Prolog: Der Verlust der Schwerkraft

Warnung an den Leser!

Weder um den Leser zu tĂ€uschen, noch um ihn in die Irre zu fĂŒhren, muss gesagt werden, dass dies, was du in HĂ€nden hĂ€ltst, keine Geschichte erzĂ€hlt, noch den arroganten Anspruch einer historischen Wahrheit erhebt und erst recht nicht ein reines Phantasieprodukt des Autors ist. Vielmehr ist es ein Notizbuch mit ausgerissenen Seiten, unleserlichem Geschmiere und wirren Gedanken, das verlorene oder absichtlich weggeschmissene Fahrtenbuch einer Reise durch die Zeit und aus der Welt hinaus, hinein in die Terra Incognita der unvermessenen Ewigkeit inneren Seins. Ein paar hingeschmierte lateinische Worte, Jahreszahlen und Namen, einziger Beweis einer menschlichem Existenz, einem Augenblick nur der fliehenden Zeit entrissen. Fragmente der Vergangenheit, Ausschnitte einer Wirklichkeit, ein Weltenalter umspannendes Gitternetz, dem hilflos darin Verstrickten die Illusion eines Theaters der Welt vorspielend. Nur wenn es jemandem gelĂ€nge eins zu werden mit dem Geist der Maschine, nur dann könne jener die unaussprechliche wahrhaftige Einheit hinter dem Vorhang des WeltengebĂ€udes erleben, doch kein Wort kann genĂŒgen, um die Erfahrung seiner Ganzheit aussprechen zu können. Bestenfalls von verwaschenen Fragmenten, den im Augenblick erhaschten Weisheiten, Lieder der Ahnen, die in seinem Kopf schwingen, und wirres automatisch Geschriebenes aus SphĂ€ren jenseits aller Gedankenwelt, könnte der so Erleuchtete berichten, Stelen der Vergangenheit mit Symbolen beschreiben, die dann zu Wegweisern werden fĂŒr jene, die nach ihm aus der Zeit entschlĂŒpfen, um nach ihrem Sinn zu suchen. Leuchtfeuer in dunkler Nacht, so manch einer gar ein Leuchtturm, der in Äonen scheint, deuten dem Wanderer die Richtung auf der ewigen Suche nach der Wahrheit seines Seins. „Bis hierher bin ich, Mensch, gekommen“, leuchten sie in die DĂŒsterheit, verraten jedoch nicht, wie der Entflohene den Gipfel hat erklimmen können, um die Herrlichkeit des Seins zu schauen, noch welchen Weg er genommen hat, um dem Tal der ahnungslos GottesfĂŒrchtigen zu entfliehen. Nicht der Autor hat dieses Buch geschrieben, dieses Buch fing an, sein Leben fĂŒr ihn zu schreiben, sog ihn hinaus aus einer farblosen Welt des Scheins in strahlendes Sein und zertrĂŒmmerte ein und fĂŒr alle Male die Mauer an der Grenze der Ereignisse vergangener Tage und gelebter Zeit. Eine Landkarte einer Reise durch das Innere ins Herz der Zeit, eine Entdeckung der Welt des Verborgenen, des in der Zeit vergessenen und totgeschwiegenen, des gebannten Wortes einer Familie mit all seinen Grausamkeiten, der Einsamkeit des Daseins, des Sterbens, Siechens, Verrats und Hasses. Von Rechtsgelehrten bedroht, im Sturm wahrheitsscheuer Angstgestalten gebeutelt, wurde es zu einer Stele der Zeit, unumstĂ¶ĂŸlich, unzerstörbar, unantastbar von Menschenhand, das Ahnenerbe einer aus fĂŒnfzehn Generationen geformten Familie, ein mit Blut in Stein gekratzter Schrei. Nur denen, die den gefĂ€hrlichen Weg gewandelt und Willens sind, Wahrheit zu sehen, wird sich das Geheimnis dieser Stele offenbaren. Bist du, Wanderer, bereit die ausgetretenen Pfade deiner KonformitĂ€t und Falschheit zu verlassen, um dich abseits dieser Welt in unendliche bodenlose Schluchten zu stĂŒrzen und in die, mit Grauen erfĂŒllten Augen deines Daseins zu blicken, um den Verlust der Schwerkraft zu erlangen?

Author: freakingcat
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