Die Sparkasse Grieskirchen und ihre deutschgesinnten Honoratioren

Nürnberger Kriegsverbrecher, Nazi-Bürgermeister, Ortsgruppenleiter und ein Denunziant— alles Begriffe, die man nicht leichtfertig in Verbindung mit einer ehrwürdigen ländlichen Vereinssparkasse mit beinahe 150-jähriger Geschichte stellt. Doch gerade wegen ihrer bewegten Geschichte, die sich vom alten Kaiserreich über einen „Staat, den niemand wollte“, bis hin zum Schrecken einer NS-Diktatur in unsere Zeit erstreckt, lohnt es sich auf das Leben, die Gesinnung und das Handelns einzelner Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen zu blicken— epochale Spiegelbilder einer vom Nationalitätenhass, Wirtschaftskrise und Kriegen geprägten stürmischen Zeit unserer oberösterreichischen Heimat.


Ein unscheinbarer Artikel in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ vom 11. Oktober 1945 birgt scheinbar unfassbares, heutzutage nur schwer begreifliches, eine Frage der „österreichischen Gesinnung“ einiger der angesehensten Familien von Grieskirchen vor dem Hintergrund der rauchenden Trümmer einer siebenjährigen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. „Die Sparkasse Grieskirchen (gegr. 1872) ist eine der ältesten Vereinssparkassen Oberösterreichs. Sie unterhält Zweigstellen in Neumarkt i. H., Bad Schallerbach, Hofkirchen a. Tr. und eine Wechselstelle in Gallspach. Nach der Befreiung Österreichs durch die alliierten Truppen wurden zunächst alle politisch nicht mehr tragbaren Funktionäre der Sparkasse aus leitenden Stellen entlassen und die Führung des Institutes Männern anvertraut, die eine österreichische Gesinnung gewährleisteten. Hiebei wurde insbesondere darauf Rücksicht genommen, dass im Gegensatz zu früher möglichst alle Berufsgruppen vertreten sind. Das Entgegenkommen des hiesigen Befehlshabers der alliierten Militärregierung und die rasche Durchführung der von der Militärregierung Österreich angeordneten Massnahmen ermöglichten es der Sparkasse, ihren Geschäftsbetrieb in ihrer Hauptanstalt schon am 4. Juni wieder aufzunehmen. Auch die Zweigbetriebe Neumarkt, Bad Schallerbach und Gallspach konnten bald wieder eröffnet werden.“


Die Anfänge als „Sparkassa Grieskirchen“


Um verstehen zu können, warum 1945 alliierte Truppen einen Großteil der Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen und ihrer Leiter verhaftete und zur Entnazifizierung in ein Lager steckte, warum sich dieses traditionsbewusste ländliche Institut mit den Namen von Kriegsverbrechern und stadtbekannten Nazi-Bonzen brüstete, muss man viele Generationen in der Zeit zurückgehen, weit zurück bis ins 19. Jahrhundert. 1872, im Gründungsjahr der Sparkasse Grieskirchen prangt ein, gerade erst aus seinem Ei geschlüpfter, doppelköpfiger Adler, als Hoheitszeichen einer k. u. k. Habsburger Monarchie unter dem traditionsverhafteten Kaiser Franz Joseph I., dessen Machtanspruch imperialer Gewalt schon längst angefangen hatte, unter seinen gesalbten Händen zu zerbröseln. Ein Vielvölkerstaat, in dem sich deutsche und slawische Nationalitäten um ihr „alleiniges“ Anrecht auf ein Fleckchen Heimat stritten, ein gefährlicher Konflikt, der sich durch das unvermeidliche Fortschreiten der Demokratisierung des Wahlrechts und dem— bisher von den Herrscherhäusern unterdrückten— Nationalismus der Völker zum tödlichen Tsunami des Nationalismus aufbäumt, welcher schon bald Europa in Schutt und Asche legen wird.
Anfang der 1860er Jahre regt der Kaufmann Johann Reiter die Gründung einer „Sparkassa Grieskirchen“ an, welche jedoch lange Zeit am Widerstand einiger reicher Bürger scheitert, die das Geldverleihgeschäft in Händen hatten und zu verhindern wussten, dass die Stadtgemeinde Grieskirchen die Haftung für den Garantiefonds übernimmt. Dank des unermüdlichen Einsatzes des Grieskirchner Notars Dr. Karl Lötsch wird endlich im Jahre 1872 die Sparkasse als Vereinssparkasse gegründet und nimmt am 1. Juli 1872 ihre Geschäfte auf. Bei der konstituierenden Versammlung der „Sparkassa in Grieskirchen“ werden die Herren Heinrich Breymann zum Vereinsvorsitzenden und Georg Hubinger zu dessen Stellvertreter gewählt und Dr. Karl Kaltenbrunner, Johann Reiter, Johann Genner, Johann Mauhart und Dr. Karl Lötsch zu Direktoren ernannt. Den Sitzungsaal der Sparkasse, deren Amtsräume ursprünglich im Haus Grieskirchen Nr. 1 und später im alten Rathaus untergebracht waren, schmücken Porträts der ehrwürdigen Gründungsväter, auf welchen sich auch Matthias Ammer, Alois Augustin, Georg Fuchshuber, Leopold und Josef Göttner, Johann Hager, Thomas Klausmayr, Michl Pruckmair und Matthias Winkler ein malerischen Denkmal setzen ließen.


Unter dem Symbol der „Sparkassa“, einem Bienenkorb und dem passenden Motto: „Arbeite, sammle, vermehre“, gedeiht das Verleihgeschäft der Sparkasse prächtig. Die österreichische Wirtschaft und Kultur erlebt um 1900 eine Blütezeit, während sich das Kaiserreich auf Grund des „Nationalitätenhaders“ oft nur mehr „fortwurschtelt“. Das Vertrauen der Grieskirchner Bürger in die neue Landeskasse wächst, sie tragen ihr mühsam Erspartes auf die Bank, nehmen günstige Kredite auf, um ihre Häuser zu bauen und wiegen sich in einer Zeit, welche später als „Wiener Moderne“ bezeichnet werden sollte, mit Gottvertrauen und Hoffnung in den reformresistenten alternden Kaiser, in realitätsverweigernder Sicherheit und traditionsbewusster blinder Ergebenheit.
Nach dem Tod des Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Grieskirchen, des weit über die Grenzen des Landls angesehenen Rechtsanwaltes Dr. Hans Ritter Peyrer von Heimstätt, der im Alter von 61 Jahren am 13. September 1908 seinem schweren Herzleiden erlegen ist, übersiedelt im Jahr 1909 das Institut in das neu erbaute Sparkassengebäude in Grieskirchen Nr. 17 (heute Stadtplatz 14), neben welchem sich das, bei der Bevölkerung beliebte und geschätzte Brauhaus Grieskirchen, befindet. Die „Linzer Tages-Post“ berichtet: „Von seiten der Sparkasse Grieskirchen wurde dem Musealverein zur Unterbringung der Sammelobjekte ein geräumiger Saal im erstenStocke des neuen Sparkassegebäudes in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt, welcher sich zu dem gedachten Zwecke vorzüglich eignet.“


Der „Deutsche Schulverein“


Ebenfalls in der „Linzer Tages-Post“ ergeht am 29. Mai 1913 ein Aufruf zur Sammlung von Unterschriften an „Deutsche Oberösterreicher und Deutsche Bewohner der Landeshauptstadt Linz!“. Auf der Titelseite schwört das Blatt das Schrecken-Szenario eines jeden deutschvölkisch empfindsamen Bürgers jener Zeit herauf, spricht davon, dass die „Zahl der tschechischen Arbeiter, Handwerksgehilfen und Staatsangestellten in den Städten und Industrialorten im Steigen begriffen ist und dass auch auf dem flachen Lande immer mehr Bauerngüter in tschechische Hände übergehen und vielfach geschlossene Siedlungen entstehen“. Man vermutet, dass „diese Einwanderung nach einem wohlangelegten Plane vor sich geht und sich das Tschechentum vorbereitet hat, unserem Kronlande den reindeutschen Charakter zu nehmen“ und warnt jeden deutschen Oberösterreicher, dass dieser Gefahr rechtzeitig begegnet werden müsse. „Es gilt der Kampf um unsere Muttersprache, denn wer nicht verdrängt sein will, muss sich zur Wehre setzen!“ lautet die Forderung auf einer Massenpetition, mit der man hofft in den Kronländern zwei Millionen Unterschriften aufzubringen. Neben Vertretern des „Deutschen Volksbundes für Oberösterreich“, zahlreichen Frauen-Ortsgruppen wie „Südmark“ oder „der Ostmark“, dem „Alldeutschen Verein“ und dem Verein „Deutsche Heimat“ unterstützt auch der „Deutschen Schulverein“ diese Unterschriftenaktion.


Das traditionsverhaftete, „deutsch-identitäre“ Denken der ehrwürdigen Direktoren und Vereinsmitglieder der Sparkasse Grieskirchen zeigt sich anhand eines Beschlusses der Sparkasse im Jahr 1909 zur Zeichnungs-Erklärung für eine sogenannte „Rosegger-Stiftung“ des 1880 gegründeten Deutschen Schulvereines, zu welcher das Institut eine Spende von 2000 K beisteuert. Dem berühmten Spendenaufruf „2.000 Kronen mal 1.000 sind 2 Millionen Kronen“ des steirischen Heimatdichters Peter Rosegger folgen neben der Sparkasse Grieskirchen und weiteren Spendern auch der „Verein deutscher Studenten Erz“ in Leoben, der „Verein deutscher Salzburger Studenten in Wien“ oder auch die Ortsgruppe „Theodor Körner“ des Deutschen Schulvereines in Troppau. Der „Deutsche Schulverein“ (DSchV) ist der Name eines sogenannten „Schutzvereins der Deutschen“ in allen Kronländern der Österreichischen Reichshälfte, welcher aktiv die Stärkung des Grenz- und Auslandsdeutschtums unterstützt und vor allem in Böhmen, Mähren, Österreich-Schlesien, in Galizien und der Bukowina, der Untersteiermark, Krain sowie im Küstenland tätig ist. Ihm gehören Vertreter aller politischer Lager an, wie auch der Gründer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und der Arbeiterzeitung, Österreichs Außenminister und bekennender Anschlussbefürworter an das Weimarer Reich, Viktor Adler. Da im „Deutschen Schulverein“ schon seit Anfang an viele Juden Mitglieder und Förderer sind, kommt es bereits in den 1880er Jahren zu Konflikten mit Anhängern der „Deutschnationalen Bewegung“ eines Georg Ritter von Schönerers, welche die liberale Haltung des DSchV gegenüber Juden prinzipiell stört und die in Folge zur Abspaltung der „Schönerianer“ und Gründung eines „Antisemitischen Schulvereins für Deutsche“ führt.


In Eferding wird am 28. März 1883 in Bocke´s Gasthof die zweite Vollversammlung der „Eferdinger Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins“ eröffnet. Die Zahl der Mitglieder der, im Juli des Vorjahres gegründeten Ortsgruppe, ist auf 110 angewachsen. Ein Mitglied und Obmann-Stellvertreter ist der, seit 1868 in die Advokatenliste „Ober-Oesterreichs“ eingetragene und im Jahr 1876 von Grieskirchen nach Eferding übersiedelte, Dr. Karl Kaltenbrunner. Nur wenige Jahre nach seinem Umzug nach Eferding steht er schon 1895 als „Directionsvorstand der Sparcasse Eferding“ vor. Ein Jahr später steigt er zum Obmann der „Ortsgruppe Eferding des Deutschen Schulvereins“ auf und wird 1889 als Obmann des örtlichen Verschönerungsvereins wiedergewählt. Der auch im Sparkassenverein Grieskirchen tätige, eifrige Vereinsmeier Kaltenbrunner unterliegt in der Direktionssitzung der „Allgemeinen Sparcasse in Linz“ dem „Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Ludwig Dosch“ im Februar 1890 bei der Wahl für die sehr hoch dotierte „neucreierte Amtsdirectorsstelle“ ganz knapp. Nur ein Jahr später gewinnt Dr. Karl Kaltenbrunner am 31. Juli 1891 einstimmig die Wahl zum Bürgermeister von Eferding. Bis 1898 fungiert er auch als Direktions-Mitglied der Sparkasse Grieskirchen. Am 24. April 1911 stirbt der einzige noch am Leben gewesene, älteste Sohn des bekannten oberösterreichischen Dichters Karl Adam Kaltenbrunner, plötzlich an Herzlähmung und wird unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und ehrwürdiger Honoratioren zu Grabe getragen.


Nur ein längerer Blick auf die Strömungen dieser Zeit lässt uns das Denken, die Ängste und die Gesinnungen der angesehensten Bürger und Vertreter einer Stadt verstehen, dessen kaiserliches Fundament vermodert und brüchig ist. Nach der Hoch-Zeit der „Wiener Moderne“ beginnen sich dunkle Gewitterwolken am Horizont Europas aufzutürmen, die den lauen Wind der ersten Jahre des neuen, des zwanzigsten Jahrhunderts, in einen immer heftiger werdenden Sturm verwandeln, der mit Revolutionen und Umstürzen, die gottgegebene und mit königlicher Macht gesalbte Weltordnung bedroht. Schließlich kommt es am 28. Juni des Jahres 1914 in Sarajewo zur Entladung. Die serbische „schwarze Hand“ schleudert Blitze flammenden Hasses gegen einen österreichischen Monarchen, Kugeln schlagen in den Leib des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin, Sophie Herzogin von Hohenberg zerfetzen seine Halsvene und Luftröhre. Der Thronfolger und Neffe des Kaisers verliert das Bewusstsein und verblutet, auch Herzogin Sophie stirbt bei diesem Attentat. Mit einem Male brennt die Welt wie Zunder, lichterloh, eine Fackel der Zerstörung, ein neuer, ein „großer Krieg“ ist angebrochen, der vier Jahre die Menschheit der Erde an die Grenzen ihrer selbst bringen sollte.


Das Feuer des Nationalitätenhasses


Nach diesem Flächenbrand steht kein Stein mehr auf dem anderen, liegen geköpfte Häupter in der Asche einer abgefackelten Donaumonarchie, unzählige Leichen verwesen in den Giftgasgräben der zerstörten Länder Europas. Am 11. November 1918 verzichtet der Kaiser „auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften“ und entlässt sein Ministerium Lammasch. Doch auch nach dem Machtverzicht des „ehemaligen Trägers der Krone“ Karl I. ist das Feuer des Nationalitätenhasses noch nicht erloschen, es schwelt weiter unter den Trümmern eines zerfallenen Habsburger Kaiserreiches, dessen „Rest-“ bzw. „Rumpfstaat“ weite Teile der Bevölkerung als nicht lebensfähig ansehen.


Die am 30.10.1918 neu gewählte Staatsspitze verpasst am 12. November dem, vorerst „Deutschösterreich“ genannten Staat, die Form einer demokratischen Republik. Man lebt nun in einem „Staat, den keiner wollte“, welchem als erster Staatskanzler Dr. Karl Renner, ein bekennender Antisemit, vorsteht. Der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich— gemeint ist dabei die „Weimarer Republik“— wird von den alliierten Siegermächten 1919 im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye dezidiert untersagt, was der „deutsch-identäre“ Teil der Bevölkerung als Schande und „Anschlussverbot“ sieht. Den von der konstituierenden Nationalversammlung am 21.10.1919 verbindlich neuverpassten Staatsnamen „Republik Österreich“ empfinden auch gutbürgerliche Grieskirchner als Hohn. Der österreichische Staatskanzler Karl Renner kommt Anfang 1919 auf Schloss Eckertsau im Marchfeld, wohin sich der Kaiser, der nicht ans Abdanken denken will, zurückgezogen hat. Karl I. lehnt es ab Renner persönlich zu treffen, da dieser nicht dem Hofzeremoniell entsprechend um Audienz gebeten hat. Renner lässt daraufhin über Mittelsmänner dem Kaiser ausrichten, dass das geplante Habsburgergesetz, falls seine Majestät gedenke, weder auszureisen noch abzudanken, seine Internierung bestimmen wird. Am 23. März 1919 verlässt Ex-Kaiser Karl I., der als Bedingung gestellt hat, dass die Abreise „in allen Ehren“ zu erfolgen hatte, Deutschösterreich ins Schweizer Exil. Vor dem Grenzübertritt in die Schweiz am darauffolgenden Tag, widerruft der, unter dem starken Einfluss seiner, als Zita Maria delle Grazie von Bourbon-Parma geborene Ehefrau, Kaiser im Feldkircher Manifest seine Erklärung vom 11. November 1918 und protestiert gegen seine Absetzung als Herrscher. Der letzte Schrei eines entmachteten Kaisers, mit habsburgischer Arroganz und Verachtung für das gemeine Volk, wird in Österreich nicht veröffentlicht. Zita erachtet die Wiedererlangung des Throns als eine von Gott auferlegte Pflicht und ermuntert Karl, niemals aufzugeben. Sie begleitet ihn im Oktober 1921 per Flugzeug zu seinem zweiten Restaurationsversuch in Ungarn, der wie der erste ebenso kläglich scheitert. Daraufhin werden beide im Auftrag der Siegermächte mit britischen Kriegsschiffen auf die portugiesische Insel Madeira gebracht, wo sie am 19. November 1921 eintreffen. Gedemütigt und deprimiert stirbt Karl am 1. April 1922 an einer Lungenentzündung.


Mit vollem Galopp in die Weltwirtschaftskrise


Die Wirtschaft Österreichs liegt aufgrund der Kriegsfolgen, der Gebietsverluste und neuen Zollgrenzen am Boden, das Vertrauen in den neuen Staat, sowie auch die Einlagen der Banken und Sparkassen schwindet. Auch vor der Sparkasse in Linz bilden sich lange Schlangen, Menschen drängen in das Institut um ihr hart Erspartes vor der rasenden Geldentwertung zu retten. Erst eine Währungsreform am 20. Dezember 1924 kann die galoppierende Hyperinflation der Krone, 13 Monate nach der deutschen Währungsreform, stoppen. 1 Schilling wird in den ersten Monaten 1925 zum Kurs von 1 : 10.000 gegen die Krone getauscht. Voraussetzung für das Vertrauen in die neue Schillingwährung ist eine, vom rechtsradikal liebäugelnden christlich-sozialen Bundeskanzler Ignaz Seipel— wegen seiner blutigen Niederschlagung der Julirevolte nach dem Brand des Wiener Justizpalastes 1927 auch „Blutprälat“ genannt— verhandelte Anleihe des Völkerbundes, die eine konsequente Hartwährungspolitik zur Folge hatte und dem Schilling bald den Spitznamen „Alpendollar einträgt“.
In Grieskirchen steuert die Vereinsleitung die Sparkasse mit Zuversicht durch die wirtschaftliche Krisenzeit, die im Zusammenbruch der New Yorker Börse am „Black Tuesday“ des 29. Oktober 1929 ihren Höhepunkt findet. Trotz alledem beschließt der heimatliche Sparkassenverein auch dieses Jahr, so wie jedes Jahr, der „Deutschvölkischen Hochschülerhilfe Oberösterreichs“ 10 Schilling zu spenden. Nach Vereinssitzungen sitzt man gemütlich bei einem Krügerl Bier oder einem Achterl Wein beisammen, um in gehobenem oberösterreichischen Dialekt das Spracherbe eines Carl-Adam Kaltenbrunner, Peter Roseggers oder Franz Stelzhammers zu ehren und die althergebrachte Tradition des „Stammtischphilosophierens“ zu pflegen.


Die „großdeutsche Partei“


Am 11. April 1929 hält die Grieskirchner Ortsgruppe der Großdeutschen Partei in „Ruhlands Gasthof“ ihre zweite Wählerversammlung ab und setzt die Namen des Direktionsvorsitzenden der örtlichen Sparkasse, Dr. Hermann Peyrer, neben dem des Sparkassenvereinsmitglieds Martin Matzinger und dem beigeordneten Ratsherren und Sparkassenbeamten Bruno Blumauer auf die „Nationale Einheitsliste“. 1930 erzielt die Wahl der Sparkassenfunktionäre des Grieskirchner Traditionsinstitutes folgendes Ergebnis: Vereinsvorsitzender, der Apotheker Hugo Purtscher, sein Stellvertreter wird Martin Matzinger. Zum Direktionsvorsitzender wiedergewählt wird Dr. Hermann Peyrer, als sein Stellvertreter der Großkaufmann Karl Seiberl. Zu Direktionsmitglieder werden unter anderen Johann Higelsberger, Friedrich Leeb und Franz Eybl aus Neumarkt bestimmt. Am 14. Juli 1932 feiert die Sparkasse Grieskirchen, die seit 1920 auch Zweigstellen in Neumarkt am Hausruck, Bad Schallerbach und die Zahlstellen Gallspach und Hofkirchen an der Trattnach betreut, ihr 60-jähriges Bestehen. Da diese Feier in eine Zeit wirtschaftlicher Not fällt, begnügt man sich damit, eine Festschrift mit Bildern der Hauptanstalt in Grieskirchen herauszugeben und eine Festsitzung im großen Saal der Sparkasse abzuhalten. Der Vorsitzende, Apotheker Hugo Purtscher eröffnet die Sitzung und begrüßt alle Anwesenden, worauf der seit 1919 als Direktions-Mitglied fungierende Dr. Hermann Peyrer „alle hervorragenden Ereignisse während der langen Reihe von Jahren seit 1872, der Festversammlung vor Augen führt. Unter großem Beifall teilt der Vorsitzende mit, dass anlässlich der Feier den Armen der Stadtgemeinde Grieskirchen 1000 S, gewidmet wurden.“


Zeit des „Anschlusses“


Rechte Wogen radikaler Veränderung schwappen 1933 und 1934 vom Deutschen Reich auch nach Oberösterreich über und so mancher deutschvölkisch gesinnter Grieskirchner blickt mit Sehnsucht über die bayrische Grenze, wo sich ein tausendjähriges Deutsches Reich aus der „Schmach von Versailles“ erhebt. Im Februar 1933 erreicht die durch die Weltwirtschaftskrise in Österreich hervorgerufene Arbeitslosigkeit ihren Höchststand; 600.000 Leute sind ohne Arbeit. Die große wirtschaftliche Not im eigenen Land ist der Grund, warum viele Grieskirchner sehnsüchtig ins Deutsche Reich spähen, in dem Hitler 1933 die Macht übernimmt.


Am 12. März 1938 ist der von vielen Grieskirchnern seit Jahrzehnten herbeigesehnte „Tag des Anschlusses“ an das Deutsche Reich gekommen. Der Tag des Einmarsches der Soldaten der deutschen Wehrmacht ist der Auftakt zu einer noch nie dagewesenen Welle von Verhaftungen, Denunziationen und Umfärbungen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, welche in den nächsten Monaten auch die Sparkasse Grieskirchen ganz auf die Ziele des nationalsozialistischen Regimes ausrichten wird. Unter vielen Funktionären und leitenden Beamten der österreichischen Sparkassen hatte bereits vor dem „Anschluss“ eine deutschnationale Gesinnung geherrscht. Auch einige Grieskirchner Mitglieder des Sparkassevereins sind seit Jahren im geheimen „Illegale Nationalsozialisten“ gewesen, doch nun tragen sie mit Stolz Hakenkreuzbinde und NSDAP-Parteiabzeichen am Revers. Diejenigen, deren Einstellung nicht mit den wahnsinnigen und rassistischen Idealen des Führers Adolf Hitlers übereinstimmen, müssen auch im Sparkassenverein Grieskirchen ihren Sessel räumen.


