Vision vom Hund

Vier Tage waren vergangen seitdem Damien Pondicherry verlassen und sich in einem nur mit einem schmalen Bett, Schreibtisch und Deckenventilator ausgestatteten Zimmer in der ‚Mitra‘ Jugendherberge in einer Community mit dem berauschenden Namen ‘Bliss’ eingemietet hatte.

Schon frĂŒhmorgens bevor die Sonne die Temperaturen auf fast 40 Grad Celsius raufjagen wĂŒrde, war Damien schon auf seinem elektrischen Kinisi-Motorroller unterwegs und fuhr kreuz und quer auf staubigen Wegen aus knochentrockenen, gestampften, Roterdeböden unter dem BlĂ€tterbaldachin eines dichten, immergrĂŒnen tropischen Waldes in Auroville umher, einer utopischen Stadt mit 50.000 Leuten, aufgebaut wie eine Galaxy, eine Spirale die sich um einen goldenen Kugelmittelpunkt erstreckt. Der ĂŒber 50 Jahre alte Masterplan, der noch von Mutter, der spirituellen GrĂŒnderin der Stadt der Zukunft, in der eine neue Menschenart heranwachsen wĂŒrde, abgesegnet wurde, zeigte perfekt symmetrisch angelegte Ringstrassen und futuristische, gigantische GebĂ€ude mit ĂŒber 300 Metern LĂ€nge, unmöglich zu realisieren.
Das zwanzig Quadratkilometer große Gebiet ist in verschiedene Zonen aufgeteilt und von einem breiten ‚Green Belt‘ umschlossen. Aus allen Ecken und Enden der Welt kamen 3.000 Menschen zusammen, um teilzuhaben an einem von der UNESCO anerkannten, fortlaufenden Experiment in gelebter menschlicher Einheit. Sie wohnen in ĂŒber hundert kleinen Siedlungen, die sie als Communities bezeichnen, und deren Namen sie in den spĂ€ten sechziger und frĂŒhen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von ihrem spirituellen Lehrer, der Mutter verliehen bekamen. Nach ihrem Ableben vermeinten sie den Geist des Bodens und des Raumes eines neuen GrundstĂŒcks, das sie kultivieren wollten zu spĂŒren und gaben ihm sonderbare Namen wie ‚Auro-Orchard‘, ‚Gaia’s Garden‘, ‚Evergreen‘, ‚Repos‘ oder ‚Shakti‘, oder benannten es nach spirituellen QualitĂ€ten: ‚Grace‘, ‚Realization‘, ‚Reve‘, ‚VĂ©ritĂ©â€˜ oder gar ‚Soliltude’ und ‚Discipline‘ oder drĂŒckten selbst im Namen das in Sri Aurobindo’s Integral Yoga aufs genaueste beschriebene Menscheitsziel einer totalen ‚Transformation’, einer ‚New Creation‘ in ‚Eternity‘, mit der ‚Certidude’ eines kommenden göttlichen ’Victory’ aus. Die RealitĂ€t freilich sieht vollkommen anders aus.

1968 begannen die ersten Pioniere Löcher in den steinharten WĂŒstenboden zu hauen, die sie mit Kompost auffĂŒllten und in den sie den Setzling eines Baumes pflanzten, den sie mit Wasser—auf Ochsenkarren aus der 8 km entfernten Provinzstadt Pondicherry herbeigeholt— spritzen und so lange gegen ruchlose Ziegen und Kuhherden verteidigen mussten, bis die Baumspitzen diese ĂŒberragten. Es dauerte Jahrzehnte in denen ganz wie in alten Überlieferungen der Tamilen vorhergesagt, der ‚weiße Mann von fernher‘ das Unmögliche möglich machen wĂŒrde und die unfruchtbare Steinöde in einen immergrĂŒnen tropischen Trockenwald von zwei Millionen BĂ€umen und immenser Artenvielfalt verwandeln, in den tausende von Tierarten zurĂŒckkehren wĂŒrden.
Das Klima hatte sich so stark verĂ€ndert, dass Damien trotz der morgens schon sengend heißen Sonne Indiens im Wald unbeschwert kĂŒhlere Luft atmen konnte.
Er steht vor dem Eingangsbereich des Matrimandirs, dem „Tempel der Mutter“ und lebendigen Seele von Auroville, ein Symbol des Strebens nach dem Göttlichen, das, ringsum von einem hohen Zaun gegen neugierige Blicke von außen abgeschirmt und von einem in perfekter Symetrie und Harmonie angelegten Parks umgeben ist. In dessen Mitte erhebt sich vor dem blauen Himmel eines strahlend schönen Morgens ein riesiger, mit Goldscheiben verkleideter, leicht abgeflachter Globus, an die dreißig Meter hoch und auf vier perfekt nach den Himmelsrichtungen ausgerichteten DoppelsĂ€ulen in glitzernd göttlicher Perfektion, das ganze erinnert Damien allerdings nur an einen vergoldeten Golfball oder ein außerirdisches Raumschiff aus einem Science Fiction der 70-iger Jahre.

