Weihnachten wird abgeschafft!

Die BĂŒhnendekoration ist auf ein Minimum beschrĂ€nkt. Eine einfache Holzbaracke, im Hintergrund ein kleiner Ofen mit Kochplatte und ein Holzstuhl. Ein kleiner Tannenbaum mit nur wenigen Ästen. Es ist der 24. Dezember 1947 im Lager „Marcus W. Orr“ in Glasenbach.

Hauptakteure sind eine Gruppe weiblicher HĂ€ftlinge, der Lagerkommandant und zwei SS-MĂ€nner. Die Dialoge und Bewegungen der Schauspieler sind slapstick-artig ĂŒberzeichnet, wie bei einem Kasperltheater. Die PrĂ€senz des Theaterpublikums und seine Reaktion zu dem StĂŒck wird in das StĂŒck einbezogen, die Akteure kommunizieren mit dem Publikum.

Hauptakteure

MARGARETE FREINBERGER – ehemalige Oberaufseherin des Lagers in Lenzing-Pettighofen

MARIA SCHICHO – ehemalige Gaufrauenschaftsleiterin des Gau Oberdonau

LAGERFÜHRER – ehemaliger SS-SturmbannfĂŒhrer Felix Rinner, nach dem Josefi-Aufstand zum Lagerleiter ernannt

SS-MÄNNER – sehen sich wie Zwillinge sehr Ă€hnlich

WIENER HÄFTLING – ein weiblicher HĂ€ftling mit breitem Wiener Dialekt

BARACKENFÜHRERIN – ein weiblicher HĂ€ftling mit oberösterreichischem Dialekt

LESBISCHER HÄFTLING – ein weiblicher HĂ€ftling mit Berliner Dialekt

HÄFTLING MIT PAKETEN – ein weiblicher HĂ€ftling

EINE GRUPPE WEIBLICHER HÄFTLINGE

Verhaltenes Sprachgemurmel aus dem Zuschauerraum, vereinzeltes Husten. Die Theaterglocke schrillt, der Vorhang öffnet sich, die GerÀusche im Publikum verstummen.

Einige weibliche HÀftlinge sind um den Herd herum gruppiert und wÀrmen sich auf. Maria Schicho sitzt auf einem Stuhl und bekommt von Freinberger eine Tasse Tee serviert.

Zwei HĂ€ftlingsfrauen bemĂŒhen sich, ein grob gefertigtes, hölzernes Hakenkreuz, auf der Spitze des kleinen Tannenbaums zu fixieren.

WIENER HÄFTLING verĂ€rgert: „So a Dreck! Das Hitler-Kreuz hoidt ned!“

LESBISCHER HÄFTLING „Nöl mal nicht rum, Meesta. Halt es jut und ick zurr es fest.“

WIENER HÄFTLING verliert die Geduld: „Schaaaß!“

Die TĂŒr der Holzbaracke geht auf, man hört den Schneesturm, der draußen tobt. Ein weiblicher HĂ€ftling betritt den Raum und trĂ€gt zwei große Pakete im Arm. MĂŒhsam schließt sie wieder die TĂŒr.

BARACKENFÜHRERIN „No endlich kummst! Wolltns heuer nix ĂŒber den Zaun werfen, unsere“ zynisch: „WohltĂ€ter?“

HÄFTLING MIT PAKETEN erschöpft und ausser Atem: „Zwei Packerl sinds.“

MARIA SCHICHO rĂŒhrt ihren Tee um, dann in betontem Hochdeutsch: „Die FreizĂŒgigkeit des Deutschen Volkes hĂ€lt sich in Grenzen.“

BARACKENFÜHRERIN „Ich hoff es is wos zum Essn drinnan. I wĂŒrd mi so auf a Weihnachtsgansl freuen!“

FREINBERGER belehrend, streng: „Julfeiergans, heißt das!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

WIENER HÄFTLING gibt den Versuch auf, das Hakenkreuz auf der Tannenspitze zu montieren und schleudert es wĂŒtend zu Boden: „Hearst, des kann mi amoi am Arschl leckn, des saudeppate Haknkreuz.“