Der Sparkassenverein wird braun eingefärbt


Der bekannte Grieskirchner Historiker und Autor Johann Großruck berichtet in seinem detailreichen, und hervorragend geschriebenen Buch „Grieskirchen – Kreisstadt in Oberdonau“ auch von der Geschichte der Männer seiner Familie. Sein Urgroßvater, der Weißgerber Johann Großruck, war von 1888 bis zu seinem Tod im Jahre 1902, Mitglied des „Sparkassa-Vereins Grieskirchen“. Den Statuten der Sparkasse entsprechend, ging diese Ehre 1907 an seinen Großvater Johann über, der bis zu seinem Ableben 1924, neben Dr. Peyrer, fünf Jahre lang als Direktions-Mitglied fungierte. 1929 folgt gemäß der Tradition sein Sohn, der vormalige Weißgerber und spätere Mediziner Dr. med. Johann Großruck als Vereinsmitglied nach. „Am 28. Mai 1942 wird er jedoch von Bürgermeister Peyrer mit Berufung auf die neuen Satzungen dieser Funktion enthoben und zwar mit der Begründung: Es „können nur solche Personen der Sparkasse als Mitglieder angehören, die ihren Wohnsitz innerhalb des Kreises Grieskirchen haben.“ Sein Sohn, der Historiker Johann Großruck weiß zu berichten: „Mein Vater ist 1903 in Grieskirchen geboren und hat hier natürlich seinen Hauptwohnsitz, ist jedoch auch in Wien ausbildungs- und berufsbedingt wohnhaft. Die Wohnsitz-Begründung scheint aber vorgeschoben zu sein, denn in Wahrheit dürften seine in Grieskirchen bekannte christlich-soziale Orientierung und seine Mitgliedschaft zur katholischen Hochschulverbindung „Kürnberg“ die Gründe für die „Erlöschung“ der Sparkassen-Funktion gewesen sein. Erst nach dem Ende des NS-Regimes lebt die Sparkassen-Mitgliedschaft meines Vaters wieder auf, der von 1946 bis zu seinem Tod im Jahre 1959 Vorsitzender des Verwaltungsausschusses dieses traditionsreichen heimischen Kreditinstitutes ist.“

Landrat Dr. Reiter


1940 wird in der „Übersicht der Bankenlandschaft des Gau Oberdonau“ noch Dr. Karl Feyrer als Staatskommissär der Sparkasse Grieskirchen aufgeführt. Schon kurz darauf übernimmt der Grieskirchner Landrat Dr. Georg Reiter dieses Amt, da Dr. Feyrer einen attraktiven Posten in Linz wahrnimmt. In der „Neuen Zeit“, dem Organ der Kommunistischen Partei Oberösterreichs findet sich in der Ausgabe vom 23. Oktober 1945 in einem Artikel Dr. Karl Feyrer „am Pranger“. Darin heißt es: „Dr. Karl Feyrer ist kein Nazimitläufer, das weiß jeder, der den Mann kennt. Er war Illegaler und Landrat in Grieskirchen. Anfang 1941 wurde dieser Illegale, offenbar in Anerkennung seiner Verdienste um das braune Regime, stellvertretender Geschäftsführer bei der Landesversicherungsanstalt in Linz. Das blieb er bis zum Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft. Er blieb es sogar noch gute sechs Wochen länger. Aber schließlich ist er doch hinaus geflogen. Am 30. Juni 1945 ist Dr. Karl Feyrer mit der Begründung, dass er „alter Kämpfer“ war, entlassen worden. Man sollte meinen, dass damit die Angelegenheit erledigt wäre? Nein, das soll man nicht meinen. Der am 30. Juni 1945 entlassene alte Kämpfer ist nämlich seit 15. Oktober schon wieder in der Landesversicherungsanstalt drinnen! Und zwar keineswegs, wie es vielleicht verständlich wäre, um irgendwelche Aufräumungsarbeiten zu verrichten, sondern als wohlbestallter Abteilungsleiter.“


Dr. Georg Reiter, nationalsozialistischer Landrat von Grieskirchen, dessen Vater Johann Reiter einer der Gründungsväter der Sparkasse Grieskirchen ist, wird von einmarschierenden amerikanischen Truppen am 25. Juli 1945 verhaftet und in das Lager Glasenbach bei Salzburg gesteckt.


Rechtsanwalt und NS-Bürgermeister Dr. Peyrer


Ein weiter „Alter Kämpfer“ und Nazi der ersten Stunde ist Dr. Hermann Peyrer, Rechtsanwalt und Bürgermeister der Kreisstadt Grieskirchen, welcher seit 1919 erst als Direktionsvorsitzender und später als Vereins- und Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Grieskirchen treue Dienste leistet. Das Innviertler Heimatblatt berichtet, dass „nach Schaffung von Groß-Grieskirchen nun am 19. Dezember 1938 die Neugestaltung der Stadtgemeinde-Vertretung erfolgte. Bei derselben konnte Bürgermeister Rechtsanwalt Dr. Hermann Peyrer die, vom Beauftragten der NSDAP bestätigten, neuen Ratsherren begrüßen und zwar als Vizebürgermeister, den Molkerei-Inhaber und Sparkassenvereinsmitglied Franz Mittermaier und die Beigeordneten: Sparkassenbeamter Bruno Blumauer, Reichsbahnbeamter in Ruhestand Johann Neubauer und Friseumeister Ludwig Pintirsch, sowie die Ratsherren: Brauereiprokurist und einfaches Sparkassen-Vereinsmitglied Jakob Gangl, sowie Schneidermeister Ferdinand Kern. Gasthofbesitzer Franz Zweimüller, Baumeister Friedrich Reinhart, Kaufmann Karl Willinger, Schlossermeister Alois Pöttinger, Kraftwagenlenker Karl Lohner und das einfach Sparkassenvereinsmitglied, der Kaufmann Otto Doppelbauer.

Dr. Peyrer wird am 23. August 1945 von alliierten Truppen verhaftet und ebenfalls zur Entnazifizierung ins Camp Marcus W. Orr gesteckt.


Die Großkaufleute Doppelbauer und Seiberl


Als Direktionsvorsitzender-Stellvertreter steht Peyrer, der angesehene Grieskirchner Kaufmann und Kommerzialrat Karl Seiberl zur Seite, welcher bald auch als Vorstandsmitglied im Sparkassenverein sitzt. Mit dem Großkaufmann Otto Doppelbauer, wie bereits erwähnt Ratsherr und ein einfaches Vereinsmitglied der Sparkasse Grieskirchen, verbindet ihn geschäftliches: Er verkauft ihm sein Kaufhaus, welches seit dem 6. Oktober 1930 im Firmenregister nunmehr als “Karl Seiberl, Inh. Otto Doppelbauer“ geführt wird. Anlässlich der Hochzeit am 10.6.1930 vermerkt „Die Neue Warte am Inn“: „Das junge Paar übernimmt mit 1. Juli das große Kaufmannsgeschäft Seiberl in Grieskirchen Nr. 2, das durch die große Geschäftstüchtigkeit des Bräutigams Otto Doppelbauer einen großen Aufschwung genommen hat.“


Nach der Verhaftung des NSDAP Mitglieds Doppelbauers am 23. Mai 1945 und konsequente Einlieferung ins Entnazifizierungslager Glasenbach übernehmen die amerikanischen Verwaltungsbehörden interimsmäßig seine Firma und beenden die öffentliche Verwaltung erst am 7. Mai 1948 durch die Übergabe des Geschäfts an seine Frau Gabriele Doppelbauer.


Fred Duswald junior – ein Exkurs weit über den rechten Rand hinaus


So manchem aufgeweckten Leser, der sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und dem heutigen Rechtsextremismus in Österreich beschäftigt, mag der Name Duswald im Ohr schmerzen. Fred Duswald junior, Jahrgang 1934 ist in der rechtsextremen Szene kein Unbekannter. Seit 1962 ist er „Alter Herr“ der extrem rechten Münchner Burschenschaft Danubia. Von seinem Vater Fred erbt er die Duswald-Mühle in Neumarkt-Kallham, welche 1980 Ausgleich anmelden musste und war 1974 Bundeskassier und 1976 Bundeskassierstellvertreter der 1988 behördlich aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP) von Norbert Burger. 1979 schien er als Unterzeichner des Aufrufes für Generalamnestie für NS-Verbrechen in der „Deutschen National-Zeitung auf. Auch war Duswald Vorstandsmitglied des 1998 behördlich aufgelösten Vereins „Dichterstein Offenhausen“. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) kennt ihn nur zu gut, ständig fiel er seit Jahrzehnten durch einschlägige Aussagen auf. Er verunglimpft den christlichen Widerstandskämpfer Franz Jägerstätter und beschimpft homosexuelle Opfer der Nationalsozialisten als „Sittenstrolche“ und „Sittlichkeitsverbrecher“. Unter Verwendung von Nazi-Zeitzeugen denunzierteDuswald ehemalige Mauthausen-Häftlinge als “Landplage” und wird 2011 über Österreich hinaus bekannt, weil er sich vehement gegen die Aufnahme eines chinesischstämmigen Studenten in eine Burschenschaft ausspricht. „Ein Asiat sei „kein Arier““, argumentiert er im erst 2018 eingestellten rechtsextremen Monatsmagazin „Aula“, welches sich als Sprachrohr der „national-freiheitlichen“ Studentenverbindungen Österreichs sieht und dessen Medieninhaber die der FPÖ nahestehende Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher Akademikerverbände Österreichs war. Duswald setzt sich nach eigenem Bekunden „für historische Wahrheit und gegen verlogenen Schuldkult und einseitige Vergangenheitsbewältigung zu Lasten des eigenen Volkes … und strafbewehrte Denkverbote“ ein. Ein Dorn im Auge ist Duswald die „Holocaust-Zivilreligion“. Mittels angeführter zweifelhafter Beweise leugnet er vehement die Existenz von Krematorien und unterstellt mehrfach Zeitzeugen, die davon berichten, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Selbst das Schicksal von Anne Frank verharmlost Duswald dahingehend, dass er sie lediglich als das Opfer einer Typhus-Epidemie darstellt. Die FPÖ unter dem ehemaligen Klubobmann und Ex-Vizekanzler Strache schien solche Aussagen nicht zu stören. Duswald wurde noch nie für seine Aussagen gerichtlich belangt.


Kehren wir nach diesem Exkurs von den Söhnen mit rechtsextremen Gedankengut wieder zu ihren Vätern zurück. 1934, als Fred jun. das Licht der Welt in einer nationalsozialistisch eingestellten Familie erblickt, sitzt sein Vater aufgrund seiner Beteiligung am Juliputsch, gemeinsam mit tausenden Nationalsozialisten im Anlagehalter Wöllersdorf. Aufgrund seiner NSDAP- und SS-Mitgliedschaft verbringt Fred Duswald senior einige Wochen im Lager, in welchem ein frisch verheirateter Ernst Kaltenbrunner einen Hungerstreik organisiert, der in der Entlassung hunderter verhafteter Nazis erfolgreich endet. Wieder zurück im heimatlichen Kallham trifft Fred Duswald wieder auf seine Turnbrüdern Eybl und Wurm, man kommt zu feuchtfröhlichne Gesinnungstreffen zusammen, fährt gemeinsam auf Sommerfrische nach Bad Ischl und frönt der Turnleidenschaft, seitdem der Turnverein Neumarkt 1937 wieder zugelassen wurde und sich eines regen Turnbetriebs erfreut. Ein Auszug aus dem Bescheid des Bundesgerichtshof über die Auflösung und Wiederzulassung des Neumarkter Turnvereins gibt darüber Aufschluss:


„Am 18. Juni 1934 hatte die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen an den Sicherheitsdirektor für OÖ den Antrag gestellt, den Turnverein in Neumarkt auszulösen, weil die Vereinsmitglieder nationalsozialistischer Gesinnung seien und es nicht von der Hand zu weisen sei, dass der Verein an den blutigen Vorfällen, die sich anlässlich einer vaterländischen Grenzkundgebung in Braunau am 17. Juni 1934, sowohl am Bahnhof als auch auf dem Marktplatz von Neumarkt abgespielt haben, mitschuldig ist. Damals meldete das Wiener Morgenblatt unter der Überschrift „Greift zur Selbsthilfe“: „Zu einer großen Grenzlandkundgebung in Braunau am Inn, in der Geburtsstadt Adolf Hitlers, versammelten sich heute trotz der intensiven Gegenpropaganda der Nationalsozialisten, viele tausend Menschen. Die Nationalsozialisten hatten Tausende von Flugzetteln verstreuen lassen, die einen Totenkopf mit zwei gekreuzten Totengebeinen trugen und darunter den Text: „Beschützet Euer Leben bei der Starhemberg-Kundgebung am 17. Juni und meidet den Kundgebungsplatz.“ Die „Neue Warte am Inn“ berichtet von einem „denkwürdigem Tag in der Geschichte Braunaus. Das Grenzlandtreffen am Sonntag war eine eindrucksvolle Kundgebung des eisernen Willens der vaterländisch gesinnten Bevölkerung und eine deutliche Antwort auf den schmachvollen Kampf, den das heutige Deutschland und die geflohenen Hochverräter im Verein mit den Nationalsozialisten in Österreich gegen unser schönes Vaterland führen. Der farbenprächtige Aufmarsch und die jubelnde Begeisterung hat so manchem die Augen geöffnet, um zu sehen, dass Österreichs Volk in seinen weitaus größten Mehrheit hinter der Regierung steht und dass die „Prahlhansreden“ eines Habicht, eines Frauenfeld, eines Bolek und Proksch usw. eitles Geschwätz sind. Unserer Nationalsozialisten müssen sich wohl oder übel damit abfinden, dass ihre Hoffnung, Österreich als preußische Kolonie sehen zu können, ein für allemal zu begraben ist.“ Trotz dieser gefährlichen Drohung verläuft die Kundgebung und „in voller Ruhe“. „Es war sehr auffallend, dass die radikalen Simbacher Nationalsozialisten und der Chef der „Grenzbeunruhiger“, d. i. der geflohene Kaindl Gustl, diesmal ganz von ihrer einjährigen Gepflogenheit, Böllergrüße oder Ballonbomben über den Inn herüberzusenden, Abstand genommen haben.“


Turnbrüder und Bierbrauer


Zurück zu der beantragten Auflösung des Turnvereins Neumarkt. Dort hatten die Gendarmerieerhebungen ergeben, „dass dem Verein eine parteipolitische Betätigung nicht nachgewiesen werden kann. Auch die Feststellung, dass fast alle Vereinsmitglieder der NSDAP angehört haben, ist aktenwidrig, da der Gendarmeriebericht von 44 ausübenden Mitgliedern nur 23 und von 34 unterstützenden Mitgliedern nur 6 als Nationalsozialisten bezeichnet. Die Ergebnisse des Ermittlungsverfahrens reichen nicht aus, daher ist der angefochtene Auslösungsbescheid aufzuheben. Der Turnverein Neumarkt wird daher wieder zugelassen.“
Nicht nur als Gründer und Turnbrüder des, seit 1905 bestehenden Turnvereins, sind Franz Eybl II als Obmann und Fred Duswald senior, als Turnwart, untereinander seit Generationen eng miteinander verbunden. Gemeinsam zeigen sie Interesse an einer weiteren traditionsverbundenen Neumarkter Institution: Der Brauerei. Anfang des 17. Jahrhunderts bestanden in Neumarkt zwei Brauereien, das Oberbräu und das Unterbräu. Die Neumarkter Bürgerfamilie Schließlberger gründete 1609 schließlich direkt am Neumarkter Marktplatz das „Mitterbräu“, dass in seinem Wappen einen Ritter führte. 1727 gelangte die Brauerei durch Heirat in den Besitz der Familie Göttner, welche die Geschicke der Brauerei bis ins Jahr 1860 lenkte. Während die übrigen Brauerei in Neumarkt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließen mussten, konnte das Mitterbräu expandieren, wenngleich die Besitzverhältnisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrfach wechselten. Als sich 1905 der damalige Besitzer der Neumarkter Brauerei, Johann Feiks, zur Auswanderung nach Amerika entschließt, scheint auch das Ende des Mitterbräu gekommen zu sein. Die vier Neumarkter August und Franz Duswald, Franz Eybl und Hermann Kislinger tun sich jedoch zusammen, retten den Betrieb und taufen die Braustätte in „Bürgerliche Brauerei Neumarkt“ um.

Grosskaufmann aus Neumarkt, Franz Eybl


Am 27.2.1934 stirbt Altbürgermeister Franz Eybl II., Direktionsmitglied der Sparkasse Grieskirchen, Vizepräsident der Lokalbahn Neumarkt-Weizenkirchen-Peuerbach, Gründer und Ehrenobmann des Turnverein Neumarkts uvm. mit noch jungen 67 Jahren. Unter großer Anteilnahme erweisen die Bürger von Neumarkt dem angesehenen Grosskaufmann die letzte Ehre. Sein Sohn Franz Eybl III. folgt ihm, den Statuten entsprechend, als neues Mitglied als Vorstandsmitglied im Verein der Sparkasse Grieskirchen nach und wird auch zum Obmann des Turnvereins gewählt, dem er bis 1945 vorsteht. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl Eybl tritt er auch in der beim Volk beliebten „Bürgerlichen Brauerei“ die Nachfolge seines verstorbenen Vaters an. Nach dem auch von vielen Bier- und Turnbrüdern herbeigewünschten „Tag des Anschlusses an das Deutsche Reich“, übernimmt im Juli 1938 Fred Duswald von Fritz Reinthaller den Posten des NS-Bürgermeisters von Kallham, welchen er schon im Oktober an seinen Freund, den Lederfabrikanten und Mitglied des Sparkassenverein Grieskirchens, Gustav Wurm jun. weitergibt. Dessen Vater wiederum, Gustav Wurm d. Ä. wird als „Privater“ im Verwaltungsausschuss der Sparkasse Grieskirchen geführt. Die Mitgliederliste des Sparkassenverein Grieskirchen vom 31.12.1943 weist neben ihm auch den Großkaufmann Franz Eybl als Vorstandsmitglied, den Schlossermeister Ferdinand Raab und Gustav Wurm jun. als einfache Mitglieder aus Neumarkt aus.


Der Turnbetrieb des Neumarkter Turnvereins geht nur mehr bis 1944 weiter, da, obwohl der Turnplatz 1928 vom Verein rechtmässig erworben wurde, er in Folge der drohenden Vereinsauslösung 1934 noch vorher schnell verkauft worden war. Dies erfolgte im Juni 1933 an die drei „rechtschaffenen Turnbrüder Karl Eybl, Gustav Wurm und Karl Duswald. Nach 10 Jahren schenken die Turnbrüder den Turnplatz wieder dem Turnverein, was im Schenkungsvertrag vom 31.10.1944 notariell durchgeführt wird. 1944 wird der Turnbetrieb gänzlich eingestellt, 1945 der Turnverein Neumarkt aufgelöst.


Vater und Sohn Wurm


Gustav Wurm junior, bleibt bis 1945 Nazi Bürgermeister von Neumark und wird aufgrund der automatischen Arrestbestimmungen am 28. August von den Amerikanern verhaftet und gemeinsam mit seinem Bruder Walter, der Präsident der Gauwirtschaftskammer war, in das Entnazifizierungslager Marcus W. Orr in Glasenbach gebracht. Die Alliierten bescheinigen seinem Vater, Gustav Wurm d. Ä., kein Nazi gewesen zu sein.


Während Franz Eybl III. den Rang eines NSDAP Propagandaleiters bekleidete, war sein Bruder Karl einfaches Mitglied der NSDAP. Die Brüder Eybl werden nach der Befreiung Österreichs ebenfalls am 30.5.1945 verhaftet und ins Lager Glasenbach gebracht, wo sie auf zahlreiche festgenommene Mitglieder des Sparkassenverein Grieskirchen treffen: Reiter, Peyrer, Wurm, Doppelbauer, Matzinger, Mittermayr, Raab und Leitner sitzen dort zur „Entnazifizierung“ und „Läuterung“ ein. Die Brauerei der Neumarkter Freunde wird unter öffentliche Zwangsverwaltung gestellt. Monate später werden die drei Neumarkter Freunde, mehr oder weniger entnazifiziert und eines besseren belehrt, aus dem Lager entlassen und widmen sich ihren Unternehmen, welche Neumarkt bis in die 1980er Jahre wirtschaftlich so stark prägen, dass sogar ein Teil des Ortes, die sogenannte Wurmsiedlung, welche extra für die Arbeiterschaft der Lederfabrik Wurm errichtet worden war, den Namen des Gründers trägt.


NS-Bauernführer Alois Dornetshuber


Mit Ende des Jahres 1943 findet ein weiterer bekannter Name auf der Liste der Verwaltungsmitglieder der Sparkasse Grieskirchen. Neben Kommerzialrat Karl Seiberl und Großkaufmann Franz Eybl aus Neumarkt i. H, ist das dritte Vorstandsmitglied ein Schallerbacher, der einen kometenhaften Aufstieg im Gau Oberdonau hinter und einen spektakulären Sturz noch vor sich hat: Alois Dornetshuber


Schon als 15-jähriger tritt der, in Mauerkirchen geborene, in die Ortsgruppe Steyr der damaligen nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterjugend Österreichs ein, wird bereits mit 19 Jahren Obmann der HJ Linz und steigt in weiterer Folge ab 1929 zum Kreisführer der HJ Linz auf. Nur ein Jahr später wird er zum Gaujugendführer von Oberösterreich bestellt. Am 15. Mai 1928 tritt er als 20-jähriger der NSDAP bei und erhält die äußerst niedrige Mitgliedsnummer 83.498. 1932 gründet Dornetshuber die Ortsgruppe der NSDAP Bad Schallerbach, wird deren Ortsgruppenführer und behält diesen Posten ohne Unterbrechung bis zum April 1938. Gauleiter August Eigruber, mit dem ihm eine innige Freundschaft verbindet, überträgt ihm nach dem Umbruch im März 1938 die Funktion eines Kreiswahlleiters und macht ihn zum kommissarischer Kreisleiter der NSDAP Grieskirchen. Alois Dornetshuber ist ein fanatischer „Alter Kämpfer“ und glühender Anhänger des Hitler-Regimes, welches ihm am 16.6.1940 das goldene Ehrenzeichen der NSDAP verleiht. Er verhilft seiner Bad Schallerbacher Nachbarin Maria Schicho zur Stelle einer Gaufrauenschaftsleiterin.

1943 steigt Dornetshuber als Nachfolger von Ing. Reinthaller zum Landesbauernführer der selbständig gewordenen Landesbauernschaft Oberdonau auf und scheint im Verwaltungskörper der Sparkasse Grieskirchen als langjähriges Vorstandsmitglied in voller Titelglorie als „Oberbereichsleiter der NSDAP, Landesbauernführer von Oberdonau, Bad Schallerbach“ auf. Mit dem Hochmut kommt auch sein Fall, der für Dornetshuber erst mit dem Zusammenbruch des Nazi Regimes einsetzt. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ berichten am 24.8.1945: „Der frühere Landesbauernführer Alois Dornetshuber wurde gestern in der Nähe von Enns in den Donauauen tot aufgefunden. Wie aus einem bei ihm vorgefundenen Brief hervorgeht, hat er sich vor zehn Tagen vergiftet. Er hatte sich unter dem beigelegten Namen Huber bis dahin verborgen gehalten. Dornetshuber, gelernter Elektriker, hatte nach Aufhebung des Stiftes Kremsmünster den Pfarrhof Buchkirchen bei Wels erworben, um als „Bauer“ leichter Landesbauernführer sein zu können. Dornetshuber war einer der intimsten Freunde Eigrubers und diesem in Fanatismus und Brutalität wesensgleich. Auf ihrer gemeinsamen Flucht am 4. Mai 1945 rief Dornetshuber seine Gattin in Schallerbach telephonisch an und erklärte ihr: „Du weißt, was du jetzt zu tun hast!“ Tags darauf fand man sie mit ihren Kindern und ihrer Mutter vergiftet auf. Die zwei Frauen und zwei Kinder waren tot, zwei Kinder konnten gerettet werden.“


Der denunzierende Gerber


Als Verwaltungsausschuss-Vorsitzender der Sparkasse zählt auch der Gerbereibesitzer Friedrich Leeb zu den „ehrwürdigen Herren“ der Stadt Grieskirchen. Die „Amtliche Linzer Zeitung“ vom 8. November 1946 weiß mehr über den Gerbermeister zu berichten: „Das Landesgericht Linz als Volksgericht hat über die von der Staatsanwaltschaft Linz gegen Friedrich Leeb, geboren am 13.9.1906 in Kematen bei Wels, zuständig nach Grieskirchen wegen § 7 KVG und §58 StG, in der Fassung der §§10 und 11 Verbotsgesetz am 6.9.1946 Anklage erhoben.“ Der Richterspruch besagte, dass der Angeklagte Friedrich Leeb schuldig ist, er habe in Grieskirchen— Punkt 1: In der Zeit zwischen dem 1.7.1933 und dem 13.3.1938 der NSDAP und einer ihrer Wehrverbände, nämlich der SA angehört und sei als Illegaler in der SA als Sturmführer tätig gewesen. Er habe eine Handlung aus besonders verwerflicher Gesinnung, nämlich die unter Punkt 2 bezeichnete Denunziation begangen und sei Träger der Ostmarkmedaille, sowie der zehnjährigen Dienstauszeichnung gewesen. Punkt 2: Zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Ausnützung der durch die geschaffenen Lage zur Unterstützung dieser Gewaltherrschaft die Anna R. durch Denunziation bewusst geschädigt. Er habe hierdurch, und zwar zu Punk 1 das Verbrechen des Hochverrats und zu Punkt 2 das Verbrechen der Denunziation begangen und wird zu 2 Jahren schweren Kerker verschärft durch ein hartes Lager vierteljährlich, zur Zahlung von 300 S als Entschädigungsansprüche und gemäß § 389 zum Ersatze der Kosten des Strafverfahrens und Vollzuges verurteilt.“


Nach dem Krieg kauft die Sparkasse Grieskirchen dem „denunzierenden Gerber“ das Grundstück mit der heutigen Adresse Rossmarkt 35 ab. Ursprünglich war auf der Roßmarktseite ein Kaffeehaus, während das Gebäude an der Trattnach-Seite die Werkstätten der Rotgerberei Leeb beherbergte. Dort errichtete das ehrwürdige Sparkasseninstitut auf dem Gelände der alten Gerberei Leeb 1964 ihr neuerbautes Gebäude in dem sie auch heute noch beheimatet ist.


