Warnung an den Leser

Der Author hat sich dazu entschieden, in diesem Artikel Klarnamen zu verwenden, weder um ehemalige Nazi Funktionäre und damalige prominente nationalsozialistische Anhänger der Stadt Grieskirchen zu „outen“, noch um Tratsch oder Voyeurismus über längst Verstorbene Vorschub zu leisten, sondern aus einem einzigen Grund: Um dem geschichtlich interessierten Leser aufzuzeigen, dass ein totalitäres System, wie jenes der NS-Diktatur, welche nicht nur dem Staat Österreich seine Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit nahm und dem Land für sieben Jahre seinen brutalen Willen aufzwang, auch in jedem Ort, in jeder Stadt und in jedem Dorf, seine willigen Helfer und Vollstrecker hatte, ohne deren Einsatz und Unterstützung sich das Nationalistische Terrorregime niemals so mächtig und allgegenwärtig entfalten hätte können.

Auch im Bezirk Grieskirchen war ein buntes Spektrum von fanatischen Anhänger, stillen Befürwortern und opportunistischen Mitläufern— angefangen von kleinen Funktionären und Blockwarten —  bis hin zu SS- und SA-Männern, Kreisleitern und schweren Kriegsverbrechern, vertreten. Die meisten jener Personen, welchen das Nazi-Regime zu einem schnellen Aufstieg, zu Macht und Ansehen verhalf und sie dann in einem tiefen Fall mit sich in den Untergang zog, waren Väter, Mütter, Söhne und Töchter aus teilweise alteingesessenen, angesehenen und respektierten Grieskirchner Familien. Dem Autor ist es ein Anliegen in dieser Artikelserie, anhand von dokumentierten Geschehnissen in der Stadt Grieskirchen aufzuzeigen, dass ein faschistisches System, kein abstrakter und von oben auf die Menschen aufgesetzter künstlicher Begriff ist, sondern seine Wurzeln in jenen lokalen Bevölkerungsteilen hatte, welche willig waren, einem rassistischen und totalitären Terrorregime bedingungslos als Räderwerk zu dienen. Dass dabei oftmals die Grenze von Moral und Anstand überschritten wurde und Fanatismus und verblendeter Hass, das gewohnte respekt- und würdevolle Miteinander eines beschaulichen Stadtlebens ersetzte, wird am Beispiel des Postenkommandenten Hammerschmied nur allzu deutlich veranschaulicht.

Lauter alte Schachteln

Im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz schlummern, für jedermann öffentlich zugänglich, 785 Schachteln mit Akten der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen aus den Jahren 1858 bis 1955. Darunter finden sich auch zahlreiche Dokumente aus jener Zeit, als unsere Heimat ein Niemandsland zwischen dem Albtraum und unsäglichen Leids der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur und der Idee einer neuen, eigenständigen Zweiten Republik eines Landes, welches verzweifelt versuchte seine eigene, seine österreichische Identität wiederzufinden. Jene wurde am 12. März 1938 unter dem überschäumendem Jubel der Bevölkerung, dem Wahnsinn einer großdeutschen Idee geopfert. Hitlers Selbstmord hinterließ das Trümmerfeld eines besiegten Landes, welches führerlos, aufgeteilt unter vier Siegermächten, vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe stand, die Einflüsse des Nationalsozialimus aus der Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Justiz und vor allem aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben, ein Unterfangen, welches trotz guter Vorsätze und anfänglichem Elan, zum großen Teil zum Scheitern verurteilt sein wird. Dieser Fluch des ewiggestrigen Denkens wird ein gerade erst wiederauferstandenes, demokratisches Österreich für viele Jahrzehnte immer wieder heimsuchen und oftmals in Versuchung führen, die Geister der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Deswegen stand nach der Befreiung für die Besatzungsmächte eines vor vornherein ganz klar fest: Ohne Entnazifizierung würde es für Österreich keinen Staatsvertrag geben!

Mama, die „Amerikana“ sind da!

