„Vater geht’s nicht gut. Er hat sich gerade hingelegt, weil er sich so aufgeregt hat. Kannst du ihn nicht einmal beim Mittagessen in Ruhe lassen, mit deinem…“

„Meinem was?“

„Na, du und dieser … dieser Mann.“

„Dieser Mann ist mein Freund, wir leben zusammen.“

„Ich hab dir schon so oft gesagt, dass, was du und „der“ hinter verschlossenen Türen macht, niemanden etwas angeht, aber du brauchst nicht, wenn wir zu Mittag essen, über diese Sache reden.“

„Ich hab doch nur gesagt, dass Alex euch gerne kennenlernen will.“

„Dafür ist es jetzt noch zu früh.“

„Wir gehen seit einem Jahr miteinander.“

„Und hier in Grieskirchen schon gar nicht! Was sollen die Leute darüber denken.“

„Den Leuten ist das…“

„Sich öffentlich zur Schau stellen! Das gehört sich einfach nicht. Deine Schwester küsst ja auch nicht ihren Freund mitten auf dem Kirchplatz.“

„Sie spazieren aber Händchen haltend durch die Stadt.“

„Dagegen sagt ja auch niemand etwas.“

„Gut, dann werden Alex und ich auch Händchen haltend durch den Ort spazieren.“

„Warum willst du so etwas machen? Du willst uns nur provozieren und Vater weh tun! Es ist dir vollkommen egal, dass es Vater gesundheitlich so schlecht geht!“

„Das stimmt nicht! Hör auf damit!“

„Ich sag ja nur meine Meinung, das werd ich ja wohl noch dürfen!“

„Vaters Gesundheit hat nichts damit zu tun, ob ich einen Mann oder eine Frau liebe. Er soll lieber mal auf seine Diät achten und nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen.“

„Du kennst ihn, er regt sich sofort über alles auf. Du brauchst ihn nicht die ganze Zeit zu provozieren. Seine Nerven…“

„Wieso provoziere ich ihn?“

„Das weißt du ganz genau! Früher, da hattest du ja auch Freundinnen, aber seitdem es Mode ist unter den jungen Leuten, alles Verrückte nachzumachen, das sie im Fernsehen sehen…“

„Mutter! Ich war immer schon schwul. Denise ist meine beste Freundin, wir lieben uns platonisch“

„Die Denise ist ein liebes Mädel, ich versteh nicht, warum du nicht bei ihr geblieben bist!“

„Wir sind   p-l-a-t-o-n-i-s-c-h-e   Freunde! Weißt du, was dieses Wort bedeutet?“

„Natürlich weiß ich was es bedeutet! Hältst du deine eigene Mutter für so blöd? Nur weil wir in einer Kleinstadt leben, heißt das noch lange nicht, dass wir dumm sind.“

„Das habe ich auch nie behauptet!“

„Seitdem du in Wien wohnst, hast du dich sehr stark zum negativen verändert. In deiner momentanen Entwicklungsphase bist du einfach nicht auszuhalten!“

„Was meinst du damit schon wieder?“

„Du weißt ganz genau, was ich damit meine. Deine neuen Freunde, mit denen du dich ständig umgibst, die ganzen Warmen, die dir all diese Flausen in den Kopf setzen.“

„Was?!“

„Eines muss ich dir als d-e-i-n-e Mutter sagen. Vater und ich haben nichts, aber schon gar nichts, gegen diese Warmen, aber sie müssen sich nicht so aufführen.“

„Homosexuelle, heißt das.“

„Wie immer das jetzt heißt. Diese „Homosexuellen“ können tun und lassen, was sie wollen, aber, das sollen sie privat für sich, zu Hause tun und nicht öffentlich zur Schau stellen!“

„Das ist vollkommen absurd, was du da sagst.“

Gerade gestern erst, war ich mit der Traudi in Wels, da sie ja jetzt ganz alleine ist, nachdem der Karli gestorben ist. Ich hab ihr gesagt: „Kopf hoch, das schaffst du schon, wir halten zusammen!“ Wir sind auf dem Kaiser-Josef-Platz spazieren gegangen und haben uns die Schaufenster angeschaut, als mich plötzlich die Traudi am Arm zieht und sagt: „Schau mal, dort drüben!“ Ich sag dirs, das kannst du dir nicht vorstellen! Da war einer, als Frau verkleidet, mit grünen Haaren, schwarz angemalten Fingernägeln und Lippenstift. Einen Fetzen Stoff hat er angehabt, so dass jeder seinen Arsch sehen konnte! Ich hab mir gedacht, dass kann doch nicht wahr sein, dass ein junger Bursch so daher kommt! Das muss doch nicht sein!“

„Mutter, ich bitt dich!“

„Nein, das muss mal gesagt werden! So in der Öffentlichkeit umherlaufen, wie der es glaubt, tun zu müssen, das gehört sich einfach nicht. Der soll sich wie alle anderen, ordentlich anziehen und eine Arbeit suchen!“

„Hat sie dir etwas getan?“

„Wer?“

„Der Transgender“

„Der was? Du meinst den Mann in Frauenkleidern?“

„Das…“

„Getan? Hat er mir und der Traudi nichts, aber das gehört sich nicht, so wie der rumläuft! Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder so rumlaufen würde?“

„Dann wäre Österreich endlich ein aufgeschlossenes Land.“

„So ein Blödsinn! Eingesperrt gehören solche Leut und zu einer ordentlichen Arbeit gezwungen, damit man ihnen diese Verrücktheiten, ein und für alle Mal austreibt!“