Viehhändler Martin Matzinger


Martin Matzinger, Viehhändler in Grieskirchen, seit 1929 Mitglied der „Großdeutschen Partei“, sitzt 1943 neben dem Fleischermeister Hans Higelsberger, dem Kaufmann Ing. Felix Mairinger, Oberlehrer Alfons Zehetmayr und dem bereits erwähnten Gustav Wurm d. Ä. im Verwaltungsausschuss der Sparkasse Grieskirchen. Sein Sohn, Josef Matzinger, ist Rechtsanwaltspraktikant und SS-Mann und wird im Mai 1945 in Haft genommen. Auch der Sohn des Vereinsmitglieds der Sparkasse, Oberlehrer i. R. Josef Berger, wird am 18.6.1945 als Kreisamtsleiter des RLB von alliierten Truppen gefangengenommen.


Stadtarzt Dr. Julius Leitner


Dr. Julius Leitner ist nach dem Ausschluss jüdischer Ärzte Stadtarzt in Grieskirchen und 1943 einfaches Sparkassen Vereinsmitglied. Er wurde am 7.2.1896 in Komorn geboren und ist seit dem 29.1.1927 als Zahnarzt in Grieskirchen tätig, wurde am 18.5.1945 verhaftet und ins Lager Glasenbach gesteckt.


Ortsgruppenleiter und Schlossermeister Raab


Mit Ferdinand Raab findet sich ein Schlossermeister aus Neumarkt auf der Liste der Vereinsmitglieder der Sparkasse Grieskirchen. Der Sohn des schon früh, im 48. Lebensjahr verstorbenen Bürgermeisters, turnt mit Turnbruder Wurm und Eybl im „Deutschen Turnverein Neumarkt“, wird unter den Nazis zum Ortsgruppenleiter der NSDAP ernannt und folgt am 7. Dezember 1945 den, bereits seit Monaten im Lager Glasenbach schmorenden Kollegen der Sparkasse, nach.


Kriegsverbrecher SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner


Wenden wir uns zum Abschluss dieser detaillierten Betrachtung der Geschichte der Sparkasse Grieskirchen und biographischen Notizen zu einzelnen Sparkassenmitglieder nun einem einfachen Mitglied des Grieskirchner Sparkassenvereins zu, dessen Name in die Geschichtsbücher einging und als ein Synonym des Holocausts, der barbarischen Vernichtung Millonen unschuldiger Menschen, steht: Dr. Ernst Kaltenbrunner.


Als Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) ist er Herr über Leben und Tod. Befehle zur Ermordung von Kriegsgefangenen oder zur Zuführung einer „Sonderbehandlung“, dem Abschlachten Unschuldiger, tragen seine Unterschrift; unter seiner Aufsicht und in seiner Verantwortung stehen die Konzentrationslager des Reiches. Alfred Eichmann, den er schon von seiner Schulzeit am Realgymnasium in Linz kennt und dessen Väter gut miteinander befreundet gewesen waren, trifft er im April 1932 anlässlich einer Massenveranstaltung der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ im Münchner Märzenkeller wieder und überredet ihn zuerst in die NSDAP und später in die SS einzutreten. Ein paar Jahre später holt Kaltenbrunner sich seinen Schützling ins RSHA, behandelt ihn gönnerhaft, weil er sich ihm geistig, körperlich und gesellschaftlich überlegen fühlt. Da Eichmann jedoch kritiklos Befehlen gehorcht, ohne auch nur nachzufragen, wird er schnell Leiter des „Judenreferats IV-B-4“, ein unbarmherziger Vernichtungsbeamter, der die von Kaltenbrunner unterschriebenen Deportationsbefehle für die besetzten Gebiete mit so großer Effizient und Präzision ausführt und Vernichtungszüge in die Konzentrationslager perfekt organisiert, dass ihm dies den Namen „Fahrdienstleiter des Todes“ einbringt.


Aufstieg und Fall


Zeit seines Lebens vergisst der, in Ried im Innkreis geborene, Ernst Kaltenbrunner niemals seine heimatlichen Wurzeln und pflegt selbst zu einer Zeit, als er schon längst in den Olymp der SS-Hierarchie aufgestiegen war und im fernen Berlin wohnt, die auf seinen Großvater, den Rechtsanwalt Dr. Karl Kaltenbrunner, zurückgehenden persönlichen Kontakte zu angesehenen Grieskirchnern und nachmaligen NSDAP-Repräsentanten der Stadt. Am 16. August 1940 berichtet das „Welser Heimatblatt“ über die „einflußreiche Persönlichkeit des Höheren SS-Führers, SS-Gruppenführers Dr. Kaltenbrunner“, der „die Mitgliedschaft bei der Sparkasse als ein Nachfahre der verdienstvollen Gründer“ übernommen hat. Man spart nicht mit lobenden Worten: „Ein sinnfälliger Ausdruck der traditionellen Verbundenheit“ des Instituts „mit den Familien ihrer Gründer“ und rühmt „das lebhafte Interesse, das Dr. Kaltenbrunner durch seine wertvolle Mitarbeit“ bekunde. Am 31.12.1943 scheint Dr. Ernst Kaltenbrunner als „SS-Obergruppenführer, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Berlin“ auf der Liste der Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen auf. Für den zwischen Linz, Berlin und Wien wohnhaften prominenten Nazibonzen haben die „neuen Satzungen“ des Reichsstatthalters von Oberdonau, welche besagen, dass ein Vereinsmitglied seinen Wohnsitz im Kreis Grieskirchen haben muss, keine Relevanz. Seitens der Sparkasse Grieskirchen schmückt man sich mit dem Namen eines hochrangigen Vertreter des NS-Systems, der nach dem Stauffenberg Attentat vom 20. Juli 1944 einen direkten persönlichen Kontakt zu Hitler besitzt.


Doch nicht mehr allzu lange sollte es mehr dauern, bis das Monstrum der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in sich zusammenstürzt und sich Hitler am 30. April 1945 im Führerbunker in Berlin mit einer Kugel aus seiner Verantwortung stiehlt. Drei Tage zuvor, am 27. April erteilt Kaltenbrunner noch dem Kommandanten des KZ Mauthausen Ziereis den Befehl, täglich mindestens eintausend Gefangene in Mauthausen umzubringen und flieht, nach einem Kurzbesuch in Eferding, am 1. Mai 1945 in die „Alpenfestung“ nach Altsaussee. In einer Hütte auf der Blaa-Alm findet am 5. Mai sein früherer guter Freund aus besseren Linzer Tagen und Untergebener, Adolf Eichmann, Kaltenbrunner, mit Schihose und Schischuhen bekleidet, cognactrinkend beim Solitaire Spiel. Kaltenbrunner, der vorgezogen hätte, Eichmanns Gesellschaft zu vermeiden, erklärt ihm, dass er für ihn, sowie vermutlich für sich selbst „keine Chance mehr“ sehe. Er schickt ihn mit den Worten: „Es ist alles eine Menge Mist. Das Spiel ist aus!“ und dem sinnlosen Befehl zur Aufstellung einer „Wehrwolf“-Einheit wieder weg. Er selbst lässt sich und drei SS-Offiziere, unter ihnen sein Adjutant SS-Obersturmbannführer Arthur Scheidler, von den beiden Jägern Fritz Moser und Sebastian Raudaschl zur Wildensee-Hütte ins Toten Gebirge führen, wo er am 12. Mai von Angehörigen der US-Armee unter der Leitung von Robert E. Matteson verhaftet wird. Neben falschen Papieren, welche ihn als Wehrmachtsarzt Josef Unterwogen ausweisen, französischem Champagner, Schokolade-Bonbonnieren und einer großen Menge an gefälschten amerikanischen und britischen Banknoten, finden die Amerikaner in der Aschenlade der Holzheizung den Rest seines Ausweises und die Erkennungsmarke Kaltenbrunners. Sein grausames Spiel ist nun endgültig aus und vorbei.


Nach seiner Verhaftung und einem ersten Verhör in London wird Kaltenbrunner gestattet, einen Brief an seine Frau zu schreiben. Wohlwissend, dass der Inhalt mitgelesen wird, klagt er in apologetisch-weinerlichem Tonfall darüber, dass er sich nicht nur seiner Freiheit beraubt sieht, sondern auch, bis auf den Wert seiner kleinen Briefmarkensammlung, vollkommen mittellos sei.


Ein paar Monate später findet er sich in der Gesellschaft von 22 Kriegsverbrechern, darunter Bestien wie Hermann Göring, dem „Schlächter von Polen“ Hans Frank, dem Judenhasser Streicher und anderen hochrangigen Nazis auf der Anklagebank in Nürnberg, wo ihm barbarische Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden. Von Reue keine Spur und Verantwortung für das Leid und den Tod von Millionen Opfern lehnt er kategorisch ab! Nichts habe er über das Dahinsiechen und Sterben in den Konzentrationslagern gewusst, die auch nicht in seinen Verantwortungsbereich fielen, argumentiert er. Befehle über die „Sonderbehandlung“ jüdischer Menschen oder von Kriegsgefangenen habe er niemals unterzeichnet. Selbst als ihm die Anklagevertretung hunderte von persönlich unterschriebenen Dokumenten und Befehlen vorlegt, leugnet er hartnäckig, diese unterzeichnet zu haben. „Der Mann ohne Unterschrift“ wird wegen seiner feigen und menschenverachtenden Lügen sogar von seinen Mitangeklagten abgrundtief verachtet. Für ihn ist alles im Grunde genommen nur mehr ein Spiel, dass es bestmöglich zu spielen gilt und von welchem er weiß, dass er es am Ende verlieren wird. In den langen Tagen und Nächten, in denen er auf seine Hinrichtung wartet, fängt er im Geheimen an, einen Brief an seine Kinder zu schreiben, der mehr als nur Abschiedsworte an seine Familie enthält. Den eigenen Tod vor Augen flieht er in die Traumbilder eines deutschrassigen Idealbildes aus Kindertagen, schreibt 40 Seiten lang völkisch-national verklärte Erinnerungen an die Zeit seines Heranwachsen in der oberösterreichischen Heimat, einer bäuerlichen, perfekten Welt zwischen Grieskirchen, Raab und Eferding. Dieser, in einem BH einer Besucherin aus dem Nürnberger Gefängnis geschmuggelte Brief, ist sein Vermächtnis für die Nachwelt, in der Kaltenbrunner den Geist seiner heimatliebenden, seiner deutschen Weltanschauung ein letztes Mal beschwört, um ihn für die kommenden und, so hofft er, deutsch-identitären Generationen zu bewahren.
Seinem Sohn rät sein Vater, „unsere oberösterreichische Mundart“ zu lernen, weil diese sich wie „keine andere deutsche Mundart so rein erhalten hat“ – rein, wie die autochthonen Sprachgebraucher ihren „Stamm“ sehen. Seine „heimatlichen Zwiegesänge“ mit dem „aus Peuerbach“ stammenden Wirt des Bierlokals seiner Studentenverbindung „Arminia“ behält er selbst in seinem Todesjahr als „Höhepunkt“ im Gedächtnis.


Traditionelle Verbunden mit der Sparkasse Grieskirchen


Seitenlang beschwört er die traditionelle Verbundenheit seiner Familie mit der geliebten oberösterreichischen Heimat und schreibt: „Mein Großvater war der Rechtsanwalt Dr. Karl Kaltenbrunner in Grieskirchen, bekannt durch die Gründung der ersten großen bürgerlich-bäuerlichen Sparkasse in dieser Landstadt Oberösterreichs… [Er] kam als Rechtsanwalt im Jahre 1868 nach Eferding, war dort öfters, insgesamt mehr als 20 Jahre Bürgermeister dieser alten, mir immer so lieben Stadt. Er wurde 1830 in Enns geboren und starb im Mai 1910 in Eferding.“ Seinem Sohn schildert er sein Anrecht auf einen Sitz in der örtlichen Sparkasse: „Dein Urgroßvater begann seine Rechtsanwaltslaufbahn in Grieskirchen, wo er mit anderen Bürgern die dortige Sparkasse gründete, ein angesehenes, vorbildliches Institut des bäuerlichen Oberösterreichs. Die Statuten bestimmen, dass jeweils der Erstgeborene männliche Nachkomme der Gründungsmitglieder zum Vorstand der Sparkasse gehöre, weshalb mein Vater und ich später oft zu den Sitzungen nach Grieskirchen fuhren. Es bot sich dabei immer ein Einblick ins gesunde volkswirtschaftliche Leben, ein Berufszweig, der mir immer näher stand als der Juristische. Du hättest ein Anrecht, diese Funktion nach mir anzutreten, erst recht, wenn Du ein Bauer dieser Gegend geworden wärst. Mir tat es leid, dass Krieg und schwere Aufgaben mich davon abhielten, diese Heimatwurzel mehr zu pflegen.“


Wer aber vermeint, dass die Beziehung Ernst Kaltenbrunners mit der Sparkasse Grieskirchen zwischen 1940 und 1945 sich auf eine bloß repräsentative beschränkt, in dem Sinn, dass sich ein kleines, traditionsbewusstes ländliches Institut mit einem bedeutenden Namen aus den Sphären der NS-Prominenz schmücken will, irrt und verkennt die Qualität der, über Generationen gewachsenen Verbindungen zwischen Kaltenbrunner und einigen Grieskirchner Honoratioren. So trägt er seinem Sohn auf: „Grüße die Herren von mir, namentlich den Rechtsanwalt Dr. Peyrer, der schon mit meinem Vater befreundet war“.


Nicht nur seitens seines Großvaters und des 1875 in Grieskirchen geborenen Vaters, Dr. jur Hugo Kaltenbrunner, ist er mit der ehrwürdigen Institution der Sparkasse verbunden. In seinem Abschiedsbrief erinnert er sich, dass seine Großmutter „Frau Marie Kaltenbrunner, eine geb. Augustin [seines] Wissens eine geborene Rosenauer gewesen [ist], sodass solcher Art mit den angesehenen Linzer Bürger und Kaufmannsleuten Rosenauer blutsverwandt sind. Diese Rosenauer haben als alte Eisenhändler und Schiffersleute Handels- und wahrscheinlich auch Familienbeziehungen zur Sensenschmiedefamilie Zeitlinger gehabt. Die Zeitlinger sind durch Heirat in den Besitz der Kaltenbrunner-Schmiede in Micheldorf an der Krems gekommen, woher wir Kaltenbrunner alle abstammen.“ In der Festschrift der Sparkasse Linz, welches dieses Jahr ihr 170-jähriges Jubiläum feiert, wird über den Sensenfabrikanten und Industriepionier Caspar Zeitlinger berichtet: „Eine Gruppe der Gründungsmitglieder wurde später als die „Fugger von Linz“ bezeichnet, angelehnt an den Namen des höchst erfolgreichen schwäbischen Kaufmannsgeschlechts. Dazu zählte man Josef Dierzer von Traunthal, Anton Georg Pummerer, Ignaz Mayer, Franz Honauer, Johann Grillmayr, Caspar Zeitlinger sowie Ignaz Karl Figuly. Letzterer war der erste „Sekretär“ der Handels- und Gewerbekammer und als Einziger der illustren Schar kein Gründungsmitglied der Sparkasse.

Pandeutsch
Deutschvölkisch
Nationalsozialistisch


Dem aufmerksamen Leser, welcher den langwierigen Ausführungen der Verbundenheit ausgewählter Honoratioren des Landls mit den historischen, alt-österreichischen Wurzeln des Nationalsozialismus, bis hierher gefolgt ist, wird die Ähnlichkeit der „pandeutschen“, „deutschvölkischen“ und später „nationalsozialistischen“ Denkweise am Anschauungsbeispiel einiger Mitglieder des Sparkassenvereins Grieskirchen ins Auge springen. Das in Burschenschaften, Turn- und Verschönerungsvereinen oder Südmark-Ortsgruppen und Deutschen Schulvereinen gepflegte „verschwommene, völkisch-deutschnationale, arisch-rassentümelnde, antimarxistische, […] autoritäre und xenophobe Gedankengut, aus dessen Dunstkreis sich die nationalsozialistischen Vorläufer vom Schlage Schönerers und Karl Luegers erhoben“ hatten, wurde in den meisten Fällen vom Vater auf den Sohn weitergegeben. So verbindet die honorigen „deutschen“ Herren unserer Heimat ein „völkischer Nationalismus“, der um die Jahrhundertwende „den fruchtbarsten Boden in den […] Ländern“ fand, „in welchen sich das Zu-kurz-gekommen-sein in der neuen territorialen Expansion mit dem Unvermögen zum Nationalstaat verband, also [auch] in Österreich-Ungarn.[…] schrankenloses Schwärmen für „Volksgemeinschaften“ ist keine Erfindung oder originelle Neuschöpfung des Nationalsozialismus. Das antislawische, antisemitische und alldeutsche „ideologische Fundament“ eines Ernst Kaltenbrunner war früh und wohl zu einem wesentlichen Teil in der oberösterreichischen Provinz gelegt worden. Um das politische Denken und die Gesinnung eines nationalsozialistischen Extremisten eines Ernst Kaltenbrunners auch nur annähernd und doch nur unvollständig verstehen zu können, darf die biographische Bedeutung und lebenslange Wirkung dieses „völkischen Nationalismus“ und die „österreichische Spielart pangermanistischer “Prägung durch sein Elternhaus nicht unterschätzt werden. Als am 5. September 1938 Ernst Kaltenbrunners Vater im Alter von 63 Jahren verstirbt, wird er in gleichgeschalteten Zeitungen als „eine sehr bekannte und geachtete Persönlichkeit“ geehrt, „welche bei der Verfolgung seines Sohnes in der Systemzeit viel mitzuleiden gehabt hatte“ und mit dessen Ableben „ein unbeugsamer nationaler Vorkämpfer aus dem Leben geschieden ist.“


Eine „geldwerte Verbindung“


Doch zurück zu seinem Sohn, dem jur. Dr. Ernst Kaltenbrunner, der auf den freigewordenen Sparkassen-Vereinsmitglied Sessel aufrückt und nicht nur eine vereinsmäßige Beziehung zur Sparkasse Grieskirchen pflegt, sondern über dies hinaus, auch eine „geldwertige“ Verbindung zu dem traditionsverhafteten Institut pflegt. Obwohl er in seinen „Memoiren“ beteuert „seine Stellung niemals zu materiellem Vorteil missbraucht“ zu haben, verbanden ihn „kurz vor und nach dem Ende des III. Reiches immerhin 68.753,99 Reichsmark mit der Stadt Grieskirchen, oder, um genau zu sein, der dortigen Sparkasse.“


Der Schlüßlberger Mag. Martin Demelmair recherchierte die Fakten dazu ausführlich und schreibt: „Der erst wenige Monate zuvor von der Militärregierung ernannte Bezirkshauptmann Dr. Hofer hatte im August 1945 als Staatskommissär an einer Sitzung der Sparkasse Grieskirchen teilgenommen und dabei zu seinem Erstaunen und Entsetzen feststellen müssen, dass „der Günstling Heinrich Himmlers“ und „Edelgermane der Ostmark“ auf einem Konto den Betrag von „RM 68.753,99 liegen hatte – bis zu diesem Zeitpunkt noch dazu mit dem Vorzugszinssatz von „3 ½ statt […] 2 ½ %“. Der CIC mochte Kaltenbrunner schon im Mai 1945 als mutmaßlichen Kriegsverbrecher bei Bad Aussee festgenommen haben, in Grieskirchen sollte es aber noch beinahe bis in den Herbst dauern und des entschiedenen Einschreitens eines antinazistischen Bezirkshauptmanns bedürfen, bis endlich „die Sperre dieses Kontos vorgenommen und die Abbuchung der zuviel bezogenen Zinsen veranlasst“ wurde. Mit den von Ernst Kaltenbrunner in (Ober-)Österreich hinterlassenen Vermögenswerten hatten sich Justiz und Verwaltung in (Ober-)Österreich jedenfalls noch einige Jahre zu beschäftigen. Die Welser Zeitung meldet Ende 1948: „Das Landesgericht Wien verlautbarte jetzt die Beschlagnahme des Vermögens des Dr. Ernst Kaltenbrunner, der bekanntlich eine der führenden SS-Persönlichkeiten war und im großen Nürnberger Prozeß zum Tode verurteilt und dort auch hingerichtet worden war. Auf Kaltenbrunners Schuldkonto ist so u.a. auch die gleich beim Umbruch im Jahr 1938 erfolgte Ermordung des damaligen Linzer Polizeidirektors zu setzen. Mit der Durchführung der Vermögensbeschlagnahme wurde die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen betraut.“


Die EFKO in Eferding


Neben dem oben erwähnten Betrag soll Kaltenbrunner auch bei der mittlerweile dunkelbraun umgefärbten „Bast in Eferding“ eine „Einlage von RM 50.000,-“ besessen haben. Eine Aufstellung der Verbindlichkeiten der, heute besser unter dem Namen EFKO bekannten, Vertriebsgenossenschaft weist noch 1950 den langfristigen Schuldposten „Dr. Ernst Kaltenbrunner“ mit einer Verbindlichkeit über 56.375 Schilling auf.


In seinen „Memoiren“, dem Abschiedsbrief an seine Kinder, schreibt er über einen Grundbesitz in Eferding und erinnert sich an seinen Freund, den NS-Bürgermeister und Vorsitzenden des Sparkassenausschusses Eferding, Hugo von Wanivenhausen. „Der Acker war seit vielen Jahren an einen Kleinbauern, dessen Gütl an der Straße nach Brandstatt linker Hand liegt, verpachtet. Den Pachtzins hat er auf ein Sparbuch in Eferding einzuzahlen gehabt, das nähere wüsste der ehemalige Bürgermeister aus Eferding, Hugo v. Wanivenhaus, der für mich alles besorgte. Meiner Schätzung nach müssten dort heute an die 2500 RM liegen. Wahrscheinlich sind auch sie ein Opfer der Verfolgung geworden.“


Der Schatz des Ernst Kaltenbrunner


Viel wurde über den, ins mythenhafte überzeichnete und des angeblich auf den Grund des „Mülleimer des Dritten Reiches“, des Toplitzsees, versenkten „Kaltenbrunner-Schatz“ geschrieben, gefunden wurde von dem „Fluchtgeld“ und dem Gold, das er sich auf die Seite geschafft hatte, freilich nur wenig. Neben seiner, von Dr. Hofer entdeckten Einlage auf der Sparkasse Grieskirchen, welche dieser als eine „ungeheure“ Bereicherung bezeichnete, stießen amerikanische Truppen im Salatbeet der, vom letzen Kommandanten der geflüchteten SS-SD Ernst Kaltenbrunner, am Weihnachtstag 1944 angemieteten „Villa Kerry“ in Aussee auf ein paar Kisten. Diese enthielten 76 kg Gold, 10.000 Goldstücke, 15.000 Dollar und 8.000 Schweizer Franken. Im Jahr 1948 findet der Jäger Herbert Köberl unter dem Fußboden der Wildenseehütte 200.000 Reichsmark. Ein urlaubender Taucher entdeckt im September 2001 im Schlamm des Altausseer Sees das Dienstsiegel Kaltenbrunners. Während der Rest von Kaltenbrunners legendären Schatz für immer verschwunden blieb, erfreuten sich einige Altausseer eines plötzlichen, scheinbar unerklärbaren Reichtums. Man schweigt sich bis heute in gegenseitigem Einvernehmen darüber aus. Ernst Kaltenbrunner wird am 16. Oktober 1945 in der Turnhalle des Justizpalastes Nürnberg gehängt.

