Die Bühnendekoration ist auf ein Minimum beschränkt. Eine einfache Holzbaracke, im Hintergrund ein kleiner Ofen mit Kochplatte und ein Holzstuhl. Ein kleiner Tannenbaum mit nur wenigen Ästen. Es ist der 24. Dezember 1947 im Lager „Marcus W. Orr“ in Glasenbach.

Hauptakteure sind eine Gruppe weiblicher Häftlinge, der Lagerkommandant und zwei SS-Männer. Die Dialoge und Bewegungen der Schauspieler sind slapstick-artig überzeichnet, wie bei einem Kasperltheater. Die Präsenz des Theaterpublikums und seine Reaktion zu dem Stück wird in das Stück einbezogen, die Akteure kommunizieren mit dem Publikum.

Hauptakteure

MARGARETE FREINBERGER – ehemalige Oberaufseherin des Lagers in Lenzing-Pettighofen

MARIA SCHICHO – ehemalige Gaufrauenschaftsleiterin des Gau Oberdonau

LAGERFÜHRER – ehemaliger SS-Sturmbannführer Felix Rinner, nach dem Josefi-Aufstand zum Lagerleiter ernannt

SS-MÄNNER – sehen sich wie Zwillinge sehr ähnlich

WIENER HÄFTLING – ein weiblicher Häftling mit breitem Wiener Dialekt

BARACKENFÜHRERIN – ein weiblicher Häftling mit oberösterreichischem Dialekt

LESBISCHER HÄFTLING – ein weiblicher Häftling mit Berliner Dialekt

HÄFTLING MIT PAKETEN – ein weiblicher Häftling

EINE GRUPPE WEIBLICHER HÄFTLINGE

Verhaltenes Sprachgemurmel aus dem Zuschauerraum, vereinzeltes Husten. Die Theaterglocke schrillt, der Vorhang öffnet sich, die Geräusche im Publikum verstummen.

Einige weibliche Häftlinge sind um den Herd herum gruppiert und wärmen sich auf. Maria Schicho sitzt auf einem Stuhl und bekommt von Freinberger eine Tasse Tee serviert.

Zwei Häftlingsfrauen bemühen sich, ein grob gefertigtes, hölzernes Hakenkreuz, auf der Spitze des kleinen Tannenbaums zu fixieren.

WIENER HÄFTLING verärgert: „So a Dreck! Das Hitler-Kreuz hoidt ned!“

LESBISCHER HÄFTLING „Nöl mal nicht rum, Meesta. Halt es jut und ick zurr es fest.“

WIENER HÄFTLING verliert die Geduld: „Schaaaß!“

Die Tür der Holzbaracke geht auf, man hört den Schneesturm, der draußen tobt. Ein weiblicher Häftling betritt den Raum und trägt zwei große Pakete im Arm. Mühsam schließt sie wieder die Tür.

BARACKENFÜHRERIN „No endlich kummst! Wolltns heuer nix über den Zaun werfen, unsere“ zynisch: „Wohltäter?“

HÄFTLING MIT PAKETEN erschöpft und ausser Atem: „Zwei Packerl sinds.“

MARIA SCHICHO rührt ihren Tee um, dann in betontem Hochdeutsch: „Die Freizügigkeit des Deutschen Volkes hält sich in Grenzen.“

BARACKENFÜHRERIN „Ich hoff es is wos zum Essn drinnan. I würd mi so auf a Weihnachtsgansl freuen!“

FREINBERGER belehrend, streng: „Julfeiergans, heißt das!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

WIENER HÄFTLING gibt den Versuch auf, das Hakenkreuz auf der Tannenspitze zu montieren und schleudert es wütend zu Boden: „Hearst, des kann mi amoi am Arschl leckn, des saudeppate Haknkreuz.“

Lachen aus dem Publikum

BARACKENFÜHRERIN „Geh, mach die Packerl endlich auf!“

HÄFTLING MIT PAKETEN stellt die Pakete vor dem Ofen auf den Boden: „An Moment“

LESBISCHER HÄFTLING setzt sich neben die Pakete auf den Boden und fängt an, sie langsam zu öffnen. „Ick kann ja mal kieken“

FREINBERGER einen strengen Tonfall versuchend: „Aufmachen!“

WIENER HÄFTLING „Mah, tua weita und moch die gschissanen Packerln auf“

LESBISCHER HÄFTLING zieht angeekelt ein Paar alter Männerstiefel aus einem Paket.

