Buchveröffentlichung “Der Verlust der Schwerkraft”

“Der Verlust der Schwerkraft”

Kurzzusammenfassung

Als seine Großmutter dem Autor auf ihrem Sterbebett einen Brief mit der Aufforderung „Nur du kannst die Wahrheit finden und sie auch verstehen“ übergibt, beginnt er in Archiven und Dokumentationszentren eine langjährige Spurensuche nach dem Schicksal des Bruders seines Großvaters, welcher 1944 in Jugoslawien vermisst wurde. Nach und nach erhält er bruchstückhafte Informationen, aus denen sich ein Lebensbild zusammensetzt, das ihn zutiefst erschüttert.

Nicht nur findet er heraus, dass der Vermisste sein biologischer Großvater und für die Großmutter die Liebe ihres Lebens ist, sondern auch, dass er als Nazi der ersten Stunde wegen Hochverrats gesucht wurde und in Kriegsverbrechen verwickelt ist. Der Autor recherchiert aus Kriegsberichten und schreibt minutiös ein Tagebuch seines letzten Kriegseinsatzes, um schließlich das Versprechen seiner Großmutter gegenüber einzulösen, als er die schockierende Wahrheit über das Leben und Sterben seines Großvaters herausfindet.

Ein weiterer Handlungsstrang, welchen der Autor geschickt mit der Spurensuche in längst vergangenen Zeiten verwebt, ist die Aufarbeitung der traumatischen Beziehung mit seiner Familie, welche von einer tyrannischen Mutter beherrscht wird. Als sie von seiner Homosexualität erfährt, wird der eigene Sohn verstossen und mit einem Schweigebann belegt. Seiner Stimme beraubt, fängt er im Exil an, über die totgeschwiegene Wahrheit des Lebens seiner Familie zu schreiben. Durch den Akt des Schreibens befreit er sich von dem Trauma seiner Kindheit und erkämpft sich eine Stimme, welche Gehör findet.

Mit viel Kreativität und Liebe zum Detail zeichnet der Autor nicht nur die bewegte Geschichte seiner Ahnenreihe 15 Generationen bis zurück ins Spätmittelalter nach, sondern rekonstruiert auch in zahlreichen, minutiös recherchierten Texten die bislang verborgene, braune Geschichte seiner Heimatstadt. Nicht länger schreibt der Autor das Buch, das Buch beginnt das Leben des Autor zu schreiben. Durch zahlreiche veröffentlichte Artikel aus dem Recherchematerial, welches zu wichtig ist, um es in der Anonymität der Archive dem Vergessen in der Zeit anheim fallen zu lassen, fängt das Buch an, das Leben des Autors in drastischer Weise zu verändern.

Er kehrt aus dem Exil vom anderen Ende der Welt zurück nach Europa, wo er nun als freischaffender Schriftsteller, Journalist und Heimatforscher in Wien und Berlin lebt. In aufwendig recherchierten Artikel konfrontiert er seine Heimatstadt mit ihrer geschichtlichen Wahrheit und zwingt die Bürger, sich der eigenen, oft verschwiegenen und vergessenen Familiengeschichte zu stellen. Es kommt unglaubliches zu Tage.

Jahrzehnte nach dem Niedergang des NS-Regimes haben viele Bewohner der Kleinstadt noch immer Probleme sich mit historischen Wahrheiten auseinanderzusetzen. Durch die intensive Beschäftigung mit der Geschichte seiner Heimat und dem immer stärker werdenden Drang, das Leben seines Großvaters zu verstehen, taucht der Autor tiefer und tiefer in das Buch ein. Immer deutlicher hört er die Stimmen seiner Ahnen, lernt die Zeichen auf den Stelen der Vergangenheit zu deuten und erfährt in Visionen eine Wahrheit, die ihn von Grund auf verändert. Er beginnt anhand des Lebens, Leidens und Sterbens von Generationen seiner Familie sein eigenes zu verstehen, wiederentdeckt die oberösterreichische Heimat und erinnert sich seiner vergessen vergessenen Wurzeln. Eingebettet in das Weltbild von Gaius Iulius Hyginus zeichnet er in Geschichten und Anekdoten, die oftmals auf historischen Fakten und Wahrheiten beruhen, das Bildnis des kärglichen und harten Lebens einer Bauernfamilie vom Spätmittelalter bis zum heutigen Tag. Ein faszinierendes literarisches Experiment, welches den Leser tief bewegt und nachdenklich zurücklässt.

Prolog: Der Verlust der Schwerkraft

Warnung an den Leser!

