Der Jahrestag

„35“. Seit Wochen siehst du sie überall, diese verdammte Zahl, fünfunddreißig. In jeder Überschrift jedes Scheißblattes der Partei prangt der Dreck groß und unübersehbar und daneben auch noch das Staatswappen. Du kannst nicht mal an einem Schaufenster vorüber latschen, immer hockt sie irgendwo zwischen Büstenhaltern und Hüftgürteln und Katzenfutter, versteckt sich, um dir plötzlich ins Auge zu springen und ins Hirn zu dreschen: 7. Oktober 84. Die Deutsche Demokratische Republik feiert sich wieder einmal selbst. Dir kommt das Kotzen!

Heute morgen stimmt Frau Bartl, deine Mathelehrerin und eine Hundertzwanzigprozentige, die Klasse auf den Fackelzug ein. Genossin Bartl lässt uns vor dem Unterricht alle aufstehen und keift mit ihrer typischen Krächzstimme: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“. „Immer bereit“, stimmst du beinahe unhörbar in das Murmeln der Klasse ein. Dann hält sie eine langatmige Rede über die Unvergänglichkeit der sozialistischen Republik.
„Die Deutsche Demokratische Republik wird nicht nur 35 Jahre existieren, nein, sie wird ewig währen!“, schrillt ihre Stimme in deinem Kopf.
„Genauso wie das tausendjährige Reich“, denkst du dir.
Dann folgen die Anweisungen für den Fackelzug am Abend.
„18.00 Uhr Treffpunkt Hans-Beimler-Straße, in sauber gebügeltem Hemd und dem korrekt gefalteten roten Thälmann-Pionier-Tuch um den Hals.“
Sie hält einen Augenblick inne und lässt ihren Blick über die Klasse schweifen.
„Es herrscht Anwesenheitspflicht!“

„Mist“, denkst du dir.
Du hast null Bock 80.000, aus der ganzen DDR zusammengekarrten Vorbildsschleimern, in ihren lächerlichen blauen FDJ-Hemden, fähnchenschweifend „Frieden, Freundschaft, Solidarität“ plärrend und „die Internationale“ singend, zuzuwinken, wenn sie an der Ehrentribüne vorbeiziehen, um der bescheuerten Rentnerbrigade Honecker & seinen halbtoten Kameraden, zum 35. Staatsgeburtstag zu gratulieren.
In der Mittagspause schleichst du dich auf den Pausenhof, wo sich hinter den Müllcontainern die Raucher treffen, meist Schüler der höheren Klassen, um heimlich eine Cabinet oder die viel herbere und coolere Karo ohne Filter zu paffen. Schon seit ein paar Wochen kommst du ein paarmal die Woche vorbei, um dir eine Zigarette abzuschnorren und zur „coolen Raucherclique“ zu gehören.
„Sag mal, Kalle, gehst du heut Abend zum Fackelzug?“, fragst du mit gespielter Selbstsicherheit.
„Da ha ick keen’n Bock druff“, antwortet Kalle.
„Die Bartl hat gemeint, dass Anwesenheitspflicht besteht.“
„Du machst wohl hier den Obermima, wa?“
„Nein, es ist nur…“
„Haste Bammel, Brubbelkopp?“, ätzt Kalle plötzlich unter lautem Gelächter anderen Raucher.
„Wenn du nicht zu feige dafür bist, dann komm um sechs ins Café am Leninplatz. Wir sind alle dort und zischen uns ein Bierchen!“, wirft Jens ein.
„Scheiß auf die DDR-Kacke“, ruft Sabrina.

Es läuft dir gleichzeitig heiß und kalt über den Rücken. Wenn du heute Abend nicht um 18.00 Uhr deine Anwesenheit beim Gruppenratsvorsitzenden deiner Klasse meldest, wird er dich spätestens morgen an deine Klassenlehrerin verpfeifen und das gibt dann ein ordentliches Donnerwetter. Die Bartl ist so verrückt und ruft auch noch deinen Vater an und erzählt ihm die ganze Scheiße. Der prügelt dich mit dem Gürtel so hart durch, dass du eine Woche lang nicht sitzen wirst können. Du könntest aber auch Glück haben, denn Bastian, der dieses Jahr zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden war, ein Streber sondergleichen, von dem du oft die Hausaufgaben abschreibst, hat Respekt vor dir. Er ist einer jener schleimigen Pionier-Wixer deiner Klasse, der weiß, dass, wenn er dich bei der Bartl verrät, er von dir eine solche Retourkutsche zu erwarten hat, dass er besser jetzt schon anfängt, sich in die Hosen zu scheißen.

„Nah wat nun?“, will Kalle wissen. „jeht dir die Muffe?“
Für ein paar Herzschläge scheinen alle Blicke der Raucherclique auf dich zu fallen. Dir stockt der Atem, schwitzt, suchst nach den richtigen Worten. Du antwortest:

A. „Klar bin ich um sechs im Cafe! Kannst schon mal ein Bierchen für mich bestellen!“

B. „Mann, ich würd ja gerne kommen, aber wenn die Bartl mitkriegt, dass ich den Fackelzug zum 35. geschwänzt habe, dann ist die Kacke am Dampfen.“