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO sarkastisch: „Ein würdiges Geschenk für unseren Herrn Lagerführer.“

HÄFTLING MIT PAKETEN bissig: „Na, der wird sich freun!“

WIENER HÄFTLING „Der Oarsch soi lieba schaun, dass er uns ausm Häfn aussekriagt.“

FREINBERGER energisch: „Ich verbitte mir diesen Tonfall!“

LESBISCHER HÄFTLING hat inzwischen das andere Paket aufgemacht und zieht eine lange Hakenkreuzfahne hervor, die sie über eine Schulter wirft und zurecht richtet, also ob es sich um ein Ballkleid handeln würde und kokettiert vor den Häftlingsfrauen auf und ab.

Lachen und vereinzelte Pfiffe aus dem Publikum

BARACKENFÜHRERIN mit abfälliger Handbewegung: „I wü wenigstens zWeihnachten mei Gansl hobn!“

FREINBERGER energisch: „Julfest!

WIENER HÄFTLING „Wos hast do Julfest? Am Vierazwanzigstn homma nu imma Weihnachten gfeiert.“

FREINBERGER belehrend: „Das Weihnachtsfest wurde mit Erlass des Führers abgeschafft. Dafür wurde die Tradition des germanischen Julfest wiedereingeführt.“

BARACKENFÜHRERIN „Mir is es wurscht, ob des bei ana Julfeier oder zWeihnachten is, Hauptsach is, dass mir des Christkindl ma mei Gansl bringt.“

Einige Häftlinge lachen

FREINBERGER außer Fassung: „Julfeier“

WIENER HÄFTLING zu Freinberger: „Wos jetzt, Julfestl oder Julfeia?“

FREINBERGER beherrscht: „Julf…“

BARACKENFÜHRERIN zu Freinberger, wütend: „Halts Maul, du mit deinem Jul-Scheiß!“

Lautes Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO versucht zu beruhigen: „Meine Damen, ich darf bitten. Wo bleiben die Manieren?“

WIENER HÄFTLING „Deine deppaten Manieren bringen mir ah ned die Freiheit.“

BARACKENFÜHRERIN „Und mir a ka Gansl ned.“

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO seufzend: „Der Herr Lagerführer wird uns bald mit seinem Besuch ehren und wir haben nichts, um ihn zu verköstigen.“

LESBISCHER HÄFTLING hat mittlerweile die Fahnenanprobe beendet und hält sie in der Hand ernsthaft: „Ick kann ja die Fahne in Strippen schneiden und sie frikassieren!“

WIENER HÄFTLING hebt das hölzerne Hakenkreuz vom Boden auf, zerbricht es in kleine Teile „oda im Fett aussebochn wia a Schnitzerl mit ana Panier aus Hoizspona.“

Gelächter unter den Häftlingsfrauen und aus dem Publikum

Lautes Klopfen an der Tür. Der lesbische Häftling schlendert langsam und lässig hinüber und öffnet sie. Das Toben des Schneesturms ist wieder zu hören. Zwei SS-Männer, ihre Häftlingsuniformen in lächerlicher Weise eine Uniform imitierend, mit großen aufgenähtem Hakenkreuz, treten ein, klopfen sich den Schnee ab, schlagen die Hacken zusammen und strecken den rechten Arm zum Führergruß nach vorne. Die Häftlinge blicken sie an und warten auf das Eintreten des Lagerführers, der sich verspätet. Die beiden SS-Männer flankieren beidseitig die Tür, ihre Hand noch immer zum Führergruß erhoben.

WIENER HÄFTLING „Jetzt kummt der Hansl und wir hobn nu immer nix kocht für earm.“

BARACKENFÜHRERIN zu einigen Frauen gewandt, die neben dem Ofen stehen: „Schnell, setz ma a Wassersuppn auf für den Führa“

Der Lagerführer betritt die Holzbaracke.

MARIA SCHICHO „Herr im Himmel, steh uns bei!“

FREINBERGER ist entsetzt. Sie will etwas zu Maria Schicho sagen, besinnt sich aber und fällt in einen Befehlston: „Achtung! Strammgestanden! Zum Deutschen Gruß!“ sie streckt ihre Hand zum Hitlergruß nach vorne: „Heil Hitler!“

BARACKENFÜHRERIN noch immer zum Ofen gewandt, deutet den Frauen am Herd mit ihrer rechten Hand und drei ausgestreckten Fingern: „Drei Liter!“

Lautes Lachen aus dem Publikum, vereinzeltes Johlen.