Lachen aus dem Publikum

BARACKENFÜHRERIN „Geh, mach die Packerl endlich auf!“

HÄFTLING MIT PAKETEN stellt die Pakete vor dem Ofen auf den Boden: „An Moment“

LESBISCHER HÄFTLING setzt sich neben die Pakete auf den Boden und fĂ€ngt an, sie langsam zu öffnen. „Ick kann ja mal kieken“

FREINBERGER einen strengen Tonfall versuchend: „Aufmachen!“

WIENER HÄFTLING „Mah, tua weita und moch die gschissanen Packerln auf“

LESBISCHER HÄFTLING zieht angeekelt ein Paar alter MĂ€nnerstiefel aus einem Paket.

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO sarkastisch: „Ein wĂŒrdiges Geschenk fĂŒr unseren Herrn LagerfĂŒhrer.“

HÄFTLING MIT PAKETEN bissig: „Na, der wird sich freun!“

WIENER HÄFTLING „Der Oarsch soi lieba schaun, dass er uns ausm HĂ€fn aussekriagt.“

FREINBERGER energisch: „Ich verbitte mir diesen Tonfall!“

LESBISCHER HÄFTLING hat inzwischen das andere Paket aufgemacht und zieht eine lange Hakenkreuzfahne hervor, die sie ĂŒber eine Schulter wirft und zurecht richtet, also ob es sich um ein Ballkleid handeln wĂŒrde und kokettiert vor den HĂ€ftlingsfrauen auf und ab.

Lachen und vereinzelte Pfiffe aus dem Publikum

BARACKENFÜHRERIN mit abfĂ€lliger Handbewegung: „I wĂŒ wenigstens zWeihnachten mei Gansl hobn!“

FREINBERGER energisch: „Julfest!

WIENER HÄFTLING „Wos hast do Julfest? Am Vierazwanzigstn homma nu imma Weihnachten gfeiert.“

FREINBERGER belehrend: „Das Weihnachtsfest wurde mit Erlass des FĂŒhrers abgeschafft. DafĂŒr wurde die Tradition des germanischen Julfest wiedereingefĂŒhrt.“

BARACKENFÜHRERIN „Mir is es wurscht, ob des bei ana Julfeier oder zWeihnachten is, Hauptsach is, dass mir des Christkindl ma mei Gansl bringt.“

Einige HĂ€ftlinge lachen

FREINBERGER außer Fassung: „Julfeier“

WIENER HÄFTLING zu Freinberger: „Wos jetzt, Julfestl oder Julfeia?“

FREINBERGER beherrscht: „Julf
“

BARACKENFÜHRERIN zu Freinberger, wĂŒtend: „Halts Maul, du mit deinem Jul-Scheiß!“

Lautes Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO versucht zu beruhigen: „Meine Damen, ich darf bitten. Wo bleiben die Manieren?“

WIENER HÄFTLING „Deine deppaten Manieren bringen mir ah ned die Freiheit.“

BARACKENFÜHRERIN „Und mir a ka Gansl ned.“

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO seufzend: „Der Herr LagerfĂŒhrer wird uns bald mit seinem Besuch ehren und wir haben nichts, um ihn zu verköstigen.“

LESBISCHER HÄFTLING hat mittlerweile die Fahnenanprobe beendet und hĂ€lt sie in der Hand ernsthaft: „Ick kann ja die Fahne in Strippen schneiden und sie frikassieren!“

WIENER HÄFTLING hebt das hölzerne Hakenkreuz vom Boden auf, zerbricht es in kleine Teile „oda im Fett aussebochn wia a Schnitzerl mit ana Panier aus Hoizspona.“

GelÀchter unter den HÀftlingsfrauen und aus dem Publikum

Lautes Klopfen an der TĂŒr. Der lesbische HĂ€ftling schlendert langsam und lĂ€ssig hinĂŒber und öffnet sie. Das Toben des Schneesturms ist wieder zu hören. Zwei SS-MĂ€nner, ihre HĂ€ftlingsuniformen in lĂ€cherlicher Weise eine Uniform imitierend, mit großen aufgenĂ€htem Hakenkreuz, treten ein, klopfen sich den Schnee ab, schlagen die Hacken zusammen und strecken den rechten Arm zum FĂŒhrergruß nach vorne. Die HĂ€ftlinge blicken sie an und warten auf das Eintreten des LagerfĂŒhrers, der sich verspĂ€tet. Die beiden SS-MĂ€nner flankieren beidseitig die TĂŒr, ihre Hand noch immer zum FĂŒhrergruß erhoben.