Weder um den Leser zu täuschen, noch um ihn in die Irre zu führen, muss gesagt werden, dass dies, was du in Händen hältst, keine Geschichte erzählt, noch den arroganten Anspruch einer historischen Wahrheit erhebt und erst recht nicht ein reines Phantasieprodukt des Autors ist. Vielmehr ist es ein Notizbuch mit ausgerissenen Seiten, unleserlichem Geschmiere und wirren Gedanken, das verlorene oder absichtlich weggeschmissene Fahrtenbuch einer Reise durch die Zeit und aus der Welt hinaus, hinein in die Terra Incognita der unvermessenen Ewigkeit inneren Seins. Ein paar hingeschmierte lateinische Worte, Jahreszahlen und Namen, einziger Beweis einer menschlichem Existenz, einem Augenblick nur der fliehenden Zeit entrissen. Fragmente der Vergangenheit, Ausschnitte einer Wirklichkeit, ein Weltenalter umspannendes Gitternetz, dem hilflos darin Verstrickten die Illusion eines Theaters der Welt vorspielend. Nur wenn es jemandem gelänge eins zu werden mit dem Geist der Maschine, nur dann könne jener die unaussprechliche wahrhaftige Einheit hinter dem Vorhang des Weltengebäudes erleben, doch kein Wort kann genügen, um die Erfahrung seiner Ganzheit aussprechen zu können. Bestenfalls von verwaschenen Fragmenten, den im Augenblick erhaschten Weisheiten, Lieder der Ahnen, die in seinem Kopf schwingen, und wirres automatisch Geschriebenes aus Sphären jenseits aller Gedankenwelt, könnte der so Erleuchtete berichten, Stelen der Vergangenheit mit Symbolen beschreiben, die dann zu Wegweisern werden für jene, die nach ihm aus der Zeit entschlüpfen, um nach ihrem Sinn zu suchen. Leuchtfeuer in dunkler Nacht, so manch einer gar ein Leuchtturm, der in Äonen scheint, deuten dem Wanderer die Richtung auf der ewigen Suche nach der Wahrheit seines Seins. „Bis hierher bin ich, Mensch, gekommen“, leuchten sie in die Düsterheit, verraten jedoch nicht, wie der Entflohene den Gipfel hat erklimmen können, um die Herrlichkeit des Seins zu schauen, noch welchen Weg er genommen hat, um dem Tal der ahnungslos Gottesfürchtigen zu entfliehen. Nicht der Autor hat dieses Buch geschrieben, dieses Buch fing an, sein Leben für ihn zu schreiben, sog ihn hinaus aus einer farblosen Welt des Scheins in strahlendes Sein und zertrümmerte ein und für alle Male die Mauer an der Grenze der Ereignisse vergangener Tage und gelebter Zeit. Eine Landkarte einer Reise durch das Innere ins Herz der Zeit, eine Entdeckung der Welt des Verborgenen, des in der Zeit vergessenen und totgeschwiegenen, des gebannten Wortes einer Familie mit all seinen Grausamkeiten, der Einsamkeit des Daseins, des Sterbens, Siechens, Verrats und Hasses. Von Rechtsgelehrten bedroht, im Sturm wahrheitsscheuer Angstgestalten gebeutelt, wurde es zu einer Stele der Zeit, unumstößlich, unzerstörbar, unantastbar von Menschenhand, das Ahnenerbe einer aus fünfzehn Generationen geformten Familie, ein mit Blut in Stein gekratzter Schrei. Nur denen, die den gefährlichen Weg gewandelt und Willens sind, Wahrheit zu sehen, wird sich das Geheimnis dieser Stele offenbaren. Bist du, Wanderer, bereit die ausgetretenen Pfade deiner Konformität und Falschheit zu verlassen, um dich abseits dieser Welt in unendliche bodenlose Schluchten zu stürzen und in die, mit Grauen erfüllten Augen deines Daseins zu blicken, um den Verlust der Schwerkraft zu erlangen?

