Kaltenbrunner: Monster, Mensch, Vati

Auf der Anklagebank Ernst Kaltenbrunner. Seine linke GesichtshĂ€lfte von tiefen Narben zerfurcht: Kinn, SchlĂ€fe und Stirn. Drei weitere zerteilen seine Wange, eine reicht bis an den Mund. Er ist stolz auf die ihm ins Gesicht geschriebenen Zeichen seines Mutes. Damals gab er damit an: „Ich brillierte auf Mensur nicht durch technisches Können, war aber wegen meiner guten Haltung und unbekĂŒmmert erfochtener Erfolge eine sogenannte verlĂ€ĂŸliche Partie. So wurde ich in allen Hatzen herausgestellt, bezog nie eine Abfuhr, teilte aber viele aus.“ Und heute, die Wahrheit? Sein Narbengesicht als Ausdruck von SchwĂ€che und Versagen: ein Moment der Unachtsamkeit; ein Autounfall, wĂŒrdelos und ordinĂ€r.

Kaltenbrunners Statur ist die eines HĂŒnen von fast zwei Metern mit dem Nacken eines Stiers, so breit, dass sein Hinterkopf sich in einer geraden Linie mit dem Rumpf und seinen massiven Schultern verbindet. Überproportional lange Arme, die in viel zu kleinen HĂ€nden und dĂŒnnen, von Nikotin gelb verfĂ€rbten Fingern enden, baumeln oftmals scheinbar unkoordiniert, seitwĂ€rts seines grobschlĂ€chtigen Körpers und brachten ihm den Beinamen „Der Gorilla“ ein.

Ein quadratisches, schweres Kinn und ein vorspringender Kiefer verleihen seinem Gesicht einen hölzernen Charakter. Das Haar trĂ€gt er streng nach hinten gekĂ€mmt, die Seiten kurz geschoren. Und dann seine ĂŒbergroßen Ohren! Ohren, wie die eines Schakals oder eines Kriminellen, sagen, die, die Angst vor ihm haben. Seine Nase, stĂ€ndig Witterung aufnehmend, sucht die Umgebung ab, beschnĂŒffelt alles und jeden und spĂŒrt Gefahr noch bevor sie ihm gefĂ€hrlich werden kann. Über allem, das Gehirn eines skrupellosen Anwalts, sein Denken nicht brilliant, doch scharfsinnig, analytisch, kalkulierend. Ein sturer Mann und ein starker Mann, der alles unter perfekter, unter seiner Kontrolle wissen will. Ein Mann, vor dem sogar Himmler sich fĂŒrchtete.

Die Fratze eines brutalen, gefĂŒhllosen und berechnenden Massenmörders, an dessen Schuld vor den Augen der Welt kein Zweifel bestehen konnte, keiner bestehen durfte. Ein Gesicht, dem alles Menschliche abhanden gekommen war: kalte, durchdringende Augen, der Blick einer Viper die ihr Opfer fixiert. Böse. GefĂ€hrlich. Und gemein. DĂŒnne Lippen, die er kraftvoll zusammenbeißt um stoisch die Anschuldigungen des Staatsanwaltes zu ertragen. Kein falsches Wort darf seinem Mund entweichen. Nervös zĂŒngelt seine gespaltene Zunge. LĂŒge und TĂ€uschung: Ob er seine eigenhĂ€ndige Unterschrift auf diesem Dokument erkenne? diesen Befehl? sein Dienstsiegel? Nein! Nein! Nein! Millionen namenloser Toter klagen an. Er weiß, dass man ihn hĂ€ngen wird und beginnt einen langen Brief an seine Kinder zu schreiben…

 

Author: freakingcat
You can contact me under freakingcat@gmail.com

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.