WIENER HÄFTLING „Jetzt kummt der Hansl und wir hobn nu immer nix kocht fĂŒr earm.“

BARACKENFÜHRERIN zu einigen Frauen gewandt, die neben dem Ofen stehen: „Schnell, setz ma a Wassersuppn auf fĂŒr den FĂŒhra“

Der LagerfĂŒhrer betritt die Holzbaracke.

MARIA SCHICHO „Herr im Himmel, steh uns bei!“

FREINBERGER ist entsetzt. Sie will etwas zu Maria Schicho sagen, besinnt sich aber und fĂ€llt in einen Befehlston: „Achtung! Strammgestanden! Zum Deutschen Gruß!“ sie streckt ihre Hand zum Hitlergruß nach vorne: „Heil Hitler!“

BARACKENFÜHRERIN noch immer zum Ofen gewandt, deutet den Frauen am Herd mit ihrer rechten Hand und drei ausgestreckten Fingern: „Drei Liter!“

Lautes Lachen aus dem Publikum, vereinzeltes Johlen.

Der LagerfĂŒhrer, verstört ĂŒber das Lachen aus dem Publikum, wendet sich diesem zu und gestikuliert, was dieser Applaus soll. Danach blickt er die HĂ€ftlingsfrauen an, die er mit einem schlampigen FĂŒhrergruß (mit nach vorne gerecktem Oberarm, einem zur Schulter zurĂŒckgeneigten Unterarm und nach hinten abgewinkelter HandflĂ€che) begrĂŒĂŸt. Die anderen Frauen stehen lĂ€ssig herum. Der lesbische HĂ€ftling steckt sich eine Zigarette an und blĂ€st den Rauch dem LagerfĂŒhrer ins Gesicht, der hustend mit seiner rechten Grußhand den Rauch aus dem Gesicht vertreibt.

LAGERFÜHRER den Tonfall Hitlers imitierend: „Unserem Deutschen Volk, Sieg Heil!“

Es herrscht beklemmende Stille.

BARACKENFÜHRERIN bricht das Schweigen: „Was soll ma scho drauf sagn?“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER hebt ihren Arm fĂŒr einen weiteren FĂŒhrergruß: „Sieg Heil, mein FĂŒhrer!“

Auch Maria Schicho hebt den Arm zum FĂŒhrergruß, bleibt aber dabei sitzen. Die anderen HĂ€ftlinge zeigen keine Reaktion.

WIENER HÄFTLING „Sieg, wöcha Sieg? Verlorn homma, sonst wĂ€r ma jo a ned eingsperrt, du Einedrahra!“

Lachen aus dem Publikum

Freinberger und Schicho senken ihren Grußarm. Die beiden SS-MĂ€nner schauen sich an. Sie wissen nicht, ob sie den rechten Arm runter geben oder den Gruß halten sollen. Hilfesuchend blicken sie den LagerfĂŒhrer an. Der LagerfĂŒhrer nickt ihnen zu.

WĂ€hrend ein SS-Mann seinen ausgestreckten Arm, steif wie ein Roboter senkt, hĂ€lt der andere den FĂŒhrergruß.

Der LagerfĂŒhrer nickt noch einmal.

Nun hebt der SS-Mann, der den Arm nach unten gegeben hat, diesen wieder mechanisch an oben, wÀhrend der andere, ihn steif senkt. Dies wiederholt sich ein paar Mal.

LAGERFÜHRER zischt sie wĂŒtend an: „Schluss damit!“ und hebt seine Hand zu einem schlampigen FĂŒhrergruß: „Genug gegrĂŒĂŸt!“

Lachen aus dem Publikum

Beide SS-MÀnner salutieren und behalten die Hand in Kopfhöhe. Ihre Gesichtern verraten, dass sie nicht wissen, ob sie diese Position halten sollen oder nicht.

