Die Zelle

400 Tage bin ich nun schon hier, weggesperrt wie ein Tier in mein Verlies. Nürnberg, Stadt unserer Reichsparteitage – oder was sie von ihr übergelassen haben, ein Trümmerfeld…das deutsche Herz, ausgebombt und ausgeblutet. Hinter einer mittelalterlichen Mauer aus roten Sandsteinquadern, das Justizgefängnis: eine ausgebreitete Hand. Kabbalistisches Teufelszeichen, ganz ungewollt, ganz unbewusst, gefangen in der Magie der Zweckmässigkeit. Kaltenbrunner Zelle 26! Gebückt durch die niedrige Tür gestossen, in meine Todeszelle. Kommandant Andrus C. Burton baut sich vor mir auf, übermächtig lächerlich. Jeder einzelne Zug seines Gesichts wie in Stein gemeisselt, sein Schellackhelm spiegelt und glänzt, knallgrün und glattgewichst und Augen so dunkel, dass hinter seinen runden Brillen, Iris und Pupille zu einem martialischen Blick verschmelzen. „Feuerwehrhauptmann“ nennt Göring ihn. Disziplin! Sonderwünsche lehnt er strikt ab. Essen nur mit Löffel! Verboten sind: Gürtel und Krawatte, kein Glas mit dem wir uns schlitzen könnten, selbst meine Uhr wird mir abgenommen. Rasieren nur unter Aufsicht, mein Wächter hält den Schlagstock bereit in seiner Hand. Nachdem Ley sich am Klo erhängt hat, werden wir ständig beobachtet, sogar beim Scheißen schauen sie einem zu.

Das gleißende Licht des Scheinwerfers wirft meinen Schatten an die Wand, Schatten der Vergangenheit, als ich noch wie ein ritterlicher Hüne aussah. Heydrich’s Golem haben mich die Prager Juden genannt. Sitzend halte ich mich an meiner Pritsche fest – abgemagert, ausgezehrt – nur um nicht vor Andrus in meinen Anzug zu zerfließen. Zu lebendigen Toten verkommen, wir die 21 Verdammten, Monster und Unmenschen, kaltherzige Nazi-Kreaturen, über die sich Zeitungen ihr loses Maul zerreissen.

Mich quält die unheimliche Stille, die mich umgibt, die Zeitlosigkeit eines Mannes, dem keine Zeit verbleibt. Drei Meter von der Zellentür zur Wand gegenüber. Eins, zwei, drei, vier, fünf…ich zähle Schritte um mich in meiner Ausweglosigkeit nicht zu verlieren, die Wachablöse der Soldaten vor der Tür ist mein Stundenmaß.

Meine Zelle muss vor Jahren einmal grün gewesen sein, kaum noch sehe ich den Schmutz auf den Wänden. Damit wir uns nicht durch Selbstmord ihrer Lynchjustiz entziehen, haben die Amerikaner die elektrischen Leitungen für das Licht so brutal aus der Wand gerissen, dass große ausgegipste Löcher verbleiben. An der Längswand steht meine Pritsche mit einer stinkenden strohgefüllten Matratze darauf. Vier kratzige Wolldecken aus amerikanischen Armeebeständen, ein kleines Handtuch, mehr besitze ich nicht. Als Kopfkissen benutze ich Kleidungsstücke. Die Wand längs der Pritsche glänzt speckig von den Berührungen meiner vielen Vorgänger. Eine Waschschüssel und ein Pappkarton mit einigen Briefen stehen auf dem kleinen Tisch aus Pappkarton und Sperrholz. Selbst den hat Kommandant Andrus selbstmordsicher gemacht und ein Tischbein abgesägt. Unter dem Fenster laufen zwei Heizrohre entlang, an denen ich mein Handtuch trockne. Bis auf Göring der einen Helfer bekommen hat, müssen wir unsere Zellen selbst aufwischen. Der Fette hat sich so sehr darüber aufgeregt hat, dass er fast geplatzt ist und die Amis Angst hatten, dass er vor ihren Augen an einem Herzinfarkt krepiert. Der penetrante Geruch des Desinfektionsmittel schwebt überall: in der Toilette, in der Wäsche und haftet selbst an meiner Haut, scheußlich süßlich-scharfer amerikanischer Gestank. Das Fenster. Wie ein hämisch grinsendes Maul hat es sich durch die dicke Wand gefressen, blickt es mich an, lockt mich, verspottet mich. Wie sehr wünsche ich mir hinauszublicken und noch einmal einen Blick auf die Welt zu werfen, doch selbst die Glasscheiben hat man durch graues Zelluloid ersetzt. Es ist so stark zerkratzt, dass ich die Welt da draußen nur als verschwommene Umrisse wahrnehmen kann.

Selbst heute an diesem heißen Junitag ist es düster in meiner Zelle. Ich kann ihn nicht sehen, doch schmecke ich die Hitze eines strahlenden Sommertages, ein Geschmack den ich schon als Kind liebte. Der Duft frisch geernteten Strohs, der stumme Gruß einer Delegation von Strohmännern, die mich als einzige in der alten Heimat empfingen. Wenn ich von Berlin aus am Weg nach Linz war, bin ich immer nach Raab hineingefahren. Wie enttäuscht war ich, wenn mich die alten Leut nicht mehr auf den ersten Blick erkannt haben…dass dreißig Jahre und mehr inzwischen vergangen sind, mag ich nicht so recht begreifen, bin ich doch so unvergeßlich in meiner Kinderzeit verfangen geblieben.  

Wie es die Gefängnisordnung verlangt, liege ich auf dem Rücken, die Hände über der Decke, den Kopf zur Innenseite meiner Zelle gewendet. Es ist abends, das grelle Licht des Scheinwerfers zerstrahlt mein Gesicht. Blutrote Lider, an Schlaf ist nicht zu denken: Ich starre an die gewölbte Decke, unendliche Müdigkeit, Nacht für Nacht torpedieren sie jede Zelle meines malträtierten Körpers, lassen mich nicht schlafen. Lärmen und lachen vor meiner Tür. Ich bin ein Gespenst, starr und regungslos, mein Leib aufgebahrt in Totenstarre. Immer beschaut vom nimmermüden Augenpaar meines versteinerten Wächters durch die quadratische Öffnung in der schweren, eichenen Zellentür. 

Ein Weltgericht sollte es sein, vor dass sie uns gezerrt haben, doch die Augen der Welt haben nur die Rache der Siegerjustiz gesehen, eine Farce, ein abgekartetes Spiel. Hätten sie doch nur auf Churchill gehört, der wollte uns alle standrechtlich erschießen lassen. Dann wärs wenigstens schon vorbei. Monatelang quälen sie uns nun schon ihren gelogenen Anschuldigungen zuzuhören, den gekauften Zeugen und dann zeigen sie uns auch noch diese Filme. „Das könnte die Ufa in einem Tag nachstellen und filmen“, meint Göring. Da geb ich ihm recht. Die Schuld am Tod von Millionen von Toten werfen sie uns vor, auf gefälschten Dokumenten, die Jackson aus seinem Hut zaubert. Aber was solls, das Spiel ist sowieso schon lange aus. Mein Auftritt getan und vorbei und ich brauche mich nicht zu schämen. Ich habe für die Ehre Deutschlands einen letzten Kampf geliefert. Jetzt werden die Judenrichter das letzte Wort haben und sie werden uns hängen lassen.

Ich will meine Gedanken verlieren und versuche in schlaflose Träume zu entfliehen. Dann bin ich wieder ein Bub und wandere am kleinen Bächlein bei Brünning entlang, das an vielen Glockenblumen und Margeriten, Fliedernelken und Distelköpfen, Dotterblumen und Vergissmeinnicht vorbeitaumelt und sich im Hannerlholz mit dem Raabbach vereint. Das Hannerlholz! Nirgends konnte man sich so gut verstecken, spielen oder Gefahren begegnen, waren doch zwei große Sandstätten dort, im finsteren nördlichen Teil gegen Maria-Bründl zu, in einem tiefen Hohlweg, wo die großen Kellereien der Brauerei lagen, zu denen die Fuhrfässer von starken weissen Ochsen gezogen wurden. Das Hannerlholz hatte alles in sich, was wir Kinder uns nur wünschen konnten. Die verschiedensten Schwämme, alle Blumen auf seinen Wiesenflecken, Erdbeeren, Käfer, Eidechsen, selbst Schlangen und am Rande zu den Teichen hin waren Wassergräben gezogen, mit Fröschen, Schwimmkäfern und wir setzten noch kleine Fische ein und bauten Brücken. Am Bach, der zwischen Pfarrhof und Hannerlwald vorbeirinnt und uns zum Fischen und Baden diente – auch meine erste Hirschlederhose fiel dort ins Wasser und blieb steif – lag die Mühle des Müllers in der Schleifen, so geheimnisvoll, wie sie nur in Märchen geschildert werden kann. Ihr großes Holzrad und Radkasten, beide von grünen Moos bedeckt und tausend funkelnden Wassertropfen umsprüht, war für Ohr und Auge unzertrennlich von dieser herrlichen Welt. Um Schloss und Kirche war der Marktfleck Raab ganz natürlich gewachsen, Kleinbauern, Handwerker, Krämer und Wirte riefen mit dem Zeitfortschritt Arzt und Apotheke, Post und Ämter, Sparkassa und Schule herbei und immer blieb der Ort mit seiner Umgebung eng verbunden, denn jeder hatte sein Stückchen Land und Wald behalten und Heu und Getreideähren kamen in den Straßen zu liegen, wenn es Erntezeit war. Fast hinter jedem Haus gab es Stall, Stadel und Garten, viele Obstbäume darin und wir kannten sie alle, die Frühäpfel so gut wie die Birnen und Zwetschken. Damals waren die Standesunterschiede noch deutlicher als ein Menschenalter später und es war auffällig, wenn ein Doktorkind zu armen Leuten kam. Auch die Eltern sahens nicht gern, vielleicht fürchteten sie Krankheiten. Umso lieber und neugieriger folgte ich den Einladungen meiner Schulkameraden, Buben und Mädels. Sie nahmen mich mit auf eine Rahmsuppe bei ihren Eltern, oder ein Stück würziges Bauernbrot schmeckte ja viel besser, als alles daheim. Scheuer aber als Wohlhabende, ist deren Scham vor fremden Einblick. Ich muß aber ein ganz natürliches Kind gewesen sein, denn vor mir wurde nichts verborgen und ich wieder, nahm alles ganz natürlich in meine Sinne auf. Ich sah das Kind armer Leute zufrieden sein, mit dem Apfel, dem ihm die Großmutter zusteckte. Ich bemerkte, wie ein müder Vater sich erst mit seiner Frau beriet, ob er sich heute zum Abendbrot einen Krug Bier holen konnte, ich erlebte Schicksalsschläge mit, wenn eine Kuh krank wurde oder ein Ferkel einging oder das Heu der einzigen Wiese nicht heimgebracht werden konnte, weil der Regen zu regnen nicht aufhörte. Ich kannte die Geschichte manches Sonntagsgewandes und die Ursache, warum nicht jedes Kind jeden Sonntag zur Kirche mitdurfte, weil fürs zweite Schwesterchen eben kein zweites Kleid gleicher Sonntäglichkeit da war. Dann wieder sah ich, dass sich der alte Vater die Bretter für seinen Sarg sorglich bereit legte und beim Dengeln den Nachbarn fragte, ob er auch schon trockene Bretter hätte. Wie ihnen das Sterben kein Grauen war, machten sie vor den Geburten wenig Aufhebens.

Das Haus meiner Familie war eines der größten Häuser des Marktes, in welchem wir den ganzen ersten Stock bewohnten und wo sich auch die Kanzleiräume meines Vaters, nach Süden gelegen, befanden. Das Haus stand zu oberst, einen kleinen Platz nach Westen abschützend, vom Norden kam die Straße aus Maria-Bründl herein, die am Haus vorbei und nach Süden abfallend führte und dann die Hochbruck hieß. Nach Westen führte die Straße zum Friedhof hinauf, weitergehen kam man, vorbei am reizend und von Blumen umwachsenen Häuschen des Rauchfangkehrers auf einem schönen Weg, der hinunter zu den Schatzlteichen und zum stattlichen Pfarreranwesen führte. Um den Pfarrhof herum standen in dichten Obstgärten noch einige Häuschen, die einem Binder, einem Rechenmacher und einigen Kleinbauern gehörten. Das Binderanwesen war für mich deshalb unvergesslich, weil Mutter dort alljährlich ihren Vorrat an Winteräpfel einkaufte und eine Sorte so tiefrote Wangen hatte, wie die Binder Resi, die mit mir zur Schule ging. Sie sprach sehr langsam und hatte immer verschwollene Augen, als ob sie Bienen gestochen hätten und ist mit ihren roten Wangen und strahlender Gesundheit wegen immer in Erinnerung. Ich brauche nur an sie zu denken und der ganze Weiler ist mir bis ins Kleinste gegenwärtig, ja ich höre das Quietschen des Türchens am Gartenzaun der Binderleute, ich sehe den alten Pfarrer Lang mit langer Pfeife und seinem Spitz Bello im Garten auf- und abgehen. Sein Brebierbüchl wird er ebenso wenig gelesen haben, wie ich die Buchstaben finde, wenn bei den kurzen Spaziergängen im Gefängnishof mich zum Lesen zwinge. Ein Schmetterling oder Maikäfer, wie gestern, lenken so leicht ab, als er sich aufs Buch setzte. 

Grieskirchen im Zeichen des Hakenkreuzes

Rechte Wogen radikaler Veränderung schwappen 1933 und 1934 vom Deutschen Reich auch nach Oberösterreich über, wo innerhalb kurzer Zeit NSDAP Ortsgruppen wie Schwammerl aus dem modrigen Unterholz eines krisengebeutelten und in Selbstzweifel versunkenen Landes sprießen, welches sich verzweifelt dagegen wehrt in das Tausendjährige Deutsche Reich eines machtgeilen Neo-Reichkanzlers Adolf Hitler eingesogen zu werden.

So mancher Grieskirchner blickt mit Sehnsucht, Neid oder Hass über die bayerische Grenze, wo sich unter gebrüllten Reden eines in Oberösterreich geborenen Diktators, ein tausendjähriges Deutsches Reich aus der „Schmach von Versailles“ erhebt. Im Februar 1933 erreicht die Weltwirtschaftskrise in Österreich ihren Höhepunkt, 600.000 Leute sind ohne Arbeit. Die „deutsche Sehnsucht“ ist erwacht und mit ihr die Hoffnung durch einen Anschluss an das „Dritte Reich“ alle Sorgen und Nöte eines Staates, den viele als „ideologische Missgeburt“ empfinden, durch eine „ordentliche Beschäftigungspolitik“ zu lösen. Schon früh begeistern sich auch in der Grieskirchner Heimat junge Leute für den Nationalsozialismus. 1929 veranstaltet die Hitler Jugend Grieskirchen einen dreitägigen Aufmarsch mit öffentlichen Veranstaltungen. Am 13. September stimmt man abends am deutschnationalen Stammtisch im Gasthaus Ruhland biergeschwängert deutsche Lieder an, tags darauf wird mit Feuerwerk und Tanz auf der Turnwiese des deutsch-völkischen Turnvereines Grieskirchen gefeiert. Höhepunkt am nächsten Tag ist der feierliche Umzug durch die Stadt mit einer öffentlichen Versammlung am Hauptplatz, danach Volksfest mit verschiedenen Belustigungen wie Tombola oder Sacklaufen. Das gefällt natürlich vielen aus der lokalen Bevölkerung, die ihre Sprösslinge säuberlich in Uniform gekleidet, mit Swastika Armbinde und Wimpeln der HJ, in ordentlichen Reihen durch die Stadt marschierend, zujubeln und sich so stolz und so deutsch wie niemals zuvor fühlen.

