Die Zelle

400 Tage bin ich nun schon hier, weggesperrt wie ein Tier in mein Verlies. Nürnberg, Stadt unserer Reichsparteitage – oder was sie von ihr übergelassen haben, ein Trümmerfeld…das deutsche Herz, ausgebombt und ausgeblutet. Hinter einer mittelalterlichen Mauer aus roten Sandsteinquadern, das Justizgefängnis: eine ausgebreitete Hand. Kabbalistisches Teufelszeichen, ganz ungewollt, ganz unbewusst, gefangen in der Magie der Zweckmässigkeit. Kaltenbrunner Zelle 26! Gebückt durch die niedrige Tür gestossen, in meine Todeszelle. Kommandant Andrus C. Burton baut sich vor mir auf, übermächtig lächerlich. Jeder einzelne Zug seines Gesichts wie in Stein gemeisselt, sein Schellackhelm spiegelt und glänzt, knallgrün und glattgewichst und Augen so dunkel, dass hinter seinen runden Brillen, Iris und Pupille zu einem martialischen Blick verschmelzen. „Feuerwehrhauptmann“ nennt Göring ihn. Disziplin! Sonderwünsche lehnt er strikt ab. Essen nur mit Löffel! Verboten sind: Gürtel und Krawatte, kein Glas mit dem wir uns schlitzen könnten, selbst meine Uhr wird mir abgenommen. Rasieren nur unter Aufsicht, mein Wächter hält den Schlagstock bereit in seiner Hand. Nachdem Ley sich am Klo erhängt hat, werden wir ständig beobachtet, sogar beim Scheißen schauen sie einem zu.

Das gleißende Licht des Scheinwerfers wirft meinen Schatten an die Wand, Schatten der Vergangenheit, als ich noch wie ein ritterlicher Hüne aussah. Heydrich’s Golem haben mich die Prager Juden genannt. Sitzend halte ich mich an meiner Pritsche fest – abgemagert, ausgezehrt – nur um nicht vor Andrus in meinen Anzug zu zerfließen. Zu lebendigen Toten verkommen, wir die 21 Verdammten, Monster und Unmenschen, kaltherzige Nazi-Kreaturen, über die sich Zeitungen ihr loses Maul zerreissen.

Mich quält die unheimliche Stille, die mich umgibt, die Zeitlosigkeit eines Mannes, dem keine Zeit verbleibt. Drei Meter von der Zellentür zur Wand gegenüber. Eins, zwei, drei, vier, fünf…ich zähle Schritte um mich in meiner Ausweglosigkeit nicht zu verlieren, die Wachablöse der Soldaten vor der Tür ist mein Stundenmaß.

Meine Zelle muss vor Jahren einmal grün gewesen sein, kaum noch sehe ich den Schmutz auf den Wänden. Damit wir uns nicht durch Selbstmord ihrer Lynchjustiz entziehen, haben die Amerikaner die elektrischen Leitungen für das Licht so brutal aus der Wand gerissen, dass große ausgegipste Löcher verbleiben. An der Längswand steht meine Pritsche mit einer stinkenden strohgefüllten Matratze darauf. Vier kratzige Wolldecken aus amerikanischen Armeebeständen, ein kleines Handtuch, mehr besitze ich nicht. Als Kopfkissen benutze ich Kleidungsstücke. Die Wand längs der Pritsche glänzt speckig von den Berührungen meiner vielen Vorgänger. Eine Waschschüssel und ein Pappkarton mit einigen Briefen stehen auf dem kleinen Tisch aus Pappkarton und Sperrholz. Selbst den hat Kommandant Andrus selbstmordsicher gemacht und ein Tischbein abgesägt. Unter dem Fenster laufen zwei Heizrohre entlang, an denen ich mein Handtuch trockne. Bis auf Göring der einen Helfer bekommen hat, müssen wir unsere Zellen selbst aufwischen. Der Fette hat sich so sehr darüber aufgeregt hat, dass er fast geplatzt ist und die Amis Angst hatten, dass er vor ihren Augen an einem Herzinfarkt krepiert. Der penetrante Geruch des Desinfektionsmittel schwebt überall: in der Toilette, in der Wäsche und haftet selbst an meiner Haut, scheußlich süßlich-scharfer amerikanischer Gestank. Das Fenster. Wie ein hämisch grinsendes Maul hat es sich durch die dicke Wand gefressen, blickt es mich an, lockt mich, verspottet mich. Wie sehr wünsche ich mir hinauszublicken und noch einmal einen Blick auf die Welt zu werfen, doch selbst die Glasscheiben hat man durch graues Zelluloid ersetzt. Es ist so stark zerkratzt, dass ich die Welt da draußen nur als verschwommene Umrisse wahrnehmen kann.