Der LagerfĂŒhrer ignoriert sie und wendet sich den Frauen zu, die in einem lockeren Halbkreis Aufstellung nehmen.

FREINBERGER rĂ€uspert sich: „Es ist uns eine Ehre SS-SturmbannfĂŒhrer zum Julfest des Deutschen Volkes begrĂŒĂŸen zu dĂŒrfen!“

MARIA SCHICHO erhebt sich mĂŒhselig von ihrem Sessel: „Im Namen der Gaufrauenschaft begrĂŒĂŸe ich sie, mein FĂŒhrer“

Einige HĂ€ftlinge reden halblaut miteinander.

FREINBERGER herrscht sie an: „Ruhe und der FĂŒhrerrede zuhören!“

Der LagerfĂŒhrer tritt vor, seine beiden SS-MĂ€nner flankieren ihn. Die HĂ€ftlingsfrauen verstummen und hören zu, wie der LagerfĂŒhrer spricht.

LAGERFÜHRER den Tonfall der Reden Hitlers imitierend:

„Bla Blah!”

„Bla Blah, blah bla! Bla Bla Blah, bla. Blah!“

LAGERFÜHRER hĂ€lt einen Augenblick inne, bevor er mit lauter Stimme zu schreien anfĂ€ngt: „Blah! Blah! bla BLAH!!!!“, dann in gemĂ€ĂŸigter LautstĂ€rke: „Bla bla bla blah“ bevor er zum großen Finale anhebt: „BLA BLAH! BLAH! BLAHHHHHHH“

Lachen aus dem Publikum

WIENER HÄFTLING „Wos vazöhlt der Schwindliche do?“

BARACKENFÜHRERIN „Er sogt, dass Weihnachten abgeschafft wird!“

FREINBERGER rechthaberisch: „DafĂŒr haben wir jetzt das schöne Julfest.“

WIENER HÄFTLING „Abgschafft? Von wem? Von dem Dampfplaudera?“

Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER verĂ€rgert, sich an die beiden Frauen wendend: „Vom FĂŒhrer, natĂŒrlich!“

MARIA SCHICHO die wieder auf dem Stuhl Platz genommen hat, gĂ€hnt: „Der FĂŒhrer befiehlt, wir folgen.“

WIENER HÄFTLING „Warum sollt er so an Schaß onschoffn? San jo kane Judn ned bei am Weihnachtsfestl“

FREINBERGER in belehrendem Tonfall: „Weihnachten wurde abgeschafft, weil es Teil der jĂŒdischen Weltverschwörung gegen das Deutsche Reich ist.“

WIENER HÄFTLING „Des vasteh i oba ned!“

FREINBERGER wĂŒtend: „Da gibt es auch nichts zu verstehen! Einem FĂŒhrerbefehl ist ohne zu Denken Folge zu leisten!“

WIENER HÄFTLING geht zum Herd und rĂŒhrt mit einem Kochlöffel in der Suppe um. Zu sich: „Den Heilign Abend obschaffn, so a Bledsinn muass da erst amoi einfalln!“

LAGERFÜHRER glaubt sich verhört zu haben, schreit: „Was erlauben Sie sich, ĂŒber einen FĂŒhrerbefehl lustig zu machen?! Ich werde sie dem ReichsfĂŒhrer SS melden!“

WIENER HÄFTLING rĂŒhrt in der Supper um, spöttisch: „Hearst Deppata, wĂŒllst dem Himmla a Luftpost schickn zu seina Woikn auffe, von wo er jetz obeschaut, der „Herr ReichsfĂŒhrer SS“? Der hodt si scho im 45er Johr hamdraht.“

Lautes Lachen aus dem Publikum, eine HĂ€ftlinge lachen ebenfalls.