Als am Freitag, dem 4. Mai 1945 um 14.20 Uhr, die ersten amerikanischen Fahrzeuge und Panzer am Roßmarkt eintreffen, ohne dass auch nur ein Schuß fällt, ist nun endlich auch für Grieskirchen, der von vielen ersehnte und von manch anderem gefürchtete Tag der Befreiung oder der Niederlage gekommen. Dr. Josef Hofer, der von den Nazis ins KZ Buchenwald gesteckt und dort schwer misshandelt wurde, leitet in Koordination mit den einrückenden amerikanischen Truppen die Aktion der Österreichischen Freiheitsbewegung, zur kampflosen Übergabe der Stadt. Noch am selben Tag, als Grieskirchen von einer siebenjährigen Nazi Herrschaft befreit wird, „ [tritt] die Österreichische Freiheitsbewegung […] auf und übernimmt die Gewalt. Es werden in Sicherheitsgewahrsam zur Gendarmerie genommen: Kreisleiter Humer, Pöschko, Kreisschulrat Kayer, DAF-Obmann Ebetshuber, NSV-Obmann Wasmayr, Heher, Antoniol und Stoll.“, schreibt der Rechtsanwalt Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt, von 1938 bis 1945 Nazi Bürgermeister der Kreisstadt Grieskirchen, als einen seiner letzten Einträge in das Tagebuch. Am Sonntag, den 6. Mai ergeht ein „Befehl der amerikanischen Truppen, bis 18 Uhr alle Waffen, Munition, Feldstecher und Fotoapparate abzugeben sowie nationalsozialistische Schriften zu vernichten. Die Bevölkerung kommt dem Befehl reibungslos nach.“ Am nächsten Morgen um 12.00 Uhr übergibt Dr. Peyrer-Heimstätt das Bürgermeisteramt an Herrn Leopold Gföllner, welcher schon von 1936 bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht die Geschicke der Stadt lenkte. Dr. Josef Hofer wird zum Bezirkshauptmann des Bezirks Grieskirchen ernannt.

Die amerikanische Militärregierung unter Führung des Stadt-Kommandanten Major Davis bezieht ihr Quartier im Gebäude der ehemaligen Privatmädchenhauptschule in der Friedhofgasse (früher Köstlingergasse), welches die NSDAP von Borrowmäerinnen-Schwestern beschlagnahmt hatte und welches während der Nazi Diktatur die Kreisleitung von Grieskirchen beherbergte.

Nachdem die Rote Arme am 13. März 1945 den Kampf um Wien für sich entscheiden konnte, wird am 27. April im Wiener Rathaus die Proklamation über die Selbständigkeit Österreichs, mit welcher der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vom 13. März 1938 für null und nichtig erklärt wurde, von Vertretern der drei Gründungsparteien der Zweiten Republik unterzeichnet. Dadurch ist die politische und rechtliche Basis für die am gleichen Tag erfolgte Konstituierung der provisorischen Staatsregierung Renner, auf der Grundlage der Moskauer Deklaration von 1943, gegeben. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird am 8. Mai 1945 das Verbotsgesetz erlassen, welches am 6. Juni in Kraft tritt. Dadurch werden die NSDAP, ihre Wehrverbände sowie sämtliche Organisationen, die mit ihr zusammenhängen, offiziell aufgelöst, sowie die Wiederbetätigung für nationalsozialistische Ziele verboten.

Die Kriegsverbrechen müssen gesühnt werden!