Der Ackerbauschüler

Der Ackerbauschüler

Ertrunken aufgefunden. Aus Gunskirchen wird telegraphiert: Es wurde heute vormittag Franz Eichinger, Kettlgrubersohn von Offenhausen, Ackerbauschüler in Ritzlhof, in einer Lache bei Kappling, Gemeinde Gunskirchen, tot aufgefunden. Eichinger hat sich wahrscheinlich Dienstag, Heiligabend verirrt, als er zu seinen Eltern auf Ferien heimging. Aus Wels wird uns heute telefoniert: Es hat sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag in der Ortschaft Kappling bei Gunskirchen eine schwere Bluttat ereignet. Man spricht von Mord, es ist aber nicht ausgeschlossen, ob es sich nicht um Totschlag handelt. Heute wurde nämlich die Leiche eines Burschen, die man als die eines gewissen Eichinger aus Ritzlhof erkannt haben will, aufgefunden. Näheres ist noch nicht bekannt. Auf eine bisher unaufgeklärte Art und Weise hat vor den Weihnachtsfeiertagen ein junges Menschenleben ein tragisches Ende gefunden. Es wurde die Leiche des 13 jährigen Schülers der Ackerbauschule in Ritzlhof Franz Aichinger, ein Bauerssohn von Stockerberg, tot aufgefunden. Man vermutete sofort, dass ein Verbrechen vorliege, doch wird erst die heute am Fundorte der Leiche eintreffende Gerichtskommission volle Klarheit in den Fall bringen, der in Gunskirchen begreifliche Erregung hervorgerufen hat. Es wurde uns in dem Fall des toten Knaben, welcher gestern früh oberhalb von Kappling von einem Stallburschen, gefunden wurde, ein trauriger Bericht übermittelt. Der männliche Leichnam lag ausgestreckt am Boden mit dem Gesichte im Graben, in dem sich Wasser befand. Die Hände hatte er über dem Kopfe auch der Rockkragen war über den Kopf gezogen. Er kam am Samstag den 21. Dezember, nachmittags, mit dem Zuge in Gunskirchen an und wollte sich von der Bahn nach Hause begeben, um die Feiertage bei den Eltern zu verbringen, doch es kam anders und der Knabe musste ein so trauriges Ende nehmen. Sein Gebetsbuch und sein Rosenkranz lagen neben der Leiche. Uns wurde gemeldet: Der Fund wurde von einem Knechte aus der Umgebung gemacht. Der Knecht erstattete von dem grausigen Funde die Anzeige beim Gendarmerieposten Gunskirchen. Bei der Leiche lagen Briefschaften, welche auch die Identität des Leichnams bald feststellten, nämlich daß es der des Bauerssohnes namens Aichinger von Plankenberg ist. Unter den Briefschaften befand sich auch ein Postanweisungsabschnitt, datiert vom 10. dieses Monats lautend auf 14 Kronen, weiters fand sich auch eine Fahrlegitimation von Nettingsdorf bis Bachmanning. Er, der Schmied, der im Schmiedlhaus zu Kappling wohne, habe am Sonntag um halb acht Uhr abends einen Hut gefunden. Er, der Schneidermeister Aicher zu Kappling, habe am Samstag den Hut gefunden, aber in der Annahme, daß ein Betrunkener ihn verloren habe, habe er dem Fund weiters keine Bedeutung zugemessen, und den Hut an sich genommen. Er, der Schmied zu Kappling, fand um acht Uhr abends den Hut Eichingers, aber dachte daß ihn irgendein Betrunkener verloren hatte und meldete den Fund einigen Bauern und in Gasthäusern in der Umgebung. Erst heute zeigte sich, daß der Hut dem Aufgefundenen gehörte, da sich der Name des Besitzers innen im Hute vorfand. Der Mord dürfte zirka zwischen 5 bis 7 Uhr abends verübt worden sein. Die Leiche lag von der Straße 5 bis 6 Klafter entfernt gegen den Bach zu, in der Nähe mehrerer Heustadeln. In einem solchen dürfte der Mordgeselle seinem Opfer aufgelauert haben. Die Leiche lag abseits der Strasse in unmittelbarer Nähe des vorbeifliessenden Grünbaches im dort wuchernden Schilfrohr verborgen. Der Leichnam lag auf dem Angesichte, der Rock war über den Kopf gezogen. Am Hinterhaupte zeigte sich eine Verletzung. Wie das zertretene Gestrüpp zeigte, ist der Leichnam von der Straße weg auf den Fundort gezerrt worden. Aus Wels wird uns ein mutmasslicher Raubmord telephoniert: Wie schon gestern kurz gemeldet wurde etwas abseits von der von Gunskirchen nach Offenhausen führenden Bezirksstrasse zwischen den Ortschaften Kappling und Kurzenkirchen die Leiche eines jugendlichen Bauernburschen aufgefunden. An der bezeichneten Straßenstelle, die in einem längeren Abstande häuserleer ist, befinden sich seitlich nur fünf Heustadeln. Gestern sollte nun von einem dieser Stadeln Heu weggeführt werden und so begab sich ein Knecht aus Kappling dahin und machte dabei etwa 150 Schritte von der Straße entfernt den grausigen Fund. Er sah zuerst ganz in der Nähe des Grünbaches ein Paket am Boden liegen und unweit davon im Gestrüpp die Leiche. Sie lag mit dem Gesichte abwärts, Rock und Weste waren förmlich über den Kopf hinausgezogen, was darauf hindeutet, daß die Leiche jedenfalls von der Straße her an diese Stelle geschleppt worden ist. Bei der Leiche lag auch der Havelock des Toten, dann zu dessen Füßen ein Gebetsbuch und ein Rosenkranz. Die hiesige k. k. Staatsanwaltschaft hat verfügt, daß der Leichnam bis zu der heute vormittags eintreffenden Gerichtskommission aus Wels unberührt an der Auffindungs-stelle verbleiben müsse. Der Schüler kam am Samstag gegen 6 Uhr abends mit der Bahn in Gunskirchen an und machte sich gleich auf den Marsch nach Offenhausen, welchen Weg er wiederholt früher schon gemacht hatte. Es ist bereits nachgewiesen, daß er ausserhalb Gunskirchens ein Stück des Weges mit dem Maurer Weber von Langwies ging, der noch, als ihre Wege sich trennten, zu ihm sagte, er solle etwas warten, weil Maurer aus Offenhausen ohnehin bald nachkommen und er dann wieder eine Begleitung auf dem Heimwege habe. Der unglückliche Junge war aber über seine Heimkehr ins Elternhaus schon so freudig bewegt, daß er nicht wartete, sondern allein weiterschritt. Nach einer Stunde ungefähr kam Eichinger zu den erwähnten fünf Heustadeln: was sich dort abgespielt hat, ist vorläufig noch in Dunkel gehüllt. Die Eltern Eichingers vermissten zwar ihren Sohn, sie dachten aber nicht an Schlimmes sondern meinten, daß er sich noch in Ritzlhof befände. Bewohner der Gegend von Kappling behaupten, daß sich in den erwähnten Heustadeln öfter unterstandsloses, verdächtiges Gesindel aufhalte. Wie bereits gemeldet wurde am vergangenen Freitag ausserhalb der Ortschaft Kappling, die Leiche eines 13 jährigen Bauernburschen aufgefunden, der mit dem Bauerssohn Franz Aichinger vom Stockerberg, identisch ist. Von der Auffindung wurde