Das leere Haus

Gegangen ist sie worden, ins Altersheim abgeschoben, gegen ihren Willen und gegen jede Vernunft und Moral. Ihr Haus nun leer, ausgeräumt und geplündert. Die Tür des kleinen Safes der Grossmutter, versteckt im alten Kasten ihres Schlafzimmers steht offen, leergeräumt, geplündert. Helle Rechtecke auf Tapeten verraten, dass einst Bilder hier hingen. Die vielen Statuen von Grossvater, jahrelang mit unendlicher Engelsgeduld am Küchentisch aus Holz geschnitzt, bemalt und vergoldet, verschwunden. Nur Fotos, Briefe und Erinnerungen ließ sie zurück, sie hatten keinen Wert für sie, sie wollte kein Andenken an eine Frau, die ihr so sehr verhasst war. Ein Leben lang hatte sie warten müssen warten auf den Tag ihrer Rache. Ein Leben der Heuchelei und ständig vorzugeben, es doch eigentlich gut mit ihr zu meinen. Das war nun vorbei. Grossmutter tot, begraben und bald schon vergessen. So beschloss sie: Das Haus werde vermietet, ihre Sachen beim Roten Kreuz entsorgt, kein Bild, kein geschriebenes Wort, kein Andenken darf erhalten bleiben. 93 Jahre Lebenszeit, ausgelöscht und vergessen. Wie eine Herrin über die Zeit, mit der Macht der Niedertracht, lässt sie die Erinnerungen eines erfülltes Lebens im Strudel des Vergessens verschwinden, entsorgt wie Kot in der Kloake ihres Hasses, den sie 40 Jahre lang geschürt hatte. All das, was niemals sein durfte, all das, was ihre Allmacht beschnitten hatte, ihrem Wort widersprochen und ihren guten Namen angezweifelt hatte, endlich zerstört und ausgelöscht. Ihre Gebete erhört, ihr Flehen an unsichtbare Mächte, sie doch endlich von dieser Person zu befreien fand eine Woche vor Weihnachten im Tod der Grossmutter ihr Ende.

Leben

Nichts von alledem ist auch nur annähernd wahr.

Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein.

Die Transmigration der Gunskirchner Lutherianer

Johann Cajetan Giovanelli von Gerstburg stammt aus einem alten lombardischen Adelsgeschlecht, das urkundlich 1237 bezeugt ist. Er wurde am 11. April 1699 in Bozen als Sohn des Dominik Franz Giovanelli, Ritters von Gerstburg, des landesfürstlichen Oberforstmeisters und seiner Ehegattin Katharina Kraus von Scala und Krausegg geboren. Er hatte 14 Geschwister, von denen zwei Brüder, Josef und Dominik ebenfalls Priester wurden. Johann Giovanelli trat die Seelsorge in der Pfarre Gunskirchen im Jahre 1742 an. In seiner Amtszeit begann der Protestantismus, der durch die Gegenreformation als besiegt angesehen wurde, im Jahre 1752 neu aufzuflackern. Es ging das Gerücht um, der kaiserliche Hof habe mit dem König von Preußen ein Abkommen abgeschlossen, dass die freie Religionsausübung, die Kommunion in beiden Gestalten und zwei öffentliche Kirchen mit Pastoren gestattet werden sollten. Und so kamen die Leute im Hausruckviertel zu ihren Pfarrern, ließen sich aus dem Beichtregister ausstreichen und gleichzeitig als Protestanten aufschreiben. Den Anfang machten die Bewohner des Vikariates Pennewang, wo sich 147 Pfarrkinder als Protestanten erklärten. Innerhalb von 14 Tagen bekannten sich im Hausruckviertel 1400 Personen offen als Lutheraner. Maria Theresia war fest davon überzeugt, dass der Protestantismus in Oberösterreich durch Intensivierung der seelsorgerischen Betreuung der Landbevölkerung wieder beseitigt werden könne. In den vom Protestantismus „angesteckten“ Gebieten wurden Missionsstationen errichtet. Im Pfarrgebiet von Gunskirchen wurden Missionare – Kapuzinerpatres aus Wels im Bauernhaus des Wangesberger in Thal 3, einquartiert. Die Aufgabe der Missionare war es, die Leute im katholischen Glauben zu unterrichten und zu bestärken, den Gottesdienst auch in entlegenen Dörfern zu feiern, die Leute in ihren Häusern aufzusuchen und i hnen dort Christenlehren zu halten, Protestanten auszuforschen und zur Rückkehr zum katholischen Glauben zu bereden, lutherische Bücher zu beschlagnahmen und dafür katholische Bücher zu verteilen. Zur einfacheren Verwaltung teilte man das ganze Missionarsgebiet in vier Bezirke ein, an deren Spitze ein geistlicher Missionssuperior und ein weltlicher Religionskommissar standen. In Missionsbezirk Lambach, amtierte Johann Cajetan von Giovanelli als Dechant von Gunskirchen und geistlicher Superior. Als weltlicher Religionskommissar stand ihm Franz Xaver Gapp, Hofrichter von Lambach, zur Seite. Dechant Giovanelli war als Missionssuperior die Schaltstelle zwischen dem Bischöflichen Ordinariat in Passau und den einzelnen Missionaren. Die Missionare mussten dem Dechant Giovanelli zweimal im Monat über ihre Tätigkeit ausführlich berichten und gab dann diese Berichte in zusammengefaßter Form an den Religons-Consessus in Linz und an das Bischöfliche Ordinariat in Passau weiter.

