Die Spur

1666 sticht der Däne Henry Matteson gegen Westen in See. Wochen später betritt er auf Prudence Island erstmals amerikanischen Boden. Generationen hartarbeitender Nachfahren hatten aus Robert Eliot Matteson einen US-Patrioten gemacht, der, als er einen Monat nach der Landung der Alliierten in der Normandie als einfacher Fußsoldat an Land geht, fest entschlossen ist, Hitler und seinen Nazi-Kumpanen den Garaus zu machen. Seine Einheit, das 318. Regiment der 80. Infanteriedivision, folgt dem halbwahnsinnigen General George S. Patton, der seine 3. US-Armee siegreich Schlacht für Schlacht, in östlicher Richtung quer durch Westeuropa rast, bis er auf tschechischem Boden mit der Sowjetarmee zusammentrifft, die bereits Prag besetzt hält. Patton bleibt nur der Weg nach Süden, so sich laut US Geheimdienstberichten in der berühmt-berüchtitgen Alpenfestung, einem Gebiet in den österreichischen Bergen, Hitlers Top-Nazis samt ihren Elitetruppen mit immensen Vorratslagern und in Felsen gehauenen Fabriken, in uneinnehmbaren Stellungen und bombensicheren unterirdischen Magazinen, geschützt durch V-Waffen, verschanzt halten, um ihren Feinden ein letztes Gefecht zu liefern. Als ein Agent der Spionageabwehr ums Leben kommt und keine Zeit ist, um Ersatz zu entsenden, sieht Matteson seine Chance gekommen, endlich mit eigener Hand Nazi Bonzen zu jagen. Er meldet sich freiwillig und wird mit der Führung des Spionageabwehrkorps des 319. Regiments beauftragt.

Sidney Bruskin spricht so gut Deutsch, als ob es seine Muttersprache ist und wird deswegen Mattison als Dolmetscher zugeteilt. Seit dem 4. Mai sind die beiden auf der Jagd nach Naziführern in der Alpenfestung, die sich als Goebbelsches Meisterwerk der Propaganda entpuppt, ein reines Phantasiegebilde der NS-Führung, die den amerikanischen Geheimdienst monatelang täuschte. Sid lenkt den Jeep durch das liebliche Dorf Gmunden und bleibt vor dem Haus des Ortsgruppenleiters stehen. Von der Gmundner Ortspolizei erfahren sie, dass sowohl der Reichsleiter der NSDAP, Robert Ley, als auch Gauleiter Eigruber erst vor ein paar Tagen durch den Ort gefahren sind und sich Richtung Inneres Salzkammergut abgesetzt hatten. Auch SS Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, der einst mächtige Chef des RSHA, der Kripo und Gestapo und verantwortlich für die Konzentrationslager des Reichs, hält sich in der Gegend zwischen St. Wolfgang, Bad Ischl und Bad Aussee versteckt. Endlich hat Mattison eine erste Spur.

Im Schutz unseres Panzerbataillons fahren wir die gebirgige Ufterstrasse des malerischen Traunsees entlang an dessen Südspitze das Konzentrationslager Ebensee liegt, eines von 40 Außenlager der Vernichtungsmaschinerie des KZ Mauthausens. Kaltenbrunner ließ die KZ-Anlagen mit Tarnnamen wie „SS-Arbeitslager Zement“ , „Taube I“ oder „Dachs II“ im November 1943 von der SS direkt neben dem kleinen Ort Ebensee errichten, um in unterirdischen Stollen eine Schmierölraffinerie zu errichten und Bauteile für Panzer und Flugzeuge zu produzieren.

Wir stehen vor der verschlossenen Lagertür des Konzentrationslagers. Von den SS-Wachmannschaften keine Spur, sie haben wenige Stunden vor unserer Ankunft das Lager verlassen. Als wir um 15 Minuten vor drei Uhr nachmittag das Tor aufbrechen, brandet tosender Jubel unter den auf dem Appellplatz versammelten abertausenden Häftlingen auf „Die Amerikaner sind da! Wir sind frei, frei!“ Alle fallen sich in die Arme, haben Tränen in den Augen. Eine Gruppe singt die Marseillaise, andere die Internationale, jeder in seiner Sprache.