bereits berichtet. Wie die gestern, Samstag vormittags, an der Auffindungsstelle vorgenommene Lokal-augenscheinaufnahme durch die Gerichtskommission ergab, liegt nicht, wie man anfangs glaubte ein Unfall, sondern ein Raubmord vor. In den Kleidern des Toten fehlten Uhr und Kette, sowie der Geldbetrag von dem gemutmaßt wird, daß er noch 5 bis 6 Kronen bei sich gehabt haben dürfte. Die abhanden gekommene Uhr war eine Remontoiruhr aus Stahl mit weissem Zifferblatt und römischen Ziffern. Die Kette ist aus Silber, mit kleinen, verschlungenen Ringen. An der Uhrkette befand sich als Anhängsel ein Schweinchen. Die auch fehlende Geldbörse war zweifächrig. Bei der Besichtigung der Leiche fanden sich vorn am Halse leichte Würgespuren vor. Es wurde konstatiert, daß der Tod durch Eindrückung der Halsschlagader erfolgte. Die im Magen noch vorhandenen Speisereste befanden sich noch in keiner Zersetzung. Auch die Leiche selbst wies noch keine Verwesungs-merkmale auf. Die am Samstag am Tatort erschienen Gerichtskommission, an der StR. Dr. Huber teilnahm, hat ergeben daß es sich zweifellos um ein Verbrechen und zwar um einen Raubmord handelt. Diese Ansicht wurde durch die von den Welser Gerichtsärzten Dr. Mitterdorfer und Dr. John vorgenommenen Obdukt-ionen bestätigt. Der bedauernswerte Knabe wies am Halse Würgespuren auf. Der verruchte Täter hatte den Hals des Knaben derart umspannt, daß er die beiden Halsschlagadern zusammendrückte. Eine unter der Haut am Hinterhaupt befindliche kleine Blutunterlaufung dürfte durch den Sturz zu Boden entstanden sein. Der Täter dürfte sein armes Opfer nach vollbrachter Tat rückwärts am Rockkragen gepackt, emporgehoben und mehr weg-getragen als weggeschleppt haben. Die Behauptung, die auch in einigen Blättern Aufnahme gefunden hat, daß deutlich sichtbare Spuren vorhanden sind, die genau zeigen, wie der Täter sei Opfer fortschleppte, ist vollständig unrichtig. Es waren am Tatort keinerlei Spuren vorzufinden. Eilmeldung. Wie uns gerade jetzt telephoniert wurde, ist im Fall des ermordeten Knaben in Kappling, Gemeinde Gunskirchen, bereits eine Verhaftung erfolgt. Alois Wallner, 22 Jahre alt, in Gallspach geboren, Bauernknecht, gegenwärtig ohne Stellung, wegen Verbrechen nach Paragraph 129 b vorbestraft, ein arbeitsscheuer, genußsüchtiger Bursche, wurde gestern unter dem dringenden Verdachte die Mordtat begangen zu haben, verhaftet und vom Bezirksgericht Grieskirchen  an das Kreisgerichtsgefangenenhaus einge-liefert. Der Verdacht gegen den als leichtsinnig bekannten Alois Wallner entstand dadurch daß er um 3/4 10 Uhr nachts, am Tage der Tat, zu seiner Geliebten Franziska Kirchsteiger in Kappling kam und dieser eine Uhr samt Kette vorwies mit den Worten: „Jetzt hab I a Uhr ah, aber dumm hergangen is.“ Die Uhr dürfte die gleiche sein, die dem gemordeten Knaben geraubt wurde. Wallner leugnet die Tat hartnäckig und will sein Alibi durch nicht ganz verläßlich erscheinende Zeugen nachweisen. Das von Wallner versuchte Alibi erscheint nicht ganz einwandfrei. Als Motiv der Tat wäre bei Wallner, der als ländlicher Blattenbruder anzusehen ist, anzunehmen, daß er zu den Feiertagen sich Geld erschaffen wollte. Zu dem Raubmorde in Kappling, schreibt man uns aus Wels: Die Nachforschungen nach dem gemein-gefährlichen Täter welcher am 21. letzten Monats den unschuldigen 12 jährigen Ackerbauschüler Franz Aichinger bei Kappling erdrosselt hatte, wurden mit aller Energie aufgenommen. Ein erster Tatverdächtiger, der 22 jährige Alois Wallner aus Gallspach wurde festgenommen. Er leugnet die schreckliche Tat. Trotz des gegen ihn herrschenden dringenden Verdachtes werden gleichzeitig auch nach anderer Richtung mit großem Eifer Erhebungen gepflogen. Es erscheint nämlich auffallend, daß der Knabe erwürgt wurde. Kriminalistisch ist es in Oberösterreich als eine große Seltenheit zu bezeichnen, daß jemand erwürgt wird so daß die Annahme, es könnte in diesem Falle eher ein Landfremder als ein einheimischer Täter in Betracht kommen, nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die Art, wie die Tat an dem armen bedauernswerten Knaben begangen wurde, ließ die Vermutung aufkommen, die Tat könnte von Zigeunern oder sonstigen fahrenden Leuten, Schleifern und dergleichen verübt worden seien. Andererseits steht dem gegenüber, daß Zigeuner oder andere landfremd herumziehende Leute aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Kleider und Schuhe des ermordeten Knaben geraubt hätten. Im Beisein des Staats-anwaltes Doktor Huber und des Untersuchungsrichters Kirchmayr wurde gestern, Mittwoch 1/2 3 Uhr nachmittags mit dem des Mordes verdächtigen Knechte Alois Wallner, eine streckenweise Begehung des Weges vorge-nommen, den der Beschuldigte an dem kritischen Abende gegangen sein will. Gegen Kappling hin wurde der Eskortierte freigelassen. Im Umkreise waren acht Gendarmen aufgestellt, um eine eventuelle Flucht zu verhindern. Auf dem Wege bis Weilbach, Gemeinde Pichl und nach Kurzenkirchen, Gemeinde Offenhausen, wich Wallner dem Tatorte in weitem Bogen aus. Wallner gibt an, daß ihm der Weg dorthin überhaupt unbekannt sei. Die Begehung des Weges führte zu keinem Resultat. Gegen 9 Uhr abends wurde Wallner wieder nach Wels in Untersuchungshaft gebracht. Er leugnet hartnäckig die ihm zur Last gelegte Tat. Beziehend auf den mutmaßlichen Raubmord zu Kappling wird uns am 9. dieses Monats telephoniert: Gestern wurde von einer hiesigen Gerichtskommission unter Leitung des Richters Doktor Rudolf Kirchmayr im Beisein des Staatsanwaltes Dr. Huber neuerliche Erhebungen in der Umgebung der Stelle nächst Kappling, wo im vorigen Monate der zwölfjährige Ackerbauschüler Franz Eichinger ermordert aufgefunden wurde, gepflogen, wobei der des Mordes verdächtige, 22 Jahre alte Alois Wallner aus Gallspach mitgeführt wurde. Nach seiner Angabe ging Wallner, als er abends zu seiner Geliebten in Kappling von Gallspach herüberging, über Kematen, Weilbach und Wimberg nach Kappling, während der eigentliche, kürzere Weg von Kematen über See und Untereggen gegen Kurzenkirchen auf die von Offenhausen nach Kappling gehende Straße führt, auf der vermutlich der Mord an dem kritischen Abende zwischen Kurzenkirchen und Kappling verübt wurde. Wallner gibt jedoch an, diese Stelle nicht passiert zu haben, und führte die Kommission auch