Liste der Transmigranten der Pfarre Gunskirchen. Susanna Stichlberger, 22 Jahre, Magd beim Hainzlbauern zu Kappling 2, Tochter aus 1. Ehe von Wolfgang Mayr, Häusler in Aichhuebsölden, Oberndorf 7, Gunskirchen, sowie ihr Bruder, Simon Stichlberger, Sohn aus 1. Ehe, 20 Jahre alt. Erbler Maria. Paul Holzinger mit seiner Frau Martha und 4 Kindern zwischen 2 und 12 Jahren. Der Bauer vom Uberlgut in Niederschachen 1, 53 Jahre alt. Schneider Michael Huebmer mit seiner Frau Maria und Sohn Wolf 16, Catharina Tochter 14, Maria 11 Jahre, wohnhaft gewesen im Schneiderhaus zu Purgstall, Oberndorf 9. Ehepaar Pabst vom Hirschmanngut am Berg, Joseph Pihringer vom Lebengut in Au bei Sierfling 3. Ehepaar Thomas und Eva Purgstaller, Jaglgütl in Lucken 8, Simon Silberhueber, Witwer und Bauer des Hochhausergütls, Au bei der Traun. Wolf und Regina Sturmbmayr vom Reindlgütl in Lucken 5 mit ihren 4 Töchtern. Martin Wisbauer vom Mäxlguetl in Baumgarting 5

Ein Temeswarer Wasserschub war eine organisierte Umsiedlung innerhalb der Habsburgermonarchie. Unter Maria Theresia wurden vor allem Personen, die nicht unmittelbar der Gerichtsbarkeit zugeführt werden konnten, darunter Landstreicher, Prostituierte, Wilderer, Schmuggler oder aufsässige Bauern mit Schiffen donauabwärts gebracht und im Banat angesiedelt, eine historische Region in Mitteleuropa, die heute in den Staaten Rumänien, Serbien und Ungarn liegt. Der erste Transmigrantentransport ging am 29. Juni 1734 von Goisern im Salzkammergut ab. 3.960 Personen wurden nachweisbar aus ihrer Heimat nach Siebenbürgen verschleppt. Zwischen 1744 und 1768 wurde je ein Transport im Frühjahr und Herbst durchgeführt und dabei insgesamt 3.130 Personen nach Temesvár deportiert. Diese stammten hauptsächlich aus dem Landl, d. h. den Gebieten um Gmunden, Laakirchen, Vöcklabruck (was zum Namen Landler führte) sowie aus Innerösterreich, d. h. aus Stadl an der Mur, aus Kärnten und der Weststeiermark nach Siebenbürgen.

Ihro kayserl. Majestät, Maria Theresia, haben zu Absonderung dieser Leute das Fürstentum Siebenbürgen aus der Ursach bestimmt, weil selbst zur Abschneidung der Korrespondenz am weitesten entlegen, an der Population Mangel leidet […] Schreiben der Siebenbürgischen Hofkanzlei vom 1. August 1753.

Der Pfarrer zu Felling sei nach Lambach gekommen und habe dem Prälaten berichtet, dass der Krödlinger zu Pfäffendorf eine von der Würtinger Schlosskapelle nach Bachmanning geführte Jubilo-Prozession mit gewaltiger Angreifung der beiden Fahnenträger attakieret und das Volk vom weiteren Fortgang habe ungestüm verhindern wollen. Er, Meingassner, habe vom Hofrichter den Befehl erhalten, den Krödlinger aufzusuchen und zu verwahren. Er habe Krödlinger nicht in seinem Haus angetroffen, sondern auf der gegenüberliegenden Eizenbergerstetten, wo er mit altem und jungen Volk schreiend von Glaubenssachen redete. Kaum habe der Krödlinger den auf ihn zugehenden Meingassner erblickt, sei er mit einem gespitzten großen Stecken in aller Geschwindigkeit auf ihn zu. Meingassner habe ihn abgewehrt, dann sei der rasende Krödlinger mit Hilfe des Dienerknechts ernsthaft ergriffen, zu Boden gebracht und an Händen und Füßen geschlossen auf einen Wagen gelegt und nach Lambach ins Gerichtsdienerhaus geliefert worden. In dieser Verwahrung, einem sauberen lichten Zimmer, habe sich Krödlinger drei Wochen lang befunden. Als Meingassner Krödlinger nachts besuchte, um die Eisen zu visitieren, habe ihm Krödlinger den gewöhnlichen Nacht-Söchter das erste Mal so grimmig auf den Kopf geschlagen, dass er sehr würflig und dumb geworden und das andere Mal mitten auf sein einziges gutes Auge, dass er in moment Kollschwarz und hinach wie tägblau ausgesehen, mithin schwere Empflindlichkeiten und Gefahren erlitten habe. Krödlinger habe bisher keinen Streich bekommen, obwohl er wegen seiner im Arrest ausgestoßenen Drohungen, dass er den Herrn Pfarrer von Offenhausen umbringen wolle, eine billiche Zichtigung verdienet hette. Nun sei er aber wegen dieses gefährlichen Schlags mit einem Ochsenziemer ergiebig gebritscht worden. Der Krödlinger sei dann immerhin mehrers zu seinem Verstandt gekommen, man habe ihn auf bewegliches Bitten seines Weibs nach Haus gelassen, auf stetes Anhalten der Geistlichkeit aber in einem besonderen Zimmer mit Anschlagung der Fußeisen bewahrt und durch einen Soldaten bewacht. Meingassner habe öfters nachgesehen. Krödlinger sei übrigens auch mit Aderlassen und anderen Adhibierungen so versorgt worden, dass er von seiner Raserey sich villerwegens erlediget bewiesen. Er sei nach bald darauf eingeloffener Translocierungsverordnung mit seinem Anhang nach Lambach in vorige Verwahrung gesetzet und nach zwei Tagen nach Linz abgeführet worden.