Vor mir stehen menschliche Körper in einem Zustand, den ich nicht für möglich gehalten habe. Menschliche Skelette in schmutzigen Lumpen, teilweise barfuß strecken uns Hände entgegen. „Essen! Gebt uns Essen“ betteln sie. Wir haben keines und müssen den vollkommen ausgezehrten und entkräfteten Menschen erklären, dass amerikanische Soldaten bald eintreffen würden, mit Verpflegung und medizinischer Hilfe. Viele brechen daraufhin zusammen. „Vier, fünf, sechs Jahre haben wir auf euch gewartet und nun kommt ihr mit leeren Händen.“

Ich blicke in Augen die ihren Glanz verloren haben, jahrelang unfassbares sehen mussten, brutale Folterungen und wahllose Erschießungen durch Lagerkommandanten, die Trinker und Sadisten waren. Otto Riemer, leitender SS-Offizier hielt im Lager die auf Menschen abgerichtete Dogge „Lord“, die mehrmals Häftlinge zerfleischte. Einen Tag vor der Befreiung versuchte der Lagerkommandant noch, sämtliche Häftlinge in die Stollen zu treiben, um im ewigen Schweigen des Berges die Zeugen rassistischer Menschenvernichtung für immer verschwinden zu lassen.

Im Lagerspital siechen eng zusammengedrängt auf Bretterpritschen, ausgemergelte Körper mit Lumpen und Läusen bedeckt, durch grausame medizinische Experimente bereits rettlos an den Tod verloren. Man bedeutet uns, wir sollten auf jeden Fall auch das Krematorium sehen. Wir drängen wir uns durch dichtes Gewühl halb oder ganz nackter Menschenleiber, von allen Seiten wird auf uns eingeredet. Und immer wieder „Hunger! Gebt uns etwas zu Essen!“

Wie ein Obelisk ragt ein viereckiger Schornstein aus dem Dach einer niedrigen Holzbaracke: das Krematorium. Je näher ich herankomme, umso stärker macht sich der süßliche Leichengeruch bemerkbar. Syd muss sich ein Taschentuch vor die Nase halten, unerträglich ist der Gestank des Todes. Den Anblick von 140-150 aufeinander geschichteten, nackten und bis auf die Knochen vertrockneten Leichen im Aufbewahrungsraum werde ich mein Lebtag nicht mehr vergessen können. Es ist ein Blick ins Infernum. Man verträgt das Grauenvolle nicht auf einmal und muss erst weggehen und wieder hineinschauen, um Einzelheiten zu erblicken; Skelette von einer gelben oder grünlichen oder bläulich-schwarzen Haut überzogen. Mund und Augen stehen offen. Ein Durcheinander von verrenkten Gliedern. Manche Leiber sind noch durch furchtbare Wunden entstellt. Hinter dem Krematorium entdecken wir eine gewaltige offene Grube. Lastwagenweise wurden Häftlinge herangekarrt, durch einen Schuss in den Hinterkopf ausgelöscht, in das Loch geworfen, um dort zu verrotten. Die Kapazität der Öfen reichte nicht länger aus die Leichenberge in Rauch und Asche zu verwandeln.

Am Abend eskortieren Syd und ich 50 Nazis aus der Umgebung ins Lager damit sie mit eigenen Augen sehen müssen, was sie alle immer schon wussten und niemals zugeben werden. In der darauffolgenden Nacht begehen drei der Nazis Selbstmord, unter ihnen der Ortsgruppenleiter.

Die Zelle

400 Tage bin ich nun schon hier, weggesperrt wie ein Tier in mein Verlies. Nürnberg, Stadt unserer Reichsparteitage – oder was sie von ihr übergelassen haben, ein Trümmerfeld…das deutsche Herz, ausgebombt und ausgeblutet. Hinter einer mittelalterlichen Mauer aus roten Sandsteinquadern, das Justizgefängnis: eine ausgebreitete Hand. Kabbalistisches Teufelszeichen, ganz ungewollt, ganz unbewusst, gefangen in der Magie der Zweckmässigkeit. Kaltenbrunner Zelle 26! Gebückt durch die niedrige Tür gestossen, in meine Todeszelle. Kommandant Andrus C. Burton baut sich vor mir auf, übermächtig lächerlich. Jeder einzelne Zug seines Gesichts wie in Stein gemeisselt, sein Schellackhelm spiegelt und glänzt, knallgrün und glattgewichst und Augen so dunkel, dass hinter seinen runden Brillen, Iris und Pupille zu einem martialischen Blick verschmelzen. „Feuerwehrhauptmann“ nennt Göring ihn. Disziplin! Sonderwünsche lehnt er strikt ab. Essen nur mit Löffel! Verboten sind: Gürtel und Krawatte, kein Glas mit dem wir uns schlitzen könnten, selbst meine Uhr wird mir abgenommen. Rasieren nur unter Aufsicht, mein Wächter hält den Schlagstock bereit in seiner Hand. Nachdem Ley sich am Klo erhängt hat, werden wir ständig beobachtet, sogar beim Scheißen schauen sie einem zu.