auf den fast unglaublichen Weg, den er gegangen zu sein behauptet, durch Wiesen und Wald und es schien einige Male, daß er selbst abstehen würde, den Weg fortzusetzen, wobei er zynisch lächelte. Er fährt übrigens fort, die Tat zu leugnen. Von dem nächst der Mordstelle auf der Höhe einiger hundert Schritte entfernt stehenden Leitenmannhaus, das einem Onkel des Wallner gehört, wurden gestern auch Hör und Sehproben vorgenommen. Es wurde konstatiert, daß man mit gutem Auge von dieser Höhe aus die Leiche Eichingers in dem Gebüsche beim Grünbach hätte liegen sehen können, von den Hausleuten des Leitenmannhauses hat sie aber damals niemand bemerkt. Weiters wurde festgestellt, daß am kritischen Abende in der Zeit zwischen 7 und 8 Uhr ein Bauerssohn aus Wimberg von der Höhe nächst dem genannten Hause herabstehend, einen Lichtschein wie vom Anzünden einer Zigarre oder Pfeife wahrnahm und etwas später eine zur Straße hinuntergehende männliche Person bemerkte. Der erwähnte Bauernsohn, der als Zeuge beigezogen war, konnte aber nicht bestimmt behaupten, daß Wallner derjenige war, der damals hinabging. Das Erscheinen der Gerichts-kommission in Kappling lockte gestern wieder zahlreiche Neugierige an. Zur Mordaffaire bei Kappling schreibt man uns aus Wels am 17. d. M.: Die Gendarmerie pflegt noch immer unausgesetzt die eifrigsten Erhebungen in der dunklen Mordaffäre bei Kappling, bei der bekanntlich am 21. Dezember des Vorjahres der 12 jährige Ackerbauschüler Franz Eichinger, einem Raub-mörder zum Opfer gefallen ist. Nun hat die Staatsanwaltschaft die weitere Verhaftung des Onkels des Wallner, nämlich des Johann Rösner, Besitzer des Leitenbergen Anwesens zu Wimberg Nr. 2, Gemeinde Gunskirchen, verfügt. Letzterer steht nämlich im Verdachte einer falschen Zeugenaussage bei den behördlichen Erhebungen in dieser Mordaffäre. Heute Freitag um 1/4 1 Uhr früh wurde Rösner nach Wels in die k. k. Fronfeste eingeliefert. Rösner versuchte sich der Verhaftung durch Verstecken zu entziehen. In der Ver-antwortung des wegen Verdachtes des Raubmordes an dem 12 Jahre alten Ackerbauschülers Franz Eichinger aus Offenhausen hier in Untersuchungs-haft befindlichen 22 Jahre alten Knecht Alois Wallner aus Gallspach ist keine Veränderung zu verzeichnen, indem Wallner fortgesetzt beim Leugnen ver-harrt. Jedoch ist heute nachts in der Sache eine neue Verhaftung erfolgt. Es wurde nämlich über Auftrag der Staatsanwaltschaft Wels gestern abends der Onkel des Verdächtigen, der 45 Jahre alte Johann Rösner wegen Verdachtes der falschen Zeugenaussage in der genannten Mordaffäre verhaftet und mit dem Zuge um 12 Uhr nachts dem hiesigen Kreisgericht eingeliefert. Rösner ist nach Jungferndorf in Schlesien zuständig, verheiratet und Vater von drei Kindern. Das Leithenbergerhaus befindet sich als einziges Haus in der Nähe der Mordstelle, einige hundert Schritte von dieser entfernt auf der Berges-höhe. Seine in der Mordangelegenheit gemachten Aussagen bei Gericht sind derart zweifelhaft, daß man zu seiner Verhaftung schritt. Unter anderem soll er verschwiegen haben, daß Wallner, als ihn die Gendarmerie schon suchte, noch bei ihm war und ihm Mitteilung über seine Verfolgung machte. In Gunskirchen und Umgebung war in den letzten Tagen das Gerücht verbreitet, daß Wallner einem seiner Brüder das Verbrechen nach der Tat eingestanden habe. Auch an sonstigen Gerüchten fehlt es nicht, die im Bemühen, des Täters habhaft zu werden, entstehen, da die schreckliche Mordaffaire noch immer die Gemüter in Aufregung hält. Drahtbericht zum Leichenfund bei Kappling: Vor einem Erkenntnissenate des hiesigen Kreis-gerichtes hatte sich heute der Häusler Johann Rösner aus Wimberg wegen Verbrechens der falschen Zeugenaussage zu verantworten. Rösner ist Besitzes des Leitenberger Häusls, das rechts am Wege, fünf Minuten entfernt von jener Straßenstelle ausserhalb Kapplings liegt, wo selbst am 21. Dezember v. J. der Ackerbauschüler Franz Eichinger aus Offenhausen ermordet aufgefunden wurde. Rösner, der von Dr. Salzmann verteidigt wurde, sagte vor dem Vorsitzenden der Verhandlung K. K. Dr. Jungwirth aus, daß Wallner an diesem Tag gar nicht bei ihm war, und antwortete auf die weitere Frage wie folgt: „Am 21. Dezember war ich den ganzen Tag daheim in meinem Hause, kann aber nicht angeben, ob um die fragliche Zeit sich wer von der Straße her meinem Anwesen genähert hat“. Nun wurde aber durch spätere Erhebungen festgestellt, daß Rösner am erwähnten Tag nicht immer zu Hause war, sondern in der Zeit von 6 Uhr abends bis 1/2 10 Uhr nachts beim Bauer Heinrich Hochmayer in Kappling zu Besuch weilte und dort mit einigen andren Personen Karten spielte. Rösner verantwortete sich in dieser Beziehung dahin, daß er nichts absichtlich verschwiegen habe, sondern daß er sich nicht mehr erinnern konnte, ob er gerade am 21. Dezember Karten gespielt hatte. Erst am Abend nach der gerichtlichen Einvernahme traf er den Bauer Hochmayer und im Gespräche mit ihm kam er darauf, daß dies der 21. Dezember war. Der Gerichtshof ging schließlich mit einem Freispruch vor, da der objektive Tatbestand als zweifelhaft erschien und auch rechtliche Bedenken vorlagen, nachdem bei der Einvernahme Rösner er zum Teile auch als Mitverdächtiger in Betracht kam und als solcher vom Untersuchungs-richter einvernommen wurde. Rösner wurde sofort enthaftet. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch die Enthaftung des Wallner in nächster Zeit erfolgt, da die Verdachtsmomente bisher keine besondere Bereicherung erfuhren und Wallner hartnäckig die Tat in Abrede stellt. Zwei Landstreicher, beide schon schwer vorbestraft, wurden ebenfalls wegen des Verdachtes des Mordes an Franz Eichinger in Untersuchungshaft gezogen, jedoch schließlich nur wegen Landstreicherei verurteilt. Aus Wels schreibt man uns vom 16. d. M.: Gestern gegen 1/2 9 Uhr abends kam in das Freudenhaus Richter in der Feldgasse der 32 jährige ledige Maurergehilfe Alois Pichler, in St. Veit im Mühlkreis ge-boren und dahin zuständig. Er verlangte gleich nach seinem Erscheinen mit Frau Richter zu sprechen. Dieser erzählte er, daß er in der Ortschaft Grübl bei Steinerkirchen am Innbach bei seiner Schwester im Aufenthalte sei und gestern Samstag in Wels weilte, um die Zinsen bei vier Sparkassenbüchern der Welser Sparkasse nachtragen zu