LAGERFÜHRER empört ĂŒber das Lachen, dreht sich zum Publikum und droht mit erhobenen Finger: „Das Lachen wird euch allen noch vergehen!“

Lachen aus dem Publikum, ein paar Pfiffe sind zu hören

LAGERFÜHRER nach einer Weile, an Maria Schicho gewandt: „Was gibt es zum Essen, an diesem besonderen Festtag?“

WIENER HÄFTLING „Des konnst da aussuachn. Entweda oide Schuah mit am frittiertns Hackenkreuzfahnderl oder a Wossasuppn.“

LAGERFÜHRER versteht nicht, was sie sagt: „Wie bitte?“

DER LESBISCHE HÄFTLING versucht Hochdeutsch zu reden, verfĂ€llt aber in einen Berliner Dialekt: „Schuh, frittiert— dazu eine Hakenkreuzfahne, in Strippen geschnittenen, als Beilage mein ick.“

Lachen aus dem Publikum

LAGERFÜHRER entsetzt, schreit: „Was? Jetzt machen Sie sich sogar ĂŒber das Weihnachtsfestessen lustig?“

FREINBERGER verliert die Fassung, schreit: „JUL-FEST-ESSEN!“

Lautes Lachen aus dem Publikum, vereinzeltes Klatschen

LAGERFÜHRER leiser: „Das meine ich ja“ er wechselt wieder in einen lauten, schreienden Tonfall:„Machen Sie sich nicht ĂŒber das JULFEST lustig! Ich habe eine Frage gestellt und erwarte darauf eine Antwort! Und zwar Zack! Zack!“

WIENER HÄFTLING „Mah, der plĂ€rrt jo wie da Adi. Wir sind ja ned derrisch!“

Lautes Lachen aus dem Publikum

LAGERFÜHRER brĂŒskiert: „Das verbitte ich mir, das will ich ĂŒberhört haben.“

Er geht auf Maria Schicho zu, bleibt vor ihrem Stuhl stehen und blickt auf sie hinab, betont: „JUL-FEST-ESSEN!“

MARIA SCHICHO verĂ€ngstigt: „Es sind noch ein paar ErdĂ€pfel vorrĂ€tig, die könnten wir fĂŒr den Herrn LagerfĂŒhrer anbraten, aber Zwiebel haben wir keine.“

WIENER HÄFTLING bemerkt am Gesichtsausdruck, dass der LagerfĂŒhrers nicht versteht und erklĂ€rt: „Broatene Bramburi ohne ZwĂŒfeln!“

BARACKENFÜHRERIN lachend: „Na, des wird vielleicht fad schmeckn!“

LESBISCHER HÄFTLING als der LagerfĂŒhrer noch immer nicht versteht: „Knolln aber kene Bolln.“

LAGERFÜHRER verĂ€rgert: „Wie bitte?“

Lautes Lachen aus dem Publikum und von einzelnen HĂ€ftlingen

FREINBERGER versucht sich an die plattdeutsche Bezeichnung fĂŒr Kartoffel zu erinnern, die sie in ihrer Zeit im mecklenburgischen KZ RavensbrĂŒck gehört hat, betont, langsam: „T-ĂŒ-ff-e-l“ in normalem Tonfall: „aber keine“ betont: „Zi-poll-en“

LAGERFÜHRER dreht sich zu Freinberger um und fĂ€hrt sie wĂŒtend an: „Wie können Sie es wagen, mich einen Schwachkopf zu nennen? Das ist eine bodenlose Frechheit, die sie sich da erlauben, Oberaufseherin Freinberger!“

FREINBERGER schluchzend: „Was hab ich denn gesagt?“ sie weint bitter

Lachen aus dem Publikum, Pfiffe, Klatschen

MARIA SCHICHO versucht zu beruhigen: „An den Herd, meine Damen. Husch! Husch! Kochen sie ein Mahl, welches unserem FĂŒhrer wĂŒrdig ist.“

WIENER HÄFTLING zu sich, lachend: „Oide Schuach!“

LAGERFÜHRER gibt vor diese Bemerkung ĂŒberhört zu haben, verschrĂ€nkt seine Arme auf dem RĂŒcken und spaziert in der Baracke auf und ab. Er gibt vor, jeden Winkel zu inspizieren. Leise murmelt er immer wieder: „Jawohl!“ und: „Sehr schön.“

BARACKENFÜHRERIN hĂ€lt ein kleines Hitler Bild in den HĂ€nden. Als der LagerfĂŒhrer vor ihr steht, hebt sie es zögernd in die Höhe, hĂ€lt es vor ihr Gesicht, als ob sie sich dahinter versteckt.

