Vae victis – Von der Asche der Welt

„Durch Gerechtigkeit muß das Land bestehen,
durch Unrecht wird es ganz vergehen.“[spacer height=”10px” id=”2″]

Der Morgen ist kĂŒhl mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und selbst tagsĂŒber werden sie nicht ĂŒber 8 Grad klettern, ein trostlos grauer Oktobertag in MĂŒnchen. Durchgehend mĂ€ĂŸiger SprĂŒhregen fĂ€llt auf den Ostfriedhof, als um 9 Uhr frĂŒh, zwei ArmeelastwĂ€gen, begleitet von einer MilitĂ€reskorte aus sechs Jeeps und mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten, nach 200 km langer Fahrt, auf Umwegen von NĂŒrnberg kommend, vor jenem Krematorium vorfahren, in dem die Nazi-Diktatur die Leichen tausender ihrer Gegner und Opfer verbrannt hatte. Es ist Mittwoch, der 16. Oktober 1946. US-Soldaten entladen elf Holzkisten, welche, so wurde ihnen gesagt, die Leichen verstorbener amerikanischer Soldaten enthalten, welche unter der Aufsicht von Offizieren eingeĂ€schert werden sollen. Auf jedem Sarg klebt ein Zettel, auf einem steht „George Munger“, auf einem anderen “Abraham Goldberg“. Doch liegen in den SĂ€rgen weder die sterblichen Überreste des Trainers des Football-Teams der UniversitĂ€t von Pennsylvania oder der Jude „Goldberg“, noch enthalten sie die Leichen der anderen Mitglieder der Fußballmannschaft. Sie sind auch keine verunglĂŒckten amerikanischen Flieger, als welche sie der Chef-Bestatter der US-Army, Major Rex S. Morgan, in die Krematoriumsakten eintrĂ€gt. [spacer height=”10px” id=”2″]

30 oder 40 Soldaten schleppen die elf Sperrholzkisten in den Keller des aus grauen Steinblöcken errichteten Krematoriums, wo sich die Verbrennungsöfen befinden. Die hölzernen SĂ€rge werden geöffnet und die, in Bettlacken gehĂŒllten Leichen, von Amerikanischen, Britischen, Französischen und Sowjetischen Offizieren inspiziert. Erst jetzt erfahren die Anwesenden die wahre IdentitĂ€t der Toten. Es sind die Leichen der in der Nacht zuvor am Galgen hingerichteten Nazi Hauptkriegsverbrecher. George Munger ist Hermann Göring, der sich kurz vor seiner Hinrichtung mit Zyankali das Leben nimmt. Der Judenhasser und Herausgeber der propagandistischen Hetzschrift „Der StĂŒrmer“, Julius Streicher, wird als „Abraham Goldberg“ ohne jegliches Zeremoniell in den Ofen geschoben. Ein letzter Triumph ĂŒber einen rassistischen Menschenhasser. Nacheinander werden in den Öfen zu Staub verbrannt: Außenminister Joachim von Ribbentrop, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel, der Chef der Sicherheitspolizei und des RSHA, Ernst Kaltenbrunner, Reichsminister fĂŒr die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg, der Generalgouverneur von Polen Hans Frank, Innenminister Wilhelm Frick, Gauleiter von ThĂŒringen Fritz Sauckel, Generaloberst Alfred Jodl und der Reichskommissar fĂŒr die Niederlande Arthur Seyss-Inquart. [spacer height=”10px” id=”2″]

Da die SĂ€rge aus dickem Sperrholz gezimmert sind, dauert es ĂŒber eine Stunde, bis die 1000 Grad heiße Gasflamme, den Körper in Asche verwandelt und so wird es 11 Uhr nachts werden, bis die schlimmsten Kriegsverbrecher des Großdeutschen Alptraums zu Staub der Geschichte zerfallen. [spacer height=”10px” id=”2″]

In der öffentlichen amtlichen Mitteilung wird verlautbart: „Die Leiche Hermann Wilhelm Görings ist zusammen mit den Leichen der Kriegsverbrecher, die gemĂ€ĂŸ dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes am 16. Oktober in NĂŒrnberg hingerichtet worden sind, verbrannt und die Asche im geheimen in alle Winde verstreut worden.“ Doch die Wirklichkeit ist anders, als diese offizielle Verlautbarung die Bevölkerung glauben lĂ€ĂŸt. Eine LĂŒge, absichtlich verbreitet, um jeglichen Nazi Totenkult zu verhindern.[spacer height=”10px” id=”2″]