Das gleißende Licht des Scheinwerfers wirft meinen Schatten an die Wand, Schatten der Vergangenheit, als ich noch wie ein ritterlicher Hüne aussah. Heydrich’s Golem haben mich die Prager Juden genannt. Sitzend halte ich mich an meiner Pritsche fest – abgemagert, ausgezehrt – nur um nicht vor Andrus in meinen Anzug zu zerfließen. Zu lebendigen Toten verkommen, wir die 21 Verdammten, Monster und Unmenschen, kaltherzige Nazi-Kreaturen, über die sich Zeitungen ihr loses Maul zerreissen.

Mich quält die unheimliche Stille, die mich umgibt, die Zeitlosigkeit eines Mannes, dem keine Zeit verbleibt. Drei Meter von der Zellentür zur Wand gegenüber. Eins, zwei, drei, vier, fünf…ich zähle Schritte um mich in meiner Ausweglosigkeit nicht zu verlieren, die Wachablöse der Soldaten vor der Tür ist mein Stundenmaß.

Meine Zelle muss vor Jahren einmal grün gewesen sein, kaum noch sehe ich den Schmutz auf den Wänden. Damit wir uns nicht durch Selbstmord ihrer Lynchjustiz entziehen, haben die Amerikaner die elektrischen Leitungen für das Licht so brutal aus der Wand gerissen, dass große ausgegipste Löcher verbleiben. An der Längswand steht meine Pritsche mit einer stinkenden strohgefüllten Matratze darauf. Vier kratzige Wolldecken aus amerikanischen Armeebeständen, ein kleines Handtuch, mehr besitze ich nicht. Als Kopfkissen benutze ich Kleidungsstücke. Die Wand längs der Pritsche glänzt speckig von den Berührungen meiner vielen Vorgänger. Eine Waschschüssel und ein Pappkarton mit einigen Briefen stehen auf dem kleinen Tisch aus Pappkarton und Sperrholz. Selbst den hat Kommandant Andrus selbstmordsicher gemacht und ein Tischbein abgesägt. Unter dem Fenster laufen zwei Heizrohre entlang, an denen ich mein Handtuch trockne. Bis auf Göring der einen Helfer bekommen hat, müssen wir unsere Zellen selbst aufwischen. Der Fette hat sich so sehr darüber aufgeregt hat, dass er fast geplatzt ist und die Amis Angst hatten, dass er vor ihren Augen an einem Herzinfarkt krepiert. Der penetrante Geruch des Desinfektionsmittel schwebt überall: in der Toilette, in der Wäsche und haftet selbst an meiner Haut, scheußlich süßlich-scharfer amerikanischer Gestank. Das Fenster. Wie ein hämisch grinsendes Maul hat es sich durch die dicke Wand gefressen, blickt es mich an, lockt mich, verspottet mich. Wie sehr wünsche ich mir hinauszublicken und noch einmal einen Blick auf die Welt zu werfen, doch selbst die Glasscheiben hat man durch graues Zelluloid ersetzt. Es ist so stark zerkratzt, dass ich die Welt da draußen nur als verschwommene Umrisse wahrnehmen kann.

Selbst heute an diesem heißen Junitag ist es düster in meiner Zelle. Ich kann ihn nicht sehen, doch schmecke ich die Hitze eines strahlenden Sommertages, ein Geschmack den ich schon als Kind liebte. Der Duft frisch geernteten Strohs, der stumme Gruß einer Delegation von Strohmännern, die mich als einzige in der alten Heimat empfingen. Wenn ich von Berlin aus am Weg nach Linz war, bin ich immer nach Raab hineingefahren. Wie enttäuscht war ich, wenn mich die alten Leut nicht mehr auf den ersten Blick erkannt haben…dass dreißig Jahre und mehr inzwischen vergangen sind, mag ich nicht so recht begreifen, bin ich doch so unvergeßlich in meiner Kinderzeit verfangen geblieben.  