Am 14. Juni erklärte sich Krödlinger im Pfarrhof für evangelisch. Am 22. Juni wurde er von 2 Schergen abgeholt, mit deren beygehabten großen Eysen und Ketten aus aller Macht geschlagen, an Händen und Füessen gebundener auf einen Wagen geworffen und in das Schergenhaus yberbracht, dortselbsten aber so gebundener nidergeworffen, das ihme das Blueth zu Nasen und Maul herausranne. Er wurde noch durch zwey täg krumb mit einer einzigen ledigen Hand darnider zur erden geschlossen, mit einem ochsen fisl elendiglich gebritscht und, nachdem man ihm die andere ledige Hand gebunden hatte, acht ganzer täg in solchem Zustand gelassen, nachhin auf wehmütiges bitten und anlangen des weibs nacher haus gebracht und an die wand angeschlossen. In seiner Rechtferigung erklärte der Hofrichter, die mit Mathias Kiner gebrauchte ernsthaffte Verfahrung sei ein pures nothwendiges Mittl“ gewesen, die in eysen und banden schlagung erfolgte keineswegs wegen seiner Irrglaubigen Erklärung, sondern für wegen der ex rancore in sanctam religionem nostram gewaltthättig angegriffenen und öffentlich violirten dazumhalen im Monath Juny zu boden werffung aber wegen seiner it dem gespizten steckhen intendirte iedoch noch zum glickh außparirte massacrirung des landgerichts dieners Sebastian Meingassner. Auch die Niederschliessung mit einer hand die erfolgte Züchtigung, auch die Anschliessung an die wand in seinem aigenen Haus wegen gemeinsamber Sicherheit bis zur Vollendung deren adhibirten Aderläss Curen und geblüts Abzöpfung seien unumbgänglich erforderlich gewesen.