LAGERFÜHRER nickt: „Dass lobe ich mir.“

BARACKENFÜHRERIN streckt das Bild höher und hĂ€lt es ĂŒber ihren Kopf.

LAGERFÜHRER in lautem, militĂ€rischen Tonfall: „Jawohl!“

BARACKENFÜHRERIN zuckt zusammen und streckt das Bild unnatĂŒrlich hoch ĂŒber ihren Kopf.

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO vorsichtig, ĂŒberfreundlich: „Die Damen haben fĂŒr den Herrn LagerfĂŒhrer ein Lied einstudiert!“

LAGERFÜHRER „Ein Lied. Sehr gut! Machen sie mal!“

FREINBERGER zu den HĂ€ftlingen: „Aufstellen, wie wir es geĂŒbt haben!“

Chaotisches Durcheinander, als die HĂ€ftlingsfrauen sich eng zusammendrĂ€ngen und in einem zweireihigen Halbkreis aufstellen. Maria Schicho erhebt sich schwerfĂ€llig vom Stuhl, der nun zwischen Freinberger und den Chor gestellt wird. Freinberger nimmt dem Wiener HĂ€ftling den Kochlöffel aus der Hand und benutzt ihn als Taktstock. Die BarackenfĂŒhrerin stellt auf den Sessel einen selbstgefertigten Julbogen, auf den einige Kerzen fixiert sind.

FREINBERGER deutet Maria Schicho mit einer einladenden Armbewegung: „Frau GaufrauenschaftsfĂŒhrerin, darf ich um die Ehre bitten.“

MARIA SCHICHO hat sich eine Stoff SchĂ€rpe um den Wamst gehĂ€ngt und begibt sich schwerfĂ€llig in Richtung des Stuhls. Die BarackenfĂŒhrerin drĂŒckt ihr eine Schachtel Streichhölzer in die Hand.

MARIA SCHICHO versucht ein Streichholz zu entzĂŒnden, wĂ€hrend Freinberger, als Dirigent, mit dem Kochlöffel den Einsatz gibt und halblaut dazu zĂ€hlt: „Drei, zwei, eins
“

HĂ€ftlingschor bei „eins“ fĂ€ngt der Chor im Schlagerrhythmus an das Horst-Wessel-Lied zu singen. Die Frauen im Chor, die viel zu eng zusammen stehen, reissen bei der Textstelle „SA marschiert“ ihren rechten Arm zum FĂŒhrergruß nach vorne. Die zweite Reihe schlĂ€gt den Frauen in der ersten auf den Kopf.

„Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“ die angerempelten Frauen der ersten Reihe drehen sich um: „Arsch!“, wĂ€hrend die Frauen der zweiten Reihe weiter den Text des Horst-Wessel-Liedes halten: „SA marsch
“ 

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

Als der Chor anfĂ€ngt zu singen heben die SS-MĂ€nner ihren rechten Arm zum FĂŒhrergruß und drehen sich mechanisch einander zu und wieder weg. Maria Schicho hat wegen ihres Übergewichts MĂŒhe sich zu dem Julbogen hinunterzubeugen und ein Streichholz zu entzĂŒnden. Der LagerfĂŒhrer hat seine Kappe abgenommen und sie unter seinen Arm geklemmt.

FREINBERGER schlĂ€gt mit dem Kochlöffel auf die Sessellehne, mit lauter Stimme „Ich erbitte mir Ruhe!“

MARIA SCHICHO betrachtet das Streichholz: „Jetzt ist es ausgegangen.“

WIENER HÄFTLING „A so a Schaß!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

Maria Schicho versucht ein weiteres ZĂŒndholz zu entzĂŒnden. Als das Streichholz brennt, klopft Freinberger mit dem Kochlöffel auf die Sesselleiste gibt den Einsatz.

Die HĂ€ftlingsfrauen im Chor drehen sich voneinander in verschiedene Richtungen weg, strecken ihren Arm zum FĂŒhrergruß nach vorne und fangen an laut im Schlagertakt zu singen. Die SS-MĂ€nner drehen sich im Takt zueinander und wieder voneinander weg.

HĂ€ftlingschor „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!