„Du willst also Menschen, nur weil sie anders sind, in ein Lager stecken? So wie es die Nazis getan haben?“

„Jetzt fängst du schon wieder damit an! Was erlaubst du dir?! Ich bin kein Nazi. Ich bin nach dem Krieg geboren, als das ganze schon längst vorbei war. Vieles, was der Hitler gemacht hat, war furchtbar und schlecht, und das verurteile ich auch, aber unterm Hitler, hätte es so einen, wie den, der öffentlich, mitten am helllichten Tag, in Frauenkleidern rumläuft, nicht gegeben. Da hat die Jugend noch Anstand gehabt und gewusst, wie man sich ordentlich benimmt!“

„Du weisst, dass unter den Nazis, Homosexuelle in Konzentrationslager gesteckt wurden, wo sie…“

„Solange einer, in der Öffentlichkeit nicht aufgefallen ist, hat ihm niemand etwas getan.“

„Ist dir eigentlich klar, was du da sagst?“

„Ich sag nur, dass solche Zustände, wie sie heute unter den Jugendlichen herrschen, einfach nicht sein müssen. Das gilt nicht nur für die Warmen, sondern für die Normalen genauso. In der Öffentlichkeit, muss man sich ordentlich aufführen, besonders hier am Land, wo jeder den anderen kennt.

„Selbst am Land sind viele Menschen aufgeschlossener als ihr und haben kein Problem damit, homosexuelle Partnerschaften, zu akzeptieren. Bald wird sich auch in Österreich die Gesetzeslage ändern, so dass Alex und ich heiraten können.“

„Heiraten? Wie kommst du denn auf so eine Idee?“

„Verstehst du denn noch immer nicht, dass meine Beziehung mit meinem Freund, genauso eine Beziehung ist, wie die, zwischen meiner Schwester und ihrem Freund oder deine Ehe mit Vater?“

„Lass den Vater aus dem Spiel, der regt…“

„Der hält gerade seinen Mittagsschlaf und selbst, wenn er dieses Gespräch hört, ist es gut für ihn. Sein Sohn ist schwul, er soll das endlich einmal akzeptieren.“

„Akzeptieren? Du musst eines verstehen, er ist in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen, da war noch Krieg.“

„Verstehen? Nein, das muss ich nicht verstehen und das, werde ich auch niemals verstehen.“

„Wir verstehen dich auch nicht!“

„Ich bin noch immer euer Sohn, ihr könnt mich nicht, wie einen Aussätzigen behandeln, nur weil ich schwul bin.“

„Eines sage ich dir, du wirst nicht unser Glück und alles, was wir uns, in vielen Jahren harter Arbeit, hier aufgebaut haben, zerstören. Wenn du so leben willst, dann von mir aus in Wien, oder wo auch immer, aber nicht hier!“

„Zerstören…ich…?“

„Schließlich müssen wir hier leben, wo uns jeder kennt. Wenn du glaubst, dass du, nur, weil jeden immer provozieren musst, unseren guten Ruf zerstören kannst, hast du dich gewaltig getäuscht. Solange du deine Meinung nicht änderst und dich wieder ordentlich aufführst, bleib in Wien! Nach Hause zu kommen brauchst du so nicht!“

„Meine Homosexualität hat nichts mit meiner Meinung zu tun. Ich bin so geboren. Ich kann ja die Farbe meiner Augen auch nicht ändern.“

„Das sagst du jetzt! Das kann sich sehr wohl noch alles ändern. Ich habe mit einem Professor aus Linz geredet und der hat mir gesagt, dass es nicht stimmt, dass man da nichts machen kann.“

„Von wem redest du?“

„Weil es dem Vater so schlecht geht und er sich immer über alles so aufregt, hat mir die Traudi, den Tip gegeben, nach Linz zu ihrem Psychiater zu fahren. Das ist ein ganz lieber älterer Mann, der hat ihr nach dem Tod vom Karli, sehr viel geholfen. Er ist zwar schon in Pension, aber war so liebenswürdig und hat uns trotzdem empfangen. Und da hab ich ihm auch von deinem Problem erzählt.“

„Ich habe kein Problem mit meiner Homosexualität! Ihr habt ein Problem damit!“

„So wie du das sagst, stimmt es nicht. Wir haben überhaupt kein Problem damit. Im Moment durchläufst du eine Entwicklungsphase, wo du nicht weisst, was du wirklich willst. Das hat mir der Herr Professor, ganz genau erklärt. Vielen Jugendlichen geht es genauso wie dir. Er hat dich eingeladen, zu ihm nach Linz zu fahren um mit ihm, ein Gespräch zu führen.“

„Ich will kein Gespräch mit ihm führen! Ich bin glücklich mein Coming Out gehabt zu haben und endlich meine eigenen Gefühle verstehen zu können.“

„Du bist verwirrt, wie viele in deinem Alter! Das, was im Fernsehen heutzutage als “normal” verkauft wird, das ist doch alles nur eine Mode, das ist dir nur noch nicht klar. Der Herr Professor…“

„Das ist vollkommener Blödsinn, den du…“

„Was erlaubst du dir, deiner eigenen Mutter gegenüber?“

„Ich hab…“

„Dir ist nicht im geringsten klar, wie sehr du uns, d-e-i-n-e   e-i-g-e-n-e-n   E-l-t-e-r-n, mit deinem provokanten Verhalten und dummen Gerede verletzt!“

„Aber…“

„Und jetzt ist Schluss damit, ich will nichts mehr davon hören! Vater ist aufgewacht.“

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