Dieser Brief wurde in Siebenbürgen von den Behörden abgefangen und kam später zu den Transmigranten-Akten ins Hermannstädter Staatsarchiv. Schon am 30. Juli wurde der Transmigrantensohn, wie er es im zitierten Brief befürchtet, zu den Soldaten gepresst. Keine drei Monate später, am 9. Oktober 1735, führte man die Mutter und die beiden Schwestern Maria, 37-jährig und Sara, 33-jährig aufs Schiff und in die Verbannung nach Siebenbürgen. Als Joseph am 31. Januar 1736 aus Szegedin in Ungarn erneut an die Seinen schrieb, wusste er wohl, dass man die Mutter samt Schwestern auch verschleppt hatte. Doch vom Tode seines Vaters und der beiden Brüder in Heltau hatte er noch nicht erfahren: „Herz vielgeliebte Eltern und Geschwister, ich kann nicht unterlassen Euch noch einmal zu schreiben und schreibe jetzt zum dritten mal von hier aus der Stadt Szegedin und einmal habe ich auf der Reise geschrieben, das ist 4 mal. Ich habe aber von Euch noch niemals keine Antwort erhalten […] ich berichte Euch, das wir alle 15 seien gewaltvöllig zu den Soldaten übergeben worden, und ist kein anderes Mittel mehr, es sey denn, daß wir außkauft würden, oder ein anderer Mann für uns stellen könten […] Zu Linz [unter Arrest im Wasserturm] sein wir 4 Wochen gewesen, hernach seyn wir mit 200 Neugeworbenen Soldaten nach Ungarn abgeschifft worden […] in die Stadt Szegedin und sein nun bei 4 1/2 Monats hier. Die andere Zeit haben wir mit Reisen zugebracht […] Was mich aber anbelangt, berichte ich Euch, das ich an leiblicher Nahrung kein Mangel habe. Hier ist alles wohlfeil und kann hier selber kochen was ich will und meine Verrichtung ist Schildwacht stehen und ziehen fast alle Zeit über 24 Stunden auf die Wacht. Was mich aber gesundheit halber anbelangt, steht ess mit mir fast alss wie zu Hause. Die Husten hat zwar etwas nachgelassen aber der Kopfweh kommt mich zu Weilen an, und bin schon 2 mal im Spital gewesen und allemal 4 Tage darinnen gewest […] Der Schwester Sara befehle ich, das sie das Lesen fleisig lerne […] möchte gern wissen […] wie es um meine Brüder steht und wie es Ihnen in dieser Zeit ergangen und wann unser Vater noch bei Leben ist […] Ich habe gehört, das wir auf den Frühling sollten ins Wälschland marschieren, aber das Auskaufen könnte vielleicht mit hin und wieder schreiben geschehen durch die keyserlichen Ämter. Josef Deibler Muschgatier vom gilty Regiment bey Hasslauer Gumpeneier in der Szegedin in der neuen Käessärn. Dieser Brief zu komme meinem lieben Vater Thomä Deibler aus Ober-Österreich abgereist, Emigrant in Siebenbürgen zu Hermannstadt in Neppendorf.

„Der strenge Herr, der Pfleger zu Ischel […] hat uns arrestierlich nach Linz gebracht. All dort wir 8 Tage in Arrest gelegen, als wir auf das Rathaus kamen, wurden wir gefragt alle zusammen. Was wir mit singen und lesen verbrachten, das bringt uns zu den Soldaten. Zu den Soldaten brachten sie uns hin […] Wir haben auch gar kein Handgeld genommen […] mit Hunger wollten sie uns bezwingen […] die Mondtur ward uns mit Gewalt genommen […] Unsre Kleider haben sie den Juden zu kaufen gegeben […] hernach als wir in das Ungarland kammen, da war es auch nicht leicht hergegangen. Wir mussten viel lernen und exerzieren und sollten uns richten ins Feld zu marschieren und hiermit liebe Mutter und Schwestern mein und so viele Euer noch bey Leben seyn […] Der Vater und Brüder seyn schon in der Ruh, Gott helf uns auch gnädig dazu. Er verleih uns ein glückseelig End und nehm unsere Seelen in seine Händ.

Hanns Pauer, 35 Jahre alt, auf dem Ganglguth zu Sicking, mit Weib Eva und deren Kind Johann Georg, 9 Jahre alt, Herrschaft Puchheim,Pfarre Regau, Transmigration 3. Transport, 10. September 1752, Hans Pauer aus Buchheim auf dem Gaengelgut

Schreiben an Herrn Adam Paur in Vöklabruck, Pfarrergrüss. Ich Hanss Baur Gaengl zu Sicking lasse meine Geschwistert alle drey zum schönsten griessen, auch den Kriecher zu Schalchham auch den Hubner zu Wangham und sein Weib. Ich mache Euch zu wissen, dass mir jetzt und in guter Gesundheit seyn, Gott sey dank. Ich, mein Weib, auch das Kind und bitten Euch, ihr möcht von der Güte seyn und möcht mir auf das Kind sechen, das ihr unter Euren Händen habt, denn Ich bin inner worden, es solt mit ihm gar übel zugegangen seyn im Oberhaus. Ich hab gehört, dass das nicht unter der Bank das Kind gelitten haben, sondern hat unter das Tach hinauf müssen, das macht uns viell Herzensleidt und Bekümerniss, aber wir hoffen mit der Hilfe des Allmächtigen Gottes, mir werden widerrumb zusamben kommen, wann uns Gott das Leben verleichet in unserem Latter Landt, hiermit seindts zum schönsten gebetten von wegen des Kind und Gott behielt euch in gütter Gesundheit. Hiermit seys dryen Hanns Baur, Mathias Enser, Wolf Paumgartinger zum schönsten von uns gepriest und bitten Euch um eine Antwort, wie es in unseren Vatterland zugehe und wann ihr uns schreiben thuet, so schreibt auf die Überschrift, dieser Brieff zukomme dem Ehrsamen Joseph Peer in Neppendorff nebst Hermanstadt, Wien a Hermanstadt.