SA marschiert mit ruhig festem Schritt.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist
.“

Das Streichholz erlöscht erneut.

MARIA SCHICHO ruft wĂŒtend aus: „Heilige Maria und Josef!“

Das Singen verstummt.

FREINBERGER ist sichtlich entsetzt ĂŒber die erneute Unterbrechung. Sie blickt den LagerfĂŒhrer an. Dieser wendet sich seinen SS-MĂ€nnern zu

LAGERFÜHRER in schroffem Befehlston: „Schwefelhölzer! Zack! Zack!“

SS-MÄNNER die beiden SS-MĂ€nner stĂŒrzen in Panik zu Maria Schicho hin und nehmen wieder Haltung an.  Sie legen ihre HĂ€nde an die SchlĂ€fen und antworten zusammen: „Schwefelhölzer, jawohl!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

SS-MÄNNER die beiden SS-MĂ€nner rĂŒhren sich nicht. Sie blicken sich gegenseitig an, zusammen: „Keine Schwefelhölzer, mein FĂŒhrer“ und einer der beiden anfĂŒgt: „Nichtraucher, mein FĂŒhrer!“

Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER im Befehlston an den Chor: „Raucher vortreten!“

Etwa 5-6 Frauen treten etwas unsicher hervor und formieren sich langsam zu einer Reihe.

FREINBERGER „Streichhölzer!“

Die Frauen schauen sich gegenseitig an, bis der lesbische HĂ€ftling, dem noch eine erloschene Zigarette im Mundwinkel hĂ€ngt, lĂ€ssig nach vor tritt und Maria Schicho mit einem Augenzwinkern eine Schachtel Streichhölzer gibt. Diese bĂŒckt sich wieder schwerfĂ€llig nach vorne und zĂŒndet ein Streichholz an.

FREINBERGER klopft mit dem Kochlöffel auf die Stuhllehne: „und zwei, und eins
“

Der Chor fĂ€ngt an zu singen, die Arme zum FĂŒhrergruß in alle Richtungen gestreckt. Genauso wie die SS-MĂ€nner drehen sie sich nach links und rechts im Schlagertakt.

Die beiden SS-MĂ€nner reissen ihre rechten Arme zum FĂŒhrergruß nach vorne und stossen dabei die vornĂŒber gebĂŒckte Maria Schicho am Hinterteil an. Diese fĂ€llt unter lautem Geschrei auf den Sessel und reisst ihn und den Julbogen mit sich auf den Boden.

Der Chor singt weiter wÀhrend Maria Schicho sich am Boden wÀlzt und die SS-MÀnner im Takt der Melodie und breitem Grinsen rotieren. Freinberger dirigiert.

Lautes Lachen aus dem Publikum, Pfiffe, Schreie, Klatschen

HĂ€ftlingschor „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!

SA marschiert mit ruhig festem Schritt.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit“

LAGERFÜHRER Wutentbrannt, wirft er seine Kappe auf den Boden, schreit: „Aufhören! Ich befehle ihnen sofort damit aufzuhören!“

WIENER HÄFTLING „Jetzt ist er im Oasch, der Juldreck-Schaß!“

BARACKENFÜHRERIN „Ich hab genug von diesem Weihnachten“

FREINBERGER rot im Gesicht vor Wut, vollkommen außer sich, schreit: „JULFEST! Verdammt noch mal, ihr Idioten! ES HEISST JULFEST!“ Mit erhobenem Kochlöffel stĂŒrmt sie auf die HĂ€ftlingsfrauen zu und fĂ€ngt an, auf ihre Köpfe einzuschlagen: „JULFEST! Geht das nicht in eure Köpfe hinein! Es gibt kein Weihnachten mehr! Weihnachten wurde abgeschafft!“

Die HĂ€ftlingsfrauen aus dem Chor versuchen den SchlĂ€gen zu entkommen und fallen ĂŒber die, wie ein gestrandeter Wal am Boden liegende, Maria Schicho, die laut aufstöhnt.

WIENER HÄFTLING „Aus is! Jetzt hommas darennt!“

Licht aus, der Vorhang fÀllt.

Author: freakingcat
You can contact me under freakingcat@gmail.com

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.