400 Tage bin ich nun schon hier, weggesperrt wie ein Tier in mein Verlies. Nürnberg, Stadt unserer Reichsparteitage – oder was sie von ihr übergelassen haben, ein Trümmerfeld…das deutsche Herz, ausgebombt und ausgeblutet. Hinter einer mittelalterlichen Mauer aus roten Sandsteinquadern, das Justizgefängnis: eine ausgebreitete Hand. Kabbalistisches Teufelszeichen, ganz ungewollt, ganz unbewusst, gefangen in der Magie der Zweckmässigkeit. Kaltenbrunner Zelle 26! Gebückt durch die niedrige Tür gestossen, in meine Todeszelle. Kommandant Andrus C. Burton baut sich vor mir auf, übermächtig lächerlich. Jeder einzelne Zug seines Gesichts wie in Stein gemeisselt, sein Schellackhelm spiegelt und glänzt, knallgrün und glattgewichst und Augen so dunkel, dass hinter seinen runden Brillen, Iris und Pupille zu einem martialischen Blick verschmelzen. „Feuerwehrhauptmann“ nennt Göring ihn. Disziplin! Sonderwünsche lehnt er strikt ab. Essen nur mit Löffel! Verboten sind: Gürtel und Krawatte, kein Glas mit dem wir uns schlitzen könnten, selbst meine Uhr wird mir abgenommen. Rasieren nur unter Aufsicht, mein Wächter hält den Schlagstock bereit in seiner Hand. Nachdem Ley sich am Klo erhängt hat, werden wir ständig beobachtet, sogar beim Scheißen schauen sie einem zu.

Das gleißende Licht des Scheinwerfers wirft meinen Schatten an die Wand, Schatten der Vergangenheit, als ich noch wie ein ritterlicher Hüne aussah. Heydrich’s Golem haben mich die Prager Juden genannt. Sitzend halte ich mich an meiner Pritsche fest – abgemagert, ausgezehrt – nur um nicht vor Andrus in meinen Anzug zu zerfließen. Zu lebendigen Toten verkommen, wir die 21 Verdammten, Monster und Unmenschen, kaltherzige Nazi-Kreaturen, über die sich Zeitungen ihr loses Maul zerreissen.

Mich quält die unheimliche Stille, die mich umgibt, die Zeitlosigkeit eines Mannes, dem keine Zeit verbleibt. Drei Meter von der Zellentür zur Wand gegenüber. Eins, zwei, drei, vier, fünf…ich zähle Schritte um mich in meiner Ausweglosigkeit nicht zu verlieren, die Wachablöse der Soldaten vor der Tür ist mein Stundenmaß.

Meine Zelle muss vor Jahren einmal grün gewesen sein, kaum noch sehe ich den Schmutz auf den Wänden. Damit wir uns nicht durch Selbstmord ihrer Lynchjustiz entziehen, haben die Amerikaner die elektrischen Leitungen für das Licht so brutal aus der Wand gerissen, dass große ausgegipste Löcher verbleiben. An der Längswand steht meine Pritsche mit einer stinkenden strohgefüllten Matratze darauf. Vier kratzige Wolldecken aus amerikanischen Armeebeständen, ein kleines Handtuch, mehr besitze ich nicht. Als Kopfkissen benutze ich Kleidungsstücke. Die Wand längs der Pritsche glänzt speckig von den Berührungen meiner vielen Vorgänger. Eine Waschschüssel und ein Pappkarton mit einigen Briefen stehen auf dem kleinen Tisch aus Pappkarton und Sperrholz. Selbst den hat Kommandant Andrus selbstmordsicher gemacht und ein Tischbein abgesägt. Unter dem Fenster laufen zwei Heizrohre entlang, an denen ich mein Handtuch trockne. Bis auf Göring der einen Helfer bekommen hat, müssen wir unsere Zellen selbst aufwischen. Der Fette hat sich so sehr darüber aufgeregt hat, dass er fast geplatzt ist und die Amis Angst hatten, dass er vor ihren Augen an einem Herzinfarkt krepiert. Der penetrante Geruch des Desinfektionsmittel schwebt überall: in der Toilette, in der Wäsche und haftet selbst an meiner Haut, scheußlich süßlich-scharfer amerikanischer Gestank. Das Fenster. Wie ein hämisch grinsendes Maul hat es sich durch die dicke Wand gefressen, blickt es mich an, lockt mich, verspottet mich. Wie sehr wünsche ich mir hinauszublicken und noch einmal einen Blick auf die Welt zu werfen, doch selbst die Glasscheiben hat man durch graues Zelluloid ersetzt. Es ist so stark zerkratzt, dass ich die Welt da draußen nur als verschwommene Umrisse wahrnehmen kann.

