Franz Aichinger, Zögling der Ackerbauschule in Ritzlhof, ehelicher Sohn des Franz und der Aloisia Aichinger, geborene Höftberger, Kettlgruber in Stockerberg, verließ am Vormittag des Heiligabend im Jahre 1912  des Herrn, den Schlafsaal des Internats, in dem er während der Schulmonate wohnte, und bummelte, denn er hatte keine Eile, da sein Zug erst in einer Stunde vom Nettingsdorfer Bahnhof abfahren würde, in östlicher Richtung auf den Krems-Fluss zu, der von einer Wehr gedrosselt, nun zu einem Flüsschen verkommen war, aus dessen seichten türkisgrünen Gewässers sich einzelne Sandinseln sanft erhoben, auf denen er an so manchen heißen Sommernachmittagen sich seiner Schuhe, Strümpfe, Hose, Hemd und selbst seiner Unterhose entledigte und unverhohlen und nackt, ganz so wie Gott ihn vor zwölf Sommern erschuf, sinnlich erregt, aber doch vorsichtig genug, um nicht während seines Bades vom Oberlehrer Haarmann arripiert zu werden, welcher jegliche Betätigungen, die sich nicht unmittelbar vor seinem gestrengen Auge zutrugen und auf die er deswegen keinen Einfluss ausüben konnte, aufs Allerstrengste untersagt hatte, mit der unzukömmlichen Begründung, dass er sich den Eltern, einfachen Bauersleuten, welche per annum ein Schulgeld von zwölf Kronen berappen mussten— was etwa dem Gegenwert einer zweijährigen Milchkuh entsprach—, in höchstem Maße verpflichtet fühle und er es deswegen als seine Pflicht ansah, jegliche Fährnis, welche das körperliche Wohl derer Söhnemänner beeinträchtigen könnte, von ihnen fernzuhalten, da die ihm überlassenen Zöglinge, alles angehende Jungbauern, deren Fügung es vorsehen wird, dass sie eines nicht allzu fernen Tages, nach dem erfolgreichem Abschluss der zwei Jahre dauernden Ausbildung in Pflanzenbau, Pflanzenernährung, Tierhaltung sowie landwirtschaftlicher Betriebs- und Marktlehre, den väterlichen Hof zu übernehmen und damit eine uralte Familientradition am Leben erhalten werden — doch nun war es tiefster Winter und er erinnerte sich an so manchen heißen Juli oder August Nachmittag, als er sich mitsammen seiner Bettnachbarn heimlich aus dem Schlafsaal schlich und sie sich an der Frische und Kühle des glasklaren Wassers der Krems erfreuten, wenn sie nackig und wild darin herum tollten, im knöcheltiefen Fluss erst Fangen, dann Verstecken spielten und sich aus diesem Grunde hinter dicht bewachsenem Buschwerk vor dem Sucher, welcher gerade mit dem Ausruf: „Hinta mir, vorda mir, links, rechts, gülts ned!“ eine neue Runde eröffnete, verbargen, oftmals in Gruppen von zwei, drei oder mehr Burschen, die, um sich die Zeit des Wartens zu verkürzen, darangingen, ihre Knabenkörper in allen Einzelheiten unter einander zu vergleichen, Körper, die sich in einem Zustand der Wandlung befanden, zwischen dem eines unschuldigen, meist noch unberührt gebliebenen kindlichen Jünglings, und dem des während des letzten Schuljahres wie eine junge Eiche in die Höhe geschossenen Epheben, der sich, unter den glotzenden und neiderfüllten Blicken seiner Spielkameraden, seines Oberlippenflaums, einzelner Achsel- und Schamhaare, sowie seines Penis, welcher sich jedenfalls bei den meisten in Länge und Umfang schon stark von den kleinen Phimose-geplagten Zipfeln der jüngeren und spätpubertierenden  Buben unterschied, brüstete — doch jetzt war Winter und die heiligste Zeit des Jahres stand heran, eine Tatsächlichkeit, derer sich unser lieber Franz in diesem Augenblick bewusst wurde und die ihn mit einem Male aus seinem Tagtraum, dem er gerne noch ein wenig länger angehangen wäre, riss, und