Die NSDAP ruft, wir folgen!

Als Hitler am 31. Jänner 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, findet in Linz ein Fackelzug und eine Festversammlung der Nationalsozialisten statt. Tags darauf reiht sich Wels in die lange Liste von Gratulanten ein. In jedem kleinen Kaff wird eine NSDAP Ortsgruppe gegründet und lockt wie Rattenfänger junge Menschen an, die in Hitler’s Machtergreifung die Wiederkehr des wahrhaftigen Heiland sehen, um ihnen gehörig den Kopf zu verdrehen. Auch im Bezirk Grieskirchen veranstaltet die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei seit 1930 regelmäßig Versammlungen in Gasthäusern, wo Freibier so manchen orientierungslosen jungen Mann auf den „rechten“ Weg führt.

Am 10. Mai 1930 spricht auf einer Versammlung im Gasthaus Reisinger in Waizenkirchen und am kommenden Abend im Gasthaus Ruhland in Grieskirchen der Journalist und Verleger des Alpenländischen Volksverlages, Pg. Ernst Seidl, stolzes NSDAP Mitglied mit Nr. 116057, der keine Mühen gescheut hat, aus Linz in die Provinz anzureisen, um das Wort des Führers zu verbreiten und nebenbei auf Mitgliederfang zu gehen. Am Anschlusstag 1938 wird er für seinen begeisterten Einsatz für die „deutsche Sache“ mit der Geschäftsführung des Gauverlags Oberdonau belohnt, bei dem August Eigruber Gesellschafter ist, als man die Diözese zwang, den Katholischen Pressverein zu verkaufen. Das Gasthaus Ruhland ist am Sonntag, den 11. Mai mit ca. 50 Personen beiderlei Geschlechts gut besucht, die Ortsgruppe der NSDAP hatte gerufen und gekommen sind sie alle, um Redner Seidl über das Thema „Deutschland = Rettung“ sprechen zu hören.

Die schiere Menge an NSDAP Veranstaltungen im Jahr 1933 war enorm: Sturmappelle und Fackelzüge in Gaspoltshofen, Bachmanning, Gallspach, Peuerbach, Rottenbach, Haag a. H., Versammlungen von 200 Besuchern im Turnsaal des Niklaskellers in Waizenkirchen, einer Hitlergeburtstagsfeier im Kinosaal Hackl in Neumarkt mit Fahneneinmarsch, Festspiel und Liedervorträgen, ein Hitlerabend der Ortsgruppe Kallham mit Tanz und der Abhaltung eines „Glückshafens“ sowie Ansprachen von Gauleiter Andreas Boleck in Grieskirchen und feucht fröhlichen Zusammenkünften von SA Männern aus vielen Orten der Umgebung zu Führertagungen und Exerzierübungen. Rudolf Pührer, arbeitsloser Schlossergehilfe und NSDAP Ortsgruppenführer aus Grieskirchen reicht im Februar 1933 Anfragen an die BH Grieskirchen zur Bewilligung für die Abhaltung von Werbeumzügen mit anschliessenden Parteifeiern, politischen Gasthausversammlungen am NS-Stammtisch im Kronlachner Saale oder in Zweimüllers Gasthaus, ein. Vielleicht im Stillen beobachtet und bewundert der damals dreizehnjährigen Robert Z., der ein paar Jahre später der SS „Meine Ehre heisst Treue“ schwören wird, das gesellige Treiben der braunen jungen Männer.

Aufgehetzt von Propaganda und dem immer radikaleren Ton den Hitler anschlägt, der keinen Hehl länger daraus macht, dass er Österreich „heim ins Reich“ holen will, radikalisieren sich auch die Grieskirchner Nazis und geben sich nicht länger damit zufrieden, eine Hakenkreuznadel auf ihrem Sonntagsanzug zu tragen, sich untereinander mit erhobener Hand zu grüßen oder munter das Horst-Wessel-Lied zu pfeifen. Fanatische Grieskirchner Nazis holen ihre frischgebackenen Brötchen in der Bäckerei des SS-Mannes Alfons W. oder kaufen in der Eisenhandlung W. ein, dessen Besitzer sowie die meisten seiner Angestellten stolze und bekennende Nazis sind.

Der neue austrofaschistische Machthaber, Millimetternich Dollfuß (Er war 1.51 m klein) fühlt sich als grosser und starker Mann, als er am 5. März 1933 alle öffentlichen Versammlungen verbietet. Das Amt der oberösterreichischen Landesregierung informiert seine Bezirkshauptmannschaften: „In den letzten Tagen hat sich gezeigt, daß es bei politischen Versammlungen sehr leicht zu schweren Zusammenstössen und Ausschreitungen kommen kann, weil dermalen in breiten Kreisen der Bevölkerung angesichts der politischen Vorgänge in Deutschland grosse Aufregung herrscht. […] Der Höhepunkt der Spannung ist wohl am 5. März l.J. zu erwarten. Es ist an diesem Tage notwendig, die Bestimmungen des Vereins- und Versammlungsgesetzes mit besonderer Vorsicht zu handhaben […] daß durch die letzten Ereignisse in Deutschland und durch die am 5. März l.J. stattfindende Wahl in den Deutschen Reichstag entstandene Erregung und die damit verbundene Gefahr schwerer Ausschreitungen zwischen Anhängern der gegnerischen politischen Parteien, die öffentliche Ruhe und Ordnung einerseits gestört werden würde, andererseits zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung Sicherheitsmaßnahmen vorzukehren wären, die dem Staate Auslagen in einer Höhe verursachen müssten, die bei der gegenwärtigen finanziellen Lage nicht zu rechtfertigen wären.“

Die 400 Männer und Frauen von Grieskirchen

Mit einem abendlichen Fackelzug der SA und Zivil „ausgehend vom Gasthaus Zweimüller durch sämtliche Hauptstrassen der Stadt“ und „anschließendem Höhenfeuer und Pöllerschüssen am Berge bei der Wiererkapelle (Zweimüllergrund)“ feiern begeisterte Grieskirchner Nazis einen Tag nach der Reichstagswahl in Deutschland am 5. März 1933 den Erdrutsch Sieg der NSDAP mit 43.9% der Stimmen, nach einem gehässigen Wahlkampf, der von gewalttätigen Übergriffen auf politische Gegner und staatlicher Verfolgung mittels eilig, nach dem Reichstagsbrand vom 27. auf den 28. Februar 1933 erlassener Verordnungen, überschattet war. Die unerfüllte Sehnsucht nach Deutschland ertränkt der gute Nazi in einem ausgiebigem Besäufnis auf der anschließenden öffentlichen Versammlung. Das Gendarmeriekommando Grieskirchen erstattet dem Bundeskanzleramt darüber genauestens Bericht: „160 Personen, darunter 46 SA- und 5 SS-Männer nahmen an dem Fackelzug durch die Hauptstraßen des Stadtgebietes teil. […] Unter den Teilnehmern befanden sich der deutschvölkische Turnverein, die Liedertafel und der Bund deutscher Frauen Grieskirchen. Nach Abschluß des Fackelzuges fand anschließend bei dem Kriegerdenkmal der deutschen Turner eine Heldenehrung statt, wobei der Parteigenosse Josef Eybl, Kaufmann aus Wels, die Gedenkrede hielt“ und ausführte, dass „[…] auch in Österreich in kurzer Zeit der Nationalsozialismus die Oberhand gewinnen und das erreichen [wird], was im Deutschen Reich bereits im Zuge ist. Während dieser Rede wurden viele Böllerschüsse abgegeben und gleichzeitig wurde ein Höhenfeuer in der Nähe von Grieskirchen abgebrannt.“ Daraufhin finden sich „400 Personen beiderlei Geschlechtes“ im Gashaus des Gastwirtes Karl Kronlachner zu einer allgemein zugänglichen Versammlung ein, bei der Eybl die Stimmung mit einer Rede über die Unfähigkeit der österreichischen Regierung aufpeitscht. Unter dem Vorsitz des arbeitslosen Schlossergehilfens und Führers der Ortsgruppe Grieskirchen, Rudolf Pührer und dem Werbeleiter der NSDAP, dem Rechtsanwalt Dr. Hermann R., wird eine Resolution angenommen, in welcher, mit einer unglaublicher Selbstsicherheit— fast könnte man dazu Arroganz sagen— im Namen der „400 Männer und Frauen aus Grieskirchen“ der sofortige Rücktritt der Regierung Dollfuß und Neuwahlen gefordert wird.

In der Entschliessung, die direkt an den Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß geschickt wird, der erst tags zuvor das österreichische Parlament für „selbstausgeschaltet“ erklärte, heißt es: „Die heute anlässlich einer Kundgebung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in Grieskirchen […] versammelten 400 Volksgenossen aus allen Ständen und Berufen, haben mit Befriedigung davon Kenntnis genommen, dass der Führer der grössten deutschen Bewegung Adolf Hitler, zum Kanzler des deutschen Reiches und dadurch zum Führer der deutschen Nation ernannt worden ist. […] Nach 14 Jahren der Verirrung, in deren Gefolge Not und Elend, Qual und Sorge, Bruderkampf und Versklavung einhergingen, hat sich das deutsche Volk freigemacht, von seinen falschen Führern, hat sich auf den Boden der Nation zusammen gefunden zur grossen Not und Schicksalsgemeinschaft und hat in einem gewaltigen Aufbruch von nie zuvor erlebter Grösse den Kampf um seine Zukunft aufgenommen. Zu dieser geschichtlichen Stunde, in der wir uns innerlich enger den je mit unseren Brüdern im Reich verbunden fühlen und brennender den je die Schmach jener Verträge empfinden, die uns äusserlich von ihnen trennen, grüssen wir aus heissem Herzen, das neue Reich und seinen Führer Adolf Hitler, den Sohn unserer Heimat. […] Das Österreichische Volk wurde in Not und Schande gestürzt, seiner Freiheit beraubt, sein Vermögen verschleudert und überdies wurde seine Ehre preisgegeben. […] Österreich ist nun einmal trotz aller gegenteiligen Behauptungen als selbständiger Staat nicht lebensfähig. Der einzige Ausweg kann daher nur sein Zusammenschluss aller Deutschen zu einem geschlossenen Reich unter einheitlicher Führung.“ Starke Worte siegestrunkener Grieskirchner Männer und Frauen will man meinen.

Nestbeschmutzer

Schon lange bevor sich Thomas Bernhard mit „Heldenplatz“ einen Spitzenplatz unter den Staatsbeschimpfern Österreichs sicherte, ging der Regierung, angesichts der immer offener und brutaler werdenden Kritik an Österreich und seinen ehrwürdigen Repräsentanten, der Hut hoch. In Express-Erlässen vom 8. März und 12. April 1933 erinnert das Bundeskanzleramt, dass „öffentliche Beleidigungen des Bundespräsidenten, der Bundesregierung, einer Landesregierung oder von Mitgliedern dieser Regierungen, wenn hierdurch die zur Wiederaufrichtung des wirtschaftlichen Lebens unentbehrliche öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit gefährdet wird, nach der gedachten Vorschrift – unbeschadet der allfälligen strafgerichtlichen Verfolgung – von der politischen Bezirksbehörde (Bundespolizeibehörde) mit Geldstrafe bis zu 2000 S oder mit Arrest bis zu drei Monaten zu bestrafen sind.“

Die austrofaschistische Regierung Dollfuß bedient sich fleissig diktatorischer Instrumente, die sie sich bequem durch weitere Express Erlässe schafft. Nachdem die österreichische Regierung ein allgemeines Uniformverbot für 130 Orte und Bezirke in ganz Österreich einführt (Im Bezirk Grieskirchen trifft dies auf Bad Schallerbach und Gallspach zu) verbietet das Bundeskanzleramt auf Grund des §2 der Verordnung vom 10. Juni 1933 die Verbreitung etlicher nationalsozialistischer Zeitungen, Zeitschriften und Flugblätter für die Dauer von drei Monaten. Darunter finden sich unter anderen der „Völkischer Beobachter“, „die Deutschösterreichische Tages-Zeitung (DÖTZ) und die „Münchner Neueste Nachrichten“. Eiligst strömen im ganzen Bezirk Gendarmeriekommandos aus und durchsuchen Gasthäuser, Zeitungskioske in Peuerbach, Bad Schallerbach, Waizenkirchen, Neumarkt, Haag, Gallspach und Grieskirchen um verbotenes „Propagandamaterial“ zu beschlagnahmen.

In einem Erlaß vom 18. März 1933 wird ein Plakatierungsverbot für die Gemeindegebiete Gaspoltshofen, Geboltskirchen, Weibern und Haag a. H. für Bekanntmachungen und Aufrufe politischer Natur, welche die Ruhe und Ordnung bzw. die Sicherheit von Menschen und Eigentum gefährden, verordnet. Laut „Bericht des Gendarmeriepostenkommandos Haag a. H. bzw. auf Grund von hieramts eingeholten Informationen sind die politischen Gegensätze im dortigen Gemeindegebiete in den letzten Tagen derartig heftig geworden, daß kleine Auslöseursachen zu einer Gefährdung der Ruhe und Ordnung bzw. der körperlichen Sicherheit von Menschen oder des Eigentums führen können. Diese politischen Gegensätze wurden insbesondere durch Plakate wesentlich verschärft.“ Auch die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen findet daher „im Sinne des §4 Absatz 2 des Gesetzes vom 7.12.1929 […] bis auf weiteres jede Plakatierung von Bekanntmachungen, Aufrufen usw. politischer Natur ausnahmslos zu verbieten bzw. anzuordnen, daß derartige affichierten Plakate sofort beseitigt werden.“ Der Bürgermeister von Weibern sorgt sich um die kleindörfliche Ruhe seiner Gemeinde und meldet dass der „der Anschlag von sozialdemokratischen Plakaten wie am Ostersonntag, welche im wesentlichen die Diktatur Dr. Dollfuß, die Gefahr der Abschaffung der Geschworenengerichte, die Kürzung von Beamtengehältern, Arbeiterlöhnen und Arbeitslosenunterstützungen beinhalteten, eine Gefahr [bilden], daß Exzesse und Ruhestörungen vorkommen könnten, daher es erwünscht wäre, der Lokalsektion der sozialdemokratischen Partei in Weibern, das Anschlagen von Plakaten, welche versteckt oder offen gegen die Maßnahmen der Regierung hetzen, zu verbieten. […] Regierungsfeindliche Parteiplakate werden übrigens von der heimattreuen Bevölkerung niemals geduldet werden.“ vergisst der Bürgermeister nicht, noch ganz devot und dienstbeflissen anzufügen.