Wie es die Gefängnisordnung verlangt, liege ich auf dem Rücken, die Hände über der Decke, den Kopf zur Innenseite meiner Zelle gewendet. Es ist abends, das grelle Licht des Scheinwerfers zerstrahlt mein Gesicht. Blutrote Lider, an Schlaf ist nicht zu denken: Ich starre an die gewölbte Decke, unendliche Müdigkeit, Nacht für Nacht torpedieren sie jede Zelle meines malträtierten Körpers, lassen mich nicht schlafen. Lärmen und lachen vor meiner Tür. Ich bin ein Gespenst, starr und regungslos, mein Leib aufgebahrt in Totenstarre. Immer beschaut vom nimmermüden Augenpaar meines versteinerten Wächters durch die quadratische Öffnung in der schweren, eichenen Zellentür. 

Ein Weltgericht sollte es sein, vor dass sie uns gezerrt haben, doch die Augen der Welt haben nur die Rache der Siegerjustiz gesehen, eine Farce, ein abgekartetes Spiel. Hätten sie doch nur auf Churchill gehört, der wollte uns alle standrechtlich erschießen lassen. Dann wärs wenigstens schon vorbei. Monatelang quälen sie uns nun schon ihren gelogenen Anschuldigungen zuzuhören, den gekauften Zeugen und dann zeigen sie uns auch noch diese Filme. „Das könnte die Ufa in einem Tag nachstellen und filmen“, meint Göring. Da geb ich ihm recht. Die Schuld am Tod von Millionen von Toten werfen sie uns vor, auf gefälschten Dokumenten, die Jackson aus seinem Hut zaubert. Aber was solls, das Spiel ist sowieso schon lange aus. Mein Auftritt getan und vorbei und ich brauche mich nicht zu schämen. Ich habe für die Ehre Deutschlands einen letzten Kampf geliefert. Jetzt werden die Judenrichter das letzte Wort haben und sie werden uns hängen lassen.

Ich will meine Gedanken verlieren und versuche in schlaflose Träume zu entfliehen. Dann bin ich wieder ein Bub und wandere am kleinen Bächlein bei Brünning entlang, das an vielen Glockenblumen und Margeriten, Fliedernelken und Distelköpfen, Dotterblumen und Vergissmeinnicht vorbeitaumelt und sich im Hannerlholz mit dem Raabbach vereint. Das Hannerlholz! Nirgends konnte man sich so gut verstecken, spielen oder Gefahren begegnen, waren doch zwei große Sandstätten dort, im finsteren nördlichen Teil gegen Maria-Bründl zu, in einem tiefen Hohlweg, wo die großen Kellereien der Brauerei lagen, zu denen die Fuhrfässer von starken weissen Ochsen gezogen wurden. Das Hannerlholz hatte alles in sich, was wir Kinder uns nur wünschen konnten. Die verschiedensten Schwämme, alle Blumen auf seinen Wiesenflecken, Erdbeeren, Käfer, Eidechsen, selbst Schlangen und am Rande zu den Teichen hin waren Wassergräben gezogen, mit Fröschen, Schwimmkäfern und wir setzten noch kleine Fische ein und bauten Brücken. Am Bach, der zwischen Pfarrhof und Hannerlwald vorbeirinnt und uns zum Fischen und Baden diente – auch meine erste Hirschlederhose fiel dort ins Wasser und blieb steif – lag die Mühle des Müllers in der Schleifen, so geheimnisvoll, wie sie nur in Märchen geschildert werden kann. Ihr großes Holzrad und Radkasten, beide von grünen Moos bedeckt und tausend funkelnden Wassertropfen umsprüht, war für Ohr und Auge unzertrennlich von dieser herrlichen Welt. Um Schloss und Kirche war der Marktfleck Raab ganz natürlich gewachsen, Kleinbauern, Handwerker, Krämer und Wirte riefen mit dem Zeitfortschritt Arzt und Apotheke, Post und Ämter, Sparkassa und Schule herbei und immer blieb der Ort mit seiner Umgebung eng verbunden, denn jeder hatte sein Stückchen Land und Wald behalten und Heu und Getreideähren kamen in den Straßen zu liegen, wenn es Erntezeit war. Fast hinter jedem Haus gab es Stall, Stadel und Garten, viele Obstbäume darin und wir kannten sie alle, die Frühäpfel so gut wie die Birnen und Zwetschken. Damals waren die Standesunterschiede noch deutlicher als ein Menschenalter später und es war auffällig, wenn ein Doktorkind zu armen Leuten kam. Auch die Eltern sahens nicht gern, vielleicht fürchteten sie Krankheiten. Umso lieber und neugieriger folgte ich den Einladungen meiner Schulkameraden, Buben und Mädels. Sie nahmen mich mit auf eine Rahmsuppe bei ihren Eltern, oder ein Stück würziges Bauernbrot schmeckte ja viel besser, als alles daheim. Scheuer aber als Wohlhabende, ist deren Scham vor fremden Einblick. Ich muß aber ein ganz natürliches Kind gewesen sein, denn vor mir wurde nichts verborgen und ich wieder, nahm alles ganz natürlich in meine Sinne auf. Ich sah das Kind armer Leute zufrieden sein, mit dem Apfel, dem ihm die Großmutter zusteckte. Ich bemerkte, wie ein müder Vater sich erst mit seiner Frau beriet, ob er sich heute zum Abendbrot einen Krug Bier holen konnte, ich erlebte Schicksalsschläge mit, wenn eine Kuh krank wurde oder ein Ferkel einging oder das Heu der einzigen Wiese nicht heimgebracht werden konnte, weil der Regen zu regnen nicht aufhörte. Ich kannte die Geschichte manches Sonntagsgewandes und die Ursache, warum nicht jedes Kind jeden Sonntag zur Kirche mitdurfte, weil fürs zweite Schwesterchen eben kein zweites Kleid gleicher Sonntäglichkeit da war. Dann wieder sah ich, dass sich der alte Vater die Bretter für seinen Sarg sorglich bereit legte und beim Dengeln den Nachbarn fragte, ob er auch schon trockene Bretter hätte. Wie ihnen das Sterben kein Grauen war, machten sie vor den Geburten wenig Aufhebens.