Während auch in Österreich allmählich, nach Jahren der Gleichschaltung, die ersten freien Zeitungen, aus ihrem Trauma, ein Propaganda Sprachrohr des Großdeutschen Reiches gewesen zu sein, erwachen und versuchen den neuen, noch befremdlichen Geist von Demokratie und Meinungsfreiheit in der Bevölkerung zu wecken, wird am 4. Dezember 1945 die erste Kriegsverbrecherliste in den Tageszeitungen veröffentlicht. Unter der Überschrift „Die Kriegsverbrechen müssen gesühnt werden!“ erfährt der Leser, dass „aus Gründen einer erschöpfenden und erfolgreichen Untersuchung es derzeitig nicht zweckmäßig [ist] die Öffentlichkeit bis ins einzelne zu unterrichten. Es werden jedoch fortlaufend Listen mit Namen besonders schwerer Kriegsverbrecher veröffentlicht werden.“ Auf der alphabetisch geführten Liste finden sich unter anderem, der bereits in Haft befindliche, in Ried im Innkreis geborene Dr. Ernst Kaltenbrunner, (unvollständigerweise als SS-Obergruppenführer, General der deutschen Polizei und Chef des SD bezeichnet), sowie der Gauleiter von Oberösterreich, Mitglied des Reichstages und SS-Oberführer August Eigruber, der ebenfalls im Mai 1945 von der US-Armee verhaftet wurde und wie Kaltenbrunner am Strang enden sollte. Mit Anton Reinthaller, Minister im „Anschlußkabinett“ und SS-Oberführer, nachmaliger erster Bundesparteiobmann der FPÖ, findet sich ein weiterer Oberösterreicher auf dieser ersten Liste der schwersten Kriegsverbrecher Österreichs.

Der Versuch einer österreichischen Entnazifizierung

Im großen und ganzen verläuft die Entnazifizierung von Österreich in vier Phasen. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 werden, oftmals unter Mithilfe der örtlichen Freiheits- und Widerstandsbewegung, ortsbekannte lokale Nazi Funktionäre und Anhänger aufgestöbert und verhaftet. In Wolfsberg und Glasenbach richten die Alliierten Anhaltelager für hochrangige Nazis ein, in welchen sie zwischen 1945 und 1948 rund 80.000 Funktionäre und Sympathisanten des untergegangenen NS-Regimes gefangen halten werden. Diese Lager sind geplant worden als ein Versuch einer Umerziehung und Isolierung, um die spätere Integration in ein demokratisches Nachkriegs-Österreich zu erleichtern, ein Versuch, der bis auf eine, zur Teilnahme verpflichtende Filmvorführung von „Die Todesmühlen“ am 9. Mai 1946, welcher die Gräuel der nationalsozialistischen Konzentrationslager bei ihrer Befreiung zeigt, bloß eine gutgemeinte Idee war und auch blieb. Die Inhaftierten in den Anhaltelagern werden relativ gut behandelt, hatten mehr zu essen als der Großteil der österreichischen Bevölkerung, konnten sich großteils selbst organisieren, Vorträge halten und Netzwerke bilden. Viele der ehemaligen Nazis verbindet das Gefühl, dass ihnen durch die Lagerhaft großes Unrecht angetan wird. Man schwört weder der Nazi Ideologie ab, noch machen die Insassen Anstalten, sich ernsthaft auf eine Zukunft in einem demokratischen Österreich vorzubereiten. Selbst der „Führer-Geburtstag“ am 20. April wird im Untergrund gefeiert. Es sind Berichte überliefert, dass selbst ein Hitler-Bild ins Glasenbacher Camp Marcus W. Orr eingeschmuggelt wurde und man „vor dem Bild des so glücklosen Toten eine schlichte Gedenkstunde“ abhielt.

Auch auf politischer Ebene hagelt es Fehlschläge. „Die amerikanische Militärregierung von Oberösterreich hatte bereits Mitte Mai [1945] eine Landesregierung eingesetzt und einen gewissen Herrn Dr. Eigel zum Landeshauptmann ernannt. Etwa zwei Monate später stellte sich heraus, dass Dr. Eigel unter die Bestimmung des so genannten „automatic arrest“ fiel. […] Für die Amerikaner in Linz war eine schwierige Situation entstanden: Wem konnte man in diesem fremden Land Vertrauen schenken?“

Die rechtlichen Grundlage der zweiten Phase der Entnazifizierung, in der die österreichischen Behörden, vor allem die Landeshauptmannschaften anfingen, selbständig zu handeln, bilden die sogenannten „automatischen Arrestbestimmungen“ der Alliierten, worunter man eine Verhaftung bestimmter Personengruppen ohne Einzelprüfung versteht, welche in eine der folgenden, nur grob umrissenen Kategorien fallen:

1) Die deutschen Geheimdienste, Personal RSHA, des Reichssicherheitsdienstes, Feldpolizei etc.