Nicht nur die NSDAP marschiert fleissig durch die Strassen und hält Versammlungen ab, auch die oberösterreichische Heimatwehr hat, wie die BH Grieskirchen alle Gendarmeriepostenkommandanten des Bezirks, „zur strengen Darnachachtung zur Kenntnis“ setzt, „die Absicht, in nächster Zeit Propagandafahrten zu veranstalten, bei welchen ungefähr je 20 Heimatwehrleute in Uniform auf einem Lastauto die einzelnen Orte durchfahren und bei dieser Gelegenheit an die Bewohner Flugblätter politischen Inhaltes abwerfen wollen.“ „Um Zweifeln zu begegnen, wird darauf aufmerksam gemacht, daß derartige Fahrten als politische Kundgebungen (Aufmärsche) zu werten und daher nicht zu dulden sind.“

Ganz und gar nicht zum Lachen

Doch nicht nur Propagandaspritzfahrten geben Anlass zur Erregung, auch ein vom „sozialdemokratische[n] Verein in Linz […] bereits seit längerer Zeit in ganz Oberösterreich [veranstaltetes] sogenanntes politisches Kabaretts, wobei von den Darstellern die gegnerischen politischen Parteien in Einaktern oder kurzen Sprechszenen unter Stellung von lebenden Bildern karikiert werden“ drückt auf das Ehrgefühl heimischer Gemüter. „Hiebei wird insbesonders darauf aufmerksam gemacht, daß nicht allein öffentliche Beleidigungen und Beschimpfungen der österreichischen Regierung und ihrer Mitglieder, sondern insbesondere auch öffentliche Beleidigungen einer auswärtigen Regierung oder ihrer Mitglieder unzulässig sind. Sollte solche trotzdem vorkommen, so ist unter Einhaltung der diesbezüglichen Bestimmungen das Strafverfahren gegen den Geschäftsführer und die Mitwirkenden einzuleiten und h. a unverzüglich die Entziehung der Lizenz zu beantragen.“ Thomas Bernard grüßt aus seinem Grab!

Die Sache mit dem “Vernadern”

Ein Wesenszug des Österreichers, den er sich mit Reichsdeutschen sämtlicher politischer Lager teilt, ist das „Vernadern“, in Piefke-Deutsch auch „Verpfeifen“ genannt. In geübt kriecherischem Tonfall richtet der Katholische Volksverein für Oberösterreich an die „Verehrliche Bezirkshauptmannschaft!“ eine Beschwerde, dass wie „aus Zeitungsberichten und Berichten unserer Ortsgruppen hervor[geht], das seinerzeit bestehende Versammlungsverbot insbesondere von der nationalsozialistischen Partei auf das gröblichste umgangen wird“ und lobt sich im nächsten Satz gleich selbst: „Der Kath. Volksverein verweist ausdrücklich darauf, daß er und seine Bundesorganisationen nur solche Versammlungen abhalten, die dem Versammlungsverbote nicht widersprechen und keine Umgehung es Versammlungsverbotes darstellen.“ Natürlich weisen Nationalsozialisten alle Anschuldigungen zurück, alle ihre Veranstaltungen laufen in bester teutscher Ordnung und vollkommen gesetzeskonform ab. Auf die Beschwerde von Heimatschutz-Kreisführer und Gutsbesitzer Botho C., „dass vormittags vor dem Gasthause der Maria Schraml in Waizenkirchen ein Kraftwagen hielt, welchem einige Personen entstiegen und in das genannte Gasthaus gingen“ antwortet der Ortsgruppenleiter der NSDAP im selbstsicheren Brustton der Überzeugung kämpferisch: „Es waren am 17.5.1933 einige Gäste im Gastzimmer, welche mit einem Auto ankamen, aber es war keiner dabei, welcher Parteiuniform getragen hätte. Sagen Sie mir den Zeugen, der so etwas behaupten kann und ich werde ihn klagen.“

Die Heiligkeit einer Kurortidylle und ein gern gesehener Gast

Das Gemeindeamt von Gallspach fürchtet, dass politischer Diskurs die perfekte Idylle der im Ort urlaubenden Kurgäste stören würde. Deswegen wendet sich der Bürgermeister am 21. April in einem Schreiben an die BH Grieskirchen „[…] im Hinblicke darauf, daß Gallspach ein von vielen Ausländern, die zum Zwecke der Erholung und Gesundung hierher kommen, besuchter Kurort ist und im Interesse des gesamten Fremdenverkehrs, wäre es es sehr angezeigt und wünschenswert, wenn die sogenannten „Schaukästen“ der politischen Organisationen, gleich welcher Parteirichtung, im Kurorte Gallspach verboten werden würden. Speziell die in diesen Schaukästen angeschlagenen Zeitungsausschnitte, politische Bilder, Kundmachungen etc. sind geeignet, dem Fremdenverkehr dadurch zu schaden, daß dem Kurgaste, der sich hier ein ruhiges und gesundheitsbringendes Wohnen erhofft und wünscht, der Aufenthalt verleidet wird und er auch andere Personen vielleicht dazu bestimmen wird, diesen Ort zu meiden. Es sind bereits Fälle vorgekommen, daß sich Kurgäste über die Art und Weise der in diesen Schaukästen betriebenen Politik aufregten und beschwerten und der Gemeinde klar machten, daß diese Schaukästen keine günstige Propaganda für den Kurort sind. Gegenwärtig bestehen zwei Schaukästen der nat. soz. Partei (der eine gegenüber dem Zeileis Institute und der andere beim Gasthof Plohberger) und einer der Heimwehr beim Gasthofe Roither, der jedoch geschlossen und seit längerer Zeit nicht mehr in Benützung steht.“ Dass nur ein paar Jahre später Führerstellvertreter Rudolf Hess ein mehrmaliger und gern gesehener Gast im Kurhotel Kurgast sein wird, wo Valentin Zeileis mit einer fluoreszierenden Röhre und einem funkensprühenden Hochfrequenzapparat Wunder wirkt, kann der Bürgermeister damals ja noch nicht ahnen.

Jetzt reichts! Die NSDAP wird verboten

Am 19. Juni 1933 verbietet die Regierung die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nachdem ein Handgranatenüberfall zweier Nationalsozialisten auf 56 Hilfspolizisten Christlich-Deutscher Turner, die von einer Schießübung in Egelsee nach Krems an der Donau zurückkehren, einen Hilfspolizisten tötet und 13 weitere schwer verletzt. „Durch die Verordnung der Bundesregierung ist der NSDAP (Hitlerbewegung) und dem Steirischen Heimatschutz jede Betätigung in Österreich untersagt und auch die Bildung irgendwelcher Parteiorganisationen, sowie das Tragen jedweder Parteiabzeichen verboten.“ Dieses Verbot gilt auch für die eingeführten Grussformen in Worten und Gesten. Selbst das Singen, Trällern oder Pfeifen ausschliesslicher Parteilieder, wie dem Horst-Wessel-Lied ist nun ein strafbares Delikt.

Ab dem Frühjahr 1933 wenden radikalisierte NSDAP Anhänger immer häufiger terroristische Methoden an und versetzen die Bevölkerung mit konspirativ vorbereiteter Gewalt gegen öffentliche Kommunikations- und Versorgungseinrichtungen und Anschlägen auf vermeintliche Gegner, die auch den Tod von Unbeteiligten in Kauf nehmen, in Angst und Schrecken. Die neue deutsche Regierung unter Reichskanzler Hitler arbeitet mehr oder weniger offen auf einen Sturz der austrofaschistischen Regierung Dollfuß hin mit Unterstützung der österreichischen NSDAP, welche gewaltsame Aktionen ausführt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass eine neue Terror-Welle mit der am 27. Mai 1933 von der deutschen Reichsregierung gegen Österreich verhängten „Tausendmarksperre“ zusammenfällt. Deutsche Staatsbürger müssen fortan beim Grenzübertritt nach Österreich eine Gebühr von 1.000 Reichsmark zahlen— ein direkter Angriff auf den österreichischen Tourismus. Dollfuß kontert am 1. Juni mit einem Visumzwang für Deutschland.

So eine Schmiererei – Nazi Parolen an den Wänden

Am 5. Juli demonstrieren 200 Nationalsozialisten in Ried, wo am 21. Juli ein deutsches Flugzeug nationalsozialistische Flugblätter auf die Stadt abwirft. Not macht selbst den dümmsten Nazi erfinderisch: Da nun gedrucktes Propagandamaterial verboten ist, gehen die Nationalsozialisten zu Schmieraktionen über mit der sie ganz Österreich überziehen. An vielen Häuserwänden, Gartenzäunen, Heustadeln und öffentlichen Gebäuden im ganzen Bezirk Grieskirchen prangen Parolen wie „Trotz Verbot nicht Tod! [sic]“, „Österreich erwache!“, „Heil Hitler!“, „Wir wollen heim ins Reich!“, „Heil dem neuen Deutschland!“, „Ihr zwingt uns nicht!“, „Wir kommen!“ allsamt dekoriert mit grossflächig gemalten Hakenkreuzen. Es hagelt zahlreiche Anzeigen gegen unbekannt. Gendarmerie und Polizei üben sich im Klettern um Flaggen und Wimpel, die nächtens an Bäumen und Strommasten hochgingen, zu entfernen.

Obwohl die regionalen Aktionen spontan wirken sind jedoch meist zentral vorbereitet und minutiös geplant. In einer parteiamtlichen Anweisung der NSDAP vom Mai1933 heißt es: „Inschriften wie „Heil Hitler“, „Ein Volk – Ein Reich“, „Wir wollen zu Hitler“ sind möglichst groß auf alle möglichen Flächen (Zäune, Mauern, Scheunen, Tore, mit Kalk auch auf von der Bahn aus sichtbaren Dächern) zu malen, und zwar so, dass sie vom Vorbeifahrenden leicht lesbar sind. Auch auf Rasenflächen, Futtermauern und dergleichen kann, sofern sie gut sichtbar sind, mit Kalk geschrieben werden. Achtung: Überall saubere Schrift, ohne Rechtschreibfehler!“

In der Nacht zum Sonntag, den 9 Juli findet im Stadtgebiet von Grieskirchen und in der Ortschaft Ziegelleithen eine grosse Schmieraktion mit zahlreichen Parolen und Hakenkreuzen, gemalt mit schwer zu entfernendem Eisenlack, statt. Kurz darauf „in der Nacht zum 1. August 1933 in der Zeit von 0 bis 1 Uhr wurden im Stadtgebiete Grieskirchen an mehreren Stellen Häuser und Strassensteine mit Hakenkreuze und Sprüchen bemalt, wodurch einerseits ein Sachschaden von 10 Schilling entstand, anderseits aber ein schwerer beleidigender Ausfall gegen den Herrn Bundeskanzler Dr. Dollfuss verübt wurde.“ Neben zahlreichen Hakenkreuzen und Nazi Parolen findet die Gendarmerie auf den Gehsteig vor dem Brauereigebäude neben Beleidigungen wie „Nieder mit dem H.W. Gaunern“, „Dollfuss verrecke“, auch antisemitische Hassparolen wie „Pfui Juda und Rom“ geschmiert.

Nach dem Verbot der NSDAP sind es vor allem deutsch-völkische Turnvereine, welche die NSDAP infiltriert und benutzt, um sich heimlich zu treffen, Informationen und Flugblätter auszutauschen und den deutschen Volkskörper zu stählen. Dieser Umstand wird von den Sicherheitsbehörden bald erkannt. Das Bundeskanzleramt meldet, dass „Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, dass der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterparteibewegung nahestehende Turnvereine im Widerspruch mit dem strikten Verbot der Verordnung der Bundesregierung vom 19. Juni 1933, die Tätigkeit der NSDAP bzw. ihrer Wehrformationen fortsetzen, beziehungsweise ihrer Wehrformationen fortsetzen, beziehungsweise hierzu den Versuch unternehmen. […] Die militärische Schulung und Weiterbildung von früheren SA und SS-Angehörigen soll auf diese Weise weiter zur Durchführung gelangen.“

Wenn die Deutsche Sehnsucht ruft

Ein neues Phänomen zieht im Sommer 1933 über das Alpenland. Aus allen Bezirken Österreichs fliehen anfangs nur ein paar junge Nationalsozialisten, dann immer mehr, „darunter Bauernsöhne, Knechte, Arbeiter und Professionisten“, illegal über die Grenze ins Deutsche Reich. Da jegliche Reise ins Deutsche Reich einer Genehmigung benötigt wird diese Flucht wurde als „Hochverrat“ verfolgt und hat die „Ausbürgerung“, die Aberkennung des Heimatrechts, zur Folge.

Oftmals schließen sich die jungen Männer, der seit dem 1. September 1933 aufgestellten „Österreichischen Legion“ an, welche bis 1934 zu einer Stärke von 12.000 Mann anwächst. Kampfziel der Legion ist es die Regierungsspitze Österreichs mit gewaltsamen Mitteln zu zerstören, um dadurch den Anschluss an das Deutsche Reich zu erwirken.

Lange schon kann man bei den nationalistischen Aktionsformen nicht länger von „Lausbubenstreichen oder „Räuber-und-Gendarm“ Spielen sprechen, die Grenze zu brutalen Angriffen auf politische Gegner und unschuldige Zivilpersonen ist schon längst überschritten. Eine Spirale der Gewalt, die 1934 in der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers in der offenen Gewalt des Juliputsches münden wird, dreht sich unaufhörlich weiter.

Eine Behörde greift hart durch

In den Akten der BH Grieskirchen im Landesarchiv Oberösterreich in Linz finden sich detaillierte Namenslisten meist junger Grieskirchner, die sich nach Deutschland abgesetzt hatten. Am 12. August 1933 informiert der Sicherheitsdirektor für Oberösterreich die „Herren Amtsvorstände aller oö. Bezirkshauptmannschaften und der Bundespolizeibehörden in Linz Steyr und Wels.“ „Es kommt immer häufiger vor, dass nationalsozialistische Parteigänger ins Ausland flüchten, vor allem nach Bayern, teils um in Deutschland eine nationalsozialistische Parteibeschäftigung zu erhalten, insbesondere als Aufseher in Konzentrationslagern, aber auch zu dem Zwecke, um im Deutschen Reich einen Kurs behufs Spezialausbildung mitzumachen. Aus Briefen solcher geflüchteter Leute ist zu entnehmen, dass die Absicht besteht, im Herbst einen Einmarsch nationalsozialistischer Formationen nach Österreich durchzuführen.“ „Ferner ergeht der Auftrag über alle erwiesenermassen nach Deutschland (Bayern) geflüchteten Angehörigen der NSDAP Österreichs ehemöglichst alphabetisch geordnete Verzeichnisse anher vorzulegen, welche die Rubriken: Vor- und Zuname, Geburtsdaten, Zuständigkeit, Beruf, geflüchtet seit wann, wo in Deutschland im Aufenthalte, frühere Betätigung in der NSDAP Anmerkung, zu enthalten habe. […] Auf die Wichtigkeit dieser Angelegenheit wird mit allem Nachdrucke aufmerksam gemacht und erwartet, dass die diesbezüglichen Anordnungen auf das Gewissenhafteste durchgeführt werden.“

Grund für den plötzlichen Massenexodus ist die gezielte Verfolgung und Bestrafung der NSDAP Mitglieder wegen illegaler Betätigung. Die Palette reicht von Geldstrafen in der Höhe von ein paar Schillingen bis hin zu tage- manchmal wochenlangen Haftstrafen. Der Ortsführer der SA in Grieskirchen, Rudolf Pührer „ist am 3. August 1933 von hier nach München abgereist ohne aber im Besitze der erforderlichen Bewilligung (B.G.Bl.Nr. 208/1933) zu sein […] und hätte am 3. August 1933 eine über ihn von der BH Grieskirchen verhängte 6 wöchige Arreststrafe antreten sollen.“

In den Akten findet sich die Zahl von 144 Ausgereisten bzw. Geflüchteten der Jahre 1933 und 1934, davon 104, die ausgebürgert wurden. Hans Schaffranek zählt 12.000 Legionären österreichweit, davon 1.734 junge Oberösterreicher und 105 aus dem Bezirk Grieskirchen. Damit liegt Grieskirchen an 42. Stelle der damals 112 politischen Bezirke Österreichs und nur leicht über dem Durchschnitt. Zwischen dem Tag der Ausreise und der Aufnahme in die Legion vergehen durchschnittlich 8 Tage. Die meisten Beitritte gibt es im August und September 1933, danach flaut es ein wenig ab, um erst wieder im April und Mai 1934 anzusteigen. Auch nach dem missglückten Juliputsch kommt es zu verstärkten Fluchten. Über 60% der Angehörigen der Österreichischen Legion gehören der Jahrgänge 1909 bis 1920 an und sind bei ihrer Flucht aus Österreich jünger als 25 Jahre. Der Anteil der unter 30 Jährigen beträgt 81.65%.