Schreiben Maria Theresias an Praes und Raete der Repraesentation und Kammer des Erzherzogtums Oesterreich ob der Enns. Als einer der gefaehrlichsten Konventikulanten und Raedelsfuehrer, welcher schon zur Zeit der vom Landesfuerstl. Kommissar von Doblhof vorgenommenen Local-Untersuchung Verdacht auf sich geladen hatte, wird laut Bericht des Pater Missionarius von Regau der sogenannte “Gaengelbauer zu Sicking” angegeben. Es wird befohlen unter anderen auch den Gaengelbauer sind in Erfahrung zu bringen (Verhoer wird befohlen) und als freventliche Uebertreter des Verbots unnachsichtlich zu bestrafen. Beilage 1: extract um aber dergleichen Leuth, so in 6 puncto begriffen individualiter anzuzeigen und solche als Verfuehrer zu annotieren Hanss Baur zu Sickhing auf dem gaengl guth, sogenannter Gaenglbauer, Hsch. Puchheim wurde von den anderen Leuten als “ihr verfuehrerisches Haupt” bezeichnet. Der Mesner von Regau berichtete, der Gaenglbauer haette am Palmsonntag in einer lutherischen Zusammenkunft eine lutherische Predigt gehalten. Dem P. Missionario in Sickhing P. Stephano hat er sich widersetzt, und seiner Christenlehr und gruendl. Beweistum mit boshafter Verstockung widersprochen. Er hat solchen Einfluss auf seine Nachbarn, dass er “ein Rechter Seductor kann genennet werden” Waere er gleich anfangs zur Emigration angehalten worden, “die mehriste vom Dorf Sickhing wuerden zurueckgekehret seyn.”

18. Jänner 1753. Wierttinger Ambt Inventarium, nachdem Hanns Baur zu Sicking, Pf. Regau nebst Eva, seiner Hauswirtin als der Irrlehr verstrickte Anhaenger […] nach Ungarn abgeschickt worden. Erben seyn die Kinder Hanns Georg 8 1/2 Jahre und Sabina 5 Jahre alt. Das Leibl= oder halbe Stuexlguetl zu Sicking hat man nicht hoeher zum Verkauf bringen koennen als 260 f. Fahrnisse 140 f, Schulden herein 12 f, Summe des Vermoegen 412 f, Schulden hinaus 469 f. Schulden uebersteigen das Vermoegen um 57 f . Crida. Das Gut wurde um 260 f Hannss Moessl und seiner Ehefrau Sabina verkauft, der seine bisher innegehabte Behausung “Sonnleuthen” dem Mathias Neckenbergen und seiner versprochenen Braut Rosina um 200 f verkauft hat.

In einem Schreiben vom 1. Dezember 1752 bat Giovanelli den Hofrichter, ihn vom Befehl des Religions-Consessus bezüglich der „arrestierung ainiger lutherischer baurn“ und des Verbotes der „Rockhenraissen“ zu unterrichten. Bei diesen wechselnden Zusammenkünften an Winterabenden in verschiedenen Bauernhäusern wurde von Frauen und Mädchen mit Spinnrad, Rockenständer und Garnhaspel fleißig gearbeitet. Männer und Burschen sorgen für Unterhaltung und Kurzweil. Da diese Zusammenkünfte immer häufiger als Tarnung zur Unterweisung in der Lehre Luthers und zum Absingen protestantischer Kirchenlieder dienten, wurden sie verboten.

Dem Schreiben vom 4. März 1753 legte Giovanelli ein „Attestatum“ über Martin Wisbaur auf dem Mäxlgütl zu Baumgarting, einem Bruder des „Gasperls“ in Wallnstorf, bei und bat, „dissen Verstockhten Irrglaubigen in der Lista deren transportandorum anzuschreiben, damit selber mit dem ersten transport abgeschickt werde“. Martin Wisbaur entzog sich der Verhaftung durch Flucht nach Ortenburg.