2) Die Sicherheitspolizei, Gestapo und Grenzpolizei, ab dem Rang eines Kriminalsekretärs

3) Höhere Polizeibeamte, Regierungspräsidenten, Landräte, Höhere SS- und Polizeiführer

4) Kriminalpolizei, Ordnungspolizei und spez. Polizeikräfte ab Rang eines Oberstleutnants etc.

5) Führer und Offiziere der: Waffen-SS, Allgemeine SS, SA, Hitlerjugend, BDM etc.

6) Beamte der NSDAP („Nazi Party Officials“)

7) Staatsbeamte

 

Die Grieskirchner Nazi-Promi Liste

Auch im Bezirk Grieskirchen erfolgen zahlreiche Verhaftungen, welche unter die Bestimmungen des automatischen Arrests fielen. Am 23.1.1946 ergeht die Weisung von Bezirkshauptmann Dr. Hofer an alle Gendarmerieposten des Bezirkes, welche lautet: „Im Auftrage der O.Ö. Landeshauptmannschaft sind umgehend die Namen aller seit dem 4. Mai 1945 aus politischen Gründen in Haft gesetzten Personen an die Bezirkshauptmannschaft […] zu berichten […] Besondere Fälle, die von der Bevölkerung als Härte empfunden werden, mögen dabei besonders bezeichnet werden.“

Sechs Tage später erfolgt die Rückantwort des Gendarmeriepostens Grieskirchen in Form einer sauber getippten, dreiseitigen Liste mit 69 Namen, von denen einige mit Rotstift unterstrichen sind. Erstellt wurde sie vom Postenkommandanten Grieskirchens, Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied.

Zum Zeitpunkt der Erhebung befinden sich etwa 75 Prozent der auf der Liste genannten Personen in Haft oder im Lager. 13.4 Prozent waren bereits wieder auf freiem Fuss, zwei flohen heim ins Altreich, zwei weitere waren bereits verstorben, einer befindet sich im Lazarett und von dreien fehlt jede Spur.

Revierinspektor Karl Hammerschmied nummeriert die Einträge und sortiert sie grob nach dem Datum der Inhaftnahme. Mit Datum 6. Mai 1945 sind unter anderen, jene Personen aufgelistet, über die der damalige Nazi Bürgermeister Peyrer in schon seinem Tagebuch vermerkte, dass sie am 4. Mai durch die Österreichische Freiheitsbewegung verhaftet worden sind. Zu jenem Personenkreis lokaler Grieskirchner Nazi-Größenn zählen der Schulrat und Kurzzeit NSDAP-Bürgermeister Josef Kayer, der ehemalige Kreisleiter Rudolf Humer, Franz Wasmayer, seines Zeichens Hilfsarbeiter und gewesener Kreisamtsleiter der NSV und SS Sturmführer, Josef Ebetshuber, Ortsgruppenleiter der NSDAP Grieskirchen. Am 25.7. wird auch Landrat Georg Reiter in Haft genommen und wie die meisten anderen auch, im Lager Glasenbach interniert.

In Grieskirchen tummeln sich auch einige SS-Männer, SA-Angehörige und ein HJ Bannführer: Der Brauergehilfe und SS-Mann Robert Zweimüller, die Bäcker Alfons Wanka und Ernst Wamprechtshammer, beide ebenfalls SS-Mitglieder, finden sich auch der Liste, obwohl sie erst im Dezember 1945 bzw. Jänner 46 verhaftet werden. Der Mechaniker Günther Neumann wird einen Tag vor Weihnachten festgenommen und in das SS-Lager Lambach überstellt.