Die SA-Männer der „Österreichischen Legion“ schmuggeln massiv Sprengstoff nach Österreich, liefern sich Feuergefechte mit Grenzbeamten, Gendarmen und der Polizei, ermorden vermeintliche politische Gegner und versetzen das Land in Schrecken.

…narbengesicht…

…eine narbenhaut, gespannt, dort wo ein antlitz menschliches zeigen sollte, jedoch bloß eine fratze steht, wie…

…mit löchern, aus denen inwohnendes böses starrt, ein vipernblick, totenkalt, sein opfer fixierende augen…

…ein mund, den kein schwerthieb traf, zerfurcht jedoch wange, kinn und stirn, selbst der nase fehlt ein stück, betrunken, zerschnitten von autoglas…

…wie ein schakal, die ohren, nach hinten spitz gelegt, ein allzeit lauschender verräter, vor dem selbst himmler sich in die hosen schiss, heimtückisch und falsch…

…mit einem gang, grobschlächtig und derb, seitwärts baumelnden armen wie ein gorilla, hünenhaft auch die gestalt, auf den schultern, ein viel zu kleiner kopf, fast gänzlich ohne hals, unbeholfen…

…spinnbeindünn, die finger, ekelhaft und gelb von rauch, zitternd wie espenlaub, hände feingliedrig, widerlich und lang…

…der mund, aus dem es stank, nach alkohol und kalten zigaretten, die angstfäule verrottender zahnruinen, und trotzdem dem zahnarzt sich verwehrt…

…der mächtige, fäden ziehend im hintergrund, auf dessen befehl, züge menschlicher fracht ins gas fuhren, der name, kaltenbrunner…

…den sie in nürnberg, den mann ohne unterschrift nannten, grosse unschuldsreden schwingend, abstreiten, lügen und hernach kleinlaut heulend in der zelle verkommend, das elend im schlecht-sitzenden anzug…

…als er letztendlich, die stufen zum galgen hinaufsteigt, deutschland alles gute wünscht und im angesicht des henkers, noch an adolf hitler glaubt…

…kaltenbrunner…

 

Nazi Coup in Gaspoltshofen

Gaspoltshofen. Als im Juli 1934 SS-Männer das Kanzleramt in Wien stürmen, Bundeskanzler Dollfuß ermorden und versuchen die Macht in nationalsozialistische Hände zu reißen, erhebt sich auch in dem tief in der Provinz gelegenen Örtchen Gaspoltshofen, ein Haufen jugendlicher Nazi-Rebellen, um die Macht im Dorf zu übernehmen. Ein tragisch-komisches Polizeiprotokoll kläglichen Scheiterns.

„Grünfront“ und Turner auf zum Sägewerk!

Wie durch die Erhebungen sichergestellt werden konnte, kam schon am 26.7.1934 um ca. 20 Uhr ein Motorradfahrer aus Neumarkt a/H. nach Gaspoltshofen und hatte mit dem Haupträdelsführer Rupert St. eine Unterredung. Dieser Motorradfahrer dürfte zweifellos derjenige gewesen sein, der wie St. angab, die Weisungen für den geplanten Umsturz gebracht hat. Von Rupert St. wurde auch daraufhin sofort die Bereitschaft bei seinen Gesinnungsgenossen anbefohlen und angeordnet, daß sich die Gesinnungsgenossen am 26.7.1934 um 11 Uhr beim Sägewerk des Maurer- und Zimmermeisters Johann K. […] einzufinden haben. Die Parteigenossen, Mitglieder der „Grünfront“ (Wehrformation des Landbundes) und des deutschvölkischen Turnvereines verständigten sich auch tatsächlich untereinander. Zwischen 22 und 23 Uhr kamen die Vorgenannten auch tatsächlich bei der […] Säge zusammen.

Den Nazis alle Macht im Staate

Dort selbst ergriff Rupert St. das Wort und erklärte sich als ihr Führer und Kommandant der ganzen Aktion. Er bedeutete ihnen, daß heute um 23 Uhr in ganz Österreich losgeschlagen und die Macht im Staate von den Nationalsozialisten ergriffen wird. Es gebe kein Zurück mehr, jeder müße mittun und wer sich weigert oder sich entferne wird erschossen werden.Zuvor hatte er schon eine Gruppe von ca. 10 Mann mit Gewehren bewaffnet um seinen Befehlen den entsprechenden Nachdruck zu verleihen und jeder die Aussichtslosigkeit einer eventuellen Weigerung zu dieser Aktion schon im Vorhinein einsehen müße. […]

Über das Nichtvorhandensein der gesuchten Waffen entstand eine Empörung

Da sie aber zu wenig Waffen hatten und beim Sägewerk Waffen vergraben gewesen sein sollten, wurde nach diesen Waffen gegraben. Es wurden aber weder Waffen noch Munition gefunden. Über das Nichtvorhandensein der gesuchten Waffen entstand eine Empörung und äußerte sich Max K. und auch noch andere Teilnehmer, daß der gewesene Landbundsekretär Franz L. aus Gaspoltshofen, die 3500 S[chilling], die er seinerzeit von den Landbundmitgliedern zum Ankaufe von Waffen erhielt, für sich verbracht haben müße und keine Waffen angekauft hat. […]

Einmarsch der Rebellen in Gaspoltshofen

Nachdem noch weitere Weisungen ausgegeben worden waren, erfolgte um ca. 24 Uhr der Abmarsch der angesammelten Aufrührer in den Ort Gaspoltshofen. Eine Gruppe unter Kommando des gewesenen Obmannes der Ortsgruppe des N.S.D.A.P. Gaspoltshofen, namens Anton F. […] besetzte das Postamt und forderte den dienstverrichtenden Amtsverwalter Josef H. auf, den Fernsprechdienst nur nach ihren Weisungen zu verrichten.

Sturm läuten. Umsturz ist!

Eine zweite bewaffnete Gruppe unter dem Kommando des Rupert St. begab sich zu dem Gendarmerieposten. Sie läuteten an der Glocke stürmisch an und verlangten, von dem im Krankenstande befindlichen Postenkommandanten Bez. Insp. Franz S., die Haustüre zu öffnen und zu kommen, weil ein Toter draußen liege. Als sich Bez. Insp. S. aus dem Fenster neigte und ca. 15 bis 18 bewaffnete Männer bei der Kaserne stehen sah, antwortete er, daß er unter keinen Umständen die Haustüre öffne und ging wieder in seine Wohnung um sich anzukleiden. Unterdessen liefen aber einige Männer zum Schlosser D. Als S. die Hose angezogen hatte, hörte er, daß die ganze Menge schon im Hause sei und in den 1. Stock komme. Sie schlugen mit Gewalt an die Wohnungstüre und verlangten Einlass.

Bez. Insp. S. öffnete aber nicht. Als aber zugleich im Vorhause ein scharfer Schuß fiel, öffnete S. seine Wohnungstüre und fragte, was den eigentlich sei. Rupert St. antwortete, daß die Regierungsgewalt in ihren Händen sei und sie den Auftrag haben, die Sicherheitsorgane zu entwaffnen; S. soll sofort die Postenkanzlei aufsperren. S. verweigerte dies mit der Begründung, daß die beiden Gendarmen im Außendienste stehen und den Kanzleischlüssel bei sich hätten, er deshalb nicht öffnen könne. Auf das hin öffnete L. mit einem Nachschlüssel die Kanzlei. Rupert St. nahm aus dem Waffenkasten 3 Gendarmeriestutzen samt Bajonette, 160 Stück scharfe Patronen dazu, 48 Stück Pistolenpatronen, 1 beschlagnahmtes Jagdgewehr und einen Revolver sowie 5 Patronentaschen. Sodann, nachdem die Waffen verteilt waren, riß St. die Telefonleitung herunter, so daß die Verbindung unterbrochen war. St. erklärte auch noch dem Bezirksinspektor S., daß die Nationalsozialisten die Regierung übernommen haben und in ganz Österreich Umsturz sei. […]

Der Gattin des Gendarmen befiehlt man nichts

Zu gleicher Zeit ging eine Gruppe zur Wohnung des Ray. Insp. Sch. und verlangten von der Gattin des Gendarmen, das Haus zu öffnen, weil sie ihren Mann suchen. Als Frau Sch. aber nicht öffnete und ihnen erklärte, daß ihr Gatte nicht zu Hause sei, verlangten sie die Ablieferung der Waffen, die ihr Gatte zu Hause habe. Als ihnen Maria Sch. sagte, daß ihr Gatte auch keine Waffen zu Hause habe, verließen sie schließlich wieder das Haus Sch. […]

„Hände hoch!“ – Haus schießt Baum

Sodann ging eine Gruppe zum Vizebürgermeister Karl S. […] und verlangten, daß er herunterkommen soll. Dem S. kam es aber, da er bewaffnete Männer stehen sah, bedenklich vor und alarmierte seine Hausbewohner. Der Bruder der Vizebürgermeister, namens Alois S. ging schließlich hinunter und öffnete die Haustüre. Vor der Haustüre standen 2 Männer, die mit vorgehaltenen Gewehren „Hände hoch“ riefen. Alois S. schlug aber die Haustüre zu und lief ins Haus. Die Täter drangen aber nicht nach, sondern hielten das Haus besetzt. Als sie jedoch einsehen mußten, daß weder die verlangten Waffen abgeliefert werden, noch der Hausbesitzer selbst kommt, verließen sie schließlich das Haus. Den Schuß, den Karl S. gegen einen Baum, woselbst er einen der Aufständischen vermutete abgab, wurde wieder mit einem Schuß gegen das Haus S. beantwortet.

Dem Ersuchen auf Hausarrest wird entsprochen

Ebenfalls zur gleichen Zeit ging wieder eine Gruppe der Aufrührer zum Gemeindeamte und forderten von dem dort wohnenden Gemeindewachmanne Josef D., daß er sich freiwillig ergeben, seine Waffen abliefern und den Gemeindearrest aufsperren soll, weil die Nationalsozialisten die Regierung übernommen hätten und in ganz Österreich der Umsturz sei. Doppler, der die Übermacht sah und erkennen mußte, daß ein Widerstand zwecklos wäre, öffnete auch dann die Haustüre und die Arreste. Die Aufrührer wollten auch den D. sofort in den Gemeindearrest einsperren. Erst über dessen Ersuchen, daß sie ihn ja auch in seine Wohnung einsperren können, nahmen sie davon Abstand. Sie gingen dann in die Privatwohnung des D., nahmen ihm seine Dienstpistole ab und versperrten die Wohnungstüre. Den Schlüssel nahmen sie mit. Zwischen 2 Uhr und halb 3 Uhr früh wurde auf einmal die Wohnungstüre bei D. wieder aufgesperrt und die Türe offen gelassen. Somit war D. wieder frei.

Dann doch lieber heim zu Mama

Eine Gruppe, unter Kommando St., […] verlangten vom Bäckermeister Johann A. die Herausgabe seiner Waffen. St. hielt dem A. zur Bekräftigung seiner Forderung, seine Pistole vor, die übrigen waren ebenfalls bewaffnet. Da A. eine größere Gewaltanwendung fürchtete, folgte er sein Jagdgewehr mit 2 Schrottpatronen aus. Nach ca. ¼ Stunde hörte A. von seinem Neffen Anton M. seinen Namen rufen. Er öffnete die Haustüre und M. übergab ihm sein Gewehr samt Patronen. A. frug seinen Neffen, ob er sich „gedrückt“ hat, was dieser bejahte […]. M. ging nach Hause.

… der zum Zeichen seiner Kommandowürde den gestohlenen Säbel trug

Vermutlich wieder zur gleichen Zeit ging wieder eine Gruppe zum Gastwirte Erasmus S. in Gaspoltshofen […] und forderten von ihm, daß er aufmachen und seine Waffen abliefern müsse, weil die Regierung gestürzt und die ganze Macht in den Händen der Nationalsozialisten sei. Auf die Antwort, daß S. nicht aufmachen und auch seine Waffen nicht abgeben werde, sagte einer der Täter […], daß sie dann einbrechen müssen. Sie versuchten aber nicht einzubrechen, sondern entfernten sich wieder.

Zwei Knechte unter einer Tuchent

Beim Gastwirte Anton B., in Gaspoltshofen […], öffneten die Rebellen gewaltsam das Hoftor und kamen in die Schlafkammer der Knechte Rudolf D. und Josef G. Die 2 Knechte wurden von Rudolf D. und Franz K. aufgefordert, sofort mitzukommen. Da aber die Knechte nicht wollten, riß ihnen K. die Tuchente herunter. Da die Eindringlinge bewaffnet waren und daher die Knechte Furcht vor dem Erschießen hatten, gingen sie schließlich mit auf die Strasse. Unterdessen kamen aber die Gendarmen nach Hause, die den Rebellen wichtiger schienen, als die 2 Knechte. Deshalb ließen sie die Knechte allein und liefen gegen die Kaserne. Die beiden Knechte benützten nun diese Gelegenheit um wieder in ihre Schlafkammer zu gehen. Diesen Moment aber kam Paul L. und setzte ihnen den Revolver an, falls sie nach Hause gehen sollten. Die beiden Knechte sagten daß ihnen vom K. mitgeteilte Losungswort „77“, weshalb sie auch vom Paul L. sofort wieder freigelassen wurden. Die Knechte gingen dann in ihre Kammer und kamen nicht mehr heraus. Das Losungswort „77“ bedeutete nämlich die Zugehörigkeit zu den Hochverrätern.

Die Gendarmen waren per Fahrrad

Um ca. 0 Uhr 40 kamen die im Außendienste gestandenen Gendarmen, Rev. Insp. Ludwig M. und Ray. Insp. Josef Sch. nach Gaspoltshofen. Die Gendarmen waren per Fahrrad.

Als sie bei der Kaserne angelangt waren, wurde ihnen „Halt! Hände hoch! Waffen ablegen!“ zugerufen. Zugleich kamen aber von allen Seiten ca. 10 bewaffnete Männer, deren Zahl sich aber bald auf rund 20 erhöhte. Die Rebellen […] verlangten immer wieder die Ablieferung der Dienstpistolen; Gewalt getrauten sie sich aber nicht anzuwenden. Ray. Insp. Sch. verlangte den Kommandanten der Aufrührer, damit mit ihm gesprochen werden kann. Unterdessen kam auch St., mit dem in Verhandlungen eingegangen wurde. Er sagte immer wieder, daß in ganz Österreich die Aktion um 23 Uhr begonnen habe und die Regierungsgewalt bereits in den Händen der Nationalsozialisten sei. Er habe Befehl, die Sicherheitsorgane zu entwaffnen und will auch diesen Befehl durchführen.