Das Haus meiner Familie war eines der größten Häuser des Marktes, in welchem wir den ganzen ersten Stock bewohnten und wo sich auch die Kanzleiräume meines Vaters, nach Süden gelegen, befanden. Das Haus stand zu oberst, einen kleinen Platz nach Westen abschützend, vom Norden kam die Straße aus Maria-Bründl herein, die am Haus vorbei und nach Süden abfallend führte und dann die Hochbruck hieß. Nach Westen führte die Straße zum Friedhof hinauf, weitergehen kam man, vorbei am reizend und von Blumen umwachsenen Häuschen des Rauchfangkehrers auf einem schönen Weg, der hinunter zu den Schatzlteichen und zum stattlichen Pfarreranwesen führte. Um den Pfarrhof herum standen in dichten Obstgärten noch einige Häuschen, die einem Binder, einem Rechenmacher und einigen Kleinbauern gehörten. Das Binderanwesen war für mich deshalb unvergesslich, weil Mutter dort alljährlich ihren Vorrat an Winteräpfel einkaufte und eine Sorte so tiefrote Wangen hatte, wie die Binder Resi, die mit mir zur Schule ging. Sie sprach sehr langsam und hatte immer verschwollene Augen, als ob sie Bienen gestochen hätten und ist mit ihren roten Wangen und strahlender Gesundheit wegen immer in Erinnerung. Ich brauche nur an sie zu denken und der ganze Weiler ist mir bis ins Kleinste gegenwärtig, ja ich höre das Quietschen des Türchens am Gartenzaun der Binderleute, ich sehe den alten Pfarrer Lang mit langer Pfeife und seinem Spitz Bello im Garten auf- und abgehen. Sein Brebierbüchl wird er ebenso wenig gelesen haben, wie ich die Buchstaben finde, wenn bei den kurzen Spaziergängen im Gefängnishof mich zum Lesen zwinge. Ein Schmetterling oder Maikäfer, wie gestern, lenken so leicht ab, als er sich aufs Buch setzte. 

…narbengesicht…

…eine narbenhaut, gespannt, dort wo ein antlitz menschliches zeigen sollte, jedoch bloß eine fratze steht, wie…

…mit löchern, aus denen inwohnendes böses starrt, ein vipernblick, totenkalt, sein opfer fixierende augen…

…ein mund, den kein schwerthieb traf, zerfurcht jedoch wange, kinn und stirn, selbst der nase fehlt ein stück, betrunken, zerschnitten von autoglas…

…wie ein schakal, die ohren, nach hinten spitz gelegt, ein allzeit lauschender verräter, vor dem selbst himmler sich in die hosen schiss, heimtückisch und falsch…

…mit einem gang, grobschlächtig und derb, seitwärts baumelnden armen wie ein gorilla, hünenhaft auch die gestalt, auf den schultern, ein viel zu kleiner kopf, fast gänzlich ohne hals, unbeholfen…

…spinnbeindünn, die finger, ekelhaft und gelb von rauch, zitternd wie espenlaub, hände feingliedrig, widerlich und lang…