Politische Funktionäre sind ebenfalls zahlreich vertreten: der gewesene Ortsgruppenleiter von Grieskirchen und Darmhändler, Josef Hoscher, sowie der Wagner und Ortsgruppenleiter von Tollet Josef Winter. Schlüsselberg ist durch den Müller und späteren Ortsgruppenleiter Hubert Prehofer vertreten, Pollham durch den Bauern Johann Jungreithmaier und mit Alois Roither steht ein weiterer Bauer als Ortgruppenleiter auf der Liste der Verhafteten. Am 7. August 1945 wird Julius Schneitler, Holzhändler aus Grieskirchen auf Grundlage der „automatic arrest“ Bestimmungen wegen seiner Funktion als Bezirksobmann der DAF verhaftet und auch seine DAF Obmänner Leopold Lehner, Josef Scheuch und Matthias Hehenberger blicken um die Jahreswende 1946, entweder in Haft oder im Lager Glasenbach, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Bekannte Persönlichkeiten des örtlichen Wirtschaftslebens finden ihren Namen ebenfalls auf Hammerschmieds Liste, wie der angesehene Kaufmann Otto Dopplbauer, der am 23. Mai verhaftet wird und der Apotheker Gustav Rizzy, welcher seit 20. Oktober im Camp Marcus W. Orr inhaftiert ist. Dr. Hermann Payrer [sic!], Grieskirchens Bürgermeister während sieben langen Jahren der Nazi Diktatur kann sich bis 23. August der Haft und Einlieferung ins Lager entziehen. Mit ihm werden auch die Bürgermeister von Tollet, Karl Aigner und der gewesene Bürgermeister von Schlüsslberg Johann Anzengruber interniert.

Listenplatz Nummer 26 gebührt Dr. Emil Mayr, wie Peyrer ein „Nazi der ersten Stunde“ und seit Oktober 1939 Leiter des Gesundheitsamtes des Kreises Grieskirchen. Er verfügte zahlreiche Einweisungen von Menschen aus dem ganzen Landkreis, denen er körperliche oder geistige Behinderung attestierte, in das Schloss Hartheim, wohlwissend, dass jene in der Tötungsanstalt, wie 30.000 ihrer Leidensgenossen, dort im Zuge der nationalsozialistischen „Euthanasie“ ermordet werden würden. Da Dr. Mayr auch die Position eines ärztlicher Beisitzers am Erbgesundheitsgericht Wels inne hat, ist er persönlich verantwortlich für unzählige Zwangssterilisationen. Er wird am 23. Mai 1945 verhaftet und im Lager inhaftiert.

Auch zwei Kriminal Sekretäre der Gestapo, Heinrich Kern und Johann Wurm, beide in Grieskirchen wohnhaft, stehen auf der Liste und werden schon im Mai 1945 nach Glasenbach überstellt. Der in Deutschland geborene Rudolf Münch, Landratsangestellter und SA Mann war von 4. Juni bis 8.Juli in Haft und flüchtet gemeinsam mit seinem Kraftfahrer, Oswald Wittemer, heim ins deutsche Alt-Reich.

Der Gastwirt zu Pollham, Karl Demmlmayr, der auf der von der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen angeforderten Liste als politischer Leiter aufscheint, wird nach nur einem Tag Haft wieder auf freien Fuss entlassen. Der Lehrer Anton Lenhart muss von Mitte Juni bis Ende Dezember 1945 in Haft sitzen bevor auch er das Glück hat und entlassen wird. Der Landesgerichtsrat von Grieskirchen, Karl Grossdorfer, wird am 13. Juli festgenommen und verstirbt im Lager.