die seine linke Hand mit von der Kälte klammen Fingern veranlasste, unter den Havelock zu greifen, um aus seiner rechten Westentasche eine stählerne Remontoiruhr mit weißem Ziffernblatt und römischen Ziffern, die an einer silbernen Kette hing und an der sich als Anhängsel ein Schweinchen befand, hervorzuholen, jene Uhr, welche ihm letztes Jahr sein Onkel und Firmpate Josef als Geschenk überreicht hatte und ihn, als er einen schnellen Blick darauf geworfen hatte, mit Erstaunen und Schrecken feststellten ließ, dass er sich nun sputen musste, um den Zug, welcher zur vollen Stunde vom Nettingsdorfer Bahnhof abfuhr, noch zu erreichen, was er dank seines flotten Schrittes und der völligen Abwesenheit von Tagträumen spielend schaffte und sogar noch einen freien Platz in dem ungeheizten dritte Klasse Wagon fand, welcher sich in einer langen und für die Passagiere der Holzklasse saukalten Fahrt, nachdem er die Stationen: Ansfelden, Traun, Sankt Martin und den Wegscheider Bahnhof passiert hatte und sich dann in Linz einfand, wo unser Ackerbauschüler nun nicht nur an seinem Hinterteil, sondern am ganzen Körper frierend und noch immer tagtraumlos eine weitere gute Stunde auf den nächsten Zug Richtung Gunskirchen warten musste, in den er schließlich einstieg und während der Fahrt, welche sich über Leonding, Pasching, Hörsching, Oftering, Marchtrenk und Wels erstreckte, eine Jause verschlang, welche von der Köchin am Ritzlhof, die sämtliche Internatszöglinge und auch die Lehrerschaft bekochte und die der kleine Franz Aichinger an ihren vor zwei Jahren tragisch tödlich verunglückten Sohn (er ist nicht in der knöcheltiefen Krems ertrunken, sondern brach sich das Genick, als er beim schulischen Ernteeinsatz von einem Birnbaum fiel), den kleinen Fritzi, erinnerte und die ihn deswegen besonders gern hatte und deshalb für ihn — und nur für ihn — jene Jause, die aus einem Butterbrot, einem Stück Speck, Käse, einem Apfel und einer Kanne viel zu süßem Tees bestand und in Speckpapier eingepackt war, er auf einen Satz aufaß und dazu eine halbe Kanne Kräutertee trank, der seinen Körper angenehm anwärmte, um endlich! am späten Nachmittag, um kurz nach sechs, am Heiligen Abend, auf dem Bahnhof in Gunskirchen einzutreffen, wo ihn noch ein weiter Weg bis zum Kettlgruber Gut, welches in Stockerberg, ganz in der Nähe von Offenhausen, auf einem sanft zur Hauptstraße abfallenden Hügel gelegen war und sich nicht unharmonisch in die kahle Winterlandschaft einfügte, oder besser, sich in ihr verlor und wo sein Vater gerade dabei war, seine Pfeife, welche er gewohnheitsgemäß nur nach dem Abendessen rauchte, aber heute, dem Tag der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, schon früher zu stopften begann, während er mit erwartungsvollem Blick aus dem Fenster der Bauernstube der matten bleichen Wintersonne nachsah, wie sie hinter den Hügeln verschwand, und seine Mutter sich mühte, in der vom Ruß geschwärzten Rauchkuchl das Ofenfeuer durch Zugabe von dünn gehackten Holzscheiten und durch gleichmäßiges pausbäckiges Blasen erneut anzufachen, damit ihr lieber Junge, auf den sie so stolz war, sich nach dem langen zweistündigen Fußmarsch wieder rasch aufwärmen konnte, um danach endlich den Heiligen Abend durch ein gemeinsam angestimmtes „Vater Unser“ vor dem Herrgottswinkel beginnen lassen zu können, jenen Weihnachtsabend, den sie sich so lange herbeigesehnt hatte, ebenso so sehnlich wie unser Franz, der sich einer kleinen Gruppe von Arbeitern, die er im Zug aus Linz kennengelernt hatte und die genauso