Das mannhafte Auftreten der Gendarmen dürfte ihnen den Mut genommen haben

Schließlich einigte man sich, daß auf dem Posten die Verhandlungen weitergeführt werden. St. gab seinen Leuten noch einige Befehle, worauf sich dann die Leute in der Richtung gegen Jeding entfernten, er selbst ging aber mit den beiden Gendarmen auf den Gendarmerieposten. Die Verhandlungen mit St. kamen schließlich zu dem Resultat, daß die Gendarmen auf dem Posten bleiben müssen; St. wird zu seinen Leuten gehen und dann wieder zurückkommen. Er kam aber nicht mehr.

Die Kaserne blieb aber außen von den Aufrührern besetzt, so daß die Gendarmen die Kaserne nicht verlassen konnten. Da auch das Telefon beschädigt war, war auch eine Verständigung mit Nachbarposten etc. unmöglich. Während der ganzen Zeit blieb auch das Postamt besetzt, so daß auch von der Post aus nicht telefoniert werden konnte. Als dann um 2 Uhr 30 bemerkt wurde, daß die Post frei sei, versuchte Ray. Insp. Sch. durch das Postamt Verbindung zu bekommen, was ihm auch gelang. Er sprach mit dem Posten Lambach. Auch waren die Rebellen bereits verschwunden.

“Der Hund schießt immer herunter!”

Während der Verhandlungen zwischen den Gendarmen und St. in der hiesigen Postenkanzlei ging ein Teil der Aufrührer […]zum Produktenhändler Ferdinand F. . L. läutete an der Glocke und verlangte, daß sofort geöffnet werden müsse. Da sich aber bei F. niemand meldete, wurde immer ungestümer Lärm gemacht und endlich gegen das Haus F. geschossen. Auf das hin sprang F. aus dem Bette und feuerte 3 Schüsse zum Finster hinaus gegen die Belagerer. Diese erwiderten das Feuer mit mehreren Schüssen, so daß das Haus F. im ganzen 19 Geschoßeinschläge aufweist. Auch durch das Fenster wurde in das Schlafzimmer geschossen; verletzt jedoch niemand. Als F. sah, daß er der Übermacht weichen müsse, gab er schließlich sein Jagdgewehr heraus. […]

„…und dadurch wieder Ruhe eintrat“

Die Hochverräter dürften von jemanden Nachricht erhalten haben, daß in den umliegenden Orten Ruhe ist und die Aktion nicht gelungen sei, weshalb sie sich dann schließlich zerstreuten und dadurch wieder Ruhe eintrat.

DIE NAZI LISTE DER STADT GRIESKIRCHEN

Warnung an den Leser

Der Author hat sich dazu entschieden, in diesem Artikel Klarnamen zu verwenden, weder um ehemalige Nazi Funktionäre und damalige prominente nationalsozialistische Anhänger der Stadt Grieskirchen zu „outen“, noch um Tratsch oder Voyeurismus über längst Verstorbene Vorschub zu leisten, sondern aus einem einzigen Grund: Um dem geschichtlich interessierten Leser aufzuzeigen, dass ein totalitäres System, wie jenes der NS-Diktatur, welche nicht nur dem Staat Österreich seine Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit nahm und dem Land für sieben Jahre seinen brutalen Willen aufzwang, auch in jedem Ort, in jeder Stadt und in jedem Dorf, seine willigen Helfer und Vollstrecker hatte, ohne deren Einsatz und Unterstützung sich das Nationalistische Terrorregime niemals so mächtig und allgegenwärtig entfalten hätte können.

Auch im Bezirk Grieskirchen war ein buntes Spektrum von fanatischen Anhänger, stillen Befürwortern und opportunistischen Mitläufern— angefangen von kleinen Funktionären und Blockwarten —  bis hin zu SS- und SA-Männern, Kreisleitern und schweren Kriegsverbrechern, vertreten. Die meisten jener Personen, welchen das Nazi-Regime zu einem schnellen Aufstieg, zu Macht und Ansehen verhalf und sie dann in einem tiefen Fall mit sich in den Untergang zog, waren Väter, Mütter, Söhne und Töchter aus teilweise alteingesessenen, angesehenen und respektierten Grieskirchner Familien. Dem Autor ist es ein Anliegen in dieser Artikelserie, anhand von dokumentierten Geschehnissen in der Stadt Grieskirchen aufzuzeigen, dass ein faschistisches System, kein abstrakter und von oben auf die Menschen aufgesetzter künstlicher Begriff ist, sondern seine Wurzeln in jenen lokalen Bevölkerungsteilen hatte, welche willig waren, einem rassistischen und totalitären Terrorregime bedingungslos als Räderwerk zu dienen. Dass dabei oftmals die Grenze von Moral und Anstand überschritten wurde und Fanatismus und verblendeter Hass, das gewohnte respekt- und würdevolle Miteinander eines beschaulichen Stadtlebens ersetzte, wird am Beispiel des Postenkommandenten Hammerschmied nur allzu deutlich veranschaulicht.

Lauter alte Schachteln

Im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz schlummern, für jedermann öffentlich zugänglich, 785 Schachteln mit Akten der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen aus den Jahren 1858 bis 1955. Darunter finden sich auch zahlreiche Dokumente aus jener Zeit, als unsere Heimat ein Niemandsland zwischen dem Albtraum und unsäglichen Leids der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur und der Idee einer neuen, eigenständigen Zweiten Republik eines Landes, welches verzweifelt versuchte seine eigene, seine österreichische Identität wiederzufinden. Jene wurde am 12. März 1938 unter dem überschäumendem Jubel der Bevölkerung, dem Wahnsinn einer großdeutschen Idee geopfert. Hitlers Selbstmord hinterließ das Trümmerfeld eines besiegten Landes, welches führerlos, aufgeteilt unter vier Siegermächten, vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe stand, die Einflüsse des Nationalsozialimus aus der Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Justiz und vor allem aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben, ein Unterfangen, welches trotz guter Vorsätze und anfänglichem Elan, zum großen Teil zum Scheitern verurteilt sein wird. Dieser Fluch des ewiggestrigen Denkens wird ein gerade erst wiederauferstandenes, demokratisches Österreich für viele Jahrzehnte immer wieder heimsuchen und oftmals in Versuchung führen, die Geister der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Deswegen stand nach der Befreiung für die Besatzungsmächte eines vor vornherein ganz klar fest: Ohne Entnazifizierung würde es für Österreich keinen Staatsvertrag geben!

Mama, die „Amerikana“ sind da!

Als am Freitag, dem 4. Mai 1945 um 14.20 Uhr, die ersten amerikanischen Fahrzeuge und Panzer am Roßmarkt eintreffen, ohne dass auch nur ein Schuß fällt, ist nun endlich auch für Grieskirchen, der von vielen ersehnte und von manch anderem gefürchtete Tag der Befreiung oder der Niederlage gekommen. Dr. Josef Hofer, der von den Nazis ins KZ Buchenwald gesteckt und dort schwer misshandelt wurde, leitet in Koordination mit den einrückenden amerikanischen Truppen die Aktion der Österreichischen Freiheitsbewegung, zur kampflosen Übergabe der Stadt. Noch am selben Tag, als Grieskirchen von einer siebenjährigen Nazi Herrschaft befreit wird, „ [tritt] die Österreichische Freiheitsbewegung […] auf und übernimmt die Gewalt. Es werden in Sicherheitsgewahrsam zur Gendarmerie genommen: Kreisleiter Humer, Pöschko, Kreisschulrat Kayer, DAF-Obmann Ebetshuber, NSV-Obmann Wasmayr, Heher, Antoniol und Stoll.“, schreibt der Rechtsanwalt Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt, von 1938 bis 1945 Nazi Bürgermeister der Kreisstadt Grieskirchen, als einen seiner letzten Einträge in das Tagebuch. Am Sonntag, den 6. Mai ergeht ein „Befehl der amerikanischen Truppen, bis 18 Uhr alle Waffen, Munition, Feldstecher und Fotoapparate abzugeben sowie nationalsozialistische Schriften zu vernichten. Die Bevölkerung kommt dem Befehl reibungslos nach.“ Am nächsten Morgen um 12.00 Uhr übergibt Dr. Peyrer-Heimstätt das Bürgermeisteramt an Herrn Leopold Gföllner, welcher schon von 1936 bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht die Geschicke der Stadt lenkte. Dr. Josef Hofer wird zum Bezirkshauptmann des Bezirks Grieskirchen ernannt.

Die amerikanische Militärregierung unter Führung des Stadt-Kommandanten Major Davis bezieht ihr Quartier im Gebäude der ehemaligen Privatmädchenhauptschule in der Friedhofgasse (früher Köstlingergasse), welches die NSDAP von Borrowmäerinnen-Schwestern beschlagnahmt hatte und welches während der Nazi Diktatur die Kreisleitung von Grieskirchen beherbergte.

Nachdem die Rote Arme am 13. März 1945 den Kampf um Wien für sich entscheiden konnte, wird am 27. April im Wiener Rathaus die Proklamation über die Selbständigkeit Österreichs, mit welcher der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vom 13. März 1938 für null und nichtig erklärt wurde, von Vertretern der drei Gründungsparteien der Zweiten Republik unterzeichnet. Dadurch ist die politische und rechtliche Basis für die am gleichen Tag erfolgte Konstituierung der provisorischen Staatsregierung Renner, auf der Grundlage der Moskauer Deklaration von 1943, gegeben. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird am 8. Mai 1945 das Verbotsgesetz erlassen, welches am 6. Juni in Kraft tritt. Dadurch werden die NSDAP, ihre Wehrverbände sowie sämtliche Organisationen, die mit ihr zusammenhängen, offiziell aufgelöst, sowie die Wiederbetätigung für nationalsozialistische Ziele verboten.

Die Kriegsverbrechen müssen gesühnt werden!

Während auch in Österreich allmählich, nach Jahren der Gleichschaltung, die ersten freien Zeitungen, aus ihrem Trauma, ein Propaganda Sprachrohr des Großdeutschen Reiches gewesen zu sein, erwachen und versuchen den neuen, noch befremdlichen Geist von Demokratie und Meinungsfreiheit in der Bevölkerung zu wecken, wird am 4. Dezember 1945 die erste Kriegsverbrecherliste in den Tageszeitungen veröffentlicht. Unter der Überschrift „Die Kriegsverbrechen müssen gesühnt werden!“ erfährt der Leser, dass „aus Gründen einer erschöpfenden und erfolgreichen Untersuchung es derzeitig nicht zweckmäßig [ist] die Öffentlichkeit bis ins einzelne zu unterrichten. Es werden jedoch fortlaufend Listen mit Namen besonders schwerer Kriegsverbrecher veröffentlicht werden.“ Auf der alphabetisch geführten Liste finden sich unter anderem, der bereits in Haft befindliche, in Ried im Innkreis geborene Dr. Ernst Kaltenbrunner, (unvollständigerweise als SS-Obergruppenführer, General der deutschen Polizei und Chef des SD bezeichnet), sowie der Gauleiter von Oberösterreich, Mitglied des Reichstages und SS-Oberführer August Eigruber, der ebenfalls im Mai 1945 von der US-Armee verhaftet wurde und wie Kaltenbrunner am Strang enden sollte. Mit Anton Reinthaller, Minister im „Anschlußkabinett“ und SS-Oberführer, nachmaliger erster Bundesparteiobmann der FPÖ, findet sich ein weiterer Oberösterreicher auf dieser ersten Liste der schwersten Kriegsverbrecher Österreichs.

Der Versuch einer österreichischen Entnazifizierung

Im großen und ganzen verläuft die Entnazifizierung von Österreich in vier Phasen. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 werden, oftmals unter Mithilfe der örtlichen Freiheits- und Widerstandsbewegung, ortsbekannte lokale Nazi Funktionäre und Anhänger aufgestöbert und verhaftet. In Wolfsberg und Glasenbach richten die Alliierten Anhaltelager für hochrangige Nazis ein, in welchen sie zwischen 1945 und 1948 rund 80.000 Funktionäre und Sympathisanten des untergegangenen NS-Regimes gefangen halten werden. Diese Lager sind geplant worden als ein Versuch einer Umerziehung und Isolierung, um die spätere Integration in ein demokratisches Nachkriegs-Österreich zu erleichtern, ein Versuch, der bis auf eine, zur Teilnahme verpflichtende Filmvorführung von „Die Todesmühlen“ am 9. Mai 1946, welcher die Gräuel der nationalsozialistischen Konzentrationslager bei ihrer Befreiung zeigt, bloß eine gutgemeinte Idee war und auch blieb. Die Inhaftierten in den Anhaltelagern werden relativ gut behandelt, hatten mehr zu essen als der Großteil der österreichischen Bevölkerung, konnten sich großteils selbst organisieren, Vorträge halten und Netzwerke bilden. Viele der ehemaligen Nazis verbindet das Gefühl, dass ihnen durch die Lagerhaft großes Unrecht angetan wird. Man schwört weder der Nazi Ideologie ab, noch machen die Insassen Anstalten, sich ernsthaft auf eine Zukunft in einem demokratischen Österreich vorzubereiten. Selbst der „Führer-Geburtstag“ am 20. April wird im Untergrund gefeiert. Es sind Berichte überliefert, dass selbst ein Hitler-Bild ins Glasenbacher Camp Marcus W. Orr eingeschmuggelt wurde und man „vor dem Bild des so glücklosen Toten eine schlichte Gedenkstunde“ abhielt.

Auch auf politischer Ebene hagelt es Fehlschläge. „Die amerikanische Militärregierung von Oberösterreich hatte bereits Mitte Mai [1945] eine Landesregierung eingesetzt und einen gewissen Herrn Dr. Eigel zum Landeshauptmann ernannt. Etwa zwei Monate später stellte sich heraus, dass Dr. Eigel unter die Bestimmung des so genannten „automatic arrest“ fiel. […] Für die Amerikaner in Linz war eine schwierige Situation entstanden: Wem konnte man in diesem fremden Land Vertrauen schenken?“

Die rechtlichen Grundlage der zweiten Phase der Entnazifizierung, in der die österreichischen Behörden, vor allem die Landeshauptmannschaften anfingen, selbständig zu handeln, bilden die sogenannten „automatischen Arrestbestimmungen“ der Alliierten, worunter man eine Verhaftung bestimmter Personengruppen ohne Einzelprüfung versteht, welche in eine der folgenden, nur grob umrissenen Kategorien fallen:

1) Die deutschen Geheimdienste, Personal RSHA, des Reichssicherheitsdienstes, Feldpolizei etc.

2) Die Sicherheitspolizei, Gestapo und Grenzpolizei, ab dem Rang eines Kriminalsekretärs

3) Höhere Polizeibeamte, Regierungspräsidenten, Landräte, Höhere SS- und Polizeiführer

4) Kriminalpolizei, Ordnungspolizei und spez. Polizeikräfte ab Rang eines Oberstleutnants etc.

5) Führer und Offiziere der: Waffen-SS, Allgemeine SS, SA, Hitlerjugend, BDM etc.