lassen. Er hatte auch vier Sparkassenbücher auf die Namen Pichler und Kloimstein lautend, die eine Einlage von zusammen ungefähr 2000 Kr zeigten bei sich. Gleich anfangs seines Gespräches mit Frau Richter kam er auf den am 21. Dezember 1912 bei Kappling geschehenen Mord an dem Ackerbauschüler Franz Aichinger zu sprechen und ersuchte die Frau, daß falls etwas an sie käme, sie sagen möge, daß er, der Pichler, an dem Abend des 21. Dezember im Hause der Richter in Wels war und dann um 9 Uhr abends mit dem Rade nach Linz weitergefahren sei. Zugleich fügte er bei, daß es ihn auf 500 Gulden nicht ankomme, Frau Richter möge ihm helfen, denn die zwei, welche wegen Mordverdachtes sitzen, seien nicht die Täter und in der Umgebung von Grübl habe man bereits Verdacht auf ihn. Er erzählte weiter, daß Aichinger erwürgt worden sei, schilderte die Tatumstände wie dessen Uhr und Kette und machte sich in seinem ganzen Gehaben derart verdächtig, daß Frau Richter gegen 10 Uhr schließlich um einen Wachmann schickte. Der Wach-mann nahm den Pichler mit sich auf die Polizeiwachstube und da er dem Fußmarsche Widerstand entgegensetzte, wurde dies per Einspänner durch-geführt. Auf der Polizeiwachstube gab Pichler auf die Fragen des Wach-mannes bezüglich der Äusserungen zur Frau Richter ausweichende Ant-worten. Es wurde bei Pichler ausser den vier Sparkassenbüchern noch ein Geldbetrag von 79 K 20 h, sein Arbeitsbuch wie Uhr und Kette vorgefunden. Die Uhr ist aber mit der dem Aichinger geraubten nicht identisch. Als Pichler in das Richtersche Haus kam, war er ganz nüchtern, erst dort hat er dann, nachdem er seine verdächtigen Äußerungen gemacht hatte, fünf Flaschen Bier getrunken. Pichler wurde in Polizeiarreste interniert und heute Sonntag früh neuerlich polizeilich vernommen, wobei er nun alle Äußerungen zur Frau Richter direkt in Abrede stellte. Pichler macht nicht den Eindruck eines unnormalen Menschen, so daß man sich seine Beschuldigungen gar nicht erklären kann. Der Verdächtigte wurde heute Sonntag vormittags dem Kreis-gerichte Wels eingeliefert, wo die näheren Untersuchungen in der Sache die entsprechende Aufklärung bringen werden. Der, wie gestern berichtet, wegen einer etwas eigenartigen Selbstbeschuldigung durch die hiesige Sicherheitswache am Samstag abends hier verhaftete Maurergehilfe Alois Pichler aus Grübl bei Steinerkirchen am Innbach befindet sich noch in Haft beim hiesigen Gerichte. Pichler dürfte kaum mit dem Morde in Zusammen-hang stehen und hat die Äußerungen vielleicht nur in Renommiersucht gemacht, denn schon bei der Einlieferung durch die Sicherheitswache ver-wies  er darauf, daß er sein Alibi nachweisen könne. Er habe an diesem Tag gedroschen und sei nicht aus dem Hause gekommen. Immerhin aber ist es berechtigt, daß nunmehr das Gericht eingehende Erhebungen über Pichler pflegt. Gestern, Montag, nachmittags wurden Frau Richter und eine Inwohnerin des betreffenden Hauses beim Untersuchungsrichter einver-nommen, weitere Einvernahmen stehen bevor. Pichler ist übrigens schon der zweite, der sich durch verdächtige Reden mit dem Raubmorde an dem Ackerbauschüler Franz Aichinger in Zusammenhang bringt. Ein ähnlicher Fall ereignete sich am 30. Dezember v. J. in einem Gasthause in Stadl-Paura, wo sich ein Ochsenknecht aus Puchheim des Mordes verdächtig machte. Der Bursche entfernte sich damals in eiliger Hast aus dem Gasthause und später fand man ihn im Traunflusse vor, wo seine Rettung eben noch glückte. Auch dieser war, wie sich herausstellte, weder der Mörder noch stand er mit dem Morde in Zusammenhang. Zum Raubmord in Kappling wird aus Wels vermeldet, daß die Nachforschungen der Gendarmerie ergaben, daß der am Samstag nacht verhaftete Alois Pichler, Knecht aus Grübl, Gemeinde Steinerkirchen am Innbach gar keinen Grund hatten und er sich nur prahlen wollte. Pichler wird daher enthaftet. Aus Wels wird uns unterm 21. Jänner telephoniert: Die Staatsanwaltschaft hat heute die Untersuchung gegen den am 29. Dezember v. J. wegen Verdachtes des Mordes an dem Ackerbau-schüler Franz Aichinger in Kappling verhafteten 22 jährigen Knecht Alois Wallner aus Gallspach eingestellt. Wallner, der sich seit 58 Tagen in Unter-suchungshaft befindet, wird vor seiner Freilassung noch beim hiesigen Bezirksgerichte eine Verhandlung wegen eines kleinen Diebstahles und eines Angeldschwindels haben. Der Angeklagte war in der Zeit von November bis Mitte Dezember bei dem Bauer Michael Öttl in Kurzenkirchen bei Offenhausen bedienstet. Während dieser Zeit wurden daselbst verschiedene Diebstähle zum Nachteil des Bauern, wie auch der im Hause bediensteten Personen verübt. Der Verdacht lenkte sich sofort auf Wallner. Bei diesem wurde auch eine dem Knecht Mayrhofer gehörige Geldbörse gefunden, welche dem Mayrhofer mit einem Inhalt von 15 Kronen gestohlen worden war. Der Angeklagte war auch geständig, daß er die 15 Kronen samt der Geldbörse gestohlen habe. Alle anderen ihm zur Last gelegten Diebstähle, die im Hause verübt wurden, stellte der Angeklagte hartnäckig in Abrede. Bezüglich des Angeldes war der Angeklagte wirklich nicht schuldig, da er infolge seiner Verhaftung den Dienst nicht antreten konnte. Bezirksrichter Dr. Schmetzer erkannte Alois Wallner nur wegen des Diebstahles von 15 Kronen schuldig und verurteilte ihn zu acht Wochen strengen Arrest. Trotz der eifrigsten Bemühungen der Behörden und deren Organe bleibt die grausige Tat von Kappling noch immer unaufgeklärt. Es zirkulieren sogar gänzlich unmotivierte Gerüchte, die den Vater des Ermordeten mit der Mordtat in Zusammenhang brachten. Anläßlich des am 21. Dezember 1912 nächst Kappling vorgekommenen Raubmordes an dem 12 Jahre alten Ackerbauschüler Franz Aichinger verbreiten sich über den Täter, der heute noch nicht mit Sicherheit festgestellt ist, die verschiedensten Gerüchte und böse Zungen gingen so weit, daß sie den Vater des Knaben, den Bauer Franz Aichinger, Kettlgruber in Stockerberg, mit der unmenschlichen Tat in Verbindung brachten. Um diese Gerüchte verstummen zu lassen, war Franz Aichinger, gezwungen eine Anzahl Ehrenbeleidigungsklagen anzustrengen. Am 19. fand die erste diesbezügliche Verhandlung vor dem Bezirksgerichte Schwanenstadt gegen die Gastwirtin Maria Tallinger statt, welche vor Gericht eine Erklärung abgab, daß sie Herrn Aichinger gewiß