„Du bist der einzige in der Familie, der die Wahrheit herausfinden und sie auch verstehen kann“, eröffnete mir meine Grossmutter im Gallspacher Altersheim, in welches man sie abgeschoben hatte, während vor dem Fenster, der November die Welt mit grau-grauslichem kalten Nebel wegwischte und sie aufhörte zu sein. Alterszittrig streckte sie mir einen abgegriffenen Briefumschlag entgegen, den Jahrzehnte des Aufbewahrens im doppelten Boden ihrer silbernen Schmuckschatulle gelblich verfärbt hatten. Noch zögerte ich den Brief anzunehmen, doch dann sah ich hinter dicken Brillen, ihre stahlgrauen Augen sich verklären und November, der gerade Allerseelen hinter sich gelassen hatte, fing an, Regentropfen an ihr Fenster zu peitschen. Genauso, wie sie es angekündigt hatte, starb Grossmutter eine Woche vor Weihnachten, als ich längst schon wieder auf der anderen Seite der Weltkugel weilte, wo man Heiligabend nicht kannte und einsame  Tränen unter Palmen in ein nebelgraues Meer Unendlichkeit schluchzte. Nun war ich allein in dieser Welt.

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