Der Lagerführer, verstört über das Lachen aus dem Publikum, wendet sich diesem zu und gestikuliert, was dieser Applaus soll. Danach blickt er die Häftlingsfrauen an, die er mit einem schlampigen Führergruß (mit nach vorne gerecktem Oberarm, einem zur Schulter zurückgeneigten Unterarm und nach hinten abgewinkelter Handfläche) begrüßt. Die anderen Frauen stehen lässig herum. Der lesbische Häftling steckt sich eine Zigarette an und bläst den Rauch dem Lagerführer ins Gesicht, der hustend mit seiner rechten Grußhand den Rauch aus dem Gesicht vertreibt.

LAGERFÜHRER den Tonfall Hitlers imitierend: „Unserem Deutschen Volk, Sieg Heil!“

Es herrscht beklemmende Stille.

BARACKENFÜHRERIN bricht das Schweigen: „Was soll ma scho drauf sagn?“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER hebt ihren Arm für einen weiteren Führergruß: „Sieg Heil, mein Führer!“

Auch Maria Schicho hebt den Arm zum Führergruß, bleibt aber dabei sitzen. Die anderen Häftlinge zeigen keine Reaktion.

WIENER HÄFTLING „Sieg, wöcha Sieg? Verlorn homma, sonst wär ma jo a ned eingsperrt, du Einedrahra!“

Lachen aus dem Publikum

Freinberger und Schicho senken ihren Grußarm. Die beiden SS-Männer schauen sich an. Sie wissen nicht, ob sie den rechten Arm runter geben oder den Gruß halten sollen. Hilfesuchend blicken sie den Lagerführer an. Der Lagerführer nickt ihnen zu.

Während ein SS-Mann seinen ausgestreckten Arm, steif wie ein Roboter senkt, hält der andere den Führergruß.

Der Lagerführer nickt noch einmal.

Nun hebt der SS-Mann, der den Arm nach unten gegeben hat, diesen wieder mechanisch an oben, während der andere, ihn steif senkt. Dies wiederholt sich ein paar Mal.

LAGERFÜHRER zischt sie wütend an: „Schluss damit!“ und hebt seine Hand zu einem schlampigen Führergruß: „Genug gegrüßt!“

Lachen aus dem Publikum

Beide SS-Männer salutieren und behalten die Hand in Kopfhöhe. Ihre Gesichtern verraten, dass sie nicht wissen, ob sie diese Position halten sollen oder nicht.

Der Lagerführer ignoriert sie und wendet sich den Frauen zu, die in einem lockeren Halbkreis Aufstellung nehmen.

FREINBERGER räuspert sich: „Es ist uns eine Ehre SS-Sturmbannführer zum Julfest des Deutschen Volkes begrüßen zu dürfen!“

MARIA SCHICHO erhebt sich mühselig von ihrem Sessel: „Im Namen der Gaufrauenschaft begrüße ich sie, mein Führer“

Einige Häftlinge reden halblaut miteinander.

FREINBERGER herrscht sie an: „Ruhe und der Führerrede zuhören!“

Der Lagerführer tritt vor, seine beiden SS-Männer flankieren ihn. Die Häftlingsfrauen verstummen und hören zu, wie der Lagerführer spricht.

LAGERFÜHRER den Tonfall der Reden Hitlers imitierend:

„Bla Blah!”

„Bla Blah, blah bla! Bla Bla Blah, bla. Blah!“

LAGERFÜHRER hält einen Augenblick inne, bevor er mit lauter Stimme zu schreien anfängt: „Blah! Blah! bla BLAH!!!!“, dann in gemäßigter Lautstärke: „Bla bla bla blah“ bevor er zum großen Finale anhebt: „BLA BLAH! BLAH! BLAHHHHHHH“

Lachen aus dem Publikum

WIENER HÄFTLING „Wos vazöhlt der Schwindliche do?“

BARACKENFÜHRERIN „Er sogt, dass Weihnachten abgeschafft wird!“

FREINBERGER rechthaberisch: „Dafür haben wir jetzt das schöne Julfest.“

WIENER HÄFTLING „Abgschafft? Von wem? Von dem Dampfplaudera?“

Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER verärgert, sich an die beiden Frauen wendend: „Vom Führer, natürlich!“