Pfarrer Giovanelli starb am 2. Juli 1770 im 72. Lebensjahr. Die Inschrift auf seinem Grabstein auf dem Stadtpfarrhof besagt: „Dilectus Deo et hominibus“ (beliebt bei Gott und den Menschen)

hans

der hans des woar a brutaler. der hod sei eigane frau gschlogn. hod se obegrennt üba de stiagn a. de hod si moi den oarm brochn. hod as üba de köllastiagn obegrennt. und don hod er hoid den dokta oagruafn den engl. den hobn mia ghobt ois hausoarzt und won ma vom Hans irgendwos oangfongan hobn don woar er nimma trawig don is los gongan. er hod jo sochan. wie de vom Hans Frau gstorbn is hod er recht lamentiert hob i eam a fotzn eineghaut hod er gsogt wei ears gwusst hod wie er sie behondlt hod. und don hod er amoi. hod söba ka telefon ghobt und darnoch is ear zum nochboarn gongan. eam gehts so schlecht sofort muass der dokta kemman. ned. und des woar im frühjoar a sauweda hods ghobt und wia da engl aussafoart zum hans wer begegnet eam. der hans mit de gummistüfn. na der woar oarg. ganz oarg. bestöhd den dokta er muass sofort kuman. war er noch goispoch gongan mit de gummistüfln. ned. bei dem gresstn sauwetta. üba den alloa konnst a buach schreibn. der hod jo doch und er woar jo donn scho ziemlich verwirrt. do hobns de loacka do voarm haus. wast eh. homs so a loacka ghobt do hoad er di gonzn hundata einegschmissn des göd hod er einegschmissn und don is er nu noche und hods wieda gfongt. hochmusikalisch woar er. kapömasta von da eisnbohnamusik. sei muata hod zerst imma obegehn miassn. wie er don aloa gwesn is sogd schwiegamuata na sie geht wieda zum hans. ned. und wias don di letzte zeit nimma so guat gwesn is auf di fiass. i fiar di eh oawe. ned. und olle wochn is sie don oawegfoarn zum hans noch fornwoid. i fiar di eh oawe. na i geh eh. bis i amoi gsogt hob des geht jetzt ned wei des is afoch zweit. noa fiarst mi hoid oawe. don hob i sie oba nur bis zua strossn wo ma vom weg aussefoart. durt is ausgstiegn. na zuwefoarn brauchst ned. hob ni mitfoarn dearfn. zuwefoarn derfst ned. don is zuwe gongan. des is oba a stück oawe. und oamoi hods gsogt zu mia. du da hans mecht di segn. woanst mi oawefiarst du soist a mitgehn. i hob ka so guats vahöitnis zu meina schwiegamuata ghobt obwoi is eh pflegt hob und ois. und don samma oawe und i bin einegongan und da hans sogt zu mia. goi du host jo so a brave schwiegamuata. zu mia. sog i jo du kennst as eh. des vagiss i ned. da hans. den gonzn mogn aussegnuman und do hobn die ärzte gsogt no jo a hoibs joar gebns eam nu. und do hod er glaub i nu zehn joar glebt. des hod eh dei schwiegamuata öftas gsogt. hods earm an schnops mitgnumman. zwa flascherl schnops. hod er gsogt des muass eingnumman werdn. mit ochzg joar ummanond. weils gsogt hobn der kon ned long lebn. a hoffnungslosa foi hod kan mogn. oba der hod an eisern wüln ghobt. des wos er tuat des ziagt er a durch.

Die Ikari der Stari Most

Hoch oben im Turmcafe des alten Wachturms, sitzt er und lässt seinen Blick von den engen Gassen geduckter Steinhäuser des kroatischen Westteils hin zur alten Brücke, der Stari Most schweifen. Herz und Symbol von Mostar. Vor ihm ein Glas türkischen Kaffees, den er in den letzten Wochen zu schätzen gelernt hat. Er blickt hinunter auf die in der Sonne glänzenden nassen Körper der jungen Männer, der Brückenspringer.  Anfangs da sprangen sie noch, um so manchem Mädchen ihren Mut zu beweisen, ihnen einen Belohnungskuss abzuringen oder gemeinsam träumend am Flussufer zu sitzen, wenn die Sonne sich ein letztes Mal dunkelrot in der Neretva spiegelt, um die Kühle des Abends zu genießen. Nicht immer war es Liebe, die junge Männer todesmutig in die Tiefe springen ließ. Schon vor hundert Jahren saßen wohlbetuchte Leute in dem kleinen Turmcafe über der Brücke und warfen ihnen Goldmünzen aus Fenstern zu, die sie mit ihren Mützen fingen. Dann erst stiegen die jungen Männer auf die steinerne Brüstung, breiteten ihre Arme aus theatralisch und erhaben und warteten. Stille. Innehalten. Die Welt um einen herum vergessen. Abschalten. Dann, ein Schritt nach vorn, ein Schritt ins Nichts. Vier, fünf Sekunden lang der Fall in die Tiefe, bevor ihr Körper ins dunkle Nass der Neretva eintaucht. 25 Meter von der Brüstung der alten Brücke bis ins türkisgrüne eiskalte Wasser. Kein Springen, kein Fallen, sie fliegen, die Ikari der Stari Most.