…der mund, aus dem es stank, nach alkohol und kalten zigaretten, die angstfäule verrottender zahnruinen, und trotzdem dem zahnarzt sich verwehrt…

…der mächtige, fäden ziehend im hintergrund, auf dessen befehl, züge menschlicher fracht ins gas fuhren, der name, kaltenbrunner…

…den sie in nürnberg, den mann ohne unterschrift nannten, grosse unschuldsreden schwingend, abstreiten, lügen und hernach kleinlaut heulend in der zelle verkommend, das elend im schlecht-sitzenden anzug…

…als er letztendlich, die stufen zum galgen hinaufsteigt, deutschland alles gute wünscht und im angesicht des henkers, noch an adolf hitler glaubt…

…kaltenbrunner…

 

Vae victis – Von der Asche der Welt

„Durch Gerechtigkeit muß das Land bestehen,
durch Unrecht wird es ganz vergehen.“[spacer height=”10px” id=”2″]

Der Morgen ist kühl mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und selbst tagsüber werden sie nicht über 8 Grad klettern, ein trostlos grauer Oktobertag in München. Durchgehend mäßiger Sprühregen fällt auf den Ostfriedhof, als um 9 Uhr früh, zwei Armeelastwägen, begleitet von einer Militäreskorte aus sechs Jeeps und mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten, nach 200 km langer Fahrt, auf Umwegen von Nürnberg kommend, vor jenem Krematorium vorfahren, in dem die Nazi-Diktatur die Leichen tausender ihrer Gegner und Opfer verbrannt hatte. Es ist Mittwoch, der 16. Oktober 1946. US-Soldaten entladen elf Holzkisten, welche, so wurde ihnen gesagt, die Leichen verstorbener amerikanischer Soldaten enthalten, welche unter der Aufsicht von Offizieren eingeäschert werden sollen. Auf jedem Sarg klebt ein Zettel, auf einem steht „George Munger“, auf einem anderen “Abraham Goldberg“. Doch liegen in den Särgen weder die sterblichen Überreste des Trainers des Football-Teams der Universität von Pennsylvania oder der Jude „Goldberg“, noch enthalten sie die Leichen der anderen Mitglieder der Fußballmannschaft. Sie sind auch keine verunglückten amerikanischen Flieger, als welche sie der Chef-Bestatter der US-Army, Major Rex S. Morgan, in die Krematoriumsakten einträgt. [spacer height=”10px” id=”2″]

30 oder 40 Soldaten schleppen die elf Sperrholzkisten in den Keller des aus grauen Steinblöcken errichteten Krematoriums, wo sich die Verbrennungsöfen befinden. Die hölzernen Särge werden geöffnet und die, in Bettlacken gehüllten Leichen, von Amerikanischen, Britischen, Französischen und Sowjetischen Offizieren inspiziert. Erst jetzt erfahren die Anwesenden die wahre Identität der Toten. Es sind die Leichen der in der Nacht zuvor am Galgen hingerichteten Nazi Hauptkriegsverbrecher. George Munger ist Hermann Göring, der sich kurz vor seiner Hinrichtung mit Zyankali das Leben nimmt. Der Judenhasser und Herausgeber der propagandistischen Hetzschrift „Der Stürmer“, Julius Streicher, wird als „Abraham Goldberg“ ohne jegliches Zeremoniell in den Ofen geschoben. Ein letzter Triumph über einen rassistischen Menschenhasser. Nacheinander werden in den Öfen zu Staub verbrannt: Außenminister Joachim von Ribbentrop, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel, der Chef der Sicherheitspolizei und des RSHA, Ernst Kaltenbrunner, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg, der Generalgouverneur von Polen Hans Frank, Innenminister Wilhelm Frick, Gauleiter von Thüringen Fritz Sauckel, Generaloberst Alfred Jodl und der Reichskommissar für die Niederlande Arthur Seyss-Inquart. [spacer height=”10px” id=”2″]

Da die Särge aus dickem Sperrholz gezimmert sind, dauert es über eine Stunde, bis die 1000 Grad heiße Gasflamme, den Körper in Asche verwandelt und so wird es 11 Uhr nachts werden, bis die schlimmsten Kriegsverbrecher des Großdeutschen Alptraums zu Staub der Geschichte zerfallen. [spacer height=”10px” id=”2″]