Selbst heute an diesem heißen Junitag ist es düster in meiner Zelle. Ich kann ihn nicht sehen, doch schmecke ich die Hitze eines strahlenden Sommertages, ein Geschmack den ich schon als Kind liebte. Der Duft frisch geernteten Strohs, der stumme Gruß einer Delegation von Strohmännern, die mich als einzige in der alten Heimat empfingen. Wenn ich von Berlin aus am Weg nach Linz war, bin ich immer nach Raab hineingefahren. Wie enttäuscht war ich, wenn mich die alten Leut nicht mehr auf den ersten Blick erkannt haben…dass dreißig Jahre und mehr inzwischen vergangen sind, mag ich nicht so recht begreifen, bin ich doch so unvergeßlich in meiner Kinderzeit verfangen geblieben.  

Wie es die Gefängnisordnung verlangt, liege ich auf dem Rücken, die Hände über der Decke, den Kopf zur Innenseite meiner Zelle gewendet. Es ist abends, das grelle Licht des Scheinwerfers zerstrahlt mein Gesicht. Blutrote Lider, an Schlaf ist nicht zu denken: Ich starre an die gewölbte Decke, unendliche Müdigkeit, Nacht für Nacht torpedieren sie jede Zelle meines malträtierten Körpers, lassen mich nicht schlafen. Lärmen und lachen vor meiner Tür. Ich bin ein Gespenst, starr und regungslos, mein Leib aufgebahrt in Totenstarre. Immer beschaut vom nimmermüden Augenpaar meines versteinerten Wächters durch die quadratische Öffnung in der schweren, eichenen Zellentür. 

Ein Weltgericht sollte es sein, vor dass sie uns gezerrt haben, doch die Augen der Welt haben nur die Rache der Siegerjustiz gesehen, eine Farce, ein abgekartetes Spiel. Hätten sie doch nur auf Churchill gehört, der wollte uns alle standrechtlich erschießen lassen. Dann wärs wenigstens schon vorbei. Monatelang quälen sie uns nun schon ihren gelogenen Anschuldigungen zuzuhören, den gekauften Zeugen und dann zeigen sie uns auch noch diese Filme. „Das könnte die Ufa in einem Tag nachstellen und filmen“, meint Göring. Da geb ich ihm recht. Die Schuld am Tod von Millionen von Toten werfen sie uns vor, auf gefälschten Dokumenten, die Jackson aus seinem Hut zaubert. Aber was solls, das Spiel ist sowieso schon lange aus. Mein Auftritt getan und vorbei und ich brauche mich nicht zu schämen. Ich habe für die Ehre Deutschlands einen letzten Kampf geliefert. Jetzt werden die Judenrichter das letzte Wort haben und sie werden uns hängen lassen.