Böller und Granaten

1934 setzt in Oberösterreich ein noch die dagewesener Bombenterror ein. Die seit 1933 illegalen Nationalsozialisten verschärfen ihre Gangart, versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken und zwingen den immer diktatorischer agierenden Bundeskanzler Dollfuß harte Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ein turbulentes Jahr auch im Bezirk Grieskirchen.

Das neue Jahr 1934 beginnt in Grieskirchen mit einem Knall. Am 3. Jänner wird „ein Böller gegen das Haus des Abgeordneten Franz Huber geworfen, wodurch einige Fenster zerschlagen wurden. Ein weiterer Anschlag war gegen den Gendarmerieposten geplant. An die Gartentüre vor dem Postengebäude wurde nämlich ein Sprengkörper gehängt, er konnte jedoch rechtzeitig entfernt werden.“ Die Schärdinger Chronik vermerkt, „ […] das an gewalttätigen Auseinandersetzungen reiche Jahr wurde in Schärding durch zwei Papierbölleranschläge in der Silvesternacht eingeleitet. Der erste Böller explodierte in der Silvesternacht am Stadtplatz und richtete keinen Schaden an.“ Die Alpenländische Morgen Zeitung weiß, dass „am Neujahrstag auf dem Hauptplatz in Schärding ein Papierböller geworfen [wurde], wodurch 52 Fensterscheiben zertrümmert wurden. Die Ladung des Böllers war so stark, daß noch zwanzig Schritte entfernt ein Fenster in Scherben ging. Viele Häuser waren mit Hakenkreuzen und Schmähschriften beschmiert.“

Die seit dem Jahr 1933 für illegal erklärte NSDAP verschärft zum Jahresanfang 1934 ihren Ton und beginnt nicht nur den Bezirk Grieskirchen, sondern auch ganz Österreich mit einer Terrorkampagne zu überziehen, welche die Regierung Dollfuss in Wien das Fürchten lehren und in weiterer Folge zu Fall bringen sollte. Harmlos, wie man aus dem Namen schließen könnte, sind die Papierböller, wie sie von den meist jungen Nazis in Dörfern und Städten zur Explosion gebracht und auf prominente Gegner des Nationalsozialismus geworfen wurden auf keinen Fall. So findet am 16. Jänner „ein Papierbölleranschlag gegen das Landesregierungsgebäude am Pestalozziplatz in Linz und in anderen Teilen Oberösterreichs, u. a. auch gegen die Redaktion der “Rieder Volkszeitung” statt, gefolgt von sieben weiteren Sprengkörpern, die in Linz am 28. Jänner zur Explosion gebracht wurden.

Wie in einem Berufungsprozess vor dem Obersten Gerichtshofe des ersten „Linzer Papierböllerprozesse“ im Juli 1934 festgestellt wird, waren entgegen der Auffassung der Verteidigung der beiden Angeklagten, dem Handelsangestellter Franz Altreiter und dem Hafner Hermann Sellner, die vom Landesgericht wegen Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz zu je 7 Monaten schweren Kerkers verurteilt worden waren, dass „diese Böller […] früher als Feuerwerkskörper im Handel frei erhältlich gewesen und schon daraus gehe hervor, daß sie nicht als „Sprengstoffe“ angesehen werden können“, die Gerichtsgutachter ganz anderer Meinung. Sie stellen fest, dass die Papierböller alles andere als harmlose „Kracher“ darstellen, sondern „ein Gemisch aus Chlorkalium und Aluminiumpulver gefüllte Papierböller [sind], die unter besonders starkem Knall explodieren, nicht nur großen Sachschaden verursachen, sondern auch, insbesondere bei direkter Berührung schwere Körperbeschädigungen hervorrufen können.“ Die Nichtigkeitsbeschwerde wird deshalb vom Obersten Gerichtshof verworfen. In Innsbruck wirde „am 23. Jänner mittags vor die Wohnung der Agnes Junger in Innsbruck ein Papierböller mit brennender Zündschnur gelegt. Der 17jährige Sohn Walter der Wohnungsinhaberin sah den rauchenden Böller, hob ihn auf und wollte ihn in der Küche in ein Wasserschaff werfen, um ihn auf diese Weise unschädlich zu machen. Der Böller explodierte jedoch, bevor ihn der Junger wegwerfen konnte, und riß ihm die rechte Hand beim Handgelenk ab. Außerdem wurde durch die Explosion die Kücheneinrichtung der Wohnung der Agnes Junger vollkommen zertrümmert.“ Am Dienstag, „den 23. Jänner abends krachte vor dem Gebäude der Kaiser-Franz-Josefs- Jubiläumsschule in Linz ein Papierböller. In Altheim explodierte am Donnerstag vor dem Kaufgeschäft Faschang ein Böller, drei Minuten später vor dem Hause des Schmiedemeisters Buchleitner. „Auf dem Kirchturm in Vöcklamarkt wehte am Samstagmorgen eine Hakenkreuzfahne, die wie das Blatt hervorhebt, von Leuten mit Rang und Namen schweigend und mit sympathischem Lächeln begrüßt wurde.“

Gegenmassnahmen des Austrodiktators Dollfuß

Die Regierung reagiert auf die schweren Terroranschläge indem sie nach jedem Anschlag eine bestimmte Anzahl amtlich bekannte Nationalsozialisten verhaften lässt und sie in das Durchzugslager in Wels oder Anhaltelager wie den „Kaisersteinbruch“ oder das Lager „Wöllersdorf“ steckt. Ein bekannter aufstrebender Nazi, der in Ried geborene Dr. Kaltenbrunner wird wegen seiner nationalsozialistischen Einstellung bereits im Januar 1934 von der Dollfuß-Regierung verhaftet und mit anderen führenden Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Kaisersteinbruch eingeliefert. Ein von ihm veranlaßter und geführter Hungerstreik zwing die „Systemregierung“, 490 nationalsozialistische Häftlinge zu entlassen.

In neuen Schnellverfahren verurteilen die Gerichte „Pöllerwerfer“ zu immer härteren und längeren Gefängnisstrafen. So werden die zwei Attentäter, die in Bad Hall am 17. Jänner Sprengsätze gezündet hatten, der 20jährige Maurer Franz Pernegger und den 26 Jahre alte Tischlermeister Ludwig Brunmayr zu fünf Jahren und neun Monaten schweren Kerker verurteilt, verschärft durch ein hartes vierteljähriges Lager.

Der Terror geht weiter

Trotz des harten Durchgreifens der österreichischen Regierung und Exekutive explodieren alle paar Tage in Oberösterreich Sprengsätze. „In der Nacht zum 19. Jänner wurden im Stadtgebiet Wels mehrere Papierböller zur Explosion gebracht. Ein Böller explodierte in der Maximilianstrasse vor dem kath. Preßvereinsgebäude, wo die Rollbalken zum Teil eingedrückt und einige Fensterscheiben zertrümmert wurden. In der Umgebung der Stadt sollen, wie verlautet, ebenfalls mehrere Explosionen stattgefunden haben.“ Am selben Abend waren „um etwa 19.45 Uhr […] in der Stadt Linz nacheinander drei Detonationen zu hören. Es stellte sich heraus, daß wiederum Papierböller zur Entzündung gebracht worden waren. Einer explodierte in der Domgasse vor dem Hause des Ordens der Gesellschaft Jesu […], wobei zahlreiche Fensterscheiben zertrümmert wurden, ein zweiter Pöller in der unbeleuchteten Marktstrasse vor der Westfront des Kolosseumgebäudes und zwei Pöller mit gleichzeitiger Detonation in der Harrachstrasse vor dem Gebäude des Priesterseminars der Diözese Linz. Die Linzer Tages-Post stellt beunruhigt fest: „In der Stadt herrscht wegen der fortgesetzten Gefährdung des Lebens und Eigentums der Bewohner durch Anschläge obiger Art begreifliche Aufregung.“

(K)eine Sache zum Lachen

Einer Terrorgruppe aus Marchtrenk wird unter regem Interesse der Öffentlichkeit der Prozess gemacht. Als die acht jungen Burschen, alle gerade mal zwanzig Jahre alt, von vier Justizwachebeamten aus der Haft dem Richter vorgeführt werden, sitzen sie auf der Anklagebank, lachen und kichern fortwährend. Die Anklage wirft den acht Jugendlichen neben Hakenkreuzschmierereien auch Sprengstoffanschläge „beim Bürgermeister Asböck, beim Tischlermeister Kührer und beim Vizebürgermeister Bittermann“ vor. „Weiters wollten sie auch die vaterländische Kundgebung dadurch stören, indem sie in ein Starlhäusl einen Sprengkörper legten, das sie in der Nähe des Kriegerdenkmales auf einen Baum hängten, damit es dort während der Kundgebung explodieren sollte. Weiters haben sie auch Sprengkörper nach Weißkirchen und Nettingsdorf gebracht, damit auch dort Anschläge durchgeführt werden sollten. Außerdem haben sie sich Gewehre verschafft, wovon sie einen Teil aus dem Besitze der christlich-deutschen Turner stahlen und einen Teil durch Kauf an sich brachten. Es wurden aber auch Unterhandlungen gepflogen wegen Ankauf eines Maschinengewehres. Wie niederträchtig sie bei ihren Handlungen vorgingen, beweist die Tatsache, daß sie die Spitzen der Gewehrmunition abfeilten, damit die Wirkung eine größere sein sollte.“

Die Schwere dieser Anklage scheint bei weitem keine Sache zum Lachen zu sein, doch das hindert die jugendlichen Angeklagten nicht während der Befragung dem Gericht schnippische Antworten zu geben. „Dem Angeklagten paßt das Wort „Terrorgruppe“ absolut nicht und so behauptet er, daß ihm diese Bezeichnung bei der Polizei in den Mund gelegt worden ist, obwohl seine Abteilung keine Terrorgruppe war, sondern die SS von Marchtrenk.“ Sie hätten „am 18. Jänner […] so einen Böller auf freiem Felde zur Explosion gebracht, zu Ehren der auf der Durchfahrt nach Wöllersdorf befindlichen Parteigenossen, damit sie auf uns Marchtrenker aufmerksam werden“, geben sie selbstsicher und keck als Rechtfertigung für ihre Sprengstoffanschläge dem Gericht gegenüber an. Auf die abgefeilten Spitzen der Munition angesprochen, gibt ein Angeklagter lässig zurück „Ja ich nahm aber das gar nicht so ernst, weil ich glaubte, daß es eine harmlose Sache ist.“ „Da der junge Mann immerfort lacht, rügt das der Vorsitzende mit ernsten Worten.“ Das Urteil: Sieben Angeklagte werden zu je fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt, einer freigesprochen.

Grieskirchner Terroristen

Auch vier Neumarkter „Pöllerwerfern“, Franz D., Walter W., Rudolf H. und Josef F. wird der Prozess gemacht und in einem, von der Sicherheitsdirektion für OÖ erlassenen Bescheid vom 26. Jänner 1934 den Angeklagten vorgeschrieben, Entschädigungszahlungen für Sachbeschädigungen durch Sprengstoffanschläge zu leisten. In der Begründung heißt es: „Am 8.1, 15.1., 16.1., 15.1. 22.1. und 6.1.1934 wurden im Zuge der nationalsozialistischen Terrorpropaganda in Neumarkt in Kallham Papierböller von unbekannten Tätern zur Explosion gebracht.“ Es gingen im Haus des Pfarrers 15 Fensterscheiben zu Bruch, beim Spengler die Auslagenfenster, sowie Schäden am Schulhaus, am Haus des Nationalrates Johann Weidenholzer, weiters 22 kaputte Fensterscheiben im Personalhause der österr. Bundesbahnen. „Die vier [Angeklagten] haben durch ihr Verhalten den fraglichen Anschlag insoferne begünstigt, gefördert und dadurch mittelbar mitverschuldet, als sie aus ihrer nationalsozialistischen Gesinnung auch bis in die letzte Zeit noch kein Hehl machten, sämtliche wegen verbotener Parteitätigkeit bzw. politischer Demonstrationen von der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen im Jahre 1933 bestraft werden mußten und hiedurch wohl wesentlich dazu beigetragen haben, auch noch andere Personen zu verbotenen Parteitätigkeiten und zu Terrorakten zu ermutigen. Die Voraussetzungen für die im Spruch verfügte Ersatzvorschreibung war daher voll gegeben.“

Am 9. Jänner 1934 finden in Grieskirchen zahlreiche Hausdurchsuchungen bei Nationalsozialisten statt unter anderem bei dem bekannten Rechtsanwalt Dr. Hermann R., dem Darmhändler und späteren Grieskirchner Ortsgruppenleiter Josef H., den Gebrüdern die Bäcker W., sowie zahlreichen anderen amtsbekannten Grieskirchner Nazis. Es werden zahlreiche, „die NSDAP betreffende Bücher und Schriften gefunden und einstweilen beschlagnahmt.“ Rechtsanwalt Dr. Hermann R. sowie Darmhändler H. geben gegenüber der Gendarmerie an, dass sie „in Erfahrung brachte[n], daß bereits am 9. Jänner 1934 um 3 Uhr früh, die Gendarmerie diesbezüglich Aufträge erhielt. Die Aufforderung jene Person zu nennen, welche ihm dies mitteilte, beantwortete er dahin, daß er dies selbstverständlich nicht sagen werde.“

„Guat is gegangen, nix is gschehn!“

Johann H., Bäckergehilfe bei Bäckermeister Johann W. aus Grieskirchen, einem bekannten Nationalsozialisten der ersten Stunde und SS-Mann, wird am 22. Jänner 1934 verhaftet und ihm beim Bezirksgericht Grieskirchen der Prozess wegen des Verdachts des Verbrechens nach §9 des Sprengmittelgesetzes gemacht. Er wird „dringend verdächtig von den am 21. Jänner 1934, um ca. 19 Uhr 45 in der Nähe des hiesigen Gendarmeriepostenkommandos verübten Papierbölleranschlages, zu einer Zeit, da die Verhinderung dieses Anschlages noch möglich war, Kenntnis erlangt und es unterlassen zu haben, der Behörde die Anzeige zu erstatten. Nachdem kurz nach dem Pölleranschlag im Gastgarten des Gasthauses des Emil Hubinger […] in unmittelbarer Nähe des Gendarmeriepostens ein Pistolenschuß abgefeuert wurde, wurden sämtliche im Gasthaus anwesend gewesenen Gäste einer Leibesdurchsuchung nach Waffen mit negativem Erfolge unterzogen.“ „Da von verschiedenen Vertrauenspersonen die Vermutung ausgesprochen wurde, es könnten im Geschäft des Eisenhändlers Georg W. […] dessen Angestellte zum Großteil Anhänger der NSDAP sind, Papierpöller oder sonstiges Propagandamaterial verborgen gehalten werden, wurde am 22. Jänner 1934 […] eine gründliche Durchsuchung der Wohnung und der Geschäftsräume mit negativem Erfolge vorgenommen. Johann H. gab zu seiner Verteidigung an, ein Alibi zu haben. Er sei am 21. Jänner 1934 „in der Backstube meines Dienstgebers beschäftigt [gewesen und] hörte um ca. 19 Uhr 45 einen heftigen Knall und vermutete, daß dies die Explosion eines Papierpöllers gewesen sein müßte. Daß ich an dem Papierpölleranschlag selbst beteiligt war oder davon Kenntnis hatte, stelle ich entschieden in Abrede, weil ich zur Zeit des Anschlages schon längere Zeit zu Hause war, daher den Anschlag nicht verüben konnte. Daß ich zur Zeit der Explosion tatsächlich im Hause meines Dienstgebers war, muß meine Dienstgeberin Aloisia W., deren Töchter Mizzi, und Grete, sowie die Söhne Alfons und Karl bestätigen können.“ „Die mir vorgehaltene Äußerung: „Gut ist es gegangen, geklappt hat es und nichts ist geschehen“ stelle ich entschieden in Abrede und kann der Angeber nur aus Gehässigkeit gegen mich eine solche Behauptung aufstellen.“

Die „Österreichische Legion“ droht

Seit Mitte 1933 verlassen viele junge Oberösterreicher illegal das Land, um sich der „Österreichischen Legion in Bayern“, einer militanten Kampftruppe der NSDAP anzuschließen, die den gewalttätigen Umsturz der österreichischen Regierung unter Dollfuss zum Ziel hat und hofft dadurch den Anschluss an Hitlerdeutschland zu erzwingen. Bereits am 8. September 1933 verbreitet die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen ein streng vertrauliches Rundschreiben an alle Gendarmeriekommanden des Bezirks, um vor der Bedrohung durch die Legion zu warnen. „Verschiedenen Nachrichten zufolge soll schon für die nächste Zeit eine Aktion der in Bayern aus österreichischen NSDAP Angehörigen gebildeten Österreichischen Legion beabsichtigt sein. Es sollen einzelne Angehörige derselben nach Österreich zurückgeschickt werden, um im Innern als Instrukteure oder Führer der dort befindlichen NSDAP Gruppen zu wirken. Es wäre daher nicht ausgeschlossen, daß diese Gruppen Sabotageakte gegen die Bahn, Telephon und andere öffentliche oder private Einrichtungen versuchen werden. Diesem Umstande muß demnach das größte Augenmerk zugewendet werden, um solche eventuell beabsichtigen Anschläge nach Möglichkeit zu verhindern. Alle aus Deutschland zurückkehrenden österreichischen Legionäre oder sonst verdächtige Personen sind an der Überschreitung der Bundesgrenze zu verhindern. Sollte dennoch in Einzelfällen ein solcher Grenzübertritt stattgefunden haben, so sind die Betreffenden festzunehmen und zur Bestrafung einzuliefern. […] Jeder Versuch einer feindseligen Aktion von aussen oder von innen ist mit der größten Rücksichtslosigkeit und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln sofort zu unterdrücken, worauf besonders aufmerksam gemacht wird.“

Der Sicherheitsdirektor in Linz fürchtet, dass es zu Massenverhaftungen von Legionären kommen könnte und läßt deswegen nachfragen, ob im Bezirk Grieskirchen „geeignete Objekte oder Lagerstellen zur Verfügung stehen, welche für den Fall des Bedarfes für längere Zeit als Sammellager in Betracht gezogen werden könnten.“ Es wird ihm geraten „in ganz dringenden Fällen könnte vorübergehend das sog. Schloß in Steegen, Gemeinde Steegen, in Betracht kommen. Dieses Gebäude ist 5 Minuten außerhalb des Marktes Peuerbach gelegen, alleinstehend und verfügt über eine größere Anzahl von Wohnräumen, in denen gegenwärtig lediglich Möbel, Bücher etc. untergebracht sein sollen. Im Schlosse selbst wohnt nur die Witwe des seinerzeitigen Eigentümers Johann Eisterer mit 2 Dienstboten.“

Die Tragik des 12. Februars

Nachdem die österreichische NSDAP am 19. Juni 1933 verboten wurde, erreicht sie schon Anfang 1934 wieder ihre ursprüngliche Schlagkraft, was sich in einer Häufung von Sprengstoffanschlägen zeigt. Als Anfang Februar in mehreren Städten große Bauernaufmärsche zur Unterstützung der Bundesregierung stattfinden, explodieren bis zu vierzig Böller an nur einem Tag. Als am 12. Februar 1934 in Linz, Attnang und Steyr Kämpfe zwischen dem Republikanischen Schutzbund und Regierungstruppen ausbrechen, kommt dies der NSDAP Führung sehr gelegen und so ordnet den sofortigen vorläufigen Stop der Terrorwelle an, um sich „diplomatisch als neutral zu geben.“

Als Konsequenz läßt die Reguering die Sozialdemokratische Partei und zahlreiche sozialistischer Vereine, sowie die Gemeinderäte vo Linz und Steyr auflösen, verhängt das Standrecht in Oberösterreich und Wien und ernennt Regierungskommissäre. Es kommt zu zahlreichen Verhaftungen in Linz, unter ihnen der Nationalrat Dr. Ernst Koref und Landesrat Eduard Euller. Die traurige Bilanz der Kämpfe laut amtlicher Verlustliste: 239 Tote und 658 Verwundete worauf auf Oberösterreich 29 Tote (darunter 2 Frauen), 54 verletzte Männer, 9 Frauen und ein Kind entfallen.

Eskalation des Nazi Terrors

Am 10. April schrauben die Nazis den Bombenterror, welchen sie über Oberösterreich brachten, noch eine weitere Stufe höher und schrecken selbst vor Sprengstoffanschlägen auf unschuldige Zivilisten nicht mehr zurück. Mit einem Bombenanschlag auf den Pariser Nachtschnellzug zwischen Oftering und Marchtrenk am 10. April, bei dem ein Eisenbahner getötet wird und 15 Personen zum Teil schwer verletzt wurden, „werden die nationalsozialistischen Attentate wieder aufgenommen, bei denen in den Wochen bis zum Beginn des Juliputsches in Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark weitere Menschen ums Leben kommen. Über 300 Attentate und Böller-Anschläge der ersten Jahreshälfte 1934 — waren von wenigen Ausnahmen abgesehen — keine spontanen Einzelaktionen, sondern wurden von Deutschland aus gesteuert, zumindest aber mit Waffen, Geld und logistischer Hilfe unterstützt.“ Innerhalb nur eines Jahres steigert sich die Gewaltbereitschaft der Nazis von vormals harmlosen Protestaktionen, wie dem Anbingen von riesigen Hakenkreuzen in Felswänden, Plakataktionen und Schmierereien an Hauswänden usw. die in der lokalen Erinnerungstradition als „persönliche Waghalsigkeiten“ romantisch verklärt werden zu brutalen terroristischen Aktionen, die in Mord- und Terroranschlägen ihren vorläufigen blutigen Höhepunkt finden.

Am 21. Mai wird die Grenzlandkundgebung der Vaterländischen Front mit Landeshauptmann Dr. Heinrich Gleißner und Landesrat Heinrich Wenninger in Schärding durch an Luftballons befestigten Papierböllern über der Stadt bedroht. Dem folgt am 9. Juni ein weiterer Sprengstoffanschlag auf die Bundesbahn bei Vöcklabruck, im Militärverpflegungslager Wels und ein Mordanschlag in Sierning. Sicherheitsdirektor Dr. Hans Hammerstein-Equord erlässt eine neue Terrorwarnung und befiehlt die schärfste Bewachung der Bahnstrecken durch die Exekutive.

Die traurige Bilanz des Terrors der illegalen Nationalsozialisten in Österreich. Vom Juni 1933 bis zum Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 werden 803 Menschen Opfer nationalsozialistischen Terrors. Durch Anschläge werden 117 Personen sofort getötet, weitere 52 so schwer verletzt, dass sie an den Folgen dieser Verletzungen verstarben.