nicht beschuldigen wollte. Frau Thallinger versicherte, daß sie lediglich an jemand die Frage gerichtet habe, ob das Gerücht auf Wahrheit beruhe, und die Person bezeichnete, von welcher das Gerücht stammte. Auch der Hausbesitzer Alois Sittenthaller in Offenhausen hat sich infolge Androhung einer Klage zur Abgabe einer Erklärung bewogen gefühlt, daß er es bedauere, durch die Weiterverbreitung der ihm von Frau Thallinger gestellten Frage zur Verbreitung des unwahren Geredes beigetragen zu haben. Gegen einen Welser Bürger ist gleichfalls eine Klage in dieser Sache anhängig und es erscheint daher im öffentlichen Interesse geboten, mitzu-teilen, daß an dem Gerüchte kein wahres Wort ist und seitens des Gerichtes nicht der geringste Verdacht gegen den Bauer Franz Aichinger besteht. Wer die Tat an dem bedauernswerten Knaben am Gewissen hat, ist also noch immer nicht festgestellt. Wie seinerzeit im „Linzer Volksblatte“ berichtet, wurde gleich anfangs angenommen, daß es sehr wahrscheinlich erschiene, daß die ruchlose Tat nicht von einem Einheimischen, sondern einem Landfremden begangen wurde. Für diese Annahme spricht der Umstand, daß bei der Mordtat nicht ein Tropfen Blut vergossen wurde. Unblutige Morde kommen hierzulande nicht vor. Die Art, wie der Knabe ermordet wurde, läßt vermuten, daß landfremde Karnerleute oder Zigeuner die Tat begangen haben. Abermals ein Nachspiel zum Raubmorde in Kappling. Vor dem hiesigen Kreisgerichte unter Vorsitz des LGR. Dr. Tursth, hatte sich heute in der Grübl bei Steinerkirchen am Innbach wohnhafte und am 6. Juni 1880 in Rohrbach geborene, ledige Maurer Alois Pichler wegen Bewerbung um ein falsches Zeugnis vor Gericht zu verantworten. Pichler hatte am 15. Februar hier im Hause Richter in der Feldgasse vorgesprochen und sich dort als Mitschuldiger an dem Raubmorde in Kappling verdächtig gemacht, so daß er verhaftet wurde. Ob er zum Morde in Beziehung steht, konnte bisher nicht festgestellt werden, die Staatsanwaltschaft hat die diesbezüglichen Untersuchungen eingestellt. Doch hat Pichler von der Frau Richter verlangt, daß sie, falls vom Gerichte etwas käme, sagen möge, er sei an jenem Abende bei ihr gewesen. Es komme ihm für diesen Dienst auf 500 Gulden nicht an. Darin erblickt die Staatsanwaltschaft die Bewerbung um ein falsches Zeugnis vor Gericht. Pichler will glauben machen, daß er damit einen anderen Tag meinte, an dem er wirklich bei Frau Richter war. Dagegen bestätigt Frau Richter und die Prostituierte Therese Gruber und Maria Soldan die Anklage. Der Gerichtshof vertagte schließlich die Verhandlung, um den Geistes-zustand des Angeklagten zu untersuchen, da seine Angaben gar keinen logischen Zusammenhang haben. Pichler wurde wieder in die Unter-suchungshaft abgeführt. Aus Wels schreibt man uns daß der durch eine eigenartige Vielrednerei am 15. Februar d. J. im einem verrufenen Haus in der Feldgasse sich verdächtig gemachte 32 Jahre alte ledige Maurer Alois Pichler aus Grübl bei Steinerkirchen an der Traun, verhaftete, aber dann wie sich herausstellte dem Morde fern stehend, durch einen hiesigen Gerichtsarzt untersucht wurde. Dabei stellte sich heraus, daß Pichler zeitweilig nicht ganz zurechnungsfähig sei. Auf Grund des gerichtsärztlichen Ergebnisses hat die Staatsanwaltschaft das Strafverfahren gegen Pichler eingestellt. Vor dem hiesigen Kreisgerichte hatte sich unter Vorsitz des LGR. v. Schnauss der am 16. Jänner 1874 geborene nach Liebenstein in Bayern zuständige, ehemalige Fleischhauer und jetzige Taglöhner Sebstian Jott wegen des Verbrechens des Betruges zu verantworten. Die Anklage wurde vom St. AGt. Dr. Domingo vertreten. Der Angeklagte erschien beschuldigt, am 31. Jänner vor dem Untersuchungsrichter als Zeuge einvernommen, sich statt Sebastian Jott den falschen Namen Matthias Jott beigelegt und auch unrichtige Geburtsdaten angegeben zu haben. Der Angeklage wurde in der noch immer unaufgeklärt gebliebenen Mordaffaire von Kappling einvernommen, dem der 13 jährige Ackerbauschüler Franz Eichinger zum Opfer fiel. Es wurde nämlich damals gesprochen, daß Jott am Alois Wallner, welcher unter dem Verdachte des Mordes in Untersuchung stand, eine Uhr abgekauft habe. Da dem ermordeten Knaben eine Uhr geraubt wurde, war Jott als Zeuge zum Untersuchungsrichter geladen. Über die Mordaffaire vermochte Jott keinerlei Aufklärungen geben, er hatte dem Alois Wallner auch keine Uhr abgekauft. Doch, wie erwähnt hatte sich Jott bei dieser Gelegenheit den Namen Matthias beigelegt, obwohl er Sebastian heißt. Bei der Verhandlung klärte der Angeklagte, der in Deutschland bereits 29mal vorbestraft erscheint, auf, warum er sich einen anderen Taufnamen, und zwar den seines Bruders, beilegte. Da er in Deutschland infolge seiner vielen Vorstrafen nicht leicht Arbeit finden konnte, ging Sebastian Jott, versehen mit der Invalidenkarte seines Bruders Matthias als Legitimation, und in Begleitung seiner Konkubine, Maria Bachl, nach Österreich. Er kam nach Meggen-hofen, wo er Arbeit bekam, mußte sich jedoch nun ein Arbeitsbuch lösen. Sebastian Jott lies sich auf Grund der Invalidenkarte seines Bruders ein Arbeitsbuch ausstellen, gab seine Konkubine als seine Gattin aus und besorgte auch ihr auf Grund der falschen Angaben ein Arbeitsbuch. Dies tat er damit sie beide bei einem Bauern Arbeit und Unterkunft fanden. Als die Nachforschungen nach dem Knabenmorde eingeleitet wurde, kamen zwei Gendarmerie Wachmeister, Johann Reichel und Alfred Schöppe zu Jott, um ihn wegen seines angeblichen Uhrenkaufes zu vernehmen. Bei dieser Gelegenheit gab sich Jott als Matthias Jott und die Bachl als seine Gattin aus. Bemerkenswert ist, daß die Heimatsgemeinde des Angeklagten diesen als sogenannten “Halbzigeuner” bezeichnet. Der Gerichtshof verurteilte Sebastian Jott zu zwei Monaten Kerker und sprach gleichzeitig die Aus-weisung desselben aus Österreich aus. Leider ist es der Genarmerie, welche noch immer unausgesetzt die eifrigsten Erhebungen in der dunklen Mord-affaire pflegt, noch nicht geglückt, den verruchten und gemeingefährlichen Täter ausfindig zu machen, welcher am 21. Dezember den 12 jährigen armen bedauernswerten Knaben Franz Eichinger, Kettlgrubersohn von Offen-hausen und Ackerbauschüler in Ritzlhof auf grausamste und einer in unseren Landen unüblichen Weise zu Tode brachte.