wie er im Begriff waren, zu ihren Familien heimzukehren, angeschlossen hatte, in der berechtigten Hoffnung, durch oberflächliches Gespräch und schale Witze, vollgespickt mit sexuellen Anspielungen und Zweideutigkeiten, die er — um ehrlich zu sein — noch nicht alle verstand, Ablenkung zu finden von der eisigen Winterkälte und dem beißenden Wind und Gedanken an die Länge des noch vor ihm liegenden Fußmarsches und um sich gegenseitig zu einer schnelleren Gangart anzutreiben — so waren sie schon an der Pfarrkirche vorbeigegangen, bei der die Männer ohne stehen zu bleiben den Hut zogen und sich bekreuzigten, und Franz, in Ermangelung einer Kopfbedeckung, die er zur Ehrerbietung Gottes hätte ziehen können, seinen Rosenkranz, den er von seiner Großmutter Franziska, von ihm liebevoll „Franzi-Oma“ genannt, letzte Weihnachten als Geschenk bekommen hatte, und den er seitdem fast immer in der Hosentasche bei sich trug, wo er ihn nun ganz fest drückte, als wolle er versuchen, aus ihm die nötige Kraft heraus zu pressen, um den Rest seines Nachhauseweges zu schaffen, sowie um den Schutz der Heiligen Maria Mutter Gottes, welcher ihm jedoch, wie wir noch sehen werden, versagt bleiben würde, eine Gegebenheit, oder nennen wir es eine Fügung des Schicksals, derer sich der junge Franz Aichinger nicht bewusst war, weder in dem Moment als er am Dorfgasthof vorbeiging, wo sein Vater sonntags am Stammtisch sitzend nach der heiligen Messe ein Bier, selten waren es zwei, trank, während er mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester, die er fürsorglich an der Hand hielt, durch Gunskirchen schlenderte, um sich darüber zu erfreuen, dass, obwohl nur für ein paar wenige Stunden und das auch nur an bestimmten Sonntagvormittagen an denen des Großvaters von einem Leben knochenschindender Arbeit wie zu einem Brett verhärteter Rücken und ihm seine fortwährenden Schmerzen in den alten Knochen und Gelenken einigermaßen erträglich waren und es deswegen zuließen, dass er sich auf einen kleinen dreibeinigen Schemel niederließ, um die beiden Kühe bis zum letzten Tropfen aus ihrem Euter abzumelken, was im Sommer dreimal, im Winter zweimal täglich zu erfolgen hatte, und ihnen danach einen Ballen getrocknetes Heu zum Füttern aus der Scheune in den Stall zu tragen — Beschwerden, welche laut Doktor Baillous Lehre von den vier Körpersäften von kaltem Schleim herrühren, welcher vom Gehirn herab zu den Extremitäten fließe, was vor allem in der kalten Jahreszeit verstärkt erfolge, wenn also an einem Wintertage, an denen das Wetter gnädig und sich dadurch Großvaters körperliches Wohlbefinden entsprechend erhöhte, was, falls diese freudigen Umstände auch noch an dem Tag des Herrn zusammentreffen würden, wahrlich für alle ein Grund der Freude war, und es dann dem Rest der Familie erlaubte, die Monotonie der Abgeschiedenheit des Kettlgruber Hofs mit der verhältnismäßigen Betriebsamkeit der Stadt einzutauschen —, doch um wieder zu Franz zurückzukehren und zu dessen Unwissenheit darüber, dass jeder Schritt, den er auf der einsamen Hauptstraße tat, welche einem lächerlichen, zum Baden viel zu ärmlichen kleinen Gerinnsel folgte, nämlich dem Grünbach, der weder grün noch wichtig genug war, um Namenspatron für das Tal zu sein, welches eigentlich auch gar keines war, und eben dieser besagten Straße er nun folgte, welche ihn um ein Stück seiner Bestimmung näher bringen sollte, und auf welcher er nun schnellen Schrittes entlang ging, sich weder die Zeit nehmend, um auf seine Uhr zu schauen, um die wenigen Minuten die ihn