Die Ermordung des Bundeskanzlers

Der 25. Juli 1934 ging in die österreichischen Geschichtsbücher ein, als 150 illegale Nationalsozialisten, als Offiziere und Soldaten des österreichischen Bundesheeres verkleidet „zur Wachablöse“ in den Hof des Bundeskanzleramtes am Wiener Ballhausplatz vorfahren. SS- und SA-Männer stürmen in das Kanzleramt um die österreichische Regierungsmitglieder gefangen zu nehmen und so durch den von Hitler geplanten Putsch die Regierung Dollfuß zu stürzen. Doch die Regierungsmitlieder waren vorgewarnt worden und hatten das Kanzleramt rechtzeitig verlassen, nur Bundeskanzler Dollfuß blieb zurück. Er wurde durch zwei Kugeln, welche wie bei der Obduktion festgestellt wurde verschiedene Kaliber hatten und deswegen aus zwei verschiedenen Waffen abgefeuert worden sind, verletzt und verblutete langsam, da die Nazis ihm medizische Hilfe sowie den Beistand eines Priesters verweigerten. Der 34-jährige arbeitslose Otto Planetta hatte einen Schuss auf den Bundeskanzler abgegeben und wurde später dafür gehenkt. Lange Zeit war der Name des zweiten Attentäters ein Geheimnis bis spätere Forschungen glauben in Rudolf Prochaska, einem 39jährigen Luftwaffenoffizier im Bundesheer der Ersten Republik und illegales Mitglied der SA, den zweiten Schützen identifizieren zu können. Trotz der tragischen Ermordung Bundeskanzler Dollfuß scheitert der Putschversuch schon wenige Stunden später. Jedoch kommt es in Oberösterreich zu zahlreichen Aufstandsversuchen. In Wilhering und in Laakirchen wird ein Gendarm ermordet, im Raum Hinterstoder – Windischgarsten kommt es zu umfassenderen nationalsozialistischen Aktionen und Verhaftungen in Bad Ischl, Pinsdorf und Goisern, verlustreiche Kämpfe der 4. Brigade (2 Tote und 9 Verletzte) gegen die am Pyhrnpass verschanzten nationalsozialistischen Aufständischen des Oberen Ennstales, die Ermordung eines Gendarmen bei einem Überfall der österreichischen Legion im Raume Kollerschlag und dieVerhaftung eines deutschen Kuriers mit detaillierten Putschanweisungen, ebenfalls in Kollerschlag, kennzeichnen den stürmischen und blutigen Höhepunkt des turbulenten Jahres 1934.

Der in Ried geborene Ernst Kaltenbrunner, ehemaliger Sicherheitsdirektor des Landes und Heimwehrführer, der im Bezirk Grieskirchen Schloss und Land besaß, Führer des illegalen Linzer SS-Abschnittes und von 1943 bis Kriegsende Chef der Sicherheitspolizei und des SD sowie Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) äußert sich bei seinem Prozess in Nürnberg am 11. April 1946 zurückblickend, dass die Nationalsozialisten Opfer der Regierung Dollfuß gewesen seien und meint lapidar: „Dieser Putschversuch, der auch unglücklicherweise den Mord an Dollfuß mit eingeschlossen hatte, ist niedergeschlagen worden und mit strengsten Verfahren gegen eine Unzahl von Nationalsozialisten gerächt worden. Eine besonders harte Maßnahme bestand darin, daß viele Tausende von Nationalsozialisten ihres Berufes verlustig erklärt wurden, und es bestand die Notwendigkeit, eine Befriedung, ich möchte sagen, eine Milderung der Grundsätze der Regierung herbeizuführen.“

Eine misslungene „Befriedung“

Indirekt schien der Terror mit dem die illegalen Nazis das Land überzogen hatten, Früchte zu tragen. Es beginnen Versuche einer Befriedung mit den Nationalsozialisten. Ernst Kaltenbrunner und Anton Reinthaller aus Vöcklabruck, seit Ende der 1920er Jahre NSDAP Mitglied, wird es „gestattet“ mit seinen eigentlich illegalen Parteigenossen „Besprechungen abzuhalten“. „Schon im August 1934 hatte der oberösterreichische Landeshauptmann Gleißner mit „nationalen“ bzw. „gemäßigt [sic!] nationalsozialistischen Gruppen“ Gespräche geführt. Kein Jahr darauf hatte der Sicherheitsdirektor des Landes Oberösterreich, Peter Graf Revertera, gegenüber – dem späteren NS-Bürgermeister von Linz und Richter beim Volksgerichtshof – bedauert, so viele Nationalsozialisten verhaften zu müssen.“

Schuschnigg, der Dollfuß nachfolgt unterliegt 1938 am Berghof den Einschüchterungen Hitlers, der am 12. März der deutsche Wehrmacht befiehlt die Grenzen zu überschreiten und ein im Sterben gelegenes Österreich „heim ins Reich“ zu holen. Den Jubeltag der „österreichischen Befreiung“ den viele österreichische Legionäre jahrelang im deutschen Exil sehnsüchtigst erwartet hatten, müssen die Männer der Legion in ihren Baracken verbringen. Auf Hitlers Befehl darf die Österreichische Legion erst Ende März die neuen deutschen Gaue betreten und muss ernüchternd feststellen, dass die meisten der versprochenen lukrativen Posten, Ämter und arisierten Betriebe schon von deutschen Nazibonzen vereinnahmt und unter ihnen aufgeteilt wurden. Österreich verschwindet unter dem Jubel der Bevölkerung, von denen die meisten erst der Realität und des Schreckens eines Krieges bedurften, um aufzuwachen aus der kollektiven Hypnose eines Führerkults, an den sie so gerne glauben wollten.

Grieskirchen im Zeichen des Hakenkreuzes

Rechte Wogen radikaler Veränderung schwappen 1933 und 1934 vom Deutschen Reich auch nach Oberösterreich über, wo innerhalb kurzer Zeit NSDAP Ortsgruppen wie Schwammerl aus dem modrigen Unterholz eines krisengebeutelten und in Selbstzweifel versunkenen Landes sprießen, welches sich verzweifelt dagegen wehrt in das Tausendjährige Deutsche Reich eines machtgeilen Neo-Reichkanzlers Adolf Hitler eingesogen zu werden.

So mancher Grieskirchner blickt mit Sehnsucht, Neid oder Hass über die bayerische Grenze, wo sich unter gebrüllten Reden eines in Oberösterreich geborenen Diktators, ein tausendjähriges Deutsches Reich aus der „Schmach von Versailles“ erhebt. Im Februar 1933 erreicht die Weltwirtschaftskrise in Österreich ihren Höhepunkt, 600.000 Leute sind ohne Arbeit. Die „deutsche Sehnsucht“ ist erwacht und mit ihr die Hoffnung durch einen Anschluss an das „Dritte Reich“ alle Sorgen und Nöte eines Staates, den viele als „ideologische Missgeburt“ empfinden, durch eine „ordentliche Beschäftigungspolitik“ zu lösen. Schon früh begeistern sich auch in der Grieskirchner Heimat junge Leute für den Nationalsozialismus. 1929 veranstaltet die Hitler Jugend Grieskirchen einen dreitägigen Aufmarsch mit öffentlichen Veranstaltungen. Am 13. September stimmt man abends am deutschnationalen Stammtisch im Gasthaus Ruhland biergeschwängert deutsche Lieder an, tags darauf wird mit Feuerwerk und Tanz auf der Turnwiese des deutsch-völkischen Turnvereines Grieskirchen gefeiert. Höhepunkt am nächsten Tag ist der feierliche Umzug durch die Stadt mit einer öffentlichen Versammlung am Hauptplatz, danach Volksfest mit verschiedenen Belustigungen wie Tombola oder Sacklaufen. Das gefällt natürlich vielen aus der lokalen Bevölkerung, die ihre Sprösslinge säuberlich in Uniform gekleidet, mit Swastika Armbinde und Wimpeln der HJ, in ordentlichen Reihen durch die Stadt marschierend, zujubeln und sich so stolz und so deutsch wie niemals zuvor fühlen.

Die NSDAP ruft, wir folgen!

Als Hitler am 31. Jänner 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, findet in Linz ein Fackelzug und eine Festversammlung der Nationalsozialisten statt. Tags darauf reiht sich Wels in die lange Liste von Gratulanten ein. In jedem kleinen Kaff wird eine NSDAP Ortsgruppe gegründet und lockt wie Rattenfänger junge Menschen an, die in Hitler’s Machtergreifung die Wiederkehr des wahrhaftigen Heiland sehen, um ihnen gehörig den Kopf zu verdrehen. Auch im Bezirk Grieskirchen veranstaltet die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei seit 1930 regelmäßig Versammlungen in Gasthäusern, wo Freibier so manchen orientierungslosen jungen Mann auf den „rechten“ Weg führt.

Am 10. Mai 1930 spricht auf einer Versammlung im Gasthaus Reisinger in Waizenkirchen und am kommenden Abend im Gasthaus Ruhland in Grieskirchen der Journalist und Verleger des Alpenländischen Volksverlages, Pg. Ernst Seidl, stolzes NSDAP Mitglied mit Nr. 116057, der keine Mühen gescheut hat, aus Linz in die Provinz anzureisen, um das Wort des Führers zu verbreiten und nebenbei auf Mitgliederfang zu gehen. Am Anschlusstag 1938 wird er für seinen begeisterten Einsatz für die „deutsche Sache“ mit der Geschäftsführung des Gauverlags Oberdonau belohnt, bei dem August Eigruber Gesellschafter ist, als man die Diözese zwang, den Katholischen Pressverein zu verkaufen. Das Gasthaus Ruhland ist am Sonntag, den 11. Mai mit ca. 50 Personen beiderlei Geschlechts gut besucht, die Ortsgruppe der NSDAP hatte gerufen und gekommen sind sie alle, um Redner Seidl über das Thema „Deutschland = Rettung“ sprechen zu hören.

Die schiere Menge an NSDAP Veranstaltungen im Jahr 1933 war enorm: Sturmappelle und Fackelzüge in Gaspoltshofen, Bachmanning, Gallspach, Peuerbach, Rottenbach, Haag a. H., Versammlungen von 200 Besuchern im Turnsaal des Niklaskellers in Waizenkirchen, einer Hitlergeburtstagsfeier im Kinosaal Hackl in Neumarkt mit Fahneneinmarsch, Festspiel und Liedervorträgen, ein Hitlerabend der Ortsgruppe Kallham mit Tanz und der Abhaltung eines „Glückshafens“ sowie Ansprachen von Gauleiter Andreas Boleck in Grieskirchen und feucht fröhlichen Zusammenkünften von SA Männern aus vielen Orten der Umgebung zu Führertagungen und Exerzierübungen. Rudolf Pührer, arbeitsloser Schlossergehilfe und NSDAP Ortsgruppenführer aus Grieskirchen reicht im Februar 1933 Anfragen an die BH Grieskirchen zur Bewilligung für die Abhaltung von Werbeumzügen mit anschliessenden Parteifeiern, politischen Gasthausversammlungen am NS-Stammtisch im Kronlachner Saale oder in Zweimüllers Gasthaus, ein. Vielleicht im Stillen beobachtet und bewundert der damals dreizehnjährigen Robert Z., der ein paar Jahre später der SS „Meine Ehre heisst Treue“ schwören wird, das gesellige Treiben der braunen jungen Männer.

Aufgehetzt von Propaganda und dem immer radikaleren Ton den Hitler anschlägt, der keinen Hehl länger daraus macht, dass er Österreich „heim ins Reich“ holen will, radikalisieren sich auch die Grieskirchner Nazis und geben sich nicht länger damit zufrieden, eine Hakenkreuznadel auf ihrem Sonntagsanzug zu tragen, sich untereinander mit erhobener Hand zu grüßen oder munter das Horst-Wessel-Lied zu pfeifen. Fanatische Grieskirchner Nazis holen ihre frischgebackenen Brötchen in der Bäckerei des SS-Mannes Alfons W. oder kaufen in der Eisenhandlung W. ein, dessen Besitzer sowie die meisten seiner Angestellten stolze und bekennende Nazis sind.

Der neue austrofaschistische Machthaber, Millimetternich Dollfuß (Er war 1.51 m klein) fühlt sich als grosser und starker Mann, als er am 5. März 1933 alle öffentlichen Versammlungen verbietet. Das Amt der oberösterreichischen Landesregierung informiert seine Bezirkshauptmannschaften: „In den letzten Tagen hat sich gezeigt, daß es bei politischen Versammlungen sehr leicht zu schweren Zusammenstössen und Ausschreitungen kommen kann, weil dermalen in breiten Kreisen der Bevölkerung angesichts der politischen Vorgänge in Deutschland grosse Aufregung herrscht. […] Der Höhepunkt der Spannung ist wohl am 5. März l.J. zu erwarten. Es ist an diesem Tage notwendig, die Bestimmungen des Vereins- und Versammlungsgesetzes mit besonderer Vorsicht zu handhaben […] daß durch die letzten Ereignisse in Deutschland und durch die am 5. März l.J. stattfindende Wahl in den Deutschen Reichstag entstandene Erregung und die damit verbundene Gefahr schwerer Ausschreitungen zwischen Anhängern der gegnerischen politischen Parteien, die öffentliche Ruhe und Ordnung einerseits gestört werden würde, andererseits zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung Sicherheitsmaßnahmen vorzukehren wären, die dem Staate Auslagen in einer Höhe verursachen müssten, die bei der gegenwärtigen finanziellen Lage nicht zu rechtfertigen wären.“

Die 400 Männer und Frauen von Grieskirchen

Mit einem abendlichen Fackelzug der SA und Zivil „ausgehend vom Gasthaus Zweimüller durch sämtliche Hauptstrassen der Stadt“ und „anschließendem Höhenfeuer und Pöllerschüssen am Berge bei der Wiererkapelle (Zweimüllergrund)“ feiern begeisterte Grieskirchner Nazis einen Tag nach der Reichstagswahl in Deutschland am 5. März 1933 den Erdrutsch Sieg der NSDAP mit 43.9% der Stimmen, nach einem gehässigen Wahlkampf, der von gewalttätigen Übergriffen auf politische Gegner und staatlicher Verfolgung mittels eilig, nach dem Reichstagsbrand vom 27. auf den 28. Februar 1933 erlassener Verordnungen, überschattet war. Die unerfüllte Sehnsucht nach Deutschland ertränkt der gute Nazi in einem ausgiebigem Besäufnis auf der anschließenden öffentlichen Versammlung. Das Gendarmeriekommando Grieskirchen erstattet dem Bundeskanzleramt darüber genauestens Bericht: „160 Personen, darunter 46 SA- und 5 SS-Männer nahmen an dem Fackelzug durch die Hauptstraßen des Stadtgebietes teil. […] Unter den Teilnehmern befanden sich der deutschvölkische Turnverein, die Liedertafel und der Bund deutscher Frauen Grieskirchen. Nach Abschluß des Fackelzuges fand anschließend bei dem Kriegerdenkmal der deutschen Turner eine Heldenehrung statt, wobei der Parteigenosse Josef Eybl, Kaufmann aus Wels, die Gedenkrede hielt“ und ausführte, dass „[…] auch in Österreich in kurzer Zeit der Nationalsozialismus die Oberhand gewinnen und das erreichen [wird], was im Deutschen Reich bereits im Zuge ist. Während dieser Rede wurden viele Böllerschüsse abgegeben und gleichzeitig wurde ein Höhenfeuer in der Nähe von Grieskirchen abgebrannt.“ Daraufhin finden sich „400 Personen beiderlei Geschlechtes“ im Gashaus des Gastwirtes Karl Kronlachner zu einer allgemein zugänglichen Versammlung ein, bei der Eybl die Stimmung mit einer Rede über die Unfähigkeit der österreichischen Regierung aufpeitscht. Unter dem Vorsitz des arbeitslosen Schlossergehilfens und Führers der Ortsgruppe Grieskirchen, Rudolf Pührer und dem Werbeleiter der NSDAP, dem Rechtsanwalt Dr. Hermann R., wird eine Resolution angenommen, in welcher, mit einer unglaublicher Selbstsicherheit— fast könnte man dazu Arroganz sagen— im Namen der „400 Männer und Frauen aus Grieskirchen“ der sofortige Rücktritt der Regierung Dollfuß und Neuwahlen gefordert wird.

In der Entschliessung, die direkt an den Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß geschickt wird, der erst tags zuvor das österreichische Parlament für „selbstausgeschaltet“ erklärte, heißt es: „Die heute anlässlich einer Kundgebung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in Grieskirchen […] versammelten 400 Volksgenossen aus allen Ständen und Berufen, haben mit Befriedigung davon Kenntnis genommen, dass der Führer der grössten deutschen Bewegung Adolf Hitler, zum Kanzler des deutschen Reiches und dadurch zum Führer der deutschen Nation ernannt worden ist. […] Nach 14 Jahren der Verirrung, in deren Gefolge Not und Elend, Qual und Sorge, Bruderkampf und Versklavung einhergingen, hat sich das deutsche Volk freigemacht, von seinen falschen Führern, hat sich auf den Boden der Nation zusammen gefunden zur grossen Not und Schicksalsgemeinschaft und hat in einem gewaltigen Aufbruch von nie zuvor erlebter Grösse den Kampf um seine Zukunft aufgenommen. Zu dieser geschichtlichen Stunde, in der wir uns innerlich enger den je mit unseren Brüdern im Reich verbunden fühlen und brennender den je die Schmach jener Verträge empfinden, die uns äusserlich von ihnen trennen, grüssen wir aus heissem Herzen, das neue Reich und seinen Führer Adolf Hitler, den Sohn unserer Heimat. […] Das Österreichische Volk wurde in Not und Schande gestürzt, seiner Freiheit beraubt, sein Vermögen verschleudert und überdies wurde seine Ehre preisgegeben. […] Österreich ist nun einmal trotz aller gegenteiligen Behauptungen als selbständiger Staat nicht lebensfähig. Der einzige Ausweg kann daher nur sein Zusammenschluss aller Deutschen zu einem geschlossenen Reich unter einheitlicher Führung.“ Starke Worte siegestrunkener Grieskirchner Männer und Frauen will man meinen.

Nestbeschmutzer

Schon lange bevor sich Thomas Bernhard mit „Heldenplatz“ einen Spitzenplatz unter den Staatsbeschimpfern Österreichs sicherte, ging der Regierung, angesichts der immer offener und brutaler werdenden Kritik an Österreich und seinen ehrwürdigen Repräsentanten, der Hut hoch. In Express-Erlässen vom 8. März und 12. April 1933 erinnert das Bundeskanzleramt, dass „öffentliche Beleidigungen des Bundespräsidenten, der Bundesregierung, einer Landesregierung oder von Mitgliedern dieser Regierungen, wenn hierdurch die zur Wiederaufrichtung des wirtschaftlichen Lebens unentbehrliche öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit gefährdet wird, nach der gedachten Vorschrift – unbeschadet der allfälligen strafgerichtlichen Verfolgung – von der politischen Bezirksbehörde (Bundespolizeibehörde) mit Geldstrafe bis zu 2000 S oder mit Arrest bis zu drei Monaten zu bestrafen sind.“

Die austrofaschistische Regierung Dollfuß bedient sich fleissig diktatorischer Instrumente, die sie sich bequem durch weitere Express Erlässe schafft. Nachdem die österreichische Regierung ein allgemeines Uniformverbot für 130 Orte und Bezirke in ganz Österreich einführt (Im Bezirk Grieskirchen trifft dies auf Bad Schallerbach und Gallspach zu) verbietet das Bundeskanzleramt auf Grund des §2 der Verordnung vom 10. Juni 1933 die Verbreitung etlicher nationalsozialistischer Zeitungen, Zeitschriften und Flugblätter für die Dauer von drei Monaten. Darunter finden sich unter anderen der „Völkischer Beobachter“, „die Deutschösterreichische Tages-Zeitung (DÖTZ) und die „Münchner Neueste Nachrichten“. Eiligst strömen im ganzen Bezirk Gendarmeriekommandos aus und durchsuchen Gasthäuser, Zeitungskioske in Peuerbach, Bad Schallerbach, Waizenkirchen, Neumarkt, Haag, Gallspach und Grieskirchen um verbotenes „Propagandamaterial“ zu beschlagnahmen.

In einem Erlaß vom 18. März 1933 wird ein Plakatierungsverbot für die Gemeindegebiete Gaspoltshofen, Geboltskirchen, Weibern und Haag a. H. für Bekanntmachungen und Aufrufe politischer Natur, welche die Ruhe und Ordnung bzw. die Sicherheit von Menschen und Eigentum gefährden, verordnet. Laut „Bericht des Gendarmeriepostenkommandos Haag a. H. bzw. auf Grund von hieramts eingeholten Informationen sind die politischen Gegensätze im dortigen Gemeindegebiete in den letzten Tagen derartig heftig geworden, daß kleine Auslöseursachen zu einer Gefährdung der Ruhe und Ordnung bzw. der körperlichen Sicherheit von Menschen oder des Eigentums führen können. Diese politischen Gegensätze wurden insbesondere durch Plakate wesentlich verschärft.“ Auch die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen findet daher „im Sinne des §4 Absatz 2 des Gesetzes vom 7.12.1929 […] bis auf weiteres jede Plakatierung von Bekanntmachungen, Aufrufen usw. politischer Natur ausnahmslos zu verbieten bzw. anzuordnen, daß derartige affichierten Plakate sofort beseitigt werden.“ Der Bürgermeister von Weibern sorgt sich um die kleindörfliche Ruhe seiner Gemeinde und meldet dass der „der Anschlag von sozialdemokratischen Plakaten wie am Ostersonntag, welche im wesentlichen die Diktatur Dr. Dollfuß, die Gefahr der Abschaffung der Geschworenengerichte, die Kürzung von Beamtengehältern, Arbeiterlöhnen und Arbeitslosenunterstützungen beinhalteten, eine Gefahr [bilden], daß Exzesse und Ruhestörungen vorkommen könnten, daher es erwünscht wäre, der Lokalsektion der sozialdemokratischen Partei in Weibern, das Anschlagen von Plakaten, welche versteckt oder offen gegen die Maßnahmen der Regierung hetzen, zu verbieten. […] Regierungsfeindliche Parteiplakate werden übrigens von der heimattreuen Bevölkerung niemals geduldet werden.“ vergisst der Bürgermeister nicht, noch ganz devot und dienstbeflissen anzufügen.

Nicht nur die NSDAP marschiert fleissig durch die Strassen und hält Versammlungen ab, auch die oberösterreichische Heimatwehr hat, wie die BH Grieskirchen alle Gendarmeriepostenkommandanten des Bezirks, „zur strengen Darnachachtung zur Kenntnis“ setzt, „die Absicht, in nächster Zeit Propagandafahrten zu veranstalten, bei welchen ungefähr je 20 Heimatwehrleute in Uniform auf einem Lastauto die einzelnen Orte durchfahren und bei dieser Gelegenheit an die Bewohner Flugblätter politischen Inhaltes abwerfen wollen.“ „Um Zweifeln zu begegnen, wird darauf aufmerksam gemacht, daß derartige Fahrten als politische Kundgebungen (Aufmärsche) zu werten und daher nicht zu dulden sind.“

Ganz und gar nicht zum Lachen

Doch nicht nur Propagandaspritzfahrten geben Anlass zur Erregung, auch ein vom „sozialdemokratische[n] Verein in Linz […] bereits seit längerer Zeit in ganz Oberösterreich [veranstaltetes] sogenanntes politisches Kabaretts, wobei von den Darstellern die gegnerischen politischen Parteien in Einaktern oder kurzen Sprechszenen unter Stellung von lebenden Bildern karikiert werden“ drückt auf das Ehrgefühl heimischer Gemüter. „Hiebei wird insbesonders darauf aufmerksam gemacht, daß nicht allein öffentliche Beleidigungen und Beschimpfungen der österreichischen Regierung und ihrer Mitglieder, sondern insbesondere auch öffentliche Beleidigungen einer auswärtigen Regierung oder ihrer Mitglieder unzulässig sind. Sollte solche trotzdem vorkommen, so ist unter Einhaltung der diesbezüglichen Bestimmungen das Strafverfahren gegen den Geschäftsführer und die Mitwirkenden einzuleiten und h. a unverzüglich die Entziehung der Lizenz zu beantragen.“ Thomas Bernard grüßt aus seinem Grab!