Feuerklingen

Was finden diese Menschen nur an der Natur? Was plagen sie sich jedes Wochenende in ihrer Freizeit damit ab einen Garten anzulegen, Sträucher und Bäume zu pflanzen und einen Rasen der dann andauernd gemäht werden muss? Warum wollen sie die Natur zu sich in die Stadt holen? Sollen sie doch froh sein, endlich dem Dreck des Landes entflohen zu sein in eine Stadt die frei ist von den Auswüchsen, von der verrohten Unbändigkeit einer wilden Natur. Saubere Straßen die sich nicht nach jedem Regenguss in dreckige Rinnsale verwandeln, Häuser in dehnen der zivilisierte Stadtmensch sicher ist vor den widerwärtigen Insekten und Kriechtieren, den Schlangen und Spinnen, die unter jedem Busch lauern und in ihrer heimtückischen und gefährlichen Art nur darauf warten ein unschuldiges Kind anzuspringen, zu beißen oder zu stechen. Die Natur hat ihren Platz vor den Toren der Stadt, bei den Bauern, Ackermännern und Landwirten, jene die weder hochwohlgeboren waren, noch ein bürgerliches Gewerbe betrieben, so dass ihnen bloß die Urbarmachung des Bodens verblieb. Deren Lebensaufgabe bestand darin tagaus tagein der widerborstigen Natur Rohstoffe zu entreißen, um daraus Lebensmittel zu produzieren, welche hygienisch verpackt, eingeschweißt in Plastikfolie, auf einem Styropor Untersatz und mit Ablaufdatum versehen, an die Stadt geliefert wurden, wo der Stadtmensch sie im Supermarkt käuflich erwerben konnte. Mit Kuhfladen vollgeschissene Wiesen, zum Himmel stinkende Misthaufen und Jauchegruben, das widerliche Geschrei der Schweine auf der Schlachtbank, das ununterbrochene Gackern von Hühnern, selbst das ohrenbetäubende Krähen des Hahnes noch vor Sonnenaufgang, all das erinnerte sie an ihre Kindheit und an die verlorenen Jahre ihre Jugend welche sie in einem kleinen Dorf in einem abgelegenen Kärntner Tal zubringen musste. Seitdem sie laufen konnte, wollte sie einfach nur weg, dem Landleben welches ihr aus ihrer tiefsten Seele heraus verhasst war, entfliehen, in eine Stadt in der sie ein Mensch sein konnte, nicht nur eine Landbewohnerin, eine Bäuerin, verdammt dazu einer undankbaren widerspenstigen Natur ihre Früchte durch harte dreckige Arbeit und viel Schweiß abzuringen. Sie wollte durch gepflegte Straßen spazieren, Schaufenster schauen gehen, und von anderen Stadtmenschen als jemand der ihrigen anerkannt und gegrüßt werden, als jemand der zu der Stadt gehörte, jemand der es zu Ansehen und Besitz gebracht hatte und dem man Achtung und Anerkennung entgegenbrachte. Ihre Herkunft hatte sie wie ein altes Fetzenkleid abgelegt und in die Vergangenheit, über die man zu schweigen hatte, verbannt. Nun hüllte sie sich in feine ausgesuchte Kleidung, trug Pelz selbst an Tagen an dehnen es schon viel zu warm war und genoss es viele ehrenamtliche Ämtern die für sie wie Standeswappen waren, zu bekleiden. Eine widerliche Geltungssucht von einerZuagroasten’, die sich wie ein Kuckuck ins gemachte Nest gesetzt hat, hatte Großmutter ihre Art umschrieben, sich ohne auch nur das geringste Gefühl von Scham oder Anstand sich andauernd und jedem zur Schau zu stellen. Bei uns zu Hause, in ihrem Stadthaus welches ihre Putzfrau immer auf Hochglanz zu halten hatte und welches steril, desinfiziert, frei von jeglichen tierischen bakterienübertragenden Krankheitsherden, da fühlte sie sich wohl. Sie saß in dem gepflegten Wohnzimmer, auf ihrer wuchtigen überdimensionierten dunkelroten Ledergarnitur welche mit der gegenüberliegenden und bis an die Decke reichenden massiven hölzernen Wohnwand den Raum in ein klaustrophobes und bedrohliches Verlies verwandelte und blätterte genüsslich in ihren Wochenmagazinen welche Namen wie Tina oder Frau im Spiegel trugen. Im Radio lief das Wunschkonzert welches selbst Vater schwerfiel zu ertragen. Eine Erbschleicher Sendung ist das, wetterte er, aber Mutter ließ sich um nichts davon abhalten jeden Samstagnachmittag ihr liebstes Radioprogramm zu hören. Der Ansager mit seiner falschen süßlichen Stimme, lies, um Oma Hertas neunundachtzigsten Ehrentag zu feiern, Nana Mouskouri Weiße Rosen nach Athen tragen, oder Heino mit seinem Marsch Alte Kameraden an bessere Zeiten erinnern. Bei Kaffee und einer Mehlspeise hörte sie andächtig zu wie der Mann im Radio verkündete: Unserer lieben Herta OmaGottes Segenso dass der Herrgott dich noch lange so rüstig und gesund in unserer Mitte belässtzu deinem Festtag wünschen dir alles erdenklich Gute, deine Söhne Josef und Franz, die Tochter Maria, Schwiegertochter Kathie, sowie die Enkel, Severin, Jakob, Lukas, Peter und Barbara, die zahlreichen Urenkel und alle die dich ganz lieb in ihren Herzen halten. Ganz verklärt war dann der Blick meiner Mutter und strahlte doch zugleich eine tiefe Traurigkeit aus. Konnte sie selbst keine Familie haben die auch ihr dieselbe Ehrerbietung entgegen brachte wie sie Oma Herta im Radio zuteil wurde? Warum schätzte sie ihr Sohn, ihr eigen Leib und Blut, den sie unter Qualen und Bedrohung ihres Lebens in die Welt gesetzt hatte, nicht? Dann stieg tief aus ihrem inneren eine unkontrollierbare Wut hinauf, ein Schrei nach Anerkennung, ihr Blick verfinsterte sich und wie ein Vulkan der plötzlich explodierte, Feuer und Magma um sich speiend, fuhr sie mich, der lesend in einer Ecke saß, an: Niemals! Niemals schätzt du deine Eltern. Niemals höre ich von dir auch nur ein Wort des Dankes, keine Anerkennung für all das was ich für dich getan habe. Du weißt nichts von dem was ich durchmachen musste, um dich in die Welt zu bringen. Wochenlang war ich im Krankenhaus, war, nach dem Kaiserschnitt, dem Tod so nah und nur Blutkonserven die ich ertragen musste, haben mein Leben gerettet sonst wäre ich schon längst an deiner Geburt gestorben! Aber für dich ist das alles selbstverständlich, du denkst nur an dich! Oft bete ich zur heiligen Mutter Gottes und frage sie, warum, warum nur ist es mein Schicksal so gestraft zu werden? Ich gehe oft in die Kirche und bete für dich. Ich bete dass eines Tages zu dich ändern würdest, dass du eines Tages die vielen Opfer anerkennst die deine Eltern dir gebracht haben. Aber du spuckst ja nur auf uns, selbst dann wenn wir keine Kraft mehr haben und am Boden liegen! Da wusste ich dass wieder einmal die Zeit gekommen war, an dem es das beste ist, so schnell wie möglich das Wohnzimmer zu verlassen und in mein Zimmer zu fliehen, in dem ich mich hinter verschlossener Türe verbarrikadierte. Nur dort fühlte ich mich sicher vor ihren immer wiederkehrenden Belehrungen, Beschimpfungen, elendigen Selbstmitleids Bezeugungen und Hasstiraden, endlos lange Monologe in die sie sich wie vom Teufel besessen hineinsteigerte. Schon als kleines Kind hatte ich gelernt, dass jegliche Gegenwehr zwecklos war und nur dazu führen würde dass sie immer mehr und mehr mir an den Kopf werfen würde. Immer fand sie etwas an mir auszusetzen, egal was ich tat, es war niemals gut genug für sie. Brachte ich von der Schule gute Noten nach Hause, dann hieß es nur: Ja du hast es einfach einen Einser oder Zweier zu bekommen ohne auch nur irgend etwas dafür zu leisten. Schau dir nur deine Schwester an, die tut sich so schwer beim Lernen und sitzt jeden Nachmittag an den Hausaufgaben und lernt, während du in deinem Zimmer hockst und Musik hörst. Selbst an meinem Aussehen, meine Art mich zu kleiden, fand sie ständig etwas auszusetzen. Steck das Shirt in die Hose! Schneide deine Haare, die sind schon viel zu lang und schmeiß endlich diese verdreckte Jeans in den Müll, du läufst ja rum wie die Türken aus der Bahnhofsstraße. Mein Zimmer war ein in sich geschlossenes Universum welches seine Magie nur für mich entfaltete und sich in meiner Fantasie manchmal in die Unendlichkeit erstreckte. In meinem Zimmer schloss ich mich weg vor meiner Mutter und ihrem Anspruch auf eine perfekte Welt, in welche ich einfach nicht passen wollte. Mein Zimmer war mein Sanctum, mein heiliger Ort, meine Zufluchtsstätte vor den Grausamkeiten, die mich in der Welt außerhalb erwarteten. Mein Zimmer war so leer wie mein Inneres. Ich hatte fast alle Möbel entfernt, schlief auf einer Matratze am Boden und besaß nur eine alte Truhe, die ich mit einem massiven Schloss vor den neugierigen Blicken meiner Mutter sicherte und einen alten Vinyl Plattenspieler den ich im Keller fand und den schon mein Vater benutzt hatte. Stundenlang hörte ich Platten, immer und immer wieder dieselben Nummern. The End von den Doors, Bowies Helden, Arien von Klaus Nomi oder dunkelgraue Lieder von Ludwig Hirsch oder Nick Cave. Ich las viele Bücher und fand im Fänger im Roggen oder in Wir Kinder vom Bahnhofszoo meinen Schmerz, meine Einsamkeit und meine Verzweiflung wieder. Ich träume mit Harrers Sieben Jahre in Tibet von fernen Ländern, von Welten die so anders waren als die in der ich gefangen war. Ich wusste, ich musste raus, ich musste fliehen, nicht länger konnte ich diesen Schmerz und die abgrundtiefe Leere in mir ertragen die mir die Kehle zuschnürte und die Luft zum Atmen nahm. Ich war noch keine vierzehn Jahre alt, aber schon fühlte ich den kalten Atem des Todes in meinem Nacken und immer wieder sprach er von Engelsflügeln die er mir geben wolle, mit dehnen ich mich aufschwingen könne um in die Unendlichkeit zu entschweben. Heute ist der Schmerz wieder einmal zu stark. Er überwältigt, vergewaltigt mich. Dunkle Gedanken wie Ketten aus Scham binden meine Glieder. Eine eiserne Hand dringt tief in meinen Brustkorb, umgreift mein Herz und drückt fester und fester bis aller Lebenssaft entweicht. Ich atme schwer und weiß, dass jetzt wieder der Moment gekommen ist. Ich schleppe mich zum Fenster und ziehe die Vorhänge vor. Die Dunkelheit ist mein einziger Verbündeter und Zeuge. Ich entzünde eine Kerze und ein Räucherstäbchen. Die Welt wird zu einem Spiel von Schatten die dionysische Tänze an den Wänden vollbringen. Ich liege flach auf dem Boden, unbeweglich und blicke auf die Decke an die ich einen alten roten Küchensessel geschraubt hatte. Mein Ritual ist meine geheime Scham und mein einziger Retter, niemand kann es verstehen, niemand kann mich davor retten. Ich öffne die Truhe und entnehme aus ihr einen alten Dolch der meinem im Weltkrieg gebliebenen Bruder meines Großvaters gehört hatte. Er war schon nicht scharf genug um mich zu Ritzen welches ich schon als zwölfjähriger mit Rasierklingen tat. Aber da Blutflecken auf den Ärmeln der Shirts schwer zu verbergen waren, begann ich schon bald mit dem Brennen welches mich nicht durch Spuren auf meiner Kleidung verriet. Das Spiel des Feuers erschließt das Mysterium meines Daseins und zieht mich immer tiefer und tiefer in den Bann seiner Erlösung. Gierig umschließt die Flamme die Spitze des alten Dolches welcher das Geheimnis seiner schweigenden Existenz durch Generationen meiner Familie wahrt. Meine Hände zittern, Schweiß perlt auf meiner Stirn. Glutrotes Leben aus der Hitze des Feuers geboren, erwache!, vergib mir meine Schuld, meine große Schuld, führe mich durch deine Versuchung und erlöse mich von dem Übel meiner Tat, denn dein ist die Macht der Erlösung und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Wie ein Stromschlag schießt die diabolische Kraft der Flamme aus meinen Arm in jede Zelle meines Körpers und explodiert in einem Orgasmus aus Schmerz, Lust, Angst und Scham. Ich erhebe mich, löse mich von der Schwere meines gepeitschten Körpers, vergesse die tötenden Worte meiner Mutter. Die pulsierende Wunde des heißen Eisens welches sich tief in das Fleisch meines Armes gefressen hatte, ist wie ein hungriges Herz, gierig nach Leben und schlägt und schlägt voller Kraft. Tief sauge ich den ersten Atem eines stummen Schreis in meine Lungen. Die Freiheit einfach nur zu sein in einer Intensität welche keine Grenzen kennt erfasst mein ganzes Dasein und ich beginne zu fliegen, immer höher und höher, immer weiter über den Horizont einer Welt die mir immer viel zu klein war. Ich umarme den dunkelroten Gipfel des Himalayas und schwebe über einem weißen Meer der Unendlichkeit. Ein paar Momente des Glücks die mich dem Verlies meiner grauen Tage entfliehen lassen. Ein Schuss Freiheit der mich für ein paar Momente aus der Banalität meines Alltags reißt und meine einzige Rettung ist.

