalsozialistischen Vernichtungswahns eingeweiht wurde, die das Schicksal mit dem von Grieskirchen verband.

Das Leben kann nur in der Schau nach rĂŒckwĂ€rts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwĂ€rts gelebt werden. (Kierkegaard)

Quelle: http://www.wollheim-memorial.de/de/ueberlebendeninterviews

Author: freakingcat
You can contact me under freakingcat@gmail.com

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