Ich hatte es ihm heute sagen müssen oder um genau zu sein, tippen müssen. Mittels Whatsapp hatte ich meiner aktuellen Flamme der letzten zwei Wochen, einem chinesischen Architekturstudenten, der— man höre und staune— an seinem zweiten Mastersdegree arbeitete (ich kam irgendwie nie dazu ihn darüber genauer zu befragen) erklärt, dass ich nicht länger als sein Liebhaber zur Verfügung stehen werde, da er in den ganzen letzten zwei Wochen mit keinem einzigen Wort angedeutet hatte, dass er seinen Boyfriend, den er —laut ihm— ohnehin nicht liebt und ihn deswegen— oder aus anderwertigen Gründen— mit mir —und sicherlich auch mit anderen— betrog, in absehbarer Zukunft verlassen würde, um mit mir den glückseeligen Hafen der Ehe anzusteuern. Das ganze als Whatsapp-Nachricht verschickt hörte sich noch lächerlicher und durchgeknallter an, als es tatsächlich war. Seine Antwort fiel dementsprechend aus: OK. Danke, machs gut.

Damit war meine Lust meinen ersten Tag in Buenos Aires mit Sightseeing zu verbringen mit einem Male verpufft und ich stolperte ins nächstbeste Restaurant, dem La Estancia, mit der Absicht meine Stimmung durch die Konsumation einer größeren Menge Bier zu heben. Es war nachmittag und das Lokal bis auf wenige Gäste leer. Ich setzte mich an einen Tisch, der sich direkt unter einer ausgesprochen hässlichen Wandbemalung befand, die argentinische Gauchos kuhtreibend im Sattel ihrer Pferde verherrlichen sollte, aber wegen freskenartiger aus der Wand wachsenden Bäumen, gepinselten schneebedeckten Andengipfeln und einem den gesamten Plafond überziehenden kitschigen Wolkenhimmel, in dem nur noch der liebe Herrgott fehlte, dem Restaurant den Flair einer Bahnhofshalle mit abgewetzten Werbeplakaten aus den 60er Jahren verlieh. Mir war es egal und ich fand das Abbild dieser monströsen Hässlichkeit auch bestens zu meiner Stimmung passend. Ich bestellte: Una Cerveca, por favor, un grande! und erhielt eine Flasche argentinischen Quilmes Biers vorgesetzt. Nein, essen möchte ich nichts!

Das Bier rann meine Kehle hinunter, schickte aus der Tiefe meines Magens einen lauten Rülpser zurück und beruhigte mein verwundetes Herz. Mit einem Male ging es mir wieder gut. Erst da bemerkte ich, dass mich ein junger Mann, schlank, gekleidet in einem Hemd mit aufgestülten Ärmeln und mit kurzrasierten Haaren von seinem Tisch unentwegt anstarrte und selbst dann, als ich ihn daraufhin scharf, fast schon ein wenig bösartig anblickte, weder seinen Blick senkte oder wegschaute, sondern im Gegenteil, dies als Einladung missverstanden haben musste, aufstand, zu mir herüberkam und sich an meinen Tisch setzte. Er streckt mir seine Hand zum Gruß entgegen und stellt sich als Antonio vor. Arthur, es mi nombre, sagte ich ihm und schüttelte seine Hand, er ergriff mit seiner zweiten Hand die meine, drückte sie fest, ließ sie nicht mehr los, verneigte sich, küsste sie und rief laut aus: Arthurro, el rey! Der König, was für eine Ehre es doch sei. Ein Verrückter dachte ich mir, doch anstatt mein Heil in einer Flucht, einer Ausrede oder einer Drohung zu suchen, schlug ich vor gemeinsam zu trinken und rief dem Kellner zu, uns sofort zwei Bier zu bringen. Erst als wir mit lautem Salut! die Krüge klingen ließen, gab er meine Hände frei.

Seinen Job habe er vor einem Jahr verlorn, ein Periodista, also ein Journalist sei er gewesen. Gegen die Mächtigen und Reichen habe er geschrieben, ihre Gier nach Macht und Geld entblößt und wurde dafür fristlos entlassen. Seitdem sei sein Leben die Hölle und er leide jeden Tag aufs neue. Ein weiteres Bier müsse sofort bestellt werden und er werde mich zu diesem und auch noch zu einem argentinischen Whiskey einladen, die er sogleich beim Kellner bestellte und von denen ich wusste, dass ich letztendlich die Rechnung zahlen müsse, doch irgendwie mochte ich diesen schrägen Vogel, diesen komischen Kautz, der mir wie ein argentischer Münchhausen vorkam. Der Whiskey brannte in meiner Kehle und nun wir waren „hermanos“, Brüder, die zusammen tranken und gemeinsam soffen. Seitdem er arbeitslos ist, komme er jeden Tag hierher, erzählt er mir bei einer weiteren Runde Whiskey, es waren nun doppelte. Immer sitze er am selben Tisch und bestellt einen italienischen Espresso, den ihm die schönste Frau auf Erden, eine wahrliche Prinzessin bringe. Nur ein Blick in ihr engelhaftes Angesicht genüge ihm, um all seine Sorgen und Nöte zu vergessen. Sie ist das schlagende Herz seiner Tage, die Essenz seiner Existenz. Wieder ergriff Antonio meine Hände, wieder küsste er sie innig, betäubt von Whiskey und dem Gedanken an die Frau, die er innig liebte. Ob er sie schon einmal eingeladen habe, vielleicht auf einen Spaziergang, ein Abendessen oder ins Kino, frage ich ihn. Er springt auf, wie von einem Skorpion gestochen, schreit mich an: „Aber nein, nein! Gott verbiete! Niemals könne er auch nur ein Wort an sie richten, niemals eine Frage stellen oder sie mit einer Bitte belästigen, niemals auch nur seine Leidenschaft für sie auch nur mit der Silbe eines Wortes andeuten, denn sie ist die Königin, die Reine, die Unerreichte und seiner Liebe nicht würdig. So bewundere er sie im Stillen, jeden Tag aufs neue, verzehrt sich an ihrem Anblick, den er mit sich trägt um sich in den langen Stunden der Nacht in denen er wachliegt daran zu erinnern. Nur so könne er die Misere seiner Existenz einen weiteren Tag ertragen. Ich will sie sehen, sage ich ihm, will die Reinheit des Engels seiner Liebe mit meinen eigenen Augen erfahren, denn vielleicht könne auch ich das Geheimnis aller Geheimnisse verstehen und endlich bereit sein meine Liebe zu finden.

Antonio hebt schweigend sein Glas, blickt mich lange an, bevor er aufsteht und ohne ein Wort zu sagen, zurück geht an seinen Tisch. Als ich die Rechnung bezahle frage ich den Kellner nach dem Namen der Angebeteten, der Königin der Liebe, an der Antonio sich Tag für Tag verzehrt. Der Kellner wirft mir einen verachtenden Blick zu bevor er mir erklärt, dass es in diesem Lokal nur ihn und seine männlichen Kollegen gibt und der „Loco“, einfach nur verrückt ist, ein Trinker und ich solle bloß nicht seine Geschichten glauben. Ich stehe auf, gehe zu Antonios Tisch und verneige mich tief vor ihm. Gracias por Amore! sage ich ihm zum Abschied. Er ergreift meine Hände, zieht sie zu seinem Mund und küsst sie. Mein König, mein König!

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