Le bateau ivre

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Comme je descendais des Fleuves impassibles,
Je ne me sentis plus guidé par les haleurs :
Des Peaux-Rouges criards les avaient pris pour cibles
Les ayant cloués nus aux poteaux de couleurs.

J’étais insoucieux de tous les équipages,
Porteur de blés flamands ou de cotons anglais.
Quand avec mes haleurs ont fini ces tapages
Les Fleuves m’ont laissé descendre où je voulais.

Dans les clapotements furieux des marées
Moi l’autre hiver plus sourd que les cerveaux d’enfants,
Je courus ! Et les Péninsules démarrées
N’ont pas subi tohu-bohus plus triomphants.

La tempête a béni mes éveils maritimes.
Plus léger qu’un bouchon j’ai dansé sur les flots
Qu’on appelle rouleurs éternels de victimes,
Dix nuits, sans regretter l’oeil niais des falots !

Plus douce qu’aux enfants la chair des pommes sures,
L’eau verte pénétra ma coque de sapin
Et des taches de vins bleus et des vomissures
Me lava, dispersant gouvernail et grappin

Et dès lors, je me suis baigné dans le Poème
De la Mer, infusé d’astres, et lactescent,
Dévorant les azurs verts ; où, flottaison blême
Et ravie, un noyé pensif parfois descend ;

Où, teignant tout à coup les bleuités, délires
Et rythmes lents sous les rutilements du jour,
Plus fortes que l’alcool, plus vastes que nos lyres,
Fermentent les rousseurs amères de l’amour !

Je sais les cieux crevant en éclairs, et les trombes
Et les ressacs et les courants : Je sais le soir,
L’aube exaltée ainsi qu’un peuple de colombes,
Et j’ai vu quelque fois ce que l’homme a cru voir !

J’ai vu le soleil bas, taché d’horreurs mystiques,
Illuminant de longs figements violets,
Pareils à des acteurs de drames très-antiques
Les flots roulant au loin leurs frissons de volets !

J’ai rêvé la nuit verte aux neiges éblouies,
Baiser montant aux yeux des mers avec lenteurs,
La circulation des sèves inouïes,
Et l’éveil jaune et bleu des phosphores chanteurs !

J’ai suivi, des mois pleins, pareille aux vacheries
Hystériques, la houle à l’assaut des récifs,
Sans songer que les pieds lumineux des Maries
Pussent forcer le mufle aux Océans poussifs !

J’ai heurté, savez-vous, d’incroyables Florides
Mêlant aux fleurs des yeux de panthères à peaux
D’hommes ! Des arcs-en-ciel tendus comme des brides
Sous l’horizon des mers, à de glauques troupeaux !

J’ai vu fermenter les marais énormes, nasses
Où pourrit dans les joncs tout un Léviathan !
Des écroulement d’eau au milieu des bonaces,
Et les lointains vers les gouffres cataractant !

Glaciers, soleils d’argent, flots nacreux, cieux de braises !
Échouages hideux au fond des golfes bruns
Où les serpents géants dévorés de punaises
Choient, des arbres tordus, avec de noirs parfums !

J’aurais voulu montrer aux enfants ces dorades
Du flot bleu, ces poissons d’or, ces poissons chantants.
– Des écumes de fleurs ont bercé mes dérades
Et d’ineffables vents m’ont ailé par instants.

Parfois, martyr lassé des pôles et des zones,
La mer dont le sanglot faisait mon roulis doux
Montait vers moi ses fleurs d’ombre aux ventouses jaunes
Et je restais, ainsi qu’une femme à genoux…

Presque île, balottant sur mes bords les querelles
Et les fientes d’oiseaux clabaudeurs aux yeux blonds
Et je voguais, lorsqu’à travers mes liens frêles
Des noyés descendaient dormir, à reculons !

Or moi, bateau perdu sous les cheveux des anses,
Jeté par l’ouragan dans l’éther sans oiseau,
Moi dont les Monitors et les voiliers des Hanses
N’auraient pas repêché la carcasse ivre d’eau ;

Libre, fumant, monté de brumes violettes,
Moi qui trouais le ciel rougeoyant comme un mur
Qui porte, confiture exquise aux bons poètes,
Des lichens de soleil et des morves d’azur,

Qui courais, taché de lunules électriques,
Planche folle, escorté des hippocampes noirs,
Quand les juillets faisaient crouler à coups de triques
Les cieux ultramarins aux ardents entonnoirs ;

Moi qui tremblais, sentant geindre à cinquante lieues
Le rut des Béhémots et les Maelstroms épais,
Fileur éternel des immobilités bleues,
Je regrette l’Europe aux anciens parapets !

J’ai vu des archipels sidéraux ! et des îles
Dont les cieux délirants sont ouverts au vogueur :
– Est-ce en ces nuits sans fond que tu dors et t’exiles,
Million d’oiseaux d’or, ô future Vigueur ? –

Mais, vrai, j’ai trop pleuré ! Les Aubes sont navrantes.
Toute lune est atroce et tout soleil amer :
L’âcre amour m’a gonflé de torpeurs enivrantes.
Ô que ma quille éclate ! Ô que j’aille à la mer !

Si je désire une eau d’Europe, c’est la flache
Noire et froide où vers le crépuscule embaumé
Un enfant accroupi plein de tristesses, lâche
Un bateau frêle comme un papillon de mai.

Je ne puis plus, baigné de vos langueurs, ô lames,
Enlever leur sillage aux porteurs de cotons,
Ni traverser l’orgueil des drapeaux et des flammes,
Ni nager sous les yeux horribles des pontons

Arthur Rimbaud