Die Sache mit dem “Vernadern”

Ein Wesenszug des Österreichers, den er sich mit Reichsdeutschen sämtlicher politischer Lager teilt, ist das „Vernadern“, in Piefke-Deutsch auch „Verpfeifen“ genannt. In geübt kriecherischem Tonfall richtet der Katholische Volksverein für Oberösterreich an die „Verehrliche Bezirkshauptmannschaft!“ eine Beschwerde, dass wie „aus Zeitungsberichten und Berichten unserer Ortsgruppen hervor[geht], das seinerzeit bestehende Versammlungsverbot insbesondere von der nationalsozialistischen Partei auf das gröblichste umgangen wird“ und lobt sich im nächsten Satz gleich selbst: „Der Kath. Volksverein verweist ausdrücklich darauf, daß er und seine Bundesorganisationen nur solche Versammlungen abhalten, die dem Versammlungsverbote nicht widersprechen und keine Umgehung es Versammlungsverbotes darstellen.“ Natürlich weisen Nationalsozialisten alle Anschuldigungen zurück, alle ihre Veranstaltungen laufen in bester teutscher Ordnung und vollkommen gesetzeskonform ab. Auf die Beschwerde von Heimatschutz-Kreisführer und Gutsbesitzer Botho C., „dass vormittags vor dem Gasthause der Maria Schraml in Waizenkirchen ein Kraftwagen hielt, welchem einige Personen entstiegen und in das genannte Gasthaus gingen“ antwortet der Ortsgruppenleiter der NSDAP im selbstsicheren Brustton der Überzeugung kämpferisch: „Es waren am 17.5.1933 einige Gäste im Gastzimmer, welche mit einem Auto ankamen, aber es war keiner dabei, welcher Parteiuniform getragen hätte. Sagen Sie mir den Zeugen, der so etwas behaupten kann und ich werde ihn klagen.“

Die Heiligkeit einer Kurortidylle und ein gern gesehener Gast

Das Gemeindeamt von Gallspach fürchtet, dass politischer Diskurs die perfekte Idylle der im Ort urlaubenden Kurgäste stören würde. Deswegen wendet sich der Bürgermeister am 21. April in einem Schreiben an die BH Grieskirchen „[…] im Hinblicke darauf, daß Gallspach ein von vielen Ausländern, die zum Zwecke der Erholung und Gesundung hierher kommen, besuchter Kurort ist und im Interesse des gesamten Fremdenverkehrs, wäre es es sehr angezeigt und wünschenswert, wenn die sogenannten „Schaukästen“ der politischen Organisationen, gleich welcher Parteirichtung, im Kurorte Gallspach verboten werden würden. Speziell die in diesen Schaukästen angeschlagenen Zeitungsausschnitte, politische Bilder, Kundmachungen etc. sind geeignet, dem Fremdenverkehr dadurch zu schaden, daß dem Kurgaste, der sich hier ein ruhiges und gesundheitsbringendes Wohnen erhofft und wünscht, der Aufenthalt verleidet wird und er auch andere Personen vielleicht dazu bestimmen wird, diesen Ort zu meiden. Es sind bereits Fälle vorgekommen, daß sich Kurgäste über die Art und Weise der in diesen Schaukästen betriebenen Politik aufregten und beschwerten und der Gemeinde klar machten, daß diese Schaukästen keine günstige Propaganda für den Kurort sind. Gegenwärtig bestehen zwei Schaukästen der nat. soz. Partei (der eine gegenüber dem Zeileis Institute und der andere beim Gasthof Plohberger) und einer der Heimwehr beim Gasthofe Roither, der jedoch geschlossen und seit längerer Zeit nicht mehr in Benützung steht.“ Dass nur ein paar Jahre später Führerstellvertreter Rudolf Hess ein mehrmaliger und gern gesehener Gast im Kurhotel Kurgast sein wird, wo Valentin Zeileis mit einer fluoreszierenden Röhre und einem funkensprühenden Hochfrequenzapparat Wunder wirkt, kann der Bürgermeister damals ja noch nicht ahnen.

Jetzt reichts! Die NSDAP wird verboten

Am 19. Juni 1933 verbietet die Regierung die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nachdem ein Handgranatenüberfall zweier Nationalsozialisten auf 56 Hilfspolizisten Christlich-Deutscher Turner, die von einer Schießübung in Egelsee nach Krems an der Donau zurückkehren, einen Hilfspolizisten tötet und 13 weitere schwer verletzt. „Durch die Verordnung der Bundesregierung ist der NSDAP (Hitlerbewegung) und dem Steirischen Heimatschutz jede Betätigung in Österreich untersagt und auch die Bildung irgendwelcher Parteiorganisationen, sowie das Tragen jedweder Parteiabzeichen verboten.“ Dieses Verbot gilt auch für die eingeführten Grussformen in Worten und Gesten. Selbst das Singen, Trällern oder Pfeifen ausschliesslicher Parteilieder, wie dem Horst-Wessel-Lied ist nun ein strafbares Delikt.

Ab dem Frühjahr 1933 wenden radikalisierte NSDAP Anhänger immer häufiger terroristische Methoden an und versetzen die Bevölkerung mit konspirativ vorbereiteter Gewalt gegen öffentliche Kommunikations- und Versorgungseinrichtungen und Anschlägen auf vermeintliche Gegner, die auch den Tod von Unbeteiligten in Kauf nehmen, in Angst und Schrecken. Die neue deutsche Regierung unter Reichskanzler Hitler arbeitet mehr oder weniger offen auf einen Sturz der austrofaschistischen Regierung Dollfuß hin mit Unterstützung der österreichischen NSDAP, welche gewaltsame Aktionen ausführt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass eine neue Terror-Welle mit der am 27. Mai 1933 von der deutschen Reichsregierung gegen Österreich verhängten „Tausendmarksperre“ zusammenfällt. Deutsche Staatsbürger müssen fortan beim Grenzübertritt nach Österreich eine Gebühr von 1.000 Reichsmark zahlen— ein direkter Angriff auf den österreichischen Tourismus. Dollfuß kontert am 1. Juni mit einem Visumzwang für Deutschland.

So eine Schmiererei – Nazi Parolen an den Wänden

Am 5. Juli demonstrieren 200 Nationalsozialisten in Ried, wo am 21. Juli ein deutsches Flugzeug nationalsozialistische Flugblätter auf die Stadt abwirft. Not macht selbst den dümmsten Nazi erfinderisch: Da nun gedrucktes Propagandamaterial verboten ist, gehen die Nationalsozialisten zu Schmieraktionen über mit der sie ganz Österreich überziehen. An vielen Häuserwänden, Gartenzäunen, Heustadeln und öffentlichen Gebäuden im ganzen Bezirk Grieskirchen prangen Parolen wie „Trotz Verbot nicht Tod! [sic]“, „Österreich erwache!“, „Heil Hitler!“, „Wir wollen heim ins Reich!“, „Heil dem neuen Deutschland!“, „Ihr zwingt uns nicht!“, „Wir kommen!“ allsamt dekoriert mit grossflächig gemalten Hakenkreuzen. Es hagelt zahlreiche Anzeigen gegen unbekannt. Gendarmerie und Polizei üben sich im Klettern um Flaggen und Wimpel, die nächtens an Bäumen und Strommasten hochgingen, zu entfernen.

Obwohl die regionalen Aktionen spontan wirken sind jedoch meist zentral vorbereitet und minutiös geplant. In einer parteiamtlichen Anweisung der NSDAP vom Mai1933 heißt es: „Inschriften wie „Heil Hitler“, „Ein Volk – Ein Reich“, „Wir wollen zu Hitler“ sind möglichst groß auf alle möglichen Flächen (Zäune, Mauern, Scheunen, Tore, mit Kalk auch auf von der Bahn aus sichtbaren Dächern) zu malen, und zwar so, dass sie vom Vorbeifahrenden leicht lesbar sind. Auch auf Rasenflächen, Futtermauern und dergleichen kann, sofern sie gut sichtbar sind, mit Kalk geschrieben werden. Achtung: Überall saubere Schrift, ohne Rechtschreibfehler!“

In der Nacht zum Sonntag, den 9 Juli findet im Stadtgebiet von Grieskirchen und in der Ortschaft Ziegelleithen eine grosse Schmieraktion mit zahlreichen Parolen und Hakenkreuzen, gemalt mit schwer zu entfernendem Eisenlack, statt. Kurz darauf „in der Nacht zum 1. August 1933 in der Zeit von 0 bis 1 Uhr wurden im Stadtgebiete Grieskirchen an mehreren Stellen Häuser und Strassensteine mit Hakenkreuze und Sprüchen bemalt, wodurch einerseits ein Sachschaden von 10 Schilling entstand, anderseits aber ein schwerer beleidigender Ausfall gegen den Herrn Bundeskanzler Dr. Dollfuss verübt wurde.“ Neben zahlreichen Hakenkreuzen und Nazi Parolen findet die Gendarmerie auf den Gehsteig vor dem Brauereigebäude neben Beleidigungen wie „Nieder mit dem H.W. Gaunern“, „Dollfuss verrecke“, auch antisemitische Hassparolen wie „Pfui Juda und Rom“ geschmiert.

Nach dem Verbot der NSDAP sind es vor allem deutsch-völkische Turnvereine, welche die NSDAP infiltriert und benutzt, um sich heimlich zu treffen, Informationen und Flugblätter auszutauschen und den deutschen Volkskörper zu stählen. Dieser Umstand wird von den Sicherheitsbehörden bald erkannt. Das Bundeskanzleramt meldet, dass „Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, dass der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterparteibewegung nahestehende Turnvereine im Widerspruch mit dem strikten Verbot der Verordnung der Bundesregierung vom 19. Juni 1933, die Tätigkeit der NSDAP bzw. ihrer Wehrformationen fortsetzen, beziehungsweise ihrer Wehrformationen fortsetzen, beziehungsweise hierzu den Versuch unternehmen. […] Die militärische Schulung und Weiterbildung von früheren SA und SS-Angehörigen soll auf diese Weise weiter zur Durchführung gelangen.“

Wenn die Deutsche Sehnsucht ruft

Ein neues Phänomen zieht im Sommer 1933 über das Alpenland. Aus allen Bezirken Österreichs fliehen anfangs nur ein paar junge Nationalsozialisten, dann immer mehr, „darunter Bauernsöhne, Knechte, Arbeiter und Professionisten“, illegal über die Grenze ins Deutsche Reich. Da jegliche Reise ins Deutsche Reich einer Genehmigung benötigt wird diese Flucht wurde als „Hochverrat“ verfolgt und hat die „Ausbürgerung“, die Aberkennung des Heimatrechts, zur Folge.

Oftmals schließen sich die jungen Männer, der seit dem 1. September 1933 aufgestellten „Österreichischen Legion“ an, welche bis 1934 zu einer Stärke von 12.000 Mann anwächst. Kampfziel der Legion ist es die Regierungsspitze Österreichs mit gewaltsamen Mitteln zu zerstören, um dadurch den Anschluss an das Deutsche Reich zu erwirken.

Lange schon kann man bei den nationalistischen Aktionsformen nicht länger von „Lausbubenstreichen oder „Räuber-und-Gendarm“ Spielen sprechen, die Grenze zu brutalen Angriffen auf politische Gegner und unschuldige Zivilpersonen ist schon längst überschritten. Eine Spirale der Gewalt, die 1934 in der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers in der offenen Gewalt des Juliputsches münden wird, dreht sich unaufhörlich weiter.

Eine Behörde greift hart durch

In den Akten der BH Grieskirchen im Landesarchiv Oberösterreich in Linz finden sich detaillierte Namenslisten meist junger Grieskirchner, die sich nach Deutschland abgesetzt hatten. Am 12. August 1933 informiert der Sicherheitsdirektor für Oberösterreich die „Herren Amtsvorstände aller oö. Bezirkshauptmannschaften und der Bundespolizeibehörden in Linz Steyr und Wels.“ „Es kommt immer häufiger vor, dass nationalsozialistische Parteigänger ins Ausland flüchten, vor allem nach Bayern, teils um in Deutschland eine nationalsozialistische Parteibeschäftigung zu erhalten, insbesondere als Aufseher in Konzentrationslagern, aber auch zu dem Zwecke, um im Deutschen Reich einen Kurs behufs Spezialausbildung mitzumachen. Aus Briefen solcher geflüchteter Leute ist zu entnehmen, dass die Absicht besteht, im Herbst einen Einmarsch nationalsozialistischer Formationen nach Österreich durchzuführen.“ „Ferner ergeht der Auftrag über alle erwiesenermassen nach Deutschland (Bayern) geflüchteten Angehörigen der NSDAP Österreichs ehemöglichst alphabetisch geordnete Verzeichnisse anher vorzulegen, welche die Rubriken: Vor- und Zuname, Geburtsdaten, Zuständigkeit, Beruf, geflüchtet seit wann, wo in Deutschland im Aufenthalte, frühere Betätigung in der NSDAP Anmerkung, zu enthalten habe. […] Auf die Wichtigkeit dieser Angelegenheit wird mit allem Nachdrucke aufmerksam gemacht und erwartet, dass die diesbezüglichen Anordnungen auf das Gewissenhafteste durchgeführt werden.“

Grund für den plötzlichen Massenexodus ist die gezielte Verfolgung und Bestrafung der NSDAP Mitglieder wegen illegaler Betätigung. Die Palette reicht von Geldstrafen in der Höhe von ein paar Schillingen bis hin zu tage- manchmal wochenlangen Haftstrafen. Der Ortsführer der SA in Grieskirchen, Rudolf Pührer „ist am 3. August 1933 von hier nach München abgereist ohne aber im Besitze der erforderlichen Bewilligung (B.G.Bl.Nr. 208/1933) zu sein […] und hätte am 3. August 1933 eine über ihn von der BH Grieskirchen verhängte 6 wöchige Arreststrafe antreten sollen.“

In den Akten findet sich die Zahl von 144 Ausgereisten bzw. Geflüchteten der Jahre 1933 und 1934, davon 104, die ausgebürgert wurden. Hans Schaffranek zählt 12.000 Legionären österreichweit, davon 1.734 junge Oberösterreicher und 105 aus dem Bezirk Grieskirchen. Damit liegt Grieskirchen an 42. Stelle der damals 112 politischen Bezirke Österreichs und nur leicht über dem Durchschnitt. Zwischen dem Tag der Ausreise und der Aufnahme in die Legion vergehen durchschnittlich 8 Tage. Die meisten Beitritte gibt es im August und September 1933, danach flaut es ein wenig ab, um erst wieder im April und Mai 1934 anzusteigen. Auch nach dem missglückten Juliputsch kommt es zu verstärkten Fluchten. Über 60% der Angehörigen der Österreichischen Legion gehören der Jahrgänge 1909 bis 1920 an und sind bei ihrer Flucht aus Österreich jünger als 25 Jahre. Der Anteil der unter 30 Jährigen beträgt 81.65%.

Die SA-Männer der „Österreichischen Legion“ schmuggeln massiv Sprengstoff nach Österreich, liefern sich Feuergefechte mit Grenzbeamten, Gendarmen und der Polizei, ermorden vermeintliche politische Gegner und versetzen das Land in Schrecken.

DIE NAZI LISTE DER STADT GRIESKIRCHEN

Warnung an den Leser

Der Author hat sich dazu entschieden, in diesem Artikel Klarnamen zu verwenden, weder um ehemalige Nazi Funktionäre und damalige prominente nationalsozialistische Anhänger der Stadt Grieskirchen zu „outen“, noch um Tratsch oder Voyeurismus über längst Verstorbene Vorschub zu leisten, sondern aus einem einzigen Grund: Um dem geschichtlich interessierten Leser aufzuzeigen, dass ein totalitäres System, wie jenes der NS-Diktatur, welche nicht nur dem Staat Österreich seine Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit nahm und dem Land für sieben Jahre seinen brutalen Willen aufzwang, auch in jedem Ort, in jeder Stadt und in jedem Dorf, seine willigen Helfer und Vollstrecker hatte, ohne deren Einsatz und Unterstützung sich das Nationalistische Terrorregime niemals so mächtig und allgegenwärtig entfalten hätte können.

Auch im Bezirk Grieskirchen war ein buntes Spektrum von fanatischen Anhänger, stillen Befürwortern und opportunistischen Mitläufern— angefangen von kleinen Funktionären und Blockwarten —  bis hin zu SS- und SA-Männern, Kreisleitern und schweren Kriegsverbrechern, vertreten. Die meisten jener Personen, welchen das Nazi-Regime zu einem schnellen Aufstieg, zu Macht und Ansehen verhalf und sie dann in einem tiefen Fall mit sich in den Untergang zog, waren Väter, Mütter, Söhne und Töchter aus teilweise alteingesessenen, angesehenen und respektierten Grieskirchner Familien. Dem Autor ist es ein Anliegen in dieser Artikelserie, anhand von dokumentierten Geschehnissen in der Stadt Grieskirchen aufzuzeigen, dass ein faschistisches System, kein abstrakter und von oben auf die Menschen aufgesetzter künstlicher Begriff ist, sondern seine Wurzeln in jenen lokalen Bevölkerungsteilen hatte, welche willig waren, einem rassistischen und totalitären Terrorregime bedingungslos als Räderwerk zu dienen. Dass dabei oftmals die Grenze von Moral und Anstand überschritten wurde und Fanatismus und verblendeter Hass, das gewohnte respekt- und würdevolle Miteinander eines beschaulichen Stadtlebens ersetzte, wird am Beispiel des Postenkommandenten Hammerschmied nur allzu deutlich veranschaulicht.

Lauter alte Schachteln

Im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz schlummern, für jedermann öffentlich zugänglich, 785 Schachteln mit Akten der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen aus den Jahren 1858 bis 1955. Darunter finden sich auch zahlreiche Dokumente aus jener Zeit, als unsere Heimat ein Niemandsland zwischen dem Albtraum und unsäglichen Leids der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur und der Idee einer neuen, eigenständigen Zweiten Republik eines Landes, welches verzweifelt versuchte seine eigene, seine österreichische Identität wiederzufinden. Jene wurde am 12. März 1938 unter dem überschäumendem Jubel der Bevölkerung, dem Wahnsinn einer großdeutschen Idee geopfert. Hitlers Selbstmord hinterließ das Trümmerfeld eines besiegten Landes, welches führerlos, aufgeteilt unter vier Siegermächten, vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe stand, die Einflüsse des Nationalsozialimus aus der Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Justiz und vor allem aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben, ein Unterfangen, welches trotz guter Vorsätze und anfänglichem Elan, zum großen Teil zum Scheitern verurteilt sein wird. Dieser Fluch des ewiggestrigen Denkens wird ein gerade erst wiederauferstandenes, demokratisches Österreich für viele Jahrzehnte immer wieder heimsuchen und oftmals in Versuchung führen, die Geister der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Deswegen stand nach der Befreiung für die Besatzungsmächte eines vor vornherein ganz klar fest: Ohne Entnazifizierung würde es für Österreich keinen Staatsvertrag geben!

Mama, die „Amerikana“ sind da!

Als am Freitag, dem 4. Mai 1945 um 14.20 Uhr, die ersten amerikanischen Fahrzeuge und Panzer am Roßmarkt eintreffen, ohne dass auch nur ein Schuß fällt, ist nun endlich auch für Grieskirchen, der von vielen ersehnte und von manch anderem gefürchtete Tag der Befreiung oder der Niederlage gekommen. Dr. Josef Hofer, der von den Nazis ins KZ Buchenwald gesteckt und dort schwer misshandelt wurde, leitet in Koordination mit den einrückenden amerikanischen Truppen die Aktion der Österreichischen Freiheitsbewegung, zur kampflosen Übergabe der Stadt. Noch am selben Tag, als Grieskirchen von einer siebenjährigen Nazi Herrschaft befreit wird, „ [tritt] die Österreichische Freiheitsbewegung […] auf und übernimmt die Gewalt. Es werden in Sicherheitsgewahrsam zur Gendarmerie genommen: Kreisleiter Humer, Pöschko, Kreisschulrat Kayer, DAF-Obmann Ebetshuber, NSV-Obmann Wasmayr, Heher, Antoniol und Stoll.“, schreibt der Rechtsanwalt Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt, von 1938 bis 1945 Nazi Bürgermeister der Kreisstadt Grieskirchen, als einen seiner letzten Einträge in das Tagebuch. Am Sonntag, den 6. Mai ergeht ein „Befehl der amerikanischen Truppen, bis 18 Uhr alle Waffen, Munition, Feldstecher und Fotoapparate abzugeben sowie nationalsozialistische Schriften zu vernichten. Die Bevölkerung kommt dem Befehl reibungslos nach.“ Am nächsten Morgen um 12.00 Uhr übergibt Dr. Peyrer-Heimstätt das Bürgermeisteramt an Herrn Leopold Gföllner, welcher schon von 1936 bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht die Geschicke der Stadt lenkte. Dr. Josef Hofer wird zum Bezirkshauptmann des Bezirks Grieskirchen ernannt.

Die amerikanische Militärregierung unter Führung des Stadt-Kommandanten Major Davis bezieht ihr Quartier im Gebäude der ehemaligen Privatmädchenhauptschule in der Friedhofgasse (früher Köstlingergasse), welches die NSDAP von Borrowmäerinnen-Schwestern beschlagnahmt hatte und welches während der Nazi Diktatur die Kreisleitung von Grieskirchen beherbergte.

Nachdem die Rote Arme am 13. März 1945 den Kampf um Wien für sich entscheiden konnte, wird am 27. April im Wiener Rathaus die Proklamation über die Selbständigkeit Österreichs, mit welcher der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vom 13. März 1938 für null und nichtig erklärt wurde, von Vertretern der drei Gründungsparteien der Zweiten Republik unterzeichnet. Dadurch ist die politische und rechtliche Basis für die am gleichen Tag erfolgte Konstituierung der provisorischen Staatsregierung Renner, auf der Grundlage der Moskauer Deklaration von 1943, gegeben. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird am 8. Mai 1945 das Verbotsgesetz erlassen, welches am 6. Juni in Kraft tritt. Dadurch werden die NSDAP, ihre Wehrverbände sowie sämtliche Organisationen, die mit ihr zusammenhängen, offiziell aufgelöst, sowie die Wiederbetätigung für nationalsozialistische Ziele verboten.

Die Kriegsverbrechen müssen gesühnt werden!

Während auch in Österreich allmählich, nach Jahren der Gleichschaltung, die ersten freien Zeitungen, aus ihrem Trauma, ein Propaganda Sprachrohr des Großdeutschen Reiches gewesen zu sein, erwachen und versuchen den neuen, noch befremdlichen Geist von Demokratie und Meinungsfreiheit in der Bevölkerung zu wecken, wird am 4. Dezember 1945 die erste Kriegsverbrecherliste in den Tageszeitungen veröffentlicht. Unter der Überschrift „Die Kriegsverbrechen müssen gesühnt werden!“ erfährt der Leser, dass „aus Gründen einer erschöpfenden und erfolgreichen Untersuchung es derzeitig nicht zweckmäßig [ist] die Öffentlichkeit bis ins einzelne zu unterrichten. Es werden jedoch fortlaufend Listen mit Namen besonders schwerer Kriegsverbrecher veröffentlicht werden.“ Auf der alphabetisch geführten Liste finden sich unter anderem, der bereits in Haft befindliche, in Ried im Innkreis geborene Dr. Ernst Kaltenbrunner, (unvollständigerweise als SS-Obergruppenführer, General der deutschen Polizei und Chef des SD bezeichnet), sowie der Gauleiter von Oberösterreich, Mitglied des Reichstages und SS-Oberführer August Eigruber, der ebenfalls im Mai 1945 von der US-Armee verhaftet wurde und wie Kaltenbrunner am Strang enden sollte. Mit Anton Reinthaller, Minister im „Anschlußkabinett“ und SS-Oberführer, nachmaliger erster Bundesparteiobmann der FPÖ, findet sich ein weiterer Oberösterreicher auf dieser ersten Liste der schwersten Kriegsverbrecher Österreichs.

Der Versuch einer österreichischen Entnazifizierung

Im großen und ganzen verläuft die Entnazifizierung von Österreich in vier Phasen. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 werden, oftmals unter Mithilfe der örtlichen Freiheits- und Widerstandsbewegung, ortsbekannte lokale Nazi Funktionäre und Anhänger aufgestöbert und verhaftet. In Wolfsberg und Glasenbach richten die Alliierten Anhaltelager für hochrangige Nazis ein, in welchen sie zwischen 1945 und 1948 rund 80.000 Funktionäre und Sympathisanten des untergegangenen NS-Regimes gefangen halten werden. Diese Lager sind geplant worden als ein Versuch einer Umerziehung und Isolierung, um die spätere Integration in ein demokratisches Nachkriegs-Österreich zu erleichtern, ein Versuch, der bis auf eine, zur Teilnahme verpflichtende Filmvorführung von „Die Todesmühlen“ am 9. Mai 1946, welcher die Gräuel der nationalsozialistischen Konzentrationslager bei ihrer Befreiung zeigt, bloß eine gutgemeinte Idee war und auch blieb. Die Inhaftierten in den Anhaltelagern werden relativ gut behandelt, hatten mehr zu essen als der Großteil der österreichischen Bevölkerung, konnten sich großteils selbst organisieren, Vorträge halten und Netzwerke bilden. Viele der ehemaligen Nazis verbindet das Gefühl, dass ihnen durch die Lagerhaft großes Unrecht angetan wird. Man schwört weder der Nazi Ideologie ab, noch machen die Insassen Anstalten, sich ernsthaft auf eine Zukunft in einem demokratischen Österreich vorzubereiten. Selbst der „Führer-Geburtstag“ am 20. April wird im Untergrund gefeiert. Es sind Berichte überliefert, dass selbst ein Hitler-Bild ins Glasenbacher Camp Marcus W. Orr eingeschmuggelt wurde und man „vor dem Bild des so glücklosen Toten eine schlichte Gedenkstunde“ abhielt.