Um in die komplett in weiß gehaltene, 12-seitige und mit edlem Marmor verkleidete Innenkammer, in der ein Sonnenstrahl auf eine 70 cm große Glaskugel fĂ€llt, die von 12 weißen SĂ€ulen umgeben ist, eingelassen zu werden, musste Damien gestern im Besucherzentrum ein EinfĂŒhrungsvideo ĂŒber sich ergehen lassen und erhielt danach einen Pass, um erstmals die Ă€ußere Struktur der GĂ€rten, den alten Banyan Tree und das Amphitheater von einem erhöhten Aussichtspunkt jenseits des Zaunes besichtigen zu dĂŒrfen. Erst dann durfte er sich zu einer bestimmt festgelegten Zeit anmelden, um in die innerste Kammer des Heiligtums vorgelassen zu werden und wurde darauf hingewiesen, dass er diese nur bei Schönwetter und unter der Aufsicht von Begleitern, in weißen Socken, stillschweigend betreten dĂŒrfe, um darin einige Minuten lang in stiller Konzentration zu meditieren.

Damien war einfach nur neugierig was es mit dieser seltsamen goldenen Kugel auf sich hatte, von der wahre Aurovillianer mit grĂ¶ĂŸtem Respekt und Verehrung schwĂ€rmen und immer wieder betonen, dass dies kein Tempel, sondern ein Ort stiller innerer Erfahrung sei. Er zeigt dem uniformierten Wachebeamten am Eingang seinen gestempelten Eintrittspass und wird in den Park, dessen englisch getrimmter Rasen auf keinen Fall betreten werden durfte, eingelassen, nachdem er schweigend und mit gestreckten Zeigefinger auf eine Tafel mit einer langen Liste von Verboten hingewiesen worden war.

Um den zentralen Goldglobus herum befinden sich 12 schrĂ€ge, mit Stein verkleidete Strukturen namens Petals, die jeweils einen Meditationsraum enthalten, der so ausgestaltet wurde, um eine der 12 Tugenden der Universellen Mutter zu reprĂ€sentieren. Jenseits der imposanten BlĂŒtenblĂ€tter bilden 12 wunderschöne GĂ€rten, die nacheinander nach den 12 KrĂ€ften der Universalen Mutter benannt sind den Park der Einheit umfasst von einem Wasserring um das gesamte GelĂ€nde.
„Und das bei der akuten Wasserknappheit hier“, schießt es Damien in den Kopf als er auf den gewaltigen alten Banyam Baum zuschlendert, der ihn wie von Zauberhand anzieht.

Im Internet hatte Damien ĂŒber Auroville recherchiert und Bilder aus Pioneerstagen gesehen, als ringsum des Banyans nur unfruchtbare WĂŒste war in der SandstĂŒrme tobten und in der ein einzelner Baum, von verzweifelten Dorfbewohner auf der Suche nach Brennholz brutal verstĂŒmmelt, einsam stand und selbst vom kilometerweit entfernten Strand aus zu sehen war.
Jetzt steht vor einem Museeumsbaum, dessen weites Zeltdach von Pfeilern abgestĂŒtzt wird, dessen Luftwurzeln aus darunter hĂ€ngenden Humusbeuteln genĂ€hrt werden, und wie ein lebendes Heiligtum gepflegt, gereinigt, umsorgt und umherzt wird. Damien beobachtet einen bĂ€rtigen Mann, ganz in Weiß gekleidet mit langem Haar das er zu einem Hairbun aufgesteckt trĂ€gt, der beinĂŒberkreuzt mit fest verschlossenen Augen und mit zu perfiden Mudras geformten Fingern auf dem Boden sitzt und in tiefe Meditation versunken scheint.
„Hier nicht“, denkt sich Damien und dreht sich auf seiner Achse bis er in der Ferne ein wie von Römern in die Erde gegrabenes Amphitheater erblickte und darauf zugeht. In dessen Mitte steht eine weiße, marmorverkleidete, knospenförmige Urne, die Erde aus 124 Nationen und allen indischen Staaten enthĂ€lt, die an der Einweihungszeremonie im Jahre 1968 teilgenommen haben und an der die von Mutter geschriebene Vier-Punkte-Charta in vielen Sprachen der Welt vorgelesen wurde. Auroville sollte eine Modellstadt sein, ein mutiges Experiment der Menschheit und ein Ort der Niemandem gehören sollte und dort sollte es sein, wo der neue Mensch aufwachsen wĂŒrde, perfekt, besser, der Supermensch.

