Hoch oben im Turmcafe des alten Wachturms, sitzt er und lässt seinen Blick von den engen Gassen geduckter Steinhäuser des kroatischen Westteils hin zur alten Brücke, der Stari Most schweifen. Herz und Symbol von Mostar. Vor ihm ein Glas türkischen Kaffees, den er in den letzten Wochen zu schätzen gelernt hat. Er blickt hinunter auf die in der Sonne glänzenden nassen Körper der jungen Männer, der Brückenspringer.  Anfangs da sprangen sie noch, um so manchem Mädchen ihren Mut zu beweisen, ihnen einen Belohnungskuss abzuringen oder gemeinsam träumend am Flussufer zu sitzen, wenn die Sonne sich ein letztes Mal dunkelrot in der Neretva spiegelt, um die Kühle des Abends zu genießen. Nicht immer war es Liebe, die junge Männer todesmutig in die Tiefe springen ließ. Schon vor hundert Jahren saßen wohlbetuchte Leute in dem kleinen Turmcafe über der Brücke und warfen ihnen Goldmünzen aus Fenstern zu, die sie mit ihren Mützen fingen. Dann erst stiegen die jungen Männer auf die steinerne Brüstung, breiteten ihre Arme aus theatralisch und erhaben und warteten. Stille. Innehalten. Die Welt um einen herum vergessen. Abschalten. Dann, ein Schritt nach vorn, ein Schritt ins Nichts. Vier, fünf Sekunden lang der Fall in die Tiefe, bevor ihr Körper ins dunkle Nass der Neretva eintaucht. 25 Meter von der Brüstung der alten Brücke bis ins türkisgrüne eiskalte Wasser. Kein Springen, kein Fallen, sie fliegen, die Ikari der Stari Most.

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