MARIA SCHICHO die wieder auf dem Stuhl Platz genommen hat, gähnt: „Der Führer befiehlt, wir folgen.“

WIENER HÄFTLING „Warum sollt er so an Schaß onschoffn? San jo kane Judn ned bei am Weihnachtsfestl“

FREINBERGER in belehrendem Tonfall: „Weihnachten wurde abgeschafft, weil es Teil der jüdischen Weltverschwörung gegen das Deutsche Reich ist.“

WIENER HÄFTLING „Des vasteh i oba ned!“

FREINBERGER wütend: „Da gibt es auch nichts zu verstehen! Einem Führerbefehl ist ohne zu Denken Folge zu leisten!“

WIENER HÄFTLING geht zum Herd und rührt mit einem Kochlöffel in der Suppe um. Zu sich: „Den Heilign Abend obschaffn, so a Bledsinn muass da erst amoi einfalln!“

LAGERFÜHRER glaubt sich verhört zu haben, schreit: „Was erlauben Sie sich, über einen Führerbefehl lustig zu machen?! Ich werde sie dem Reichsführer SS melden!“

WIENER HÄFTLING rührt in der Supper um, spöttisch: „Hearst Deppata, wüllst dem Himmla a Luftpost schickn zu seina Woikn auffe, von wo er jetz obeschaut, der „Herr Reichsführer SS“? Der hodt si scho im 45er Johr hamdraht.“

Lautes Lachen aus dem Publikum, eine Häftlinge lachen ebenfalls.

LAGERFÜHRER empört über das Lachen, dreht sich zum Publikum und droht mit erhobenen Finger: „Das Lachen wird euch allen noch vergehen!“

Lachen aus dem Publikum, ein paar Pfiffe sind zu hören

LAGERFÜHRER nach einer Weile, an Maria Schicho gewandt: „Was gibt es zum Essen, an diesem besonderen Festtag?“

WIENER HÄFTLING „Des konnst da aussuachn. Entweda oide Schuah mit am frittiertns Hackenkreuzfahnderl oder a Wossasuppn.“

LAGERFÜHRER versteht nicht, was sie sagt: „Wie bitte?“

DER LESBISCHE HÄFTLING versucht Hochdeutsch zu reden, verfällt aber in einen Berliner Dialekt: „Schuh, frittiert— dazu eine Hakenkreuzfahne, in Strippen geschnittenen, als Beilage mein ick.“

Lachen aus dem Publikum

LAGERFÜHRER entsetzt, schreit: „Was? Jetzt machen Sie sich sogar über das Weihnachtsfestessen lustig?“

FREINBERGER verliert die Fassung, schreit: „JUL-FEST-ESSEN!“

Lautes Lachen aus dem Publikum, vereinzeltes Klatschen

LAGERFÜHRER leiser: „Das meine ich ja“ er wechselt wieder in einen lauten, schreienden Tonfall:„Machen Sie sich nicht über das JULFEST lustig! Ich habe eine Frage gestellt und erwarte darauf eine Antwort! Und zwar Zack! Zack!“

WIENER HÄFTLING „Mah, der plärrt jo wie da Adi. Wir sind ja ned derrisch!“

Lautes Lachen aus dem Publikum

LAGERFÜHRER brüskiert: „Das verbitte ich mir, das will ich überhört haben.“

Er geht auf Maria Schicho zu, bleibt vor ihrem Stuhl stehen und blickt auf sie hinab, betont: „JUL-FEST-ESSEN!“

MARIA SCHICHO verängstigt: „Es sind noch ein paar Erdäpfel vorrätig, die könnten wir für den Herrn Lagerführer anbraten, aber Zwiebel haben wir keine.“

WIENER HÄFTLING bemerkt am Gesichtsausdruck, dass der Lagerführers nicht versteht und erklärt: „Broatene Bramburi ohne Zwüfeln!“

BARACKENFÜHRERIN lachend: „Na, des wird vielleicht fad schmeckn!“

LESBISCHER HÄFTLING als der Lagerführer noch immer nicht versteht: „Knolln aber kene Bolln.“

LAGERFÜHRER verärgert: „Wie bitte?“

Lautes Lachen aus dem Publikum und von einzelnen Häftlingen

FREINBERGER versucht sich an die plattdeutsche Bezeichnung für Kartoffel zu erinnern, die sie in ihrer Zeit im mecklenburgischen KZ Ravensbrück gehört hat, betont, langsam: „T-ü-ff-e-l“ in normalem Tonfall: „aber keine“ betont: „Zi-poll-en“