Während sich in den Gemeinden des Bezirk Grieskirchens im ganzen 21 Frauen unter den, von „einer amerikanischen Dienst- bzw. Militärstelle oder über deren Auftrag“ verhafteten Personen befinden, vermerkt weisungsgemäß Postenkommandant Hammerschmied auf seiner Liste, die Namen von drei Frauen welche der Stadt Grieskirchen zugehörig sind. Margarethe Bubendorfer, NS-Frauenschaftsführerin von Grieskirchen wird für eine Woche, vom 7. bis 13. August in Haft genommen und dann auf freien Fuss entlassen. Die Hauptschullehrerin und Gaufrauenschaftsleiterin Hedwig Faschingbauer befindet sich seit 19. Jänner 1946 in Haft beim Bezirksgericht in Grieskirchen.

Als Nummer 39 und mit dem unscheinbaren Zusatz „Schneiderin“ findet Margarethe Freinberger ihren Platz auf der Liste der Grieskirchner Nazi Promis. Sie wird am 29. Juli 1945 in Haft genommen und in Glasenbach interniert. Es mag merkwürdig erscheinen, warum diese harmlose handwerkliche Tätigkeit ihre Verhaftung aus politischen Gründen rechtfertigen würde, so hilft es zu wissen, dass Frau Freinberger natürlich nicht wegen ihrer früheren Tätigkeit als Schneiderin ihren Namen auf Hammerschmieds Liste findet, sondern wegen ihrer Tätigkeit als brutale und gefürchtete Oberaufseherin über 500 weibliche Lagerinsassinnen des Konzentrationslagers Lenzing, einem Aussenlager des KZ Mauthausen. Im Anschluss an ihre Internierung im Lager Glasenbach wird Margarethe Freinberger vor dem Volksgerichtshof der Prozess gemacht.

 

Der Rotstift des Karl Hammerschmied

„Die mit Rotstift bezeichneten Personen scheinen besonders berücksichtigungswürdig und wird es von der Bevölkerung als Härte empfunden, dass selbe noch in den Lagern angehalten werden“, tippt Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied mit holpriger Grammatik unter seine Liste: „Der ehemalige Bürgermeister von Grieskirchen Dr. Payrer [sic!], sowie der Ortsgruppenleiter Hoscher sind unmittelbar vor Beendigung des Krieges mutig dafür eingetreten, dass Grieskirchen nicht verteidigt werde, obwohl dies vom ehemaligen Kreisleiter Humer, sowie vom seinerzeitigen Leiter des Wehrmeldeamtes Grieskirchen ständig gefordert wurde. Die Bevölkerung ist daher dem Payrer [sic!] und Hoscher noch dankbar, dass Grieskirchen von weiteren Kriegshandlungen verschont geblieben ist. Der Apotheker Rizzi würde sich von der Partei zurückgezogen haben, falls dies möglich gewesen wäre. Mit Rücksicht auf die grosse Familie (Rizzi hat 5 unversorgte Kinder) dürfte auch der Genannte berücksichtigungswürdig erscheinen.“

Für den Autor ist es nur schwer nachvollziehbar, in welcher Gefühlslage sich Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied befunden haben musste, als er der Weisung des Bezirkshauptmannes Dr. Hofer nachkommt und die Namen der „aus politischen Gründen in Haft gesetzten Personen“ auf die angefragte Liste setzt und einige davon mit Rotstift unterstreicht, darunter Personen, denen er in den Anschlusstagen im März 1938 unter ausserordentlichen und für ihn persönlich höchst furchtbaren und traumatischen Umständen schon einmal begegnet war.