Selbst heute an diesem heißen Junitag ist es düster in meiner Zelle. Ich kann ihn nicht sehen, doch schmecke ich die Hitze eines strahlenden Sommertages, ein Geschmack den ich schon als Kind liebte. Der Duft frisch geernteten Strohs, der stumme Gruß einer Delegation von Strohmännern, die mich als einzige in der alten Heimat empfingen. Wenn ich von Berlin aus am Weg nach Linz war, bin ich immer nach Raab hineingefahren. Wie enttäuscht war ich, wenn mich die alten Leut nicht mehr auf den ersten Blick erkannt haben…dass dreißig Jahre und mehr inzwischen vergangen sind, mag ich nicht so recht begreifen, bin ich doch so unvergeßlich in meiner Kinderzeit verfangen geblieben.  

Wie es die Gefängnisordnung verlangt, liege ich auf dem Rücken, die Hände über der Decke, den Kopf zur Innenseite meiner Zelle gewendet. Es ist abends, das grelle Licht des Scheinwerfers zerstrahlt mein Gesicht. Blutrote Lider, an Schlaf ist nicht zu denken: Ich starre an die gewölbte Decke, unendliche Müdigkeit, Nacht für Nacht torpedieren sie jede Zelle meines malträtierten Körpers, lassen mich nicht schlafen. Lärmen und lachen vor meiner Tür. Ich bin ein Gespenst, starr und regungslos, mein Leib aufgebahrt in Totenstarre. Immer beschaut vom nimmermüden Augenpaar meines versteinerten Wächters durch die quadratische Öffnung in der schweren, eichenen Zellentür. 

Ein Weltgericht sollte es sein, vor dass sie uns gezerrt haben, doch die Augen der Welt haben nur die Rache der Siegerjustiz gesehen, eine Farce, ein abgekartetes Spiel. Hätten sie doch nur auf Churchill gehört, der wollte uns alle standrechtlich erschießen lassen. Dann wärs wenigstens schon vorbei. Monatelang quälen sie uns nun schon ihren gelogenen Anschuldigungen zuzuhören, den gekauften Zeugen und dann zeigen sie uns auch noch diese Filme. „Das könnte die Ufa in einem Tag nachstellen und filmen“, meint Göring. Da geb ich ihm recht. Die Schuld am Tod von Millionen von Toten werfen sie uns vor, auf gefälschten Dokumenten, die Jackson aus seinem Hut zaubert. Aber was solls, das Spiel ist sowieso schon lange aus. Mein Auftritt getan und vorbei und ich brauche mich nicht zu schämen. Ich habe für die Ehre Deutschlands einen letzten Kampf geliefert. Jetzt werden die Judenrichter das letzte Wort haben und sie werden uns hängen lassen.