Auch auf politischer Ebene hagelt es Fehlschläge. „Die amerikanische Militärregierung von Oberösterreich hatte bereits Mitte Mai [1945] eine Landesregierung eingesetzt und einen gewissen Herrn Dr. Eigel zum Landeshauptmann ernannt. Etwa zwei Monate später stellte sich heraus, dass Dr. Eigel unter die Bestimmung des so genannten „automatic arrest“ fiel. […] Für die Amerikaner in Linz war eine schwierige Situation entstanden: Wem konnte man in diesem fremden Land Vertrauen schenken?“

Die rechtlichen Grundlage der zweiten Phase der Entnazifizierung, in der die österreichischen Behörden, vor allem die Landeshauptmannschaften anfingen, selbständig zu handeln, bilden die sogenannten „automatischen Arrestbestimmungen“ der Alliierten, worunter man eine Verhaftung bestimmter Personengruppen ohne Einzelprüfung versteht, welche in eine der folgenden, nur grob umrissenen Kategorien fallen:

1) Die deutschen Geheimdienste, Personal RSHA, des Reichssicherheitsdienstes, Feldpolizei etc.

2) Die Sicherheitspolizei, Gestapo und Grenzpolizei, ab dem Rang eines Kriminalsekretärs

3) Höhere Polizeibeamte, Regierungspräsidenten, Landräte, Höhere SS- und Polizeiführer

4) Kriminalpolizei, Ordnungspolizei und spez. Polizeikräfte ab Rang eines Oberstleutnants etc.

5) Führer und Offiziere der: Waffen-SS, Allgemeine SS, SA, Hitlerjugend, BDM etc.

6) Beamte der NSDAP („Nazi Party Officials“)

7) Staatsbeamte

 

Die Grieskirchner Nazi-Promi Liste

Auch im Bezirk Grieskirchen erfolgen zahlreiche Verhaftungen, welche unter die Bestimmungen des automatischen Arrests fielen. Am 23.1.1946 ergeht die Weisung von Bezirkshauptmann Dr. Hofer an alle Gendarmerieposten des Bezirkes, welche lautet: „Im Auftrage der O.Ö. Landeshauptmannschaft sind umgehend die Namen aller seit dem 4. Mai 1945 aus politischen Gründen in Haft gesetzten Personen an die Bezirkshauptmannschaft […] zu berichten […] Besondere Fälle, die von der Bevölkerung als Härte empfunden werden, mögen dabei besonders bezeichnet werden.“

Sechs Tage später erfolgt die Rückantwort des Gendarmeriepostens Grieskirchen in Form einer sauber getippten, dreiseitigen Liste mit 69 Namen, von denen einige mit Rotstift unterstrichen sind. Erstellt wurde sie vom Postenkommandanten Grieskirchens, Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied.

Zum Zeitpunkt der Erhebung befinden sich etwa 75 Prozent der auf der Liste genannten Personen in Haft oder im Lager. 13.4 Prozent waren bereits wieder auf freiem Fuss, zwei flohen heim ins Altreich, zwei weitere waren bereits verstorben, einer befindet sich im Lazarett und von dreien fehlt jede Spur.

Revierinspektor Karl Hammerschmied nummeriert die Einträge und sortiert sie grob nach dem Datum der Inhaftnahme. Mit Datum 6. Mai 1945 sind unter anderen, jene Personen aufgelistet, über die der damalige Nazi Bürgermeister Peyrer in schon seinem Tagebuch vermerkte, dass sie am 4. Mai durch die Österreichische Freiheitsbewegung verhaftet worden sind. Zu jenem Personenkreis lokaler Grieskirchner Nazi-Größenn zählen der Schulrat und Kurzzeit NSDAP-Bürgermeister Josef Kayer, der ehemalige Kreisleiter Rudolf Humer, Franz Wasmayer, seines Zeichens Hilfsarbeiter und gewesener Kreisamtsleiter der NSV und SS Sturmführer, Josef Ebetshuber, Ortsgruppenleiter der NSDAP Grieskirchen. Am 25.7. wird auch Landrat Georg Reiter in Haft genommen und wie die meisten anderen auch, im Lager Glasenbach interniert.

In Grieskirchen tummeln sich auch einige SS-Männer, SA-Angehörige und ein HJ Bannführer: Der Brauergehilfe und SS-Mann Robert Zweimüller, die Bäcker Alfons Wanka und Ernst Wamprechtshammer, beide ebenfalls SS-Mitglieder, finden sich auch der Liste, obwohl sie erst im Dezember 1945 bzw. Jänner 46 verhaftet werden. Der Mechaniker Günther Neumann wird einen Tag vor Weihnachten festgenommen und in das SS-Lager Lambach überstellt.

Politische Funktionäre sind ebenfalls zahlreich vertreten: der gewesene Ortsgruppenleiter von Grieskirchen und Darmhändler, Josef Hoscher, sowie der Wagner und Ortsgruppenleiter von Tollet Josef Winter. Schlüsselberg ist durch den Müller und späteren Ortsgruppenleiter Hubert Prehofer vertreten, Pollham durch den Bauern Johann Jungreithmaier und mit Alois Roither steht ein weiterer Bauer als Ortgruppenleiter auf der Liste der Verhafteten. Am 7. August 1945 wird Julius Schneitler, Holzhändler aus Grieskirchen auf Grundlage der „automatic arrest“ Bestimmungen wegen seiner Funktion als Bezirksobmann der DAF verhaftet und auch seine DAF Obmänner Leopold Lehner, Josef Scheuch und Matthias Hehenberger blicken um die Jahreswende 1946, entweder in Haft oder im Lager Glasenbach, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Bekannte Persönlichkeiten des örtlichen Wirtschaftslebens finden ihren Namen ebenfalls auf Hammerschmieds Liste, wie der angesehene Kaufmann Otto Dopplbauer, der am 23. Mai verhaftet wird und der Apotheker Gustav Rizzy, welcher seit 20. Oktober im Camp Marcus W. Orr inhaftiert ist. Dr. Hermann Payrer [sic!], Grieskirchens Bürgermeister während sieben langen Jahren der Nazi Diktatur kann sich bis 23. August der Haft und Einlieferung ins Lager entziehen. Mit ihm werden auch die Bürgermeister von Tollet, Karl Aigner und der gewesene Bürgermeister von Schlüsslberg Johann Anzengruber interniert.

Listenplatz Nummer 26 gebührt Dr. Emil Mayr, wie Peyrer ein „Nazi der ersten Stunde“ und seit Oktober 1939 Leiter des Gesundheitsamtes des Kreises Grieskirchen. Er verfügte zahlreiche Einweisungen von Menschen aus dem ganzen Landkreis, denen er körperliche oder geistige Behinderung attestierte, in das Schloss Hartheim, wohlwissend, dass jene in der Tötungsanstalt, wie 30.000 ihrer Leidensgenossen, dort im Zuge der nationalsozialistischen „Euthanasie“ ermordet werden würden. Da Dr. Mayr auch die Position eines ärztlicher Beisitzers am Erbgesundheitsgericht Wels inne hat, ist er persönlich verantwortlich für unzählige Zwangssterilisationen. Er wird am 23. Mai 1945 verhaftet und im Lager inhaftiert.

Auch zwei Kriminal Sekretäre der Gestapo, Heinrich Kern und Johann Wurm, beide in Grieskirchen wohnhaft, stehen auf der Liste und werden schon im Mai 1945 nach Glasenbach überstellt. Der in Deutschland geborene Rudolf Münch, Landratsangestellter und SA Mann war von 4. Juni bis 8.Juli in Haft und flüchtet gemeinsam mit seinem Kraftfahrer, Oswald Wittemer, heim ins deutsche Alt-Reich.

Der Gastwirt zu Pollham, Karl Demmlmayr, der auf der von der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen angeforderten Liste als politischer Leiter aufscheint, wird nach nur einem Tag Haft wieder auf freien Fuss entlassen. Der Lehrer Anton Lenhart muss von Mitte Juni bis Ende Dezember 1945 in Haft sitzen bevor auch er das Glück hat und entlassen wird. Der Landesgerichtsrat von Grieskirchen, Karl Grossdorfer, wird am 13. Juli festgenommen und verstirbt im Lager.

Während sich in den Gemeinden des Bezirk Grieskirchens im ganzen 21 Frauen unter den, von „einer amerikanischen Dienst- bzw. Militärstelle oder über deren Auftrag“ verhafteten Personen befinden, vermerkt weisungsgemäß Postenkommandant Hammerschmied auf seiner Liste, die Namen von drei Frauen welche der Stadt Grieskirchen zugehörig sind. Margarethe Bubendorfer, NS-Frauenschaftsführerin von Grieskirchen wird für eine Woche, vom 7. bis 13. August in Haft genommen und dann auf freien Fuss entlassen. Die Hauptschullehrerin und Gaufrauenschaftsleiterin Hedwig Faschingbauer befindet sich seit 19. Jänner 1946 in Haft beim Bezirksgericht in Grieskirchen.

Als Nummer 39 und mit dem unscheinbaren Zusatz „Schneiderin“ findet Margarethe Freinberger ihren Platz auf der Liste der Grieskirchner Nazi Promis. Sie wird am 29. Juli 1945 in Haft genommen und in Glasenbach interniert. Es mag merkwürdig erscheinen, warum diese harmlose handwerkliche Tätigkeit ihre Verhaftung aus politischen Gründen rechtfertigen würde, so hilft es zu wissen, dass Frau Freinberger natürlich nicht wegen ihrer früheren Tätigkeit als Schneiderin ihren Namen auf Hammerschmieds Liste findet, sondern wegen ihrer Tätigkeit als brutale und gefürchtete Oberaufseherin über 500 weibliche Lagerinsassinnen des Konzentrationslagers Lenzing, einem Aussenlager des KZ Mauthausen. Im Anschluss an ihre Internierung im Lager Glasenbach wird Margarethe Freinberger vor dem Volksgerichtshof der Prozess gemacht.

 

Der Rotstift des Karl Hammerschmied

„Die mit Rotstift bezeichneten Personen scheinen besonders berücksichtigungswürdig und wird es von der Bevölkerung als Härte empfunden, dass selbe noch in den Lagern angehalten werden“, tippt Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied mit holpriger Grammatik unter seine Liste: „Der ehemalige Bürgermeister von Grieskirchen Dr. Payrer [sic!], sowie der Ortsgruppenleiter Hoscher sind unmittelbar vor Beendigung des Krieges mutig dafür eingetreten, dass Grieskirchen nicht verteidigt werde, obwohl dies vom ehemaligen Kreisleiter Humer, sowie vom seinerzeitigen Leiter des Wehrmeldeamtes Grieskirchen ständig gefordert wurde. Die Bevölkerung ist daher dem Payrer [sic!] und Hoscher noch dankbar, dass Grieskirchen von weiteren Kriegshandlungen verschont geblieben ist. Der Apotheker Rizzi würde sich von der Partei zurückgezogen haben, falls dies möglich gewesen wäre. Mit Rücksicht auf die grosse Familie (Rizzi hat 5 unversorgte Kinder) dürfte auch der Genannte berücksichtigungswürdig erscheinen.“

Für den Autor ist es nur schwer nachvollziehbar, in welcher Gefühlslage sich Gendarmerie Revier Inspektor Karl Hammerschmied befunden haben musste, als er der Weisung des Bezirkshauptmannes Dr. Hofer nachkommt und die Namen der „aus politischen Gründen in Haft gesetzten Personen“ auf die angefragte Liste setzt und einige davon mit Rotstift unterstreicht, darunter Personen, denen er in den Anschlusstagen im März 1938 unter ausserordentlichen und für ihn persönlich höchst furchtbaren und traumatischen Umständen schon einmal begegnet war.

Stunden bevor am Morgen des 12. März 1938 um 5.30 Uhr, die ersten von 65.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht die österreichische Grenze überschreiten und auf Hitlers Befehl sein Geburtsland „heim ins Reich holen“, findet sich bereits um 23 Uhr ein ausgelassener und siegestrunkener Mob örtlicher Nationalsozialisten unter der Führung des Ortsgruppenleiters Hermann Weikinger vor dem Gallspacher Gendarmerieposten ein, den Postenkommandant Karl Hammerschied seit 1934 leitet und wo er auch am Vorabend des Einmarsches pflichttreu seinen Dienst versieht. Für die örtlichen Nazis ist an diesem Abend endlich der Moment der Rache gekommen, um endlich diesem dienstbeflissenen Gendarmen, der in der „Systemzeit“ oft Tag und Nacht im Dienst gewesen war, „um die immer dreister werdenden Umtriebe der illegalen Nazis zu unterbinden, wozu vor allem […] das Abbrennen von Hakenkreuzen, das Malen dieses NS-Symbols auf Hauswänden, Dächern, Weidevieh oder Schweinen, dessen Ausmähen auf Wiesen, das Beschmieren von Hauswänden mit Parolen und Böllerattentate [zählten], am eigenen Leib spüren zu lassen, dass sich auch im Bezirk Grieskirchen der politische Wind gedreht hat und er nun einen Orkan aus aufgestauter Wut und Hass zu erwarten hat.

Postenkommandant Karl Hammerschmied wird mit Gewalt aus seiner Dienststelle gezerrt und auf die Straße hinunter getrieben, wo er, wie durch die Aussage einer Augenzeugin belegt, von einer fanatisierten NS-Anhängerin durch einen Schlag ins Gesicht verletzt wird. Er wird von „Kollegen“ des Gendarmeriepostens Grieskirchen unter Beteiligung von Grieskirchner SA und SS-Männern in „Schutzhaft“ genommen und gemeinsam mit anderen Verhafteten in einem Zug, umringt von „S.A., SS und illegalen Nazis“, von denen er „aufs Gemeinste“ verhöhnt und „schwerstens“ misshandelt wird, nach Grieskirchen getrieben. Auf diesem nächtlichen Leidensweg büßt er auch einige Zähne ein. Vor dem Bezirksgericht Grieskirchen wartet schon ein völkisch aufgehetzter und verblendeter Pöbel auf die Ankunft der „Feinde des Nationalsozialismus“ um sie zu bespucken, zu beschimpfen und mit Schlägen zu malträtieren.

Ob Hammerschmied, als er acht Jahre später die Daten von „Payrer [sic!] Hermann, Rechtsanwalt, Bürgermeister, seit 23.8.45 in Haft und befindet sich im Lager“ auf die, von der Bezirkshauptmannschaft angeforderten Liste schreibt, am Morgen jenes schicksalsträchtigen Anschlusstags, dessen Gesicht in der mit Haß erfüllten, fanatischen Menge erkannte und sich, während er die Liste auf seiner Schreibmaschine tippt, daran erinnert, ist nicht überliefert. Laut eines Berichts von Dr. Hofer an das CIC aus dem Jahr 1945 habe sich Dr. Peyrer „in den Umsturztagen 1938“ […]„besonders widerlich“ benommen als „er […] die Szenen, in denen die Leute geschlagen wurden [photographierte].“

Über Auftrag der Kreisleitung wirde Postenkommandant Hammerschmied wegen seiner Dienstbeflisslichkeit und anti-nazistischen Einstellung seines Dienstes enthoben, am 14. März 1938 „von SS-Männern unbekannten Namens in Grieskirchen […] in Schutzhaft genommen und in die Fronfeste des Bezirksgerichtes […] eingeliefert“, wo er bis zum 15. April in Schutzhaft sitzt.

Ein paar Tage später, am 19. März, wird der verantwortliche Postenkommandant von Grieskirchen, in einer Meldung an die Bezirkshauptmannschaft, über den „verheirateten, römisch katholischen und angeblichen Arier“,  Hammerschmied, der Wahrheit ein wenig nachhelfen und zu Protokoll geben, dass der Gendarmerie Revier Inspektor Hammerschmied „am 14.3.1938 über fernmündlichen Auftrag der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen vom Gendarmerieposten in Grieskirchen in Schutzhaft genommen und am gleichen Tage dem Bezirksgerichte in Grieskirchen überstellt [wurde]. Die Schutzhaftnahme des Hammerschmied erfolgte aus dem Grunde, weil Genannter Anhänger der Heimwehr war und angenommen wurde, daß er eine verbotene Tätigkeit entfalten würde.“  Soviel zum Versuch der Wahrheitsfälschung von offizieller Seite.

Was im Nazijargon harmlos unter dem euphemistisch formulierten Begriff „Schutzhaft“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit eine Inhaftierung ohne richterliche Kontrolle oder Übersicht und stellt für die, im Gefängnis des Bezirksgerichtes Grieskirchen einsitzenden zwölf Personen, eine extreme Form der Einschüchterung dar, da es nicht abwegig ist, anzunehmen, dass jene auch während dieser Zeit misshandelt und gedemütigt wurden und ständig die Ungewissheit und Angst vor Augen hatten, in ein Konzentrationslager abgeschoben zu werden. Sicherlich blieben auch Karl Hammerschmied diese fünf Wochen zeitlebens in Erinnerung, in denen er seiner Freiheit beraubt wurde und der Willkür der, offiziell „Hilfsdienste“ verrichtenden, SA- und SS-Männer, die auf die Schutzhäftlinge noch nach deren Einlieferung ins Gerichtsgefängnis Grieskirchen buchstäblich freien Zugriff hatten, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Für Karl Hammerschmied ist mit seiner Entlassung aus dem Gendarmeriedienst seine Demütigung durch das Nazi Regime noch lange nicht zu Ende, denn schon ein Jahr später wird seine Dienstenthebung wieder rückgängig gemacht und er dem Posten Vorchdorf zugeteilt. Nach Hitlers Überfall auf Polen, das er zum  „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“ erklärte, wird er bereits 1939 dorthin an den Posten Risenberg—angeblich als Disziplinarmaßnahme— zwangsversetzt. Danach folgt für Hammerschmied eine wahre Odyssee an Dienststellen, welche ihn die Gendarmerieposten in St. Wolfgang, Grünau, Bad Aussee, Hallstatt, Gosau und— endlich wieder als Postenkommandant— Schwanenstadt, durchlaufen lassen.

Nachdem der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war und das Deutsche Reich in Trümmern liegt wird Hammerschmied am 1. Oktober 1945 nach Grieskirchen berufen, als in einer grausamen Ironie des Schicksals, sein Lebensweg sich ein weiteres Mal mit jenen kreuzt, die ein Regime unterstützt hatten, welches ihn auf grausamste Art behandelt und viel persönliches Leid zugefügt hatte.

Die 1947 aus den Anhaltelagern zurückgekehrten „ehemaligen“ Grieskirchner Nazis fügen sich wieder in das Leben der Stadt ein, welche, wie schon oft in seiner jahrhundertelangen Geschichte, in einen Schlaf des Vergessens fällt. Niemand fragt nach dem, was „damals“ passiert ist, wie es dazu kommen hatte können, dass auch Grieskirchen dem Bann der Nazidiktatur verfiel. Man grüßt sich wieder wie zuvor, als das Leben beschaulich und ruhig war, zieht den Hut vor einander und niemand hebt mehr die Hand zum Gruß. Das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang. Die Liste der Namen der Grieskirchner Nazi Prominenz verschwindet im Archiv der Stadt und niemand will sich daran mehr erinnern.

Nun sind über 70 Jahre vergangen und jene Liste, die einst das Schicksal von 69 Menschen vermerkt, ist nunmehr eine Liste mit den Namen von Toten. Namen von Personen, welche für sieben dramatische Jahre, die Geschichte der Stadt Grieskirchen mitbeeinflusst und gelenkt hatten und dann, unter dem Mantel des Schweigens, wieder zu „normalen“ und „ordentlichen“ Bürgern unserer Stadt werden. Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen, sich an jene Personen in der eigenen Familie, im Bekanntenkreis oder unter Freunden zu wenden, die sich vielleicht doch noch einiges wissen, was Vati oder Mutti, Opa oder Oma, damals gemacht hatten, denn „wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“

 

Die Mär vom guten Nazi Bürgermeister

Die goldene Taschenuhr, die schon seinem Großvater gehörte, zeigt 19.47 Uhr an, als aus dem Radiogerät die Stimme Kurt Schuschniggs ertönt. Dieser spricht aus dem Ecksalon des Kanzleramtes am Ballhausplatz in ein Radio-Mikrofon, welches nur wenige Meter von jener Stelle aufgestellt ist, an der 1934 Engelbert Dollfuß verblutete. Eine Rede von zwei Minuten und 52 Sekunden, in der er sich als Bundeskanzler verabschiedet, die widerstandslose Kapitulation Österreichs als „dem Weichen vor der Gewalt“ verkündet und zu guter Letzt Gott um Schutz bittet, für ein Land, welches in weniger als 48 Stunden aufhören wird, zu existieren.

Während 500 österreichische SS-Schergen, unter der Leitung des, in Ried zur Welt gekommenen, Ernst Kaltenbrunner, das Bundeskanzleramt umstellen, legt sich im 200 km entfernten Grieskirchen, der 56-jährige Rechtsanwalt Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt seine Hakenkreuzarmbinde zurecht und einen Film in den Fotoapparat. Der morgige Tag, der 12. März 1938, wird in die Geschichte eingehen, mehr noch, er wird die Geschichte der Deutschen— denn, obwohl in Grieskirchen geboren, fühlt er sich als Deutscher — vollkommen neu schreiben. Die historischen Ereignisse der kommenden Stunden und Tage, die wie eine Flutwelle über seine Heimatstadt hereinbrechen, will er meticulous aufzeichnen, sie in Wort und Bild festhalten, um sie für die Nachwelt zu bewahren.

Die Schulchronik der Knaben Hauptschule Grieskirchen berichtet über den Vorabend jenes schicksalhaften Tages, welcher den Anfang vom Ende eines freien und selbständigen Österreichs einläutet: „11. März 1938. Große Massenkundgebung am Abend in Grieskirchen. Alle Gliederungen der NSDAP des Bezirkes Grieskirchen marschierten auf. Kreisleiter Dornetshuber des hiesigen Bezirkes hielt auf dem zum Adolf Hitler-Platz umgetauften Hauptplatz einen zündenden Appell. Die Begeisterung der Volksmenge war grenzenlos, die Disziplin mustergültig.“

In Wien spielen sich unglaubliche Szenen ab. Nazis rotten sich zu Jubelmärschen zusammen, der Mob dringt in jüdische Wohnungen ein, zerstört Einrichtungen und stiehlt, was immer er nur finden kann. Die Hellsichtigsten versuchen in Zügen nach Pressburg oder nach Ungarn zu fliehen. Im ganzen Land tauchen SA und SS Männer in den Dienststellen der Gendarmerie auf und übernehmen unter dem Vorwand, sich für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Ruhe zur Verfügung zu stellen, de facto die Exekutivmacht eines, in seinen letzten Atemzügen liegenden Österreichs.

Noch bevor der neue Tag sich erhebt, landet SS-Chef Heinrich Himmler und seine Getreuen auf dem Asperner Flughafen und beginnt unverzüglich mit der Verhaftung politischer Gegner, die bereits am 1. April als „Prominententransport“ in das KZ Dachau transportiert werden.

Um 5.30 Uhr des 12. März 1938, überschreiten die ersten Hitler-Truppen die Grenze. Rund 65.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht, tausende Polizisten und 16.000 Sicherheitsleute besetzen Österreich, bejubelt von einer hysterisch-entrückten, völkisch verblendeten und blumenstreuenden Menschenmasse, von denen die meisten noch gestern, fest an die Eigenstaatlichkeit Österreichs geglaubt hatten. In Salzburg gibt es den ersten Toten: Den Nazi Heinrich Kurz von Goldenstein trifft vor lauter Freude der Schlag.