Im MĂŒnchner Stadtteil Solln, an der Heilmannstraße 25, befindet sich eine imposante Villa, welche im Jahr 1901 im englischen Landhausstil von Gustav Schellenberger erbaut und spĂ€ter von dem berĂŒhmten Architekten Jakob Heilmann erweitert wurde. Der ehemalige Besitzer der Villa, verheiratet mit Heilmanns Tochter, ist der Geheime Kommerzienrat und Konsul Roman Oberhummer, der von seinem Vater das angesehene Kaufhaus „Roman Mayr“ in MĂŒnchen ĂŒbernommen hatte. Gemeinsam mit anderen wohlhabenden Kaufleuten, dem SS-FĂŒhrer der Gestapo und der Polizeidirektion MĂŒnchen nimmt Kommerzienrat Oberhummer Ende April 1935 an der GrĂŒndungsversammlung der MĂŒnchner Zentrale fĂŒr das antisemitische Hetzblatt “Der StĂŒrmer” des frĂ€nkischen Gauleiters Julius Streicher teil, die neben Auslieferung und Abonnentenwerbung auch den Verkauf des antisemitischen Hetzblattes auf der Straße ĂŒbernimmt um der “stetigen Erhöhungen der UmsĂ€tze der jĂŒdischen GeschĂ€fte” entgegenzuwirken. Roman Oberhuber beteiligt sich mit 200 Reichsmark und es stört ihn nicht im geringten, dass unter Duldung durch die MĂŒnchener NSDAP-Gauleitung und SS- und PolizeifĂŒhrung, nĂ€chtlich Schaufenster jĂŒdischer GeschĂ€fte und KaufhĂ€user eingeschlagen werden, da auch sein Kaufhaus „Roman Mayr“ in den folgenden Jahren von der “Arisierung” der jĂŒdischen Betriebe profitierten wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Wenn man von der „Villa Oberhummer“ zwei Kilometer die Heilmannstraße entlang Richtung Pullach spaziert, erreicht man ein GelĂ€nde, welches eine sehr interessante Geschichte aufweist, die Anfang der 30er Jahre beginnt, als ambitionierte Nationalsozialisten aus ganz Deutschland in die „Hauptstadt der Bewegung“ ziehen, um unter Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess zu arbeiten. Martin Bormann, der selbst in einem reprĂ€sentativen Haus, der Stabsleitervilla wohnt, lĂ€ĂŸt von 1936 bis 38 die NS-Mustersiedlung, „Reichsiedlung Rudolf Hess“, auch „Sonnenwinkel“ genannt, errichten mit HĂ€usern, umgeben von weitlĂ€ufigen GĂ€rten zur Selbstversorgung fĂŒr die Nazi-Privilegierten und ihren kinderreichen Familien. Als der Krieg beginnt lĂ€ĂŸt er dem FĂŒhrer auf dem GelĂ€nde das FĂŒhrerhauptquartier „Siegfried“ errichten unter dem der „Hagen“ Bunker mit seinen 3.5 Meter dicken Stahlbetonmauern angelegt wird. Das ganze verschlingt 13 Millionen Reichsmark, das Zehnfache des neuen FĂŒhrerbunkers im Garten der Reichskanzlei in Berlin. Hitler benutzt den Bunker kein einziges Mal.[spacer height=”10px” id=”2″]

In Pullach ist Adolf Hitler jedoch immer wieder gerne zu Gast, kommt einmal im Jahr fĂŒr ein paar Tage vorbei und schĂ€tzt die Ruhe der Anlage, wo er unter anderem das MĂŒnchner Abkommen vorbereitet. Den ersten Besuch Hitlers in Pullach am 14. September 1938 vermerkt Martin Bormann in seinem Taschenkalender: „Besuch des FĂŒhrers im Sonnenwinkel (lange Besprechungen mit Ribbentropp im Hause Bormann). Hernach Fahrt zum Obersalzberg.“ FĂŒr die bequeme Anreise des FĂŒhrers wird eigens eine Bahntrasse angelegt, welche von der Strecke MĂŒnchen-Wolfratshausen abzweigt und direkt auf das GelĂ€nde fĂŒhrt womit Pullach zur perfekten Station zwischen Hitlers Privatwohnung am MĂŒnchner Prinzregentenplatz und dem Berghof oberhalb von Berchtesgaden wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Die Bewohner des idyllischen „Sonnenwinkels“ sind glĂŒhende Nationalsozialisten und vor allem die Söhne und Töchter der Pullacher NS-Elite erleben ihr Zuhause als Kinderparadies mit großen Wiesen und SpielplĂ€tzen. 1943 verlegt Generalfeldmarschall Erwin Rommel seine Befehlszentrale in das FĂŒhrerhauptquartier und bereitet dort nach Mussolinis Sturz die Besetzung Italiens vor. WĂ€hrend MĂŒnchen in Schutt und Asche gebombt wird und die Luft erfĂŒllt ist vom Gestank verwesender Leichen unter eingestĂŒrzten HĂ€usern, zieht der Krieg an den, mit einem dunklen Tarnanstrich versehenen HĂ€usern, vorbei. Die Reichssiedlung wird niemals wird sie direkt getroffen und die Menschen spazierten in Pullach herum, als ob der Krieg sie nichts angehe. [spacer height=”10px” id=”2″]