Ich will meine Gedanken verlieren und versuche in schlaflose Träume zu entfliehen. Dann bin ich wieder ein Bub und wandere am kleinen Bächlein bei Brünning entlang, das an vielen Glockenblumen und Margeriten, Fliedernelken und Distelköpfen, Dotterblumen und Vergissmeinnicht vorbeitaumelt und sich im Hannerlholz mit dem Raabbach vereint. Das Hannerlholz! Nirgends konnte man sich so gut verstecken, spielen oder Gefahren begegnen, waren doch zwei große Sandstätten dort, im finsteren nördlichen Teil gegen Maria-Bründl zu, in einem tiefen Hohlweg, wo die großen Kellereien der Brauerei lagen, zu denen die Fuhrfässer von starken weissen Ochsen gezogen wurden. Das Hannerlholz hatte alles in sich, was wir Kinder uns nur wünschen konnten. Die verschiedensten Schwämme, alle Blumen auf seinen Wiesenflecken, Erdbeeren, Käfer, Eidechsen, selbst Schlangen und am Rande zu den Teichen hin waren Wassergräben gezogen, mit Fröschen, Schwimmkäfern und wir setzten noch kleine Fische ein und bauten Brücken. Am Bach, der zwischen Pfarrhof und Hannerlwald vorbeirinnt und uns zum Fischen und Baden diente – auch meine erste Hirschlederhose fiel dort ins Wasser und blieb steif – lag die Mühle des Müllers in der Schleifen, so geheimnisvoll, wie sie nur in Märchen geschildert werden kann. Ihr großes Holzrad und Radkasten, beide von grünen Moos bedeckt und tausend funkelnden Wassertropfen umsprüht, war für Ohr und Auge unzertrennlich von dieser herrlichen Welt. Um Schloss und Kirche war der Marktfleck Raab ganz natürlich gewachsen, Kleinbauern, Handwerker, Krämer und Wirte riefen mit dem Zeitfortschritt Arzt und Apotheke, Post und Ämter, Sparkassa und Schule herbei und immer blieb der Ort mit seiner Umgebung eng verbunden, denn jeder hatte sein Stückchen Land und Wald behalten und Heu und Getreideähren kamen in den Straßen zu liegen, wenn es Erntezeit war. Fast hinter jedem Haus gab es Stall, Stadel und Garten, viele Obstbäume darin und wir kannten sie alle, die Frühäpfel so gut wie die Birnen und Zwetschken. Damals waren die Standesunterschiede noch deutlicher als ein Menschenalter später und es war auffällig, wenn ein Doktorkind zu armen Leuten kam. Auch die Eltern sahens nicht gern, vielleicht fürchteten sie Krankheiten. Umso lieber und neugieriger folgte ich den Einladungen meiner Schulkameraden, Buben und Mädels. Sie nahmen mich mit auf eine Rahmsuppe bei ihren Eltern, oder ein Stück würziges Bauernbrot schmeckte ja viel besser, als alles daheim. Scheuer aber als Wohlhabende, ist deren Scham vor fremden Einblick. Ich muß aber ein ganz natürliches Kind gewesen sein, denn vor mir wurde nichts verborgen und ich wieder, nahm alles ganz natürlich in meine Sinne auf. Ich sah das Kind armer Leute zufrieden sein, mit dem Apfel, dem ihm die Großmutter zusteckte. Ich bemerkte, wie ein müder Vater sich erst mit seiner Frau beriet, ob er sich heute zum Abendbrot einen Krug Bier holen konnte, ich erlebte Schicksalsschläge mit, wenn eine Kuh krank wurde oder ein Ferkel einging oder das Heu der einzigen Wiese nicht heimgebracht werden konnte, weil der Regen zu regnen nicht aufhörte. Ich kannte die Geschichte manches Sonntagsgewandes und die Ursache, warum nicht jedes Kind jeden Sonntag zur Kirche mitdurfte, weil fürs zweite Schwesterchen eben kein zweites Kleid gleicher Sonntäglichkeit da war. Dann wieder sah ich, dass sich der alte Vater die Bretter für seinen Sarg sorglich bereit legte und beim Dengeln den Nachbarn fragte, ob er auch schon trockene Bretter hätte. Wie ihnen das Sterben kein Grauen war, machten sie vor den Geburten wenig Aufhebens.

Das Haus meiner Familie war eines der größten Häuser des Marktes, in welchem wir den ganzen ersten Stock bewohnten und wo sich auch die Kanzleiräume meines Vaters, nach Süden gelegen, befanden. Das Haus stand zu oberst, einen kleinen Platz nach Westen abschützend, vom Norden kam die Straße aus Maria-Bründl herein, die am Haus vorbei und nach Süden abfallend führte und dann die Hochbruck hieß. Nach Westen führte die Straße zum Friedhof hinauf, weitergehen kam man, vorbei am reizend und von Blumen umwachsenen Häuschen des Rauchfangkehrers auf einem schönen Weg, der hinunter zu den Schatzlteichen und zum stattlichen Pfarreranwesen führte. Um den Pfarrhof herum standen in dichten Obstgärten noch einige Häuschen, die einem Binder, einem Rechenmacher und einigen Kleinbauern gehörten. Das Binderanwesen war für mich deshalb unvergesslich, weil Mutter dort alljährlich ihren Vorrat an Winteräpfel einkaufte und eine Sorte so tiefrote Wangen hatte, wie die Binder Resi, die mit mir zur Schule ging. Sie sprach sehr langsam und hatte immer verschwollene Augen, als ob sie Bienen gestochen hätten und ist mit ihren roten Wangen und strahlender Gesundheit wegen immer in Erinnerung. Ich brauche nur an sie zu denken und der ganze Weiler ist mir bis ins Kleinste gegenwärtig, ja ich höre das Quietschen des Türchens am Gartenzaun der Binderleute, ich sehe den alten Pfarrer Lang mit langer Pfeife und seinem Spitz Bello im Garten auf- und abgehen. Sein Brebierbüchl wird er ebenso wenig gelesen haben, wie ich die Buchstaben finde, wenn bei den kurzen Spaziergängen im Gefängnishof mich zum Lesen zwinge. Ein Schmetterling oder Maikäfer, wie gestern, lenken so leicht ab, als er sich aufs Buch setzte. 

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