LAGERFÜHRER dreht sich zu Freinberger um und fährt sie wütend an: „Wie können Sie es wagen, mich einen Schwachkopf zu nennen? Das ist eine bodenlose Frechheit, die sie sich da erlauben, Oberaufseherin Freinberger!“

FREINBERGER schluchzend: „Was hab ich denn gesagt?“ sie weint bitter

Lachen aus dem Publikum, Pfiffe, Klatschen

MARIA SCHICHO versucht zu beruhigen: „An den Herd, meine Damen. Husch! Husch! Kochen sie ein Mahl, welches unserem Führer würdig ist.“

WIENER HÄFTLING zu sich, lachend: „Oide Schuach!“

LAGERFÜHRER gibt vor diese Bemerkung überhört zu haben, verschränkt seine Arme auf dem Rücken und spaziert in der Baracke auf und ab. Er gibt vor, jeden Winkel zu inspizieren. Leise murmelt er immer wieder: „Jawohl!“ und: „Sehr schön.“

BARACKENFÜHRERIN hält ein kleines Hitler Bild in den Händen. Als der Lagerführer vor ihr steht, hebt sie es zögernd in die Höhe, hält es vor ihr Gesicht, als ob sie sich dahinter versteckt.

LAGERFÜHRER nickt: „Dass lobe ich mir.“

BARACKENFÜHRERIN streckt das Bild höher und hält es über ihren Kopf.

LAGERFÜHRER in lautem, militärischen Tonfall: „Jawohl!“

BARACKENFÜHRERIN zuckt zusammen und streckt das Bild unnatürlich hoch über ihren Kopf.

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO vorsichtig, überfreundlich: „Die Damen haben für den Herrn Lagerführer ein Lied einstudiert!“

LAGERFÜHRER „Ein Lied. Sehr gut! Machen sie mal!“

FREINBERGER zu den Häftlingen: „Aufstellen, wie wir es geübt haben!“

Chaotisches Durcheinander, als die Häftlingsfrauen sich eng zusammendrängen und in einem zweireihigen Halbkreis aufstellen. Maria Schicho erhebt sich schwerfällig vom Stuhl, der nun zwischen Freinberger und den Chor gestellt wird. Freinberger nimmt dem Wiener Häftling den Kochlöffel aus der Hand und benutzt ihn als Taktstock. Die Barackenführerin stellt auf den Sessel einen selbstgefertigten Julbogen, auf den einige Kerzen fixiert sind.

FREINBERGER deutet Maria Schicho mit einer einladenden Armbewegung: „Frau Gaufrauenschaftsführerin, darf ich um die Ehre bitten.“

MARIA SCHICHO hat sich eine Stoff Schärpe um den Wamst gehängt und begibt sich schwerfällig in Richtung des Stuhls. Die Barackenführerin drückt ihr eine Schachtel Streichhölzer in die Hand.

MARIA SCHICHO versucht ein Streichholz zu entzünden, während Freinberger, als Dirigent, mit dem Kochlöffel den Einsatz gibt und halblaut dazu zählt: „Drei, zwei, eins…“

Häftlingschor bei „eins“ fängt der Chor im Schlagerrhythmus an das Horst-Wessel-Lied zu singen. Die Frauen im Chor, die viel zu eng zusammen stehen, reissen bei der Textstelle „SA marschiert“ ihren rechten Arm zum Führergruß nach vorne. Die zweite Reihe schlägt den Frauen in der ersten auf den Kopf.

„Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“ die angerempelten Frauen der ersten Reihe drehen sich um: „Arsch!“, während die Frauen der zweiten Reihe weiter den Text des Horst-Wessel-Liedes halten: „SA marsch…“ 

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

Als der Chor anfängt zu singen heben die SS-Männer ihren rechten Arm zum Führergruß und drehen sich mechanisch einander zu und wieder weg. Maria Schicho hat wegen ihres Übergewichts Mühe sich zu dem Julbogen hinunterzubeugen und ein Streichholz zu entzünden. Der Lagerführer hat seine Kappe abgenommen und sie unter seinen Arm geklemmt.