Rechtsanwalt Peyrer ist ein Nazi. Einer der ersten Stunde. Einer, der immer an die nationalsozialistische Bewegung geglaubt hat, selbst zu Zeiten, in denen die NSDAP eine illegale Organisation war und seine Mitglieder sich unter dem Tarnmantel des Turnerbundes im Geheimen treffen mussten. 1924 hörte man sich in Bad Schallerbach die Ausführungen des, aus dem Turnverein Grieskirchen eingeladenen, ehrenwerten und hoch geschätzten Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt an, welcher den Zweck und die Ziele der völkischen Turnvereine, erläuterte. Dies war gleichzeitig die Geburtsstunde des heutigen ÖTB Turnvereines.

Die Glocken des Braunauer Kirchturms läuten bis in den Himmel hinauf, als um 15.50 Uhr ein offener Wagen den stramm aufrecht stehenden, „deutsch-grüßenden“ Führer über die österreichische Grenze in sein Heimatland bringt, welches er seit vielen Jahren nicht mehr betreten hatte. Vor seinem Geburtshaus bleibt Hitlers Konvoi immer wieder in einer mit hysterischer begeisterungstrunkenen Masse Einheimischer stecken, die stolz darauf sind, plötzlich Deutsche zu sein. Gegen 17.30 Uhr ist er in Ried, wo die Hälfte der Stadtbevölkerung auf der Straße ist. „Als er den Stadtkern durchfuhr, erhob sich der Führer und grüßte stehend das deutsche Ried, das noch nie in seiner Geschichte einen derartigen Begeisterungstaumel erlebt hatte”, schreibt die NS-Lokalzeitung.

In Grieskirchen taucht die Lehrerschaft aus dem Dunkel jahrelanger Illegalität auf. Diejenigen die noch vorher ihre Mitgliedschaft verheimlicht hatten, kamen nun mit offen zur Schau getragenen Hakenkreuzarmbinden und Anstecknadeln mit Parteiabzeichen am Revers wieder. Die Schulchronik vermerkt: „Für den 12.3.38 war am Nachmittag eine Versammlung des illegalen NS- Lehrerbundes einberufen, die im Gasthause Zweimüller stattfinden sollte […] aus der sogenannten illegalen Versammlung wurde über Nacht eine legale. Fast alle illegalen Mitglieder aus dem Bezirke und auch solche, denen es im letzten Augenblick zum Bewusstsein kam, wohin sie eigentlich gehören, erschienen. Inzwischen kam die Nachricht: „Der Führer kommt mit dem Auto nach Linz!“ Es verließen deshalb viele Versammlungsteilnehmer die Stätte und fuhren mit dem nächsten Zug nach Linz, um dort dem Führer entgegenzujubeln.”

Den Bezirk Grieskirchen streift der Diktator nur ganz im Süden, wo er auf seiner Triumphfahrt nach Linz Jeding in Gallspoltshofen passiert. Als Hitler um ca. 19 Uhr in Linz eintrifft, ist der Jubel der Massen in den Straßen der Stadt unbeschreiblich. Es sind nicht nur NS-Parteigenossen, die immer wieder fanatisch „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ brüllen, sondern halb Linz will sich, erfasst von einer beispiellosen Massenhysterie, kritiklos „dem Führer“ anvertrauen. Vom Balkon des Linzer Rathauses hält Hitler eine kurze Rede.

Wegen des, selbst für Hitler vollkommen unerwarteten und ungeheuren Ausmaßes kritiklosen Jubels, den die Menschen den einmarschierenden deutscher Truppen entgegenbringen und die freiwillige, bis zur Selbstaufgabe, bedingungslose Unterwerfung der Österreicher, fasst er in diesem Moment den Entschluss, den „Anschluss“ sofort und zur Gänze zu vollziehen. All jene, die ihm auf den Strassen und Plätzen zugejubelt hatten, Hakenkreuzfahnen schwangen, Hitler Bilder in die Fenster ihrer Häuser stellten und Kinder auf ihre Schultern hoben, so dass sie ihren Führer sehen konnten, können sich rühmen, dazu beigetragen zu haben, Österreich auf einem Silbertablett, dem Größenwahn dieses Diktators, serviert zu haben.

Um die Mittagsstunden erreichen die Soldaten der 8. Armee auch Grieskirchen. Der historische Moment, den sich viele NSDAP Mitglieder, unter ihnen auch Hermann Peyrer-Heimstätt, so lange sehnsüchtig herbei gewünscht hatten, war endlich gekommen. Die Schulchronik hält dieses Ereignis in überschwänglichen Worten fest: „Immer mehr kriegerisch ausgerüstetes Militär kam heran. Roßmarkt und Kirchenplatz waren voll Militärautos. In der Luft dröhnten die herannahenden Bomber, auf der Eisenbahn rollte ein Militärzug nach dem anderen durch und auf der Straße knatterten die Motorräder der Soldaten, sausten Autos, polterten schwere Wagen, rollten die Geschütze, ritten und marschierten viele, viele Soldaten. […] Die Schulräume wurden dem Militär zur Einquartierung frei gegeben; ebenso die Hallen auf der Volksfestwiese, die sich als Stallungen für die Militärpferde prächtig eigneten. Auch in den Privathäusern waren viele Soldaten untergebracht.“

Das, was in Deutschland mit der Machtergreifung Hitlers 1933 begann und fünf Jahre lang gedauert hatte, sollte in Österreich nur fünf Tage dauern. Ohne Rücksicht und mit äußerster Brutalität gehen die Nationalsozialisten daran, das Land von jeglichem Widerstand zu säubern und die frei gewordenen Positionen mit eigenen, treu ergebenen Anhängern zu besetzen. “Die Nationalsozialisten waren brutal von Anfang an. Gebäude und Ämter wurden beschlagnahmt, alle Vereine wurden aufgelöst und es gab bereits in den ersten Tagen die ersten Toten, bei denen es sich um zwei Rieder handelte”, weiß der Bürger Gansinger zu berichten.

In Grieskirchen vernimmt Rechtsanwalt Peyrer die Kunde, dass Leopold Gföllner als Bürgermeister abgesetzt und „Herr Hauptschuldirektor Kayer, der während der gesamten Systemzeit vom Schuldienst suspendiert war, zum Bezirks Schulinspektor des Bezirkes Grieskirchen-Peuerbach ernannt und gleichzeitig mit der Führung der Bürgermeistergeschäfte der Stadt Grieskirchen betraut“ wird.

Er ist überrascht von dieser, aus seiner Sicht, übereilten und vor allem falschen Entscheidung. Er, ein Rechtsgelehrter, Mitglied des elitären Kreises der feinen Herren von Grieskirchen, einer, dessen Familie seit Generationen die Geschicke der Stadt beeinflusst hat und Nationalsozialist der ersten Stunde, der die Bewegung aufgebaut und vorangetrieben hatte, fühlt sich berufen, erster Bürger seiner Heimatstadt zu sein.

Sein durch und durch arischer Familienstammbaum, reicht zurück bis zum Beginn der Aufzeichnungen der Kirchenbücher. Stephan Peyrer war ein Zeitgenosse Christoph Manglburgers, welchem 1613 die Ehre zuteil wurde, zum ersten Bürgermeister Grieskirchens ernannt zu werden. Als sich das 1000-jährige Großdeutsche Reich aus der Schmach der Niederlage des 1. Weltkrieges erhob, wusste Hermann Peyrer-Heimstätt, dass er würdig und dazu auserkoren war, sich in der langen Reihe von Bürgermeistern, an die Spitze der Stadt Grieskirchen zu setzen. Durch die innige, traditionelle Verbundenheit seiner Familie mit den mächtigen und wichtigen von einst und heute, vor allem durch seine tiefe Freundschaft mit Ernst Kaltenbrunner, würde es sich schon irgendwie richten lassen, dass er doch noch auf dem Bürgermeistersessel seiner Stadt Platz nehmen konnte.

Ernst Kaltenbrunner, Führer der nunmehr nicht länger illegalen SS Österreichs, wird am 13. März 1938, dem Tag an dem Österreich vom Deutschen Reich verschluckt und ausgelöscht wird, zum Staatssekretär für öffentliche Sicherheit ernannt, wird alsbald Reichstagsmitglied und steigt innerhalb nur weniger Monate vom “höheren SS- und Polizeiführer bei den Reichsstatthaltern in Wien“ zum Linzer Ratsherren, Wiener Gerichtsherrn der SS und schließlich zum Polizeipräsident von Wien auf. Nach der Ermordung Heydrichs, folgt er diesem als Chef des Reichsicherheitshauptamtes nach und lässt es sich nicht nehmen sich persönlich im KZ Mauthausen, die verschiedenen Methoden der Tötung von Häftlingen, auch praxisnah vorführen zu lassen. Kaltenbrunners Unterschrift bedeutet für hunderttausende einen qualvollen Tod in Konzentrationslagern, die Ausrottung der Juden in ganzen Landstrichen und furchtbare Einzelschicksale, über die er ohne jegliche Humanitätsduselei entscheidet. Als ihm später in Nürnberg der Prozess gemacht wird, streitet er alles ab und leugnet selbst seine eigenhändige Unterschrift unter Tötungsbefehlen.

Damals, als die Woge des Nationalsozialismus über alles und jeden hinweg rollte, war es gut, Freunde zu haben, auf die man sich verlassen und auch berufen konnte. Sowohl Peyrer wie auch Kaltenbrunner stammen beide aus alteingesessene Juristenfamilien mit Grieskirchen als zeitweiligem gemeinsamen Lebens-Mittelpunkt, welche über Generationen weg, immer schon freundschaftlich und ideologisch eng miteinander verbunden waren.

Ein paar Jahre später, den Tod durch den Strang vor Augen, wird Ernst Kaltenbrunner sich dieser innigen Männerfreundschaft entsinnen, wenn er in einem, aus der Nürnberger Haft geschmuggelten Brief an seine Kinder, schreibt: „Der Vater meines Vaters, Dr. Karl Kaltenbrunner, kam als Rechtsanwalt im Jahre 1868 nach Eferding, war dort öfters, insgesamt mehr als 20 Jahre Bürgermeister dieser alten, mir immer so lieben Stadt. […] Dein Urgroßvater begann seine Rechtsanwaltslaufbahn in Grieskirchen, wo er mit anderen Bürgern die dortige Sparkasse gründete, ein angesehenes, vorbildliches Institut des bäuerlichen Oberösterreichs. Die Statuten bestimmen, dass jeweils der Erstgeborene männliche Nachkomme der Gründungsmitglieder zum Vorstand der Sparkasse gehöre, weshalb mein Vater und ich später oft zu den Sitzungen nach Grieskirchen fuhren. […] Du hättest ein Anrecht, diese Funktion nach mir anzutreten, erst recht, wenn Du ein Bauer dieser Gegend geworden wärst. Mir tat es leid, daß Krieg und schwere Aufgaben mich davon abhielten, diese Heimatwurzel mehr zu pflegen. Grüße die Herren von mir, namentlich den Rechtsanwalt Dr. Peyrer, der schon mit meinem Vater befreundet war.“

Im Jahr 1943 ist Dr. Hermann Peyrer Vereins- und Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Grieskirchen, welchem die Elite der feinen Herren der Stadt angehört. Man rühmt sich, den ehemaligen Kreisleiter Alois Dornetshuber, als Oberbereichsleiter der NSDAP und Landesbauernführer von Oberdonau als Vorstandsmitglied und Dr. Ernst Kaltenbrunner, SS-Obergruppenführer und Chef der Sicherheitspolizei und des SD Berlin, als einfaches Vereinsmitglied, anführen zu können. Dass die Vereinsstatuten besagen, dass nur jemand, der auch in Grieskirchen wohnhaft ist, diese ehrenamtliche Sparkassenfunktion bekleiden dürfe, wird bei dem, in Berlin wohnenden Kaltenbrunner, nicht so genau genommen. Man richtet es sich schon irgendwie.

Emmi Reitter notiert in der Stadtchronik im Juni 1938 den Bürgermeisterwechsel: „Nachdem Dir. Josef Kayer sein Amt als Bürgermeister zurückgelegt hatte, wurde von der Landeshauptmannschaft im Juni Dr. Hermann Peyrer zum Bürgermeister der Stadt Grieskirchen ernannt.“ Irgendwie hatte es sich Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt also doch noch gerichtet.

Ganze sieben Jahre lang von 1938 bis 1945 ist Dr. Peyrer Bürgermeister von Grieskirchen und führt während dieser Zeit das “Tagebuch des Bürgermeisters”, „in welchem er alle wichtigen Ereignisse, die die Gemeinde und die Bevölkerung dieser Stadt betrafen, festgehalten hat. Er tat dies ohne Wertung und Emotionen, lediglich als Tatsachenschilderung“, wird sein Sohn Günther 1995 im Rahmen der Veranstaltung “Was geschah vor 50 Jahren in Grieskirchen?”, am 24. November 1995 der versammelten Zuhörerschaft verraten.

Auf Vorschlag von Gemeinderatsmitglied Anneliese Engl, fasst der Kulturausschuss der Stadtgemeinde Grieskirchen den Beschluss, auch eine Begleitbroschüre des Vortragsabends herauszugeben. „Zweifellos stellen diese Aufzeichnungen vor allem für die nachfolgenden Generationen ein wertvolles Zeitdokument dar“, stellt der damalige Bürgermeister Helmut Nimmervoll in einem Vorwort dazu fest.

Gemeinsam mit anderen Referenten spricht Dr. Günther Peyrer-Heimstätt, Sohn des im Jahre 1960 verstorbenen Altbürgermeisters, über die letzten Tage der Nazi Herrschaft in unserer Stadt. Er selbst bekleidete in den 70er Jahren das Amt des Vizebürgermeisters und noch im Jahr 2009 kandidierte er— trotz oder gerade wegen seines fortgeschrittenen Alters— für einen Sitz im Grieskirchner Gemeinderat als Kandidat der Freiheitlichen Partei.

Bevor er seinen Vater zu Wort kommen lässt, in dem er ein paar sorgfältig ausgewählte Eintragungen aus seinem „Tagebuch des Bürgermeisters“ vorliest, klärt er die Zuhörerschaft auf über das „schon herrschende allgemeine Durcheinander und den sich schon abzeichnenden Auflösungserscheinungen“, sowie den Willen einiger „jede Stadt, jedes Haus ist bis zum letzten Atemzug, wie es hieß, zu verteidigen“.

Für Dr. Günther Peyrer war wichtig, in dieser Rede über das Wirken seines Vaters, von der er wusste, dass sie als gedrucktes Zeitdokument für nachkommende Generationen bewahrt werden würde, eindeutig und klar herauszustellen, dass der NSDAP Bürgermeister von Grieskirchen, „damals in dieser Frage nichts oder nur wenig zu reden hatte. Entschieden wurde durch die NSDAP, die Militärs, die örtlich ganz verschieden entschieden und sich oft selbst widersprachen.“

„Die Bemühungen meines Vaters, unsere Stadt aus den Kriegsereignissen herauszuhalten, gestalteten sich daher zu einem nicht ganz ungefährlichen Hindernislauf.“, fährt er fort und lässt das „Tagebuch des Bürgermeisters“ von seinen Heldentaten erzählen, in welchem Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt— fast vermeint man daraus zu hören, die friedlichen Übergabe Grieskirchens an die amerikanischen Besatzungstruppen, wäre sein alleiniger Verdienst gewesen— die Stadt Grieskirchen vor der Zerstörung der letzten Kriegstage rettete.

Er schließt die Laudatio auf seinen Vater mit einer Anekdote über die französischen und belgischen Kriegsgefangenen, die „meinem Vater […] während des Krieges eben diese Gefangenen als Gemeindearbeiter zugeteilt [wurden] und […] zum Teil in der Turnhalle des Turnvereins am Bahnhofweg untergebracht [waren]. Mein Vater, der sehr gut Französisch sprach, besuchte diese Gefangenen regelmäßig zu Weihnachten, brachte ihnen kleine Geschenke mit –viel gab es damals ja ohnehin nicht – und hielt eine kleine Ansprache, in der er auf das schlimme Los aller Kriegsgefangenen auf dieser Welt hinwies und ihnen Trost zusprach, dass der Tag kommen werde, da auch sie wieder in ihre Heimat und zu ihren Angehörigen kommen würden. Es war nur eine kleine menschliche Geste, die dieses Wunder vollbrachte.“

Er fügt der Lobeshymne über das Wunderwirken seines Vaters eine Aufforderung an die Zuhörer und Leserschaft an: „Wir sollten uns gerade heute wieder mehr solcher Gesten entsinnen!!“

Wahrlich, die Stadt Grieskirchen darf stolz darauf sein, sieben Jahre lang, während der schwierigsten und bewegtesten Zeit, einen Bürgermeister wie Hermann Peyrer-Heimstätt gehabt zu haben. Auf der offiziellen Homepage der Stadt Grieskirchen scheint sein Name, in der langen, seit 1613 ungebrochenen Liste, der ehrwürdigen Bürgermeister der Stadt auf. Die Stadt Grieskirchen erinnert sich seiner Verdienste und ehrt ihn, dass er „die Grube für das am heutigen Standort befindliche Schwimmbad ausbaggern“ ließ, „die Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen zu Kriegsende als schwere Aufgabe übernahm“ und „verdankt Dr. Peyrer – Heimstätt eine kampflose Übergabe der Stadt an die einziehenden Amerikaner.“

Somit geht Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt kritiklos als ehrenwerter Bürgermeister und selbstloser Retter von Grieskirchen in die Geschichtsbücher der Stadt ein. Irgendwie hatte der Rechtsanwalt und Altbürgermeister es sich, dank seinem, auch noch lange nach dem Krieg, unverändert starken Einfluss und seinen Beziehungen, schon so gerichtet. Irgendwie ging es immer.

Es wäre so leicht und schon fast zu schön, um die Mär vom „guten Nazi Bürgermeister von Grieskirchen“ glauben zu können.

In einem, im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz aufbewahrten Dokument der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen, berichtet der, von den Nazis im September 38 verhaftete und das KZ Buchenwald überlebende, spätere Bezirkshauptmann und Leiter der Österreichischen Freiheitsbewegung, Dr. Hofer, dem das eigentliche Lob für die kampflose Übergabe von Grieskirchen und anderer Städte der Umgebung, zugeschrieben werden sollte, dem CIC über Peyrer-Heimstätt:

Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt, der„einige Zeit vor dem Einmarsch der Amerikaner […] jener Gruppe von Grieskirchner Funktionären angehört“ habe, „die gegen eine Verteidigung der Stadt“ gewesen seien, allerdings habe er in Grieskirchen auch als „einer der Führer der national sozialistischen Bewegung“ gegolten, habe die „Stelle eines Parteirichters“ bekleidet und „in den Umsturztagen 1938“ sich „besonders widerlich“ benommen: „Er fotografierte [im März 1938] die Szenen, in denen die Leute [mutmaßlich antinazistischer Einstellung, Anmerkung] geschlagen wurden.“ In dem Bericht des Dr. Hofer sollen sich, laut Aussage mehrerer Zeugen, veritable „Prügelszenen“ im und um das Grieskirchner Gerichtsgefängnis abgespielt haben, welche Rechtsanwalt Peyrer, als völkischer bewegter Beobachter und Chronist von historisch bedeutungsvollen Momenten der Stadtgeschichte, auf Film für die kommenden Generationen festgehalten hatte.

Während sieben langer Jahre notierte der Nationalsozialist der ersten Stunde als amtierender Bürgermeister alle wichtigen Geschehnisse der Stadt in seinem „Tagebuch des Bürgermeisters“, welches bis auf einen kurzen Auszug einiger weniger Tage von Ende März bis Anfang Mai 45, unveröffentlicht ist und von seiner Familie unter Verschluss gehalten wird.

Über den Schreibtisch des Grieskirchner Nazi Bürgermeisters wandern während seiner Amtszeit viele wichtige Informationen über Ereignisse, welche das Geschick der Stadt in seiner bewegtesten und schwierigsten Zeit beeinflussten und lenkten. Die Gemeinde erstellt Judenstatistiken, Berichte über das Zigeunerunwesen und befasste sich mit Angelegenheiten, welche die zahlreichen Zwangsarbeiter aus dem Osten betrafen. Amtsarzt Dr. Emil Mayer genehmigt Zwangssterilisationen und schickt behinderte Mitbürger in den sicheren Euthanasie-Tod nach Hartheim. Gemeinsam mit Landrat Reiter und dem Baumeister Friedrich Reinhart genehmigt und plant man ein fremdvölkisches Kinderheim in Weng und diskutierte sicherlich am Bürgermeisterstammtisch auch mal über jenen polnischen Zwangsarbeiter, welche wegen einer Liebschaft mit einer Ortsansässigen, öffentlich gehängt wurde.

Ein geflissentlicher Tagebuchschreiber, welcher von seinem Bürgermeistersessel aus einen beinah uneingeschränkten Zugang zu den mächtigen Herren des Kreis Grieskirchen hatte, verfasste eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse der Stadtgeschichte, welche für den Historiker von heute wertvolle Quelle sein könnte, vor allem da die Pfarrchroniken zwischen 1938 und 1945 „verschollen“ sind und aus dieser Zeit nur die Schulchroniken und eine Stadtchronik von Emmi Reitter existieren.

„Selbstverständlich war auch mein Vater als Bürgermeister […] verantwortlich für die Bevölkerung von Grieskirchen“ sagt Dr. Günther Peyrer, ohne jene Verantwortung anzusprechen, zu welcher er und seine Familie, als Nachfahren von Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt, den nachfolgenden Generationen von Grieskirchner Bürgern, eigentlich verpflichtet sein sollten.

Über 70 Jahre sind seit dem Zusammenbruch des Nazi-Terrorregimes bereits vergangen. Eine Zeitspanne, in der Generationen vergingen und neue geboren wurden. Wäre es nun nicht endlich an der Zeit, einen Appell an die Familie und die Nachfahren des ehemaligen Bürgermeister von Grieskirchen zu richten, und sie zu bitten, im Interesse der Wahrheitsfindung über die historische Vergangenheit der Stadt, das „Tagebuch des Bürgermeisters“ dem Oberösterreichischen Landesarchiv oder dem Stadtarchiv Grieskirchen übergeben, damit einige wichtige Lücken in der Geschichtsschreibung der Stadt geschlossen werden können.

Nicht die, von seitens der Stadtgemeinde betriebene, selektive und einseitige Geschichtsschreibung und „Weißwaschung“ der schwierigsten Jahre der Geschichte der Stadt Grieskirchen in einer dünnen Broschüre, nicht die kritiklose, undifferenzierte Stilisierung des Nazi Bürgermeisters zu einem selbstlosen „Retter und Gutmenschen“ auf der offiziellen Internetseite der Stadt Grieskirchen, ist wichtig für die Wahrheitsfindung einer Stadt mit bewegter Geschichte, sondern das unzensierte siebenjährige „Tagebuch des Bürgermeisters“ und seine filmischen Aufzeichnungen, falls jene nicht schon längst vernichtet worden sind.

Die Stadtchronik von Grieskirchen, sowie die Schulchroniken geben leider nur ein lückenhaftes Bild des Wirkens der Mächte und der Geschehnisse während der Kriegsjahre. Die Pfarrchronik der Jahre 1938 bis 1945 bleibt „verschollen“. Wichtige Ereignisse, wie der Fund von 21 Leichen von KZ-Häftlingen oder der Durchmarsch von „KZ-Häftlingen“ durch Grieskirchen Anfang März 1938, wurden nur wegen der mutigen Erinnerung einiger weniger Zeitzeugen vor dem vollständigen Vergessen bewahrt.

Manchmal glaubt man, dass eine Stadt, die von sich selbst behauptet, eine „Stadt zum Leben“ zu sein, im Verdrängen, Vergessen und Verschweigen seiner eigenen Vergangenheit, den Schlüssel für eine lebenswerten Zukunft sucht – leider vergeblich.

Ich fordere in einem abschließenden Appell die Familie des ehemaligen Bürgermeisters Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt auf, eine Geste verantwortungsvollen Handelns zu setzen und das zeitgeschichtlich wertvolle „Tagebuch des Bürgermeisters“ nicht länger unter Verschluss zu halten, sondern es einem öffentlichen Archiv zu übergeben, so dass den Grieskirchner Bürgern, die Möglichkeit geboten wird, wichtige Lektionen aus Geschehnissen der Vergangenheit ihrer Heimatstadt zu lernen, so dass die Fehler von einst, zu Mahnern für eine bewusst gelebte, glückliche Zukunft werden.