In der öffentlichen amtlichen Mitteilung wird verlautbart: „Die Leiche Hermann Wilhelm Görings ist zusammen mit den Leichen der Kriegsverbrecher, die gemäß dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes am 16. Oktober in Nürnberg hingerichtet worden sind, verbrannt und die Asche im geheimen in alle Winde verstreut worden.“ Doch die Wirklichkeit ist anders, als diese offizielle Verlautbarung die Bevölkerung glauben läßt. Eine Lüge, absichtlich verbreitet, um jeglichen Nazi Totenkult zu verhindern.[spacer height=”10px” id=”2″]

Im Münchner Stadtteil Solln, an der Heilmannstraße 25, befindet sich eine imposante Villa, welche im Jahr 1901 im englischen Landhausstil von Gustav Schellenberger erbaut und später von dem berühmten Architekten Jakob Heilmann erweitert wurde. Der ehemalige Besitzer der Villa, verheiratet mit Heilmanns Tochter, ist der Geheime Kommerzienrat und Konsul Roman Oberhummer, der von seinem Vater das angesehene Kaufhaus „Roman Mayr“ in München übernommen hatte. Gemeinsam mit anderen wohlhabenden Kaufleuten, dem SS-Führer der Gestapo und der Polizeidirektion München nimmt Kommerzienrat Oberhummer Ende April 1935 an der Gründungsversammlung der Münchner Zentrale für das antisemitische Hetzblatt “Der Stürmer” des fränkischen Gauleiters Julius Streicher teil, die neben Auslieferung und Abonnentenwerbung auch den Verkauf des antisemitischen Hetzblattes auf der Straße übernimmt um der “stetigen Erhöhungen der Umsätze der jüdischen Geschäfte” entgegenzuwirken. Roman Oberhuber beteiligt sich mit 200 Reichsmark und es stört ihn nicht im geringten, dass unter Duldung durch die Münchener NSDAP-Gauleitung und SS- und Polizeiführung, nächtlich Schaufenster jüdischer Geschäfte und Kaufhäuser eingeschlagen werden, da auch sein Kaufhaus „Roman Mayr“ in den folgenden Jahren von der “Arisierung” der jüdischen Betriebe profitierten wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Wenn man von der „Villa Oberhummer“ zwei Kilometer die Heilmannstraße entlang Richtung Pullach spaziert, erreicht man ein Gelände, welches eine sehr interessante Geschichte aufweist, die Anfang der 30er Jahre beginnt, als ambitionierte Nationalsozialisten aus ganz Deutschland in die „Hauptstadt der Bewegung“ ziehen, um unter Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess zu arbeiten. Martin Bormann, der selbst in einem repräsentativen Haus, der Stabsleitervilla wohnt, läßt von 1936 bis 38 die NS-Mustersiedlung, „Reichsiedlung Rudolf Hess“, auch „Sonnenwinkel“ genannt, errichten mit Häusern, umgeben von weitläufigen Gärten zur Selbstversorgung für die Nazi-Privilegierten und ihren kinderreichen Familien. Als der Krieg beginnt läßt er dem Führer auf dem Gelände das Führerhauptquartier „Siegfried“ errichten unter dem der „Hagen“ Bunker mit seinen 3.5 Meter dicken Stahlbetonmauern angelegt wird. Das ganze verschlingt 13 Millionen Reichsmark, das Zehnfache des neuen Führerbunkers im Garten der Reichskanzlei in Berlin. Hitler benutzt den Bunker kein einziges Mal.[spacer height=”10px” id=”2″]

In Pullach ist Adolf Hitler jedoch immer wieder gerne zu Gast, kommt einmal im Jahr für ein paar Tage vorbei und schätzt die Ruhe der Anlage, wo er unter anderem das Münchner Abkommen vorbereitet. Den ersten Besuch Hitlers in Pullach am 14. September 1938 vermerkt Martin Bormann in seinem Taschenkalender: „Besuch des Führers im Sonnenwinkel (lange Besprechungen mit Ribbentropp im Hause Bormann). Hernach Fahrt zum Obersalzberg.“ Für die bequeme Anreise des Führers wird eigens eine Bahntrasse angelegt, welche von der Strecke München-Wolfratshausen abzweigt und direkt auf das Gelände führt womit Pullach zur perfekten Station zwischen Hitlers Privatwohnung am Münchner Prinzregentenplatz und dem Berghof oberhalb von Berchtesgaden wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Die Bewohner des idyllischen „Sonnenwinkels“ sind glühende Nationalsozialisten und vor allem die Söhne und Töchter der Pullacher NS-Elite erleben ihr Zuhause als Kinderparadies mit großen Wiesen und Spielplätzen. 1943 verlegt Generalfeldmarschall Erwin Rommel seine Befehlszentrale in das Führerhauptquartier und bereitet dort nach Mussolinis Sturz die Besetzung Italiens vor. Während München in Schutt und Asche gebombt wird und die Luft erfüllt ist vom Gestank verwesender Leichen unter eingestürzten Häusern, zieht der Krieg an den, mit einem dunklen Tarnanstrich versehenen Häusern, vorbei. Die Reichssiedlung wird niemals wird sie direkt getroffen und die Menschen spazierten in Pullach herum, als ob der Krieg sie nichts angehe. [spacer height=”10px” id=”2″]