FREINBERGER schlägt mit dem Kochlöffel auf die Sessellehne, mit lauter Stimme „Ich erbitte mir Ruhe!“

MARIA SCHICHO betrachtet das Streichholz: „Jetzt ist es ausgegangen.“

WIENER HÄFTLING „A so a Schaß!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

Maria Schicho versucht ein weiteres Zündholz zu entzünden. Als das Streichholz brennt, klopft Freinberger mit dem Kochlöffel auf die Sesselleiste gibt den Einsatz.

Die Häftlingsfrauen im Chor drehen sich voneinander in verschiedene Richtungen weg, strecken ihren Arm zum Führergruß nach vorne und fangen an laut im Schlagertakt zu singen. Die SS-Männer drehen sich im Takt zueinander und wieder voneinander weg.

Häftlingschor „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!

SA marschiert mit ruhig festem Schritt.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist….“

Das Streichholz erlöscht erneut.

MARIA SCHICHO ruft wütend aus: „Heilige Maria und Josef!“

Das Singen verstummt.

FREINBERGER ist sichtlich entsetzt über die erneute Unterbrechung. Sie blickt den Lagerführer an. Dieser wendet sich seinen SS-Männern zu

LAGERFÜHRER in schroffem Befehlston: „Schwefelhölzer! Zack! Zack!“

SS-MÄNNER die beiden SS-Männer stürzen in Panik zu Maria Schicho hin und nehmen wieder Haltung an.  Sie legen ihre Hände an die Schläfen und antworten zusammen: „Schwefelhölzer, jawohl!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

SS-MÄNNER die beiden SS-Männer rühren sich nicht. Sie blicken sich gegenseitig an, zusammen: „Keine Schwefelhölzer, mein Führer“ und einer der beiden anfügt: „Nichtraucher, mein Führer!“

Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER im Befehlston an den Chor: „Raucher vortreten!“

Etwa 5-6 Frauen treten etwas unsicher hervor und formieren sich langsam zu einer Reihe.

FREINBERGER „Streichhölzer!“

Die Frauen schauen sich gegenseitig an, bis der lesbische Häftling, dem noch eine erloschene Zigarette im Mundwinkel hängt, lässig nach vor tritt und Maria Schicho mit einem Augenzwinkern eine Schachtel Streichhölzer gibt. Diese bückt sich wieder schwerfällig nach vorne und zündet ein Streichholz an.

FREINBERGER klopft mit dem Kochlöffel auf die Stuhllehne: „und zwei, und eins…“

Der Chor fängt an zu singen, die Arme zum Führergruß in alle Richtungen gestreckt. Genauso wie die SS-Männer drehen sie sich nach links und rechts im Schlagertakt.

Die beiden SS-Männer reissen ihre rechten Arme zum Führergruß nach vorne und stossen dabei die vornüber gebückte Maria Schicho am Hinterteil an. Diese fällt unter lautem Geschrei auf den Sessel und reisst ihn und den Julbogen mit sich auf den Boden.

Der Chor singt weiter während Maria Schicho sich am Boden wälzt und die SS-Männer im Takt der Melodie und breitem Grinsen rotieren. Freinberger dirigiert.

Lautes Lachen aus dem Publikum, Pfiffe, Schreie, Klatschen

Häftlingschor „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!

SA marschiert mit ruhig festem Schritt.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit“

LAGERFÜHRER Wutentbrannt, wirft er seine Kappe auf den Boden, schreit: „Aufhören! Ich befehle ihnen sofort damit aufzuhören!“

WIENER HÄFTLING „Jetzt ist er im Oasch, der Juldreck-Schaß!“

BARACKENFÜHRERIN „Ich hab genug von diesem Weihnachten“

FREINBERGER rot im Gesicht vor Wut, vollkommen außer sich, schreit: „JULFEST! Verdammt noch mal, ihr Idioten! ES HEISST JULFEST!“ Mit erhobenem Kochlöffel stürmt sie auf die Häftlingsfrauen zu und fängt an, auf ihre Köpfe einzuschlagen: „JULFEST! Geht das nicht in eure Köpfe hinein! Es gibt kein Weihnachten mehr! Weihnachten wurde abgeschafft!“

Die Häftlingsfrauen aus dem Chor versuchen den Schlägen zu entkommen und fallen über die, wie ein gestrandeter Wal am Boden liegende, Maria Schicho, die laut aufstöhnt.

WIENER HÄFTLING „Aus is! Jetzt hommas darennt!“

Licht aus, der Vorhang fällt.

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