noch von seiner Schicksalsfügung trennen sollten, abzulesen, noch sein Haupt, welches er der Kälte wegen, tief in aufgestellten Kragen seines Mantels gedrückt hatte, zu erheben, als er zu seiner linken am imposanten Hainzlhof, welcher seit dem plötzlichen Tod des Altbauern Franz Voraberger erst im letzten Jahr in den Besitz seiner Witwe Aloisia übergegangen war, und dem Lippenguetl zu seiner Rechten, gefolgt vom abgewirtschafteten Demmelguetl der Familie Öttl und dem alten Scheiderhaus des Kramerbauerns, in dessen unmittelbarer Nähe der Traunerhof steht, dessen Bewohnern, der Familie B., in dieser immer düster werdenden Geschichte, wie wir später noch genauer erfahren werden, eine wichtige Rolle zukommen wird, welche deren Schicksal mit dem des nun im kalten Wind steten Schrittes vorbei marschierenden zitternden Jungens, der durch Schneematsch — denn es hatte heute Mittag noch geregnet — und in der einbrechenden Dunkelheit dieser schicksalsträchtigen Nacht, über welche in den kommenden Wochen noch viel gesprochen, vieles falsch berichtet und vor allem bösartig getratscht werden wird, und der von dem einzigen Wunsch überkommen war, so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen, um dem eisigen Nachtfrost zu entfliehen, und sich endlich! in die Arme seiner Mutter fallen und an ihren weichen Busen drücken zu lassen, als er eine fatale, eine katastrophale Entscheidung traf, oder es sein unabwendbares Schicksal war, in dem Moment, als der Maurer Weber von Langwies, der letzte aus der Wandergruppe, welche sich nach und nach aufgelöst hatte, der noch, als sich ihre Wege trennten, zu ihm gesagt hatte, er solle doch etwas warten, weil ohnehin Maurer aus Offenhausen bald nachkommen würden und er dann wieder eine Begleitung auf dem Heimwege hätte, sodass er dann gemeinsam mit seinen neuen Weggefährten den Rest seines Nachhausegangs fortsetzen könne, welcher ihn über Kurzenkirchen und Großkrottendorf, an der Mairhofkapelle vorbei nach Stritzing führen sollte, wo der von drohendem Unglück beseelte Bub vorhatte, die Hauptstraße zu verlassen und über einen kleinen Feldweg das Bauernhaus seiner Eltern in Stockerberg, zu erreichen, doch die Vorsehung hatte mit ihm andere Pläne, wie ein paar Tage später, die k. k. Gerichts-Kommission unter der Leitung des honorigen Studienrates Dr. Huber herausfinden würde und deren Zusammenfassung des bisherigen Standes der Ermittlungen in sorgfältig gewählten und einige Male im Stillen geprobten, dann jedoch gestotterten Worten, durch den Gendarmen von Gunskirchen den vor Sorge fast verrückt gewordenen Eltern des bemitleidenswerten Jungen überbracht worden war, nämlich, dass der kürzlich von einem Knecht aus Kappling im dichten Buschwerk neben dem Grünbach — an einer Stelle an der das Dickicht jener, ohne Zweifel vom leibhaftigen Teufel besessenen Person, Mutmaßungen und Gerüchte sprechen von einem Ortsfremden, wahrscheinlich einem Zigeuner, Landstreicher oder umherziehenden Scherenschleifer, ausreichend Schutz und Verborgenheit bot, um durch das Abdrücken der Luftröhre diesen vom Leben zum Tode zu bringen — mit dem Kopf nach unten und in einer Pfütze gefundene, leblose, mittlerweile starre und gefrorene Körper, ohne dass es darüber den geringsten Zweifel gab, als der des zwölfjährigen Ackerbauschülers Franz Aichinger identifiziert wurde. Wer diese furchtbare Tat begangen hat und aus welchem Motiv ein junger unschuldiger Knabe hatte sterben müssen, sollte nie wirklich aufgeklärt werden.

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