Mächtige, dunkle Wolkentürme stiegen aus der zornigen See, die ein Sturm landeinwärts vor sich her trieb, auf die Küste zu, an der die weiß gekalkten Häuser von Mogador und die Kanonen auf der Scala de la Kasbah im gleißenden Licht der untergehenden Nachmittagssonne wie Perlen glänzten. Man schrieb den 11. August 1844.

Auf einem der vielen bunten Berberteppiche— Blüten im Sand, die den Strand der Bucht zierten— sitzt der zehnjährige Khalid mit seinen älteren Brüdern Abdellah und Abdelaziz, eineiigen Zwillingen, und ist gerade dabei, das stachelige Häuschen einer Purpurschnecke mit einem Stein zu zertrümmern. Mit geschickten Fingern zieht der Junge den nackten Körper der Schnecke aus ihrem zerstörten Bau und wirft ihn in auf ein Tuch neben ihm, auf dem sich schon ein Berg aus hunderten Schneckenleichen türmte und aus dem sich seine Brüder immer wieder eine herausgriffen, um ihr mit einem gekonnten Messerschnitt die Atemhöhle aufzuschneiden und daraus eine kleine Drüse zu quetschen, die sie in einer Holzschale sammelten. Seit Generationen bereitet ihre Familie aus dem milchig-weißen Drüsensekret, das sie drei Tage lang in Salz einlegten und dann zehn Tage lang kochten, ein farbloses Pulver zu, welches die Strahlen der grellen Nachmittagssonne Marokkos in ein kräftiges Rot verwandelte und das dann Tag für Tag eine Schattierung weiter dunkelte, bis es die Farbe getrockneten Blutes angenommen hatte und mit Honig vermischt, zu Purpur, der Farbe der Könige und Päpste wurde. Der Wind wird stärker, bläst Khalid feine Sandkörner in seine Augen und zerzaust sein langes Haar.
„Alarm!“, ruft er, als der Wind die langgezogenen Signaltöne aus geblasenen Widderhörner in sein Ohr weht.
Er blickt zur mächtigen Stadtmauer hinüber, welche sich seit mehr als hundert Jahren den zornigen Wellen einer stürmischen See entgegenstemmt und sieht Stadtbewohner aufgeregt, kreuz und quer laufend, immer wieder in Richtung des Meeres zeigen.
„Allah! steh uns bei“, ruft Khalid aus, als sich aus der dunklen Wolkenwand, die sich unaufhörlich näher und näher an die Stadt herangeschoben hatte, ein Schatten löst und zu einem Segel wird, aus dem ein Schiff erwächst, eine Fregatte gar, bis die mächtige, fünfzehn Schiffe starke Französische Flotte, scheinbar aus dem nichts, vor Mogador auftaucht.

Hastig packen die Brüder ihre Sachen zusammen, schwingen sich ein Bündel auf den Rücken und schließen sich dem Strom panischer Bürger an, die sich durch die engen Straßen der Kasbah schieben. Aus der Medina kommen ihnen Soldaten des Sultans entgegengelaufen. Auch auf der kleinen, dem Hafen und der Bucht Mogadors vorgelagerten Insel, welche die Stadt vor den, immer heftiger an die steinernen Befestigungswälle schlagenden Wellen schützte, bezogen Soldaten Stellung. Unter laut gebrüllten Befehlen rollen sie Kanonenkugeln, schleppen hastig schwere Pulversäcke und richten die schweren gusseisernen Kanonen ständig neu auf die Schiffe der Franzosen aus, welche die wütende See hilflos zwischen Wellentälern und -kämmen tanzen lässt.
„Packt alles zusammen“, befiehlt Mutter ihren zwei Töchtern, als die Brüder ins Haus laufen.
Sofort beginnen Abdellah und Abdelaziz das wertvolle Purpurpulver in kleine Lederbeutel zu füllen und die beiden Packesel der Familie damit zu beladen, während Khalid in der alten geschnitzten Holztruhe nach einer Münze sucht, welche er letztes Jahr am Strand gefunden hatte. Großvater erzählte ihm, dass es eine römische Münze sei, eine Münze einer längst vergangenen, einer längst vergessenen Zeit. Als er sie, versteckt unter Leinentüchern findet, stürzt sein Vater zur Tür herein und berichtet, dass nur der wütende Sturm die Franzosen an der Erstürmung der Stadt hindert und der Sultan allen Frauen, Kindern und den Alten befohlen hatte, die Stadt unverzüglich zu verlassen. Vater und seine beiden ältesten Söhne werden Mogador vor den französischen Ungläubigen verteidigen. Khalids Mutter bricht in Heulen aus, umarmt ihren Mann und die Zwillinge, die sich, mit einem verrosteten Säbel und ein paar Messern bewaffnet, von ihr verabschieden.
„Geht in die Wüste. Allah stehe euch bei!“, befiehlt Vater.

Mutter führt die vollbepackten Esel aus dem Stall. Großvater sitzt festgeschnürt auf einem und hustet. Khalids Schwestern haben schwere Bündel auf ihren Rücken geschnürt und folgen nach. Mit einem großen Schlüssen verschließt Khalid die Tür des Hauses und reiht sich in die Karavane ein, ein endloser Zug aus Mensch und Tier, der sich von Mogador bis tief in die Wüste hinein erstreckt.

Vier Tage lang wütet der Sturm, bis die französische Flotte Position beziehen kann. Kanonendonner zerreisst die Stille der wieder beruhigten See. Eine Stunde lang feuern die Marokkanischen Batterien aus allen Rohren, doch ihre Feuerkraft ist zu gering, um mit schweren Eisenkugeln die feindlichen Schiffe zu treffen. Dann beginnen die Kanonen der Franzosen zu sprechen. Drei Stunden dauert der Beschuss Mogadors, eine marokkanische Stellung nach der anderen verstummt und Häuser in Flammen aufgehen. Nur mehr die Schrei der Verwundeten und das Gebrüll der französischer Truppen, durchbrechen die Stille, als die Soldaten auf Befehl von Duquesne und Bouet die Insel vor der Stadt erstürmen und nach schweren Kämpfen 400 marokkanische Soldaten gefangen nehmen. Die Franzosen wenden die aufs Meer gerichteten Kanonen der Inselfestung gegen Land und fangen an von neuem die Stadt zu beschiessen, 26 Stunden lang. Einen Tag später fällt Mogador unter dem Jubelgeschrei 600 französischer Soldaten, die die von allen Menschenseelen verlassene Stadt überrennen, Pulvervorräte in die Luft jagen, sämtliche Schiffe im Hafen versenken und die letzen intakten Verteidigungsanlagen auf der Skala Kasbah zerstören.

Khalid beobachtet die Rauchfahnen der brennenden Stadt hoch in den Himmel steigen, als Stämme der Chiadma und Haha in Mogador einfielen und vierzig Tage lang plünderten und brandschatzten. Auf seinem kleinen Gebetsteppich, den er am Kamm einer hohen Sanddüne gegen Mekka ausgerichtet hatte, denkt er an seinen Vater und an seine Brüder Adbellah und Abdelaziz und bittet Allah um seinen Segen für ihre heile Rückkehr. Er verneigt sich so tief vor dem einzig wahren Gott und Allah seinem Propheten, dass der kleine Lederbeutel, den er um den Hals trägt und der den Schlüssel seines Hauses in Mogador und eine alte römische Münze sicher vor den neugierigen Blicken anderer schützt, den Boden berührt.

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