Stunden bevor am Morgen des 12. März 1938 um 5.30 Uhr, die ersten von 65.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht die österreichische Grenze überschreiten und auf Hitlers Befehl sein Geburtsland „heim ins Reich holen“, findet sich bereits um 23 Uhr ein ausgelassener und siegestrunkener Mob örtlicher Nationalsozialisten unter der Führung des Ortsgruppenleiters Hermann Weikinger vor dem Gallspacher Gendarmerieposten ein, den Postenkommandant Karl Hammerschied seit 1934 leitet und wo er auch am Vorabend des Einmarsches pflichttreu seinen Dienst versieht. Für die örtlichen Nazis ist an diesem Abend endlich der Moment der Rache gekommen, um endlich diesem dienstbeflissenen Gendarmen, der in der „Systemzeit“ oft Tag und Nacht im Dienst gewesen war, „um die immer dreister werdenden Umtriebe der illegalen Nazis zu unterbinden, wozu vor allem […] das Abbrennen von Hakenkreuzen, das Malen dieses NS-Symbols auf Hauswänden, Dächern, Weidevieh oder Schweinen, dessen Ausmähen auf Wiesen, das Beschmieren von Hauswänden mit Parolen und Böllerattentate [zählten], am eigenen Leib spüren zu lassen, dass sich auch im Bezirk Grieskirchen der politische Wind gedreht hat und er nun einen Orkan aus aufgestauter Wut und Hass zu erwarten hat.

Postenkommandant Karl Hammerschmied wird mit Gewalt aus seiner Dienststelle gezerrt und auf die Straße hinunter getrieben, wo er, wie durch die Aussage einer Augenzeugin belegt, von einer fanatisierten NS-Anhängerin durch einen Schlag ins Gesicht verletzt wird. Er wird von „Kollegen“ des Gendarmeriepostens Grieskirchen unter Beteiligung von Grieskirchner SA und SS-Männern in „Schutzhaft“ genommen und gemeinsam mit anderen Verhafteten in einem Zug, umringt von „S.A., SS und illegalen Nazis“, von denen er „aufs Gemeinste“ verhöhnt und „schwerstens“ misshandelt wird, nach Grieskirchen getrieben. Auf diesem nächtlichen Leidensweg büßt er auch einige Zähne ein. Vor dem Bezirksgericht Grieskirchen wartet schon ein völkisch aufgehetzter und verblendeter Pöbel auf die Ankunft der „Feinde des Nationalsozialismus“ um sie zu bespucken, zu beschimpfen und mit Schlägen zu malträtieren.

Ob Hammerschmied, als er acht Jahre später die Daten von „Payrer [sic!] Hermann, Rechtsanwalt, Bürgermeister, seit 23.8.45 in Haft und befindet sich im Lager“ auf die, von der Bezirkshauptmannschaft angeforderten Liste schreibt, am Morgen jenes schicksalsträchtigen Anschlusstags, dessen Gesicht in der mit Haß erfüllten, fanatischen Menge erkannte und sich, während er die Liste auf seiner Schreibmaschine tippt, daran erinnert, ist nicht überliefert. Laut eines Berichts von Dr. Hofer an das CIC aus dem Jahr 1945 habe sich Dr. Peyrer „in den Umsturztagen 1938“ […]„besonders widerlich“ benommen als „er […] die Szenen, in denen die Leute geschlagen wurden [photographierte].“

Über Auftrag der Kreisleitung wirde Postenkommandant Hammerschmied wegen seiner Dienstbeflisslichkeit und anti-nazistischen Einstellung seines Dienstes enthoben, am 14. März 1938 „von SS-Männern unbekannten Namens in Grieskirchen […] in Schutzhaft genommen und in die Fronfeste des Bezirksgerichtes […] eingeliefert“, wo er bis zum 15. April in Schutzhaft sitzt.

Ein paar Tage später, am 19. März, wird der verantwortliche Postenkommandant von Grieskirchen, in einer Meldung an die Bezirkshauptmannschaft, über den „verheirateten, römisch katholischen und angeblichen Arier“,  Hammerschmied, der Wahrheit ein wenig nachhelfen und zu Protokoll geben, dass der Gendarmerie Revier Inspektor Hammerschmied „am 14.3.1938 über fernmündlichen Auftrag der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen vom Gendarmerieposten in Grieskirchen in Schutzhaft genommen und am gleichen Tage dem Bezirksgerichte in Grieskirchen überstellt [wurde]. Die Schutzhaftnahme des Hammerschmied erfolgte aus dem Grunde, weil Genannter Anhänger der Heimwehr war und angenommen wurde, daß er eine verbotene Tätigkeit entfalten würde.“  Soviel zum Versuch der Wahrheitsfälschung von offizieller Seite.