Vor den heranrückenden Alliierten Truppen wird im April 1945 die Siedlung plötzlich geräumt, so dass die Amerikaner, als sie am 30. April die Heilmannstraße erreichen, anstatt der erwarteten SS-Kaserne, eine leere Wohnsiedlung mit riesigem Bunker vorfinden. Nach Kriegsende richtet sich auf dem Gelände eine Zensureinheit der US-Armee ein, die Post und Telefone in Deutschland überwacht und hofft Kriegsverbrecher aufzuspüren. Unter den Mitarbeitern sind neben deutschsprachigen Emigranten auch Holocaust-Überlebende, die nun zum Teil in den früheren Häusern von NS-Verbrechern wohnen. Am 6. Dezember 1947 zieht in der Heilmannstraße 30 und den übrigen Häusern der ehemaligen Siedlung „Rudolf Hess“ die Organisation Gehlen ein, ein von US-Behörden aus deutschem Nazi und SS-Personal gebildeter Nachrichtendienst, der später in Bundesnachrichtendienst (BND) umbenannt wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Am 9. September 1944 verstirbt Roman Mattias Oberhummer 73 jährig und erlebt deshalb nicht mehr wie am 17. Oktober 1946 amerikanische Soldaten, elf runde Aluminium Zylinder, 40 cm hoch und 15 cm im Durchmesser, in seine weiße Stuckvilla in München-Solln tragen, welche zuvor von den Besatzern für diskrete Zwecke requiriert worden war.[spacer height=”10px” id=”2″]

In den schmucklosen Urnen, die Asche der schlimmsten Nazi-Verbrecher, welche die Verantwortung für den Tod von Million unschuldiger Menschen trugen und ganze Länder in Schutt und Asche gelegt hatten. Drei oder vier Soldaten, ein hochrangiger US-Army-Offizier, der Chef-Bestatter der US-Armee, Major Rex S. Morgan, sowie ein ziviler Leichenbestatter steigen, die Aluminiumdosen in der Hand, eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Durch diesen fließt der Wenzbach, ein kleiner, nichts-sagender Bach im Süden von München. Er entspringt in der Adolf-Wenz-Straße nahe der Großhesseloher Brücke und fließt auf nur etwa 1 km Länge entlang der Conwentzstraße und dem Isarwerkkanal, in den er beim „Isar-Flößerdenkmal“ mündet. [spacer height=”10px” id=”2″]

75 Meter unterhalb der Villa stellen die Soldaten neben dem, kaum drei Meter breiten Bach, die elf Zylinder in das Gras und beginnen mit Äxten auf die Urnen einzuschlagen bis sie aufplatzen. Achtlos schütten sie den Inhalt, die sterblichen Überreste, der, am Vortag in der Turnhalle des Nürnberger Gefängnisses gehenkten deutschen Hauptkriegsverbrecher, in den Bach, der die Leichenasche davonträgt. Die leeren Behälter zerschlagen die Militärs mit Äxten und treten das zerfetzte Blech mit ihren Stiefeln platt. Nichts darf mehr von den Nazi-Verbrechern und deutschen Regierungsmitgliedern übrig bleiben, nichts soll mehr an den Abschaum der Menschheit erinnern.[spacer height=”10px” id=”2″]

Noch in seiner Nürnberger Gefängniszelle hatte der eitle Reichsmarschall Hermann Göring schwadroniert, dass seine Gebeine eines gerechten Tages in einem “Marmorsarg” landen würden, das Volk werde ihm “Statuen” setzen, “große in den Parks und kleine in jedem Wohnzimmer”. Er irrte ein letztes Mal. Die Sieger stellten sicher, dass niemand die Spur der sterblichen Überreste der Nazi-Führer aufnehmen konnte. Keine Reliquie, kein Andenken, keine Würdigung. Nichts. Die Asche der elf Nazi-Verbrecher sollte sich verdünnen mit allem Wasser dieser Welt, einer Welt, die durch deren Schuld und Barbarei, zu viel Leid ertragen musste.