6) Beamte der NSDAP („Nazi Party Officials“)

7) Staatsbeamte

 

Die Grieskirchner Nazi-Promi Liste

Auch im Bezirk Grieskirchen erfolgen zahlreiche Verhaftungen, welche unter die Bestimmungen des automatischen Arrests fielen. Am 23.1.1946 ergeht die Weisung von Bezirkshauptmann Dr. Hofer an alle Gendarmerieposten des Bezirkes, welche lautet: „Im Auftrage der O.Ö. Landeshauptmannschaft sind umgehend die Namen aller seit dem 4. Mai 1945 aus politischen Gründen in Haft gesetzten Personen an die Bezirkshauptmannschaft […] zu berichten […] Besondere Fälle, die von der Bevölkerung als Härte empfunden werden, mögen dabei besonders bezeichnet werden.“

Sechs Tage später erfolgt die Rückantwort des Gendarmeriepostens Grieskirchen in Form einer sauber getippten, dreiseitigen Liste mit 69 Namen, von denen einige mit Rotstift unterstrichen sind. Erstellt wurde sie vom Postenkommandanten Grieskirchens, Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied.

Zum Zeitpunkt der Erhebung befinden sich etwa 75 Prozent der auf der Liste genannten Personen in Haft oder im Lager. 13.4 Prozent waren bereits wieder auf freiem Fuss, zwei flohen heim ins Altreich, zwei weitere waren bereits verstorben, einer befindet sich im Lazarett und von dreien fehlt jede Spur.

Revierinspektor Karl Hammerschmied nummeriert die Einträge und sortiert sie grob nach dem Datum der Inhaftnahme. Mit Datum 6. Mai 1945 sind unter anderen, jene Personen aufgelistet, über die der damalige Nazi Bürgermeister Peyrer in schon seinem Tagebuch vermerkte, dass sie am 4. Mai durch die Österreichische Freiheitsbewegung verhaftet worden sind. Zu jenem Personenkreis lokaler Grieskirchner Nazi-Größenn zählen der Schulrat und Kurzzeit NSDAP-Bürgermeister Josef Kayer, der ehemalige Kreisleiter Rudolf Humer, Franz Wasmayer, seines Zeichens Hilfsarbeiter und gewesener Kreisamtsleiter der NSV und SS Sturmführer, Josef Ebetshuber, Ortsgruppenleiter der NSDAP Grieskirchen. Am 25.7. wird auch Landrat Georg Reiter in Haft genommen und wie die meisten anderen auch, im Lager Glasenbach interniert.

In Grieskirchen tummeln sich auch einige SS-Männer, SA-Angehörige und ein HJ Bannführer: Der Brauergehilfe und SS-Mann Robert Zweimüller, die Bäcker Alfons Wanka und Ernst Wamprechtshammer, beide ebenfalls SS-Mitglieder, finden sich auch der Liste, obwohl sie erst im Dezember 1945 bzw. Jänner 46 verhaftet werden. Der Mechaniker Günther Neumann wird einen Tag vor Weihnachten festgenommen und in das SS-Lager Lambach überstellt.

Politische Funktionäre sind ebenfalls zahlreich vertreten: der gewesene Ortsgruppenleiter von Grieskirchen und Darmhändler, Josef Hoscher, sowie der Wagner und Ortsgruppenleiter von Tollet Josef Winter. Schlüsselberg ist durch den Müller und späteren Ortsgruppenleiter Hubert Prehofer vertreten, Pollham durch den Bauern Johann Jungreithmaier und mit Alois Roither steht ein weiterer Bauer als Ortgruppenleiter auf der Liste der Verhafteten. Am 7. August 1945 wird Julius Schneitler, Holzhändler aus Grieskirchen auf Grundlage der „automatic arrest“ Bestimmungen wegen seiner Funktion als Bezirksobmann der DAF verhaftet und auch seine DAF Obmänner Leopold Lehner, Josef Scheuch und Matthias Hehenberger blicken um die Jahreswende 1946, entweder in Haft oder im Lager Glasenbach, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Bekannte Persönlichkeiten des örtlichen Wirtschaftslebens finden ihren Namen ebenfalls auf Hammerschmieds Liste, wie der angesehene Kaufmann Otto Dopplbauer, der am 23. Mai verhaftet wird und der Apotheker Gustav Rizzy, welcher seit 20. Oktober im Camp Marcus W. Orr inhaftiert ist. Dr. Hermann Payrer [sic!], Grieskirchens Bürgermeister während sieben langen Jahren der Nazi Diktatur kann sich bis 23. August der Haft und Einlieferung ins Lager entziehen. Mit ihm werden auch die Bürgermeister von Tollet, Karl Aigner und der gewesene Bürgermeister von Schlüsslberg Johann Anzengruber interniert.

Listenplatz Nummer 26 gebührt Dr. Emil Mayr, wie Peyrer ein „Nazi der ersten Stunde“ und seit Oktober 1939 Leiter des Gesundheitsamtes des Kreises Grieskirchen. Er verfügte zahlreiche Einweisungen von Menschen aus dem ganzen Landkreis, denen er körperliche oder geistige Behinderung attestierte, in das Schloss Hartheim, wohlwissend, dass jene in der Tötungsanstalt, wie 30.000 ihrer Leidensgenossen, dort im Zuge der nationalsozialistischen „Euthanasie“ ermordet werden würden. Da Dr. Mayr auch die Position eines ärztlicher Beisitzers am Erbgesundheitsgericht Wels inne hat, ist er persönlich verantwortlich für unzählige Zwangssterilisationen. Er wird am 23. Mai 1945 verhaftet und im Lager inhaftiert.

Auch zwei Kriminal Sekretäre der Gestapo, Heinrich Kern und Johann Wurm, beide in Grieskirchen wohnhaft, stehen auf der Liste und werden schon im Mai 1945 nach Glasenbach überstellt. Der in Deutschland geborene Rudolf Münch, Landratsangestellter und SA Mann war von 4. Juni bis 8.Juli in Haft und flüchtet gemeinsam mit seinem Kraftfahrer, Oswald Wittemer, heim ins deutsche Alt-Reich.

Der Gastwirt zu Pollham, Karl Demmlmayr, der auf der von der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen angeforderten Liste als politischer Leiter aufscheint, wird nach nur einem Tag Haft wieder auf freien Fuss entlassen. Der Lehrer Anton Lenhart muss von Mitte Juni bis Ende Dezember 1945 in Haft sitzen bevor auch er das Glück hat und entlassen wird. Der Landesgerichtsrat von Grieskirchen, Karl Grossdorfer, wird am 13. Juli festgenommen und verstirbt im Lager.

Während sich in den Gemeinden des Bezirk Grieskirchens im ganzen 21 Frauen unter den, von „einer amerikanischen Dienst- bzw. Militärstelle oder über deren Auftrag“ verhafteten Personen befinden, vermerkt weisungsgemäß Postenkommandant Hammerschmied auf seiner Liste, die Namen von drei Frauen welche der Stadt Grieskirchen zugehörig sind. Margarethe Bubendorfer, NS-Frauenschaftsführerin von Grieskirchen wird für eine Woche, vom 7. bis 13. August in Haft genommen und dann auf freien Fuss entlassen. Die Hauptschullehrerin und Gaufrauenschaftsleiterin Hedwig Faschingbauer befindet sich seit 19. Jänner 1946 in Haft beim Bezirksgericht in Grieskirchen.

Als Nummer 39 und mit dem unscheinbaren Zusatz „Schneiderin“ findet Margarethe Freinberger ihren Platz auf der Liste der Grieskirchner Nazi Promis. Sie wird am 29. Juli 1945 in Haft genommen und in Glasenbach interniert. Es mag merkwürdig erscheinen, warum diese harmlose handwerkliche Tätigkeit ihre Verhaftung aus politischen Gründen rechtfertigen würde, so hilft es zu wissen, dass Frau Freinberger natürlich nicht wegen ihrer früheren Tätigkeit als Schneiderin ihren Namen auf Hammerschmieds Liste findet, sondern wegen ihrer Tätigkeit als brutale und gefürchtete Oberaufseherin über 500 weibliche Lagerinsassinnen des Konzentrationslagers Lenzing, einem Aussenlager des KZ Mauthausen. Im Anschluss an ihre Internierung im Lager Glasenbach wird Margarethe Freinberger vor dem Volksgerichtshof der Prozess gemacht.

 

Der Rotstift des Karl Hammerschmied

„Die mit Rotstift bezeichneten Personen scheinen besonders berücksichtigungswürdig und wird es von der Bevölkerung als Härte empfunden, dass selbe noch in den Lagern angehalten werden“, tippt Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied mit holpriger Grammatik unter seine Liste: „Der ehemalige Bürgermeister von Grieskirchen Dr. Payrer [sic!], sowie der Ortsgruppenleiter Hoscher sind unmittelbar vor Beendigung des Krieges mutig dafür eingetreten, dass Grieskirchen nicht verteidigt werde, obwohl dies vom ehemaligen Kreisleiter Humer, sowie vom seinerzeitigen Leiter des Wehrmeldeamtes Grieskirchen ständig gefordert wurde. Die Bevölkerung ist daher dem Payrer [sic!] und Hoscher noch dankbar, dass Grieskirchen von weiteren Kriegshandlungen verschont geblieben ist. Der Apotheker Rizzi würde sich von der Partei zurückgezogen haben, falls dies möglich gewesen wäre. Mit Rücksicht auf die grosse Familie (Rizzi hat 5 unversorgte Kinder) dürfte auch der Genannte berücksichtigungswürdig erscheinen.“

Für den Autor ist es nur schwer nachvollziehbar, in welcher Gefühlslage sich Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied befunden haben musste, als er der Weisung des Bezirkshauptmannes Dr. Hofer nachkommt und die Namen der „aus politischen Gründen in Haft gesetzten Personen“ auf die angefragte Liste setzt und einige davon mit Rotstift unterstreicht, darunter Personen, denen er in den Anschlusstagen im März 1938 unter ausserordentlichen und für ihn persönlich höchst furchtbaren und traumatischen Umständen schon einmal begegnet war.

Stunden bevor am Morgen des 12. März 1938 um 5.30 Uhr, die ersten von 65.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht die österreichische Grenze überschreiten und auf Hitlers Befehl sein Geburtsland „heim ins Reich holen“, findet sich bereits um 23 Uhr ein ausgelassener und siegestrunkener Mob örtlicher Nationalsozialisten unter der Führung des Ortsgruppenleiters Hermann Weikinger vor dem Gallspacher Gendarmerieposten ein, den Postenkommandant Karl Hammerschied seit 1934 leitet und wo er auch am Vorabend des Einmarsches pflichttreu seinen Dienst versieht. Für die örtlichen Nazis ist an diesem Abend endlich der Moment der Rache gekommen, um endlich diesem dienstbeflissenen Gendarmen, der in der „Systemzeit“ oft Tag und Nacht im Dienst gewesen war, „um die immer dreister werdenden Umtriebe der illegalen Nazis zu unterbinden, wozu vor allem […] das Abbrennen von Hakenkreuzen, das Malen dieses NS-Symbols auf Hauswänden, Dächern, Weidevieh oder Schweinen, dessen Ausmähen auf Wiesen, das Beschmieren von Hauswänden mit Parolen und Böllerattentate [zählten], am eigenen Leib spüren zu lassen, dass sich auch im Bezirk Grieskirchen der politische Wind gedreht hat und er nun einen Orkan aus aufgestauter Wut und Hass zu erwarten hat.

Postenkommandant Karl Hammerschmied wird mit Gewalt aus seiner Dienststelle gezerrt und auf die Straße hinunter getrieben, wo er, wie durch die Aussage einer Augenzeugin belegt, von einer fanatisierten NS-Anhängerin durch einen Schlag ins Gesicht verletzt wird. Er wird von „Kollegen“ des Gendarmeriepostens Grieskirchen unter Beteiligung von Grieskirchner SA und SS-Männern in „Schutzhaft“ genommen und gemeinsam mit anderen Verhafteten in einem Zug, umringt von „S.A., SS und illegalen Nazis“, von denen er „aufs Gemeinste“ verhöhnt und „schwerstens“ misshandelt wird, nach Grieskirchen getrieben. Auf diesem nächtlichen Leidensweg büßt er auch einige Zähne ein. Vor dem Bezirksgericht Grieskirchen wartet schon ein völkisch aufgehetzter und verblendeter Pöbel auf die Ankunft der „Feinde des Nationalsozialismus“ um sie zu bespucken, zu beschimpfen und mit Schlägen zu malträtieren.

Ob Hammerschmied, als er acht Jahre später die Daten von „Payrer [sic!] Hermann, Rechtsanwalt, Bürgermeister, seit 23.8.45 in Haft und befindet sich im Lager“ auf die, von der Bezirkshauptmannschaft angeforderten Liste schreibt, am Morgen jenes schicksalsträchtigen Anschlusstags, dessen Gesicht in der mit Haß erfüllten, fanatischen Menge erkannte und sich, während er die Liste auf seiner Schreibmaschine tippt, daran erinnert, ist nicht überliefert. Laut eines Berichts von Dr. Hofer an das CIC aus dem Jahr 1945 habe sich Dr. Peyrer „in den Umsturztagen 1938“ […]„besonders widerlich“ benommen als „er […] die Szenen, in denen die Leute geschlagen wurden [photographierte].“

Über Auftrag der Kreisleitung wirde Postenkommandant Hammerschmied wegen seiner Dienstbeflisslichkeit und anti-nazistischen Einstellung seines Dienstes enthoben, am 14. März 1938 „von SS-Männern unbekannten Namens in Grieskirchen […] in Schutzhaft genommen und in die Fronfeste des Bezirksgerichtes […] eingeliefert“, wo er bis zum 15. April in Schutzhaft sitzt.

Ein paar Tage später, am 19. März, wird der verantwortliche Postenkommandant von Grieskirchen, in einer Meldung an die Bezirkshauptmannschaft, über den „verheirateten, römisch katholischen und angeblichen Arier“,  Hammerschmied, der Wahrheit ein wenig nachhelfen und zu Protokoll geben, dass der Gendarmerie Revier Inspektor Hammerschmied „am 14.3.1938 über fernmündlichen Auftrag der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen vom Gendarmerieposten in Grieskirchen in Schutzhaft genommen und am gleichen Tage dem Bezirksgerichte in Grieskirchen überstellt [wurde]. Die Schutzhaftnahme des Hammerschmied erfolgte aus dem Grunde, weil Genannter Anhänger der Heimwehr war und angenommen wurde, daß er eine verbotene Tätigkeit entfalten würde.“  Soviel zum Versuch der Wahrheitsfälschung von offizieller Seite.