Aurovillianer entfachen hier zu bestimmten AnlĂ€ssen ein großes Lagerfeuer vor der MorgendĂ€mmerung und versammen sich in aller Stille an diesem besonderen Ort, der ihrer „inneren“ Bewusstheit und Konzentration förderlich ist.
Damien weiß dass hier der perfekte Ort ist, setzt sich auf die Stufen des Amphitheaters und zieht einen vorgerollten Grasjoint aus seiner Tasche und beginnt genĂŒĂŸlich zu rauchen. StĂ€ndig schaut er sich um, um nicht von einem der Sicherheitsleute oder weiß-gekleideten Yogis ertappt zu werden, denn der Besitz jeglicher Art von Drogen ist in Auroville strengstens verboten, doch war jeder, den Damien in den letzten Tagen in Auroville kennengelernt hatte aufgeschlossen gegenĂŒber Marihuana und so mancher teilte sich mit ihm am Abend bei untergehender Sonn auf dem Dach der Jugendherberge einen Joint. Mutter Mira Alfassa hat ausdrĂŒcklich erwĂ€hnt dass in Auroville keine Polizei herrschen solle, doch seit ein paar Monaten, nachdem eine neue SekretĂ€rin der Auroville Foundation an die Macht kam, schien alles anders zu sein und so es wimmelt im Moment nur so von Cops, selbst die Checkposten an den EingĂ€ngen von Auroville sind mit Polizei besetzt. Doch Damien weiß noch viel zu wenig ĂŒber die inneren Machtstrukturen und Politik in Auroville, um die Gefahr in der es schwebt zu erkennen, und so macht er sich keine Sorgen als er den Joint fertig raucht und in Richtung des goldenen Globus schlendert.

Er folgt den meist Àlteren Yogis und Yoginis in ihren hellen wallenden GewÀndern, teilweise behÀngt mit Amuletten auf denen das Auroville Symbol leuchtet oder mit Blumen ins Haar gesteckt, die wie im Bann eines Tracking-Strahl gefangen, wortlos auf perfekt symmetrischen Wegen zu einem Punkt in der Mitte des Parks an dem das goldenen Ufo parkt, zugehen und in ihm still und leise, einer nach dem anderen, darin verschwinden.

Am Eingang des Raumschiffs angekommen, kann Damien einen Hustenreiz nicht lĂ€nger unterdrĂŒcken und wird sofort mit einem vor dem Mund gehaltenen Zeigefinger ermahnt leise zu sein, er muss seine Schuhe aus- und weiße Socken anziehen, dann in watschelndem Schweigegang einer in die Luft geschwungenen Rampe folgen, bist er hoch oben das innerste Heiligtum, den weißen Raum der Stille betreten konnte.
Staunend steht Damien wie angewurzelt da und sieht sich im Innersten Chamber um, das ihn wegen der auf dem Boden ausgelegten Matten an eine Turnhalle erinnert. Es ist mucksmĂ€uschenstill als er sich vor einer der zwölf weißen SĂ€ulen niedersetzt und sich dagegen lehnt, da er es trotz einiger Versuche in den letzten Monaten nicht geschafft hatte schmerzfrei mit ĂŒberkreuzten Beinen in perfekter Yogipose zu sitzen. Er blickt sich um und sieht ĂŒberall im runden Chamber MĂ€nner und Frauen mit geschlossenen Augen, tiefversunken in sich selbst vor einer Glaskugel, auf die von oben ein Lichtstrahl fĂ€llt, sitzen.
Nach einer Weile schließt auch Damien seine Augen und spĂŒrt die magische Stille dieses Ortes, beobachtet wie seine Gedanken nach und nach weniger werden, er war ihm als fĂŒhle er jede der Poren seines Körpers, aber dies konnte ja auch die Wirkung des Joints sein. Geborgenheit. Alles war wie es sein sollte. Die KĂŒhle der Aircondition versetzt nach und nach seinen Körper in einen Zustand völliger Entspannung. Er beobachtet seine langsamen AtemzĂŒge und genoss einen Moment ohne die ĂŒbliche Schwere seiner Gedanken, als plötzlich vor seinem inneren Auge das Bild des Hundes, den er vor ein paar Tagen mit madenzerfressenem Bein, halbtot gefunden hatte, auftaucht. Niemals zuvor hatte er ein Bild in derart erschreckender Klarheit gesehen, kein Traum, kein Drogenrausch brachten ihm eine schreckliche Vision wie diese. Der Hund blickt ihn an, blickt tief in seine Augen, tief in seine Seele, er scheint zu hecheln oder zu lĂ€cheln?
Erschreckt reißt Damien seine Augen auf, seinem Mund entfĂ€hrt ein Angstschrei, sein Körper zuckt zusammen. Böse dreinblickende Augen von aus tiefer Meditation gerissenen Yogis starren in an.
„Was ist mit mir geschehen? Was war das? Ist dies eine göttliche Vision?“, eine Sturzflut von Gedanken bricht ĂŒber ihn herein, als er das Innere Sanktum verlĂ€sst schnellen Schrittes sich dem Ausgang zuwendet.
„Was immer das auch zu bedeuten hat, ich muss nach diesem SchĂ€ferhund sehen“, schwört er sich selbst, seiner inneren Einsicht umgehend folgend.
Er springt auf sein Motorrad und fÀhrt los.

Author: freakingcat
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