Vor den heranrĂŒckenden Alliierten Truppen wird im April 1945 die Siedlung plötzlich gerĂ€umt, so dass die Amerikaner, als sie am 30. April die Heilmannstraße erreichen, anstatt der erwarteten SS-Kaserne, eine leere Wohnsiedlung mit riesigem Bunker vorfinden. Nach Kriegsende richtet sich auf dem GelĂ€nde eine Zensureinheit der US-Armee ein, die Post und Telefone in Deutschland ĂŒberwacht und hofft Kriegsverbrecher aufzuspĂŒren. Unter den Mitarbeitern sind neben deutschsprachigen Emigranten auch Holocaust-Überlebende, die nun zum Teil in den frĂŒheren HĂ€usern von NS-Verbrechern wohnen. Am 6. Dezember 1947 zieht in der Heilmannstraße 30 und den ĂŒbrigen HĂ€usern der ehemaligen Siedlung „Rudolf Hess“ die Organisation Gehlen ein, ein von US-Behörden aus deutschem Nazi und SS-Personal gebildeter Nachrichtendienst, der spĂ€ter in Bundesnachrichtendienst (BND) umbenannt wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Am 9. September 1944 verstirbt Roman Mattias Oberhummer 73 jĂ€hrig und erlebt deshalb nicht mehr wie am 17. Oktober 1946 amerikanische Soldaten, elf runde Aluminium Zylinder, 40 cm hoch und 15 cm im Durchmesser, in seine weiße Stuckvilla in MĂŒnchen-Solln tragen, welche zuvor von den Besatzern fĂŒr diskrete Zwecke requiriert worden war.[spacer height=”10px” id=”2″]

In den schmucklosen Urnen, die Asche der schlimmsten Nazi-Verbrecher, welche die Verantwortung fĂŒr den Tod von Million unschuldiger Menschen trugen und ganze LĂ€nder in Schutt und Asche gelegt hatten. Drei oder vier Soldaten, ein hochrangiger US-Army-Offizier, der Chef-Bestatter der US-Armee, Major Rex S. Morgan, sowie ein ziviler Leichenbestatter steigen, die Aluminiumdosen in der Hand, eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Durch diesen fließt der Wenzbach, ein kleiner, nichts-sagender Bach im SĂŒden von MĂŒnchen. Er entspringt in der Adolf-Wenz-Straße nahe der Großhesseloher BrĂŒcke und fließt auf nur etwa 1 km LĂ€nge entlang der Conwentzstraße und dem Isarwerkkanal, in den er beim „Isar-FlĂ¶ĂŸerdenkmal“ mĂŒndet. [spacer height=”10px” id=”2″]

75 Meter unterhalb der Villa stellen die Soldaten neben dem, kaum drei Meter breiten Bach, die elf Zylinder in das Gras und beginnen mit Äxten auf die Urnen einzuschlagen bis sie aufplatzen. Achtlos schĂŒtten sie den Inhalt, die sterblichen Überreste, der, am Vortag in der Turnhalle des NĂŒrnberger GefĂ€ngnisses gehenkten deutschen Hauptkriegsverbrecher, in den Bach, der die Leichenasche davontrĂ€gt. Die leeren BehĂ€lter zerschlagen die MilitĂ€rs mit Äxten und treten das zerfetzte Blech mit ihren Stiefeln platt. Nichts darf mehr von den Nazi-Verbrechern und deutschen Regierungsmitgliedern ĂŒbrig bleiben, nichts soll mehr an den Abschaum der Menschheit erinnern.[spacer height=”10px” id=”2″]

Noch in seiner NĂŒrnberger GefĂ€ngniszelle hatte der eitle Reichsmarschall Hermann Göring schwadroniert, dass seine Gebeine eines gerechten Tages in einem “Marmorsarg” landen wĂŒrden, das Volk werde ihm “Statuen” setzen, “große in den Parks und kleine in jedem Wohnzimmer”. Er irrte ein letztes Mal. Die Sieger stellten sicher, dass niemand die Spur der sterblichen Überreste der Nazi-FĂŒhrer aufnehmen konnte. Keine Reliquie, kein Andenken, keine WĂŒrdigung. Nichts. Die Asche der elf Nazi-Verbrecher sollte sich verdĂŒnnen mit allem Wasser dieser Welt, einer Welt, die durch deren Schuld und Barbarei, zu viel Leid ertragen musste.

Author: freakingcat
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