Was im Nazijargon harmlos unter dem euphemistisch formulierten Begriff „Schutzhaft“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit eine Inhaftierung ohne richterliche Kontrolle oder Übersicht und stellt für die, im Gefängnis des Bezirksgerichtes Grieskirchen einsitzenden zwölf Personen, eine extreme Form der Einschüchterung dar, da es nicht abwegig ist, anzunehmen, dass jene auch während dieser Zeit misshandelt und gedemütigt wurden und ständig die Ungewissheit und Angst vor Augen hatten, in ein Konzentrationslager abgeschoben zu werden. Sicherlich blieben auch Karl Hammerschmied diese fünf Wochen zeitlebens in Erinnerung, in denen er seiner Freiheit beraubt wurde und der Willkür der, offiziell „Hilfsdienste“ verrichtenden, SA- und SS-Männer, die auf die Schutzhäftlinge noch nach deren Einlieferung ins Gerichtsgefängnis Grieskirchen buchstäblich freien Zugriff hatten, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Für Karl Hammerschmied ist mit seiner Entlassung aus dem Gendarmeriedienst seine Demütigung durch das Nazi Regime noch lange nicht zu Ende, denn schon ein Jahr später wird seine Dienstenthebung wieder rückgängig gemacht und er dem Posten Vorchdorf zugeteilt. Nach Hitlers Überfall auf Polen, das er zum  „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“ erklärte, wird er bereits 1939 dorthin an den Posten Risenberg—angeblich als Disziplinarmaßnahme— zwangsversetzt. Danach folgt für Hammerschmied eine wahre Odyssee an Dienststellen, welche ihn die Gendarmerieposten in St. Wolfgang, Grünau, Bad Aussee, Hallstatt, Gosau und— endlich wieder als Postenkommandant— Schwanenstadt, durchlaufen lassen.

Nachdem der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war und das Deutsche Reich in Trümmern liegt wird Hammerschmied am 1. Oktober 1945 nach Grieskirchen berufen, als in einer grausamen Ironie des Schicksals, sein Lebensweg sich ein weiteres Mal mit jenen kreuzt, die ein Regime unterstützt hatten, welches ihn auf grausamste Art behandelt und viel persönliches Leid zugefügt hatte.

Die 1947 aus den Anhaltelagern zurückgekehrten „ehemaligen“ Grieskirchner Nazis fügen sich wieder in das Leben der Stadt ein, welche, wie schon oft in seiner jahrhundertelangen Geschichte, in einen Schlaf des Vergessens fällt. Niemand fragt nach dem, was „damals“ passiert ist, wie es dazu kommen hatte können, dass auch Grieskirchen dem Bann der Nazidiktatur verfiel. Man grüßt sich wieder wie zuvor, als das Leben beschaulich und ruhig war, zieht den Hut vor einander und niemand hebt mehr die Hand zum Gruß. Das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang. Die Liste der Namen der Grieskirchner Nazi Prominenz verschwindet im Archiv der Stadt und niemand will sich daran mehr erinnern.

Nun sind über 70 Jahre vergangen und jene Liste, die einst das Schicksal von 69 Menschen vermerkt, ist nunmehr eine Liste mit den Namen von Toten. Namen von Personen, welche für sieben dramatische Jahre, die Geschichte der Stadt Grieskirchen mitbeeinflusst und gelenkt hatten und dann, unter dem Mantel des Schweigens, wieder zu „normalen“ und „ordentlichen“ Bürgern unserer Stadt werden. Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen, sich an jene Personen in der eigenen Familie, im Bekanntenkreis oder unter Freunden zu wenden, die sich vielleicht doch noch einiges wissen, was Vati oder Mutti, Opa oder Oma, damals gemacht hatten, denn „wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“

 

Kaltenbrunner: Monster, Mensch, Vati

Auf der Anklagebank Ernst Kaltenbrunner. Seine linke Gesichtshälfte von tiefen Narben zerfurcht: Kinn, Schläfe und Stirn. Drei weitere zerteilen seine Wange, eine reicht bis an den Mund. Er ist stolz auf die ihm ins Gesicht geschriebenen Zeichen seines Mutes. Damals gab er damit an: „Ich brillierte auf Mensur nicht durch technisches Können, war aber wegen meiner guten Haltung und unbekümmert erfochtener Erfolge eine sogenannte verläßliche Partie. So wurde ich in allen Hatzen herausgestellt, bezog nie eine Abfuhr, teilte aber viele aus.“ Und heute, die Wahrheit? Sein Narbengesicht als Ausdruck von Schwäche und Versagen: ein Moment der Unachtsamkeit; ein Autounfall, würdelos und ordinär.

Kaltenbrunners Statur ist die eines Hünen von fast zwei Metern mit dem Nacken eines Stiers, so breit, dass sein Hinterkopf sich in einer geraden Linie mit dem Rumpf und seinen massiven Schultern verbindet. Überproportional lange Arme, die in viel zu kleinen Händen und dünnen, von Nikotin gelb verfärbten Fingern enden, baumeln oftmals scheinbar unkoordiniert, seitwärts seines grobschlächtigen Körpers und brachten ihm den Beinamen „Der Gorilla“ ein.

Ein quadratisches, schweres Kinn und ein vorspringender Kiefer verleihen seinem Gesicht einen hölzernen Charakter. Das Haar trägt er streng nach hinten gekämmt, die Seiten kurz geschoren. Und dann seine übergroßen Ohren! Ohren, wie die eines Schakals oder eines Kriminellen, sagen, die, die Angst vor ihm haben. Seine Nase, ständig Witterung aufnehmend, sucht die Umgebung ab, beschnüffelt alles und jeden und spürt Gefahr noch bevor sie ihm gefährlich werden kann. Über allem, das Gehirn eines skrupellosen Anwalts, sein Denken nicht brilliant, doch scharfsinnig, analytisch, kalkulierend. Ein sturer Mann und ein starker Mann, der alles unter perfekter, unter seiner Kontrolle wissen will. Ein Mann, vor dem sogar Himmler sich fürchtete.

Die Fratze eines brutalen, gefühllosen und berechnenden Massenmörders, an dessen Schuld vor den Augen der Welt kein Zweifel bestehen konnte, keiner bestehen durfte. Ein Gesicht, dem alles Menschliche abhanden gekommen war: kalte, durchdringende Augen, der Blick einer Viper die ihr Opfer fixiert. Böse. Gefährlich. Und gemein. Dünne Lippen, die er kraftvoll zusammenbeißt um stoisch die Anschuldigungen des Staatsanwaltes zu ertragen. Kein falsches Wort darf seinem Mund entweichen. Nervös züngelt seine gespaltene Zunge. Lüge und Täuschung: Ob er seine eigenhändige Unterschrift auf diesem Dokument erkenne? diesen Befehl? sein Dienstsiegel? Nein! Nein! Nein! Millionen namenloser Toter klagen an. Er weiß, dass man ihn hängen wird und beginnt einen langen Brief an seine Kinder zu schreiben…

 

Maria Schicho “Die erste Frau im Gau”

Maria Schicho’s Werdegang glich einer Bilderbuchkarriere. Aus einer einfachen Schneiderin und Kleintierzüchterin wurde die mächtigste Frau im Gau Oberdonau. All dies verdankte sie guten nachbarschaftlichen Beziehungen. Eine schier unglaubliche Geschichte.

Maria erblickt am 27. April 1891 um 1/2 11 Uhr mittags als Tochter von Franz Grafinger, langjähriger Reichsratsabgeordneter und Bürgermeister von Grünau im Almtal und Maria Anna, eine geborene Redtenbacher, das Licht der Welt. Ihre ersten Lebensjahre verlaufen vollkommen unspektakulär: Volks-, Bürger-, und Haushaltungsschule, eine Lehramtsprüfung als Handarbeitslehrerin. Danach Erzieherin im Hause der Baronin Mallinckrod in Peißenberg, dem ein 2 1/2 jähriger Auslandsaufenthalt im Hause Aosta in Mailand folgt. Nach ihrer Rückkehr aus Italien heiratet Maria den Dachdecker und Spenglermeister Karl Schicho, mit dem sie eine Tochter, einen Sohn und einen Pflegesohn großzieht. 1923 zieht die Familie nach Bad Schallerbach. Dort gründet Maria Schicho eine kleine Schneiderei mit angeschlossenem Modesalon, den sie bis März 1938 führt, als von einem Tag auf den anderen ihr Leben eine unerwartete Wende nimmt.

Für Frau Schicho waren gute nachbarschaftliche Kontakte immer schon wichtig und diese pflegt sie auch, vor allem mit ihrem Nachbarn im Haus nebenan, Alois Dornetshuber. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr ist dieser ein begeisterter Nazi, der sehr rasch vom Ortsgruppenführer in Bad Schallerbach zum Kreisleiter der NSDAP Grieskirchen aufstieg und schließlich sogar Landesbauernführer werden wird. Nur wegen ihm kommt Maria Schicho, wie sie später vor Gericht aussagen wird, in Kontakt mit Nationalsozialistischen Ideen. Er sei es auch gewesen, der sie überredet hat, in die Partei einzutreten. Am 12.März 1933 wird sie Mitglied der NSDAP und erhält ein rotes Parteibüchlein mit der Mitgliedsnummer 1.455.175. Von diesem Zeitpunkt an zahlt sie brav ihren monatlichen Mitgliedsbeitrag. Da sie nun eine der „Unseren“ ist, empfiehlt Dornetshuber Schicho´s kleine Schneiderei den SS-Schergen und SA-Sturmtruppen, welche sich von ihr Uniform Hemden nähen lassen und ihr somit während der Zeit der Weltwirtschaftskrise zu einer wichtigen Einnahmequelle verhelfen.

Es waren damals harte Zeiten für jeden, da hilft man sich gegenseitig. Und Frau Schicho hilft gerne mit. „Schriftführerin, dann Obfrau im Kleintierzüchterverband“, sei sie während der Verbotszeit gewesen, gibt sie zu Protokoll. „Mit allen meinen Kräften“ setzt sie sich für den Bau der Siedlung „Sonnwies“ in Schlüßlberg ein, für den sie ihren „letzen Spargroschen aufgewendet habe.“ Vor den Schöffen des Volksgerichtshofs, deren Aufgabe es war, herauszufinden, ob Maria Schicho sich während der Verbotszeit illegal betätigt hatte, findet sie schöne Worte für die nette Siedlergemeinschaft, „mit denen ich durch engste Kameradschaft, gemeinsame Lebensweise und gleiche Ziele verbunden war […] Keiner von diesen Siedlern war illegales Mitglied der NSDAP, woraus schon alleine ersichtlich ist, daß ich auf Politik und die Belange der NSDAP in der Verbotszeit überhaupt keinen Wert gelegt habe und mich nie damit beschäftigte.“ Sie sei ja nur eine kleine, unbedeutende Schneiderin, was wisse sie denn schon von der großen Politik? Doch dürfte ihre Tätigkeit im Kleintierzüchterverband bei weitem nicht so unpolitisch gewesen sein, wie sie sie nach dem Krieg versucht darzustellen: 1938 erhält sie von den Nationalsozialisten für ihren Einsatz um den Bau der Wohnsiedlung immerhin die „Medaille für deutsche Volkspflege“.

Überzeugt davon, dass sie zu ihrer märchenhafte Karriere, die sie zu einer Gaufrauenschaftsleiterin und somit höchsten Frau im Gau Oberdonau macht, wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist, erzählt sie— ein wenig naiv— dem Volksgerichtshof ihre Version einer schier unglaublichen Geschichte: „Im Feber 1938 ist der nachmalige Kreisbauernführer Dornetshuber zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich wieder Parteimitglied werden würde, wenn die Partei wieder erlaubt werde. Ich habe ihm gesagt, wir werden ja sehen, was wird. Dornetshuber hat neben uns in Schallerbach gewohnt und daher kannte ich ihn. Nach dem Umbruch ist Dornetshuber mit dem Gauleiter zu mir gekommen und hat sich die Siedlungshäuser angeschaut. […] Der Gauleiter fragte mich darauf, ob ich als Gaufrauenschaftsführerin nach Linz kommen möchte. […] Es wurde mir auch erklärt, dass man diese meine Tätigkeit als für das Volkswohl geleistet anerkennt und darin die Fähigkeit erblickte, die Frauenschaft der NSDAP in Oberösterreich aufzubauen. Ich habe ihm gesagt, dass ich hierzu nicht geeignet sein werde, weil ich Schneiderin sei, was den Gauleiter nicht störte. […] Ich erblickte darin eine soziale Aufgabe, wie ich sie seit meiner frühesten Jugend gewohnt war und sagte zu. […] Ich [habe] lediglich aus karitativen Gründen diese Stelle übernommen, jedoch ohne dass damit irgend ein politischer Rang, schon gar nicht ein solcher einem Ortsgruppenleiter gleichbedeutend, verbunden war. Er hat mich dann als Gaufrauenschaftsführerin eingesetzt und ich musste dann ganz in Linz bleiben.“

Geglaubt wurde ihr von offizieller Seite nicht, so dass nach dem Ende des Deutschen Reichs, die Staatsanwaltschaft Linz Anklage gegen sie erhebt. „Die sofortige Übernahme einer so hohen Funktion gleich nach der Machtergreifung durch den Nationalismus durch eine gewöhnliche Schneiderin muss zur berechtigten Annahme führen, dass sich Schicho schon während der Verbotszeit für die NSDAP hervorragend betätigt hat. Maria Schicho war von den ersten Monaten nach dem Umbruch im März 1938 bis zum Zusammenbruch 1945 Gaufrauenschaftsleiterin in Linz und gilt daher nach dem §11 des Verbotsgesetzes als schwer belastet. Außerdem ist anzunehmen, daß sie sich schon vorher illegal betätigt hat, um diese damals hohe Stelle zu erhalten. […] [Sie] sei von der NSDAP als „Altparteigenossin“ anerkannt worden […], [wurde] mit der Ostmarkmedaille ausgezeichnet und eine der im § 10 Abs. 1 VG. genannten Personen durch ihre Stellung als Gaufrauenschaftsleiterin politischer Leiter vom Ortsgruppenleiter oder Gleichgestellten aufwärts gewesen. Hierdurch habe sie das Verbrechen des Hochverrates nach § 58 StG. in der Fassung der §§ 10, 11 VG 1947 begangen und sei hierfür nach § 11 dieses Gesetzes zu bestrafen.“

Für Hochverrat nach § 10 sieht das Verbotsgesetz eine Freiheitsstrafe von fünf bis zehn Jahren vor. Eine Verurteilung nach § 11 könnte ihr sogar zwanzig Jahre einbringen. Für die ehemalige Schneiderin und Kleintierzüchterin Schicho ging es also um sehr viel.

Noch dazu belasten sie einige vor Gericht vorgelegte Dokumente schwer. Anlässlich ihres Wiederaufnahmeantrags gibt sie im Stammblatt der NSDAP am 22. Mai 1938 an, dass sie vom 1.9.1936 bis 1.3.1937 Orts- und Bezirksfrauenschaftsleiterin und bis zum 10.3.1938 Kreisfrauenschaftsleiterin der NSDAP Grieskirchen gewesen sei. Auch hätte sie wegen illegaler Tätigkeiten während der Verbotszeit 30 Schilling Strafe zahlen müssen. Obwohl sie später beteuert, sie „habe auch die damaligen Machthaber in keiner Weise gekannt und ich war ohne jeden Kontakt mit den Leuten“, war sie in der Lage als Vertrauenspersonen den Kreisleiter der NSDAP in Wels, Pg. Josef Schuller, den Bad Schallerbacher Ortsgruppenleiter Frank und ihren Nachbarn und Gönner, den Kreisleiter der NSDAP Grieskirchen, Alois Dornetshuber anzugeben. Jener fand überschwängliche Worte des Lobs für sie: „Die Richtigkeit der Angaben wird bestätigt. Pg. Maria Schicho […] war in der illegalen Zeit eine der wertvollsten Mitarbeiterinnen. Sie ist einer alten Mitgliedsnummer besonders würdig.“

Vor den Schöffen des Volksgerichtshofes in Linz streitet sie ab, jemals Orts- Bezirks- oder Kreisfrauenschaftleiterin gewesen zu sein. „1938 habe ich einen Erfassungsantrag gestellt und Dornetshuber hat gesagt, ich muss etwas hineinschreiben, damit sie sich in Berlin rechtfertigen können, dass sie eine Nichtparteigenossin bzw. keine Illegale zur Gaufrauenschaftsführerin genommen haben. Dornetshuber und der Gauleiter haben gesagt, sie werden meine Angaben decken. Alle Angaben habe ich damals zu Unrecht gemacht und sie entsprechen nicht der Wahrheit. Ich habe diese Angaben lediglich auf Grund meiner Tätigkeit bei dem Kleintierzüchterverband gemacht und sie als illegale Betätigung ausgegeben, um überhaupt eine Grundlage für mein Wirken in der Verbotszeit zu haben. Somit war die Anerkennung dieser meiner Tätigkeit eine reine Gefälligkeit und Begünstigung durch den damaligen Kreisleiter des Kreises Grieskirchen.“

Nach dem Krieg wird sie behaupten, dass sie nur durch das Entgegenkommen und die Hilfsbereitschaft ihres Nachbarn in diese Position geraten sei. Mit ihrer Strategie, die Verantwortung auf andere abzuschieben, befindet sie sich im Nachkriegsösterreich in bester Gesellschaft. Alois Dornetshuber, der ehemalige Kreisleiter und Landesbauernführer kann dazu nicht mehr befragt werden. Er nahm sich in den letzten Kriegstagen das Leben.

Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht und dem Auslöschen der Eigenstaatlichkeit Österreichs durch den „Anschluss“ an das Deutsche Reich, ernennt am 30. März 1938 Gauleiter Eigruber, Maria Schicho zur kommissarischen Gaufrauenschaftsleiterin von Oberdonau. Mit einem Male wird aus der unbekannten Schneiderin und Kleintierzüchterin aus Bad Schallerbach die mächtigste Frau im Gau. Im Dezember 38 unterstehen ihr als Leiterin der NS-Frauenorganisationen in Oberdonau 83.000 Mitgliederinnen, die in 16 Kreisorganisationen mit 461 Ortsgruppen erfasst sind. Die Hauptaufgabe des Deutschen Frauenwerks ist es, alle deutschen Frauen in den Dienst des Volkes und des Staates zu stellen und sie ideell auf den Krieg vorzubereiten. Ziel ist dabei, nicht nur eine Akzeptanz des Krieges, sondern auch die Bereitschaft der Frauen zu wecken, sich daran zu beteiligen.

Vom Gauleiter erhält Gaufrauenschaftsführerin Pg. Schicho den Auftrag alle Frauenorganisationen des vergangenen Systems zu liquidieren und das Vermögen sicherzustellen, eine Aufgabe, der sie umgehend und in aller Gründlichkeit nachkommt. Ende März 1938 übersiedelt sie mit ihrer Familie nach Linz, in die Volksgartenstrasse 18, wo sie auch die Gaufrauenschaftsleitung des Gaues Oberdonau unterbringt. Im Erdgeschoß lässt sie sich ein eigenes Geschäft für Kunstgewerbe einrichten. Das feudale Haus, in dem sich bis 1918 das Gasthaus zum „Österreichischen Hof“ befand und welches danach der Katholischen Frauenorganisation für Oberösterreich (KFO) gehörte, wurde an die Nationalistische Frauenschaft zwangsvermietet. „Die Schicho“, vormalige Pionierin der Siedlervereinigung „Sonnwies“ versteht es halt ordentlich zu organisieren.

Nur wenige Tage nach ihrer Vereidigung als Gaufrauenschaftsführerin erscheint am 9. April 1938 in der Siegesnummer des Ö. B., ein von ihr, als Kreisfrauenschaftsleiterin der NSDAP des Kreises Hausruck, geschriebener Neujahrsgruß in der Form eines Weisungsblatts „an alle Mitglieder der NS-Frauenschaft“. Darin schwört sie ihre Genossinnen auf die neue Zeit ein: „Wer sich unserer Fahne verschreibt muß ihr auch folgen, wohin sie auch treibt…“ – Dies schließt vor allem die Verpflichtung in sich, daß Sie nicht nur selbst unablässig an sich arbeiten müssen, um im Geist der NS-Weltanschauung zu leben, sondern auch bestrebt sein müssen, alle Ihre Unterstellten, Ihre Kinder, Ihre Angehörigen und Bekannten in diesem Geiste dauernd zu beeinflussen. Dabei ist es eine unbedingte Notwendigkeit, daß Sie sich ohne Kritik den Weisungen Ihrer Leiterin fügen. Die ganze Parteiorganisation fußt auf dem Führerprinzip […] Wir Frauen müssen erkennen, daß die Erhaltung der deutschen Rasse und Art in Österreich einzig und allein in unseren Händen liegt […] Alles Gute muß erst den Widerstand des Schlechten brechen, ehe es sich durchsetzt, alles muß erkämpft werden. […] Das Leben jeder Parteigenossin bedeutet, ebenso wie das des Mannes, Kampf gegen jeden unserer Gegner und gegen jede seiner Einrichtungen […] Denn es ist Kampf, wenn wir verlangen: „Du darfst nicht bei Juden kaufen!“, es ist Kampf, wenn gefordert wird: „Bekenne überall und offen Deine Zugehörigkeit zum erneuten deutschen Volke und dulde niemals und nirgends die geringste Verunglimpfung desselben.“ […] Wenn einst Österreichs „Geschichte der Befreiung“ geschrieben wird, dann muß sich auch die österreichische Frau einen Ehrenplatz in ihr verdient haben. […] Ich glaube fest und unerschütterlich an unserer freie deutsche Zukunft, so wie ich an unseren herrlichen Führer Adolf Hitler glaube. Heil Hitler!“

Starke kämpferische, völkische und antisemitische Worte für eine einfache Schneiderin und Kleintierzüchterin. Während ihres Volksgerichtsprozesses streitet sie ab, die Verfasserin des Weisungsblattes zu sein: „Den Artikel im Ö.B. habe ich nicht verfasst und nicht in den Ö.B. hineingegeben. Ich habe mich darüber bei Dr. Fellner beschwert. Diese sagte, das macht nichts, sie habe viele solche Artikel bekommen, die nicht der Wahrheit entsprechen.“

Wieder einmal waren es die andern, die an allem Schuld gewesen sein sollen, nur nicht sie, die Schicho. Verantwortung lehnt sie kategorisch ab. „Als ich nach der Berufung zur Gaufrauenschaftsleiterin in meiner neuen Dienststelle tätig war, wurden verschiedene Male von Seiten meiner Angestellten mir gegenüber Äußerungen laut, dass es verwunderlich wäre, dass ich zur Gaufrauenschaftsleiterin berufen worden bin, woselbst ich mich doch niemals illegal betätigt hätte“. Die Schöffen nehmen ihre Unschuldsbeteuerung mit Verwunderung zur Kenntnis.

Kreisleiter Dornetshuber und Gauleiter Eigruber mussten ihr Talent als flammende Versammlungsrednerin schon damals geahnt haben, als sie ihre Kleintierzüchtersiedlung besichtigten. Bei einer Kundgebung, die am 7. April 1938 anlässlich der Volksabstimmung zum Anschluss, unter großem propagandistischem Aufwand, in der Lokomotivenfabrik Krauß in Linz stattfindet, hält Schicho eine Rede, welche Begeisterungsstürme auslöst: „Wenn einst Österreichs „Geschichte der Befreiung geschrieben wird, dann muß sich auch die österreichische Frau einen Ehrenplatz in ihr verdient haben“, zitiert sie wortwörtlich aus dem Weisungsblatt. Für ihre besonderen Verdienste für den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wird sie mit der, von Hitler gestifteten, Medaille zur Erinnerung an den 13. März 1938, umgangssprachlich „Ostmark-Medaille“ genannt, ausgezeichnet. Dies ist neben der Volkspflegemedaille für den Bau der Siedlung die zweite Auszeichnung, welche ihr das Nationalsozialistische Regime verleiht.

Bei der „Führerinnen-Tagung“, die am 25. Juni 1939 in Linz stattfindet, bekundet Schicho in einer Rede ihre Begeisterung für den Nationalsozialismus: „Gauleiter! Gäste! Im Laufe der zurückliegenden Monate haben wir es als unsere dringlichste Aufgabe empfunden, alle Frauen unseres Gaues mit jenem nationalsozialistischen Geist zu durchdringen, der uns in den Verbotsjahren so stark gemacht hat und uns auch schließlich den Sieg gebracht hat….“ und wird dafür mit stürmischen Beifall bedacht. Nur in ihrem Heimatort Bad Schallerbach hält sie während ihrer siebenjährigen Amtszeit als Gaufrauenschaftsleiterin keine einzige Rede. Dies offenbar deshalb, weil sie weiß, dass sie bei der hiesigen Bevölkerung wegen verworfenen Familienverhältnissen nicht im besten Rufe steht. Seit 1941 lebt sie von Karl Schicho getrennt. Im März 1942 nimmt ihr der Zweite Weltkrieg ihren Sohn Franz, der „im Alter von 24 Jahren nach seiner schweren Verletzung in treuer Pflichterfüllung den Soldatentod gestorben“ ist.

Mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs und dem Ende des Zweiten Weltkriegs, welcher Zerstörung und Not über die Welt gebracht hatte und Millionen unschuldiger Menschen das Leben kostete, kommt auch für die einst höchste Frau im Gau Oberdonau, das Ende ihrer Zeit als Gaufrauenschaftsführerin.

Das CIC beschlagnahmt ihre Villa in Brandhof gegenüber „ihrer“ Sonnwies Siedlung, sowie das Wohnhaus in Bad Schallerbach, welches sie gemeinsam mit ihrem Mann besitzt. Am 30. Mai 1945 wird Maria Schicho in Haft genommen und in das Anhaltelager Glasenbach bei Salzburg gebracht, wo sie zusammen mit Tausenden anderen, die unter die Bestimmungen des automatischen Arrests fallen, teils mit schwer belasteten Nazis, teils mit Mitläufern, aber auch mit gefährlichen Kriegsverbrechern einsitzt und „entnazifiziert“ werden sollte, ein Vorhaben, an dem die Amerikaner kläglich scheiterten.

Im Frauen-Compound nennt man sie „Mutti Schicho“ nachdem sie sich aufopfernd um eine entkräftete und vollkommen ausgehungerte junge Frau kümmert, welche eines Tages auf einer Bahre und mit einem einst schönen Nerzmantel bedeckt, in das Lager gebracht wird. Tag und Nacht betreut sie die merkwürdige ausländische Frau und päppelt sie kaffeelösserlweise wieder auf. Als sie wieder bei Kräften ist, findet man heraus, um wen es sich bei dieser Patientin handelt: Niemand geringerer als Prinzessin Saida, Schwester von Faruk, König von Ägypten, ehemalige Verbindungschefin zwischen der SS im Nahen Osten und dem Deutschen Reich. Niemals wird sie vergessen sie was „Mutti Schicho“ für sie getan hat und sie später noch einmal in Salzburg wiedersehen und sich von ihr verabschieden.

Über ihre Zeit nach der Lagerhaft gibt Maria Schicho zu Protokoll: „Ich wurde am 23.4.1947 aus dem Lager Glasenbach entlassen und wurde von der Polizeidirektion Salzburg an die Polizeidirektion in Linz überstellt, am 29.4.1947 wurde ich in das Landesgericht Linz eingeliefert.“ Von Zelle 81 im Landesgerichtsgebäude aus stellt sie eine handschriftliche Bitte um Enthaftung, die sie mit schwerer Arthritis und Herzleiden begründet. Am 31. Mai 1947, fast auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem sie verhaftet wurde, wird ihrem Antrag stattgegeben und sie wird gegen Gelöbnis entlassen. Sie zieht zu ihrem Schwiegersohn, Franz Kornhuber, einem ehemaligen Obergefreiten der Deutschen Luftwaffe, in das Haus in Brandhof. Karl Schicho übergibt Franz Kornhuber seinen Dachdeckerbetrieb, der ihn erfolgreich weiterführt.

Die Hauptverhandlung gegen die vormalige Gaufrauenschaftsleiterin Pg. Maria Schicho wird für den 3. Dezember 1948, 10 Uhr mittags im Verhandlungssaal Nr. 94 im Landesgericht Linz angesetzt, doch da Frau Schicho sich just an diesem Tag ins Diakonissen-Krankenhaus in stationäre Behandlung begibt, wird die Verhandlung auf den 5. September 1949 verschoben.

„Ich kann mich keinen strafbaren Handlungen schuldig bekennen“, gibt sie zu Protokoll und schiebt wieder einmal jede Verantwortung von sich: Dornetshuber sei an allem Schuld gewesen! In ihrer Stellung als Gaufrauenschaftsführerin sei sie „niemals ein politischer Leiter gewesen, denn eine Frau könne eine solche Funktion gar nicht bekleiden, da sie rein äußerlich den Wesensmerkmalen —braune Uniform, Koppel mit Pistole, Schirmmütze, Dolchgehänge— welche die Partei festlegte, gar nicht entsprechen könne“, argumentiert sie. Maria Schicht, lässt Zeugen vorladen, die ihre Sicht der Dinge bestätigen. Sie kämpft hart, sie muss es auch, denn für die Schicho steht ihre Freiheit auf dem Spiel.

Am 5. September 1949 fällt das Volksgericht folgendes Urteil: „Maria Schicho wird von der wider sie erhobenen Anklage, sie habe in Bad Schallerbach in der Zeit zwischen dem 1.7.1933 und dem 13.3.1938 nach Vollendung des 19. Lebensjahres der NSDAP angehört und sich während dieser Zeit und später für die NS-Bewegung betätigt, sei von der NSDAP, als „Altparteigenossin“ anerkannt worden und als eine der im § 10, Abs. 1 VG genannten Personen durch ihre Stellung als Gaufrauenschaftsleiterin, politischer Leiter vom Ortsgruppenleiter oder Gleichgestellten aufwärts gewesen und habe hierdurch das Verbrechen des Hochverrates nach § 58 StG in der Fassung der §§ 10, 11 VG 1947 begangen, gem. § 259/3 StPO freigesprochen.“

„Obwohl die Angeklagte durch zahlreiche Unterlagen schwer belastet wird, so konnte doch das Gericht mit Rücksicht auf die durchaus glaubwürdige Verantwortung der Angeklagten und die Aussagen der Zeugen, nicht mit voller Sicherheit annehmen, dass die Angeklagte tatsächlich illegal war und ihre Betätigung als „Alter Kämpfer“ zu Recht erfolgt sei. Da nach Ansicht des Gerichtes kein sicherer Nachweis für die Illegalität gegeben ist, musste die Angeklagte von der wider sie erhobenen Anklage freigesprochen werden.“

In diesem Prozess schaffte sie es, durch standhaftes Leugnen und Abwälzen von Schuld und Verantwortung auf andere, aus Mangel an Beweisen freigesprochen zu werden. In einem weiteren Prozess kam die Schicho nicht so glimpflich davon. Sie war angeklagt worden, dass sie in Reden Stellung für die NSDAP bezogen und illegale Nachrichten an Hitler übermittelt hätte. Auf diese Weise hätte sie wesentlich zur Verlängerung des Krieges beigetragen. Dafür verurteilt sie das Gericht zu drei Jahren Haft.

Maria Schicho stirbt 64 jährig am 19. August 1955 im Diakonissenkrankenhaus Linz an einem Schlaganfall.