Was im Nazijargon harmlos unter dem euphemistisch formulierten Begriff „Schutzhaft“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit eine Inhaftierung ohne richterliche Kontrolle oder Übersicht und stellt für die, im Gefängnis des Bezirksgerichtes Grieskirchen einsitzenden zwölf Personen, eine extreme Form der Einschüchterung dar, da es nicht abwegig ist, anzunehmen, dass jene auch während dieser Zeit misshandelt und gedemütigt wurden und ständig die Ungewissheit und Angst vor Augen hatten, in ein Konzentrationslager abgeschoben zu werden. Sicherlich blieben auch Karl Hammerschmied diese fünf Wochen zeitlebens in Erinnerung, in denen er seiner Freiheit beraubt wurde und der Willkür der, offiziell „Hilfsdienste“ verrichtenden, SA- und SS-Männer, die auf die Schutzhäftlinge noch nach deren Einlieferung ins Gerichtsgefängnis Grieskirchen buchstäblich freien Zugriff hatten, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Für Karl Hammerschmied ist mit seiner Entlassung aus dem Gendarmeriedienst seine Demütigung durch das Nazi Regime noch lange nicht zu Ende, denn schon ein Jahr später wird seine Dienstenthebung wieder rückgängig gemacht und er dem Posten Vorchdorf zugeteilt. Nach Hitlers Überfall auf Polen, das er zum  „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“ erklärte, wird er bereits 1939 dorthin an den Posten Risenberg—angeblich als Disziplinarmaßnahme— zwangsversetzt. Danach folgt für Hammerschmied eine wahre Odyssee an Dienststellen, welche ihn die Gendarmerieposten in St. Wolfgang, Grünau, Bad Aussee, Hallstatt, Gosau und— endlich wieder als Postenkommandant— Schwanenstadt, durchlaufen lassen.

Nachdem der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war und das Deutsche Reich in Trümmern liegt wird Hammerschmied am 1. Oktober 1945 nach Grieskirchen berufen, als in einer grausamen Ironie des Schicksals, sein Lebensweg sich ein weiteres Mal mit jenen kreuzt, die ein Regime unterstützt hatten, welches ihn auf grausamste Art behandelt und viel persönliches Leid zugefügt hatte.

Die 1947 aus den Anhaltelagern zurückgekehrten „ehemaligen“ Grieskirchner Nazis fügen sich wieder in das Leben der Stadt ein, welche, wie schon oft in seiner jahrhundertelangen Geschichte, in einen Schlaf des Vergessens fällt. Niemand fragt nach dem, was „damals“ passiert ist, wie es dazu kommen hatte können, dass auch Grieskirchen dem Bann der Nazidiktatur verfiel. Man grüßt sich wieder wie zuvor, als das Leben beschaulich und ruhig war, zieht den Hut vor einander und niemand hebt mehr die Hand zum Gruß. Das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang. Die Liste der Namen der Grieskirchner Nazi Prominenz verschwindet im Archiv der Stadt und niemand will sich daran mehr erinnern.

Nun sind über 70 Jahre vergangen und jene Liste, die einst das Schicksal von 69 Menschen vermerkt, ist nunmehr eine Liste mit den Namen von Toten. Namen von Personen, welche für sieben dramatische Jahre, die Geschichte der Stadt Grieskirchen mitbeeinflusst und gelenkt hatten und dann, unter dem Mantel des Schweigens, wieder zu „normalen“ und „ordentlichen“ Bürgern unserer Stadt werden. Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen, sich an jene Personen in der eigenen Familie, im Bekanntenkreis oder unter Freunden zu wenden, die sich vielleicht doch noch einiges wissen, was Vati oder Mutti, Opa oder Oma, damals gemacht hatten, denn „wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“

 

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