Ich will meine Gedanken verlieren und versuche in schlaflose Träume zu entfliehen. Dann bin ich wieder ein Bub und wandere am kleinen Bächlein bei Brünning entlang, das an vielen Glockenblumen und Margeriten, Fliedernelken und Distelköpfen, Dotterblumen und Vergissmeinnicht vorbeitaumelt und sich im Hannerlholz mit dem Raabbach vereint. Das Hannerlholz! Nirgends konnte man sich so gut verstecken, spielen oder Gefahren begegnen, waren doch zwei große Sandstätten dort, im finsteren nördlichen Teil gegen Maria-Bründl zu, in einem tiefen Hohlweg, wo die großen Kellereien der Brauerei lagen, zu denen die Fuhrfässer von starken weissen Ochsen gezogen wurden. Das Hannerlholz hatte alles in sich, was wir Kinder uns nur wünschen konnten. Die verschiedensten Schwämme, alle Blumen auf seinen Wiesenflecken, Erdbeeren, Käfer, Eidechsen, selbst Schlangen und am Rande zu den Teichen hin waren Wassergräben gezogen, mit Fröschen, Schwimmkäfern und wir setzten noch kleine Fische ein und bauten Brücken. Am Bach, der zwischen Pfarrhof und Hannerlwald vorbeirinnt und uns zum Fischen und Baden diente – auch meine erste Hirschlederhose fiel dort ins Wasser und blieb steif – lag die Mühle des Müllers in der Schleifen, so geheimnisvoll, wie sie nur in Märchen geschildert werden kann. Ihr großes Holzrad und Radkasten, beide von grünen Moos bedeckt und tausend funkelnden Wassertropfen umsprüht, war für Ohr und Auge unzertrennlich von dieser herrlichen Welt. Um Schloss und Kirche war der Marktfleck Raab ganz natürlich gewachsen, Kleinbauern, Handwerker, Krämer und Wirte riefen mit dem Zeitfortschritt Arzt und Apotheke, Post und Ämter, Sparkassa und Schule herbei und immer blieb der Ort mit seiner Umgebung eng verbunden, denn jeder hatte sein Stückchen Land und Wald behalten und Heu und Getreideähren kamen in den Straßen zu liegen, wenn es Erntezeit war. Fast hinter jedem Haus gab es Stall, Stadel und Garten, viele Obstbäume darin und wir kannten sie alle, die Frühäpfel so gut wie die Birnen und Zwetschken. Damals waren die Standesunterschiede noch deutlicher als ein Menschenalter später und es war auffällig, wenn ein Doktorkind zu armen Leuten kam. Auch die Eltern sahens nicht gern, vielleicht fürchteten sie Krankheiten. Umso lieber und neugieriger folgte ich den Einladungen meiner Schulkameraden, Buben und Mädels. Sie nahmen mich mit auf eine Rahmsuppe bei ihren Eltern, oder ein Stück würziges Bauernbrot schmeckte ja viel besser, als alles daheim. Scheuer aber als Wohlhabende, ist deren Scham vor fremden Einblick. Ich muß aber ein ganz natürliches Kind gewesen sein, denn vor mir wurde nichts verborgen und ich wieder, nahm alles ganz natürlich in meine Sinne auf. Ich sah das Kind armer Leute zufrieden sein, mit dem Apfel, dem ihm die Großmutter zusteckte. Ich bemerkte, wie ein müder Vater sich erst mit seiner Frau beriet, ob er sich heute zum Abendbrot einen Krug Bier holen konnte, ich erlebte Schicksalsschläge mit, wenn eine Kuh krank wurde oder ein Ferkel einging oder das Heu der einzigen Wiese nicht heimgebracht werden konnte, weil der Regen zu regnen nicht aufhörte. Ich kannte die Geschichte manches Sonntagsgewandes und die Ursache, warum nicht jedes Kind jeden Sonntag zur Kirche mitdurfte, weil fürs zweite Schwesterchen eben kein zweites Kleid gleicher Sonntäglichkeit da war. Dann wieder sah ich, dass sich der alte Vater die Bretter für seinen Sarg sorglich bereit legte und beim Dengeln den Nachbarn fragte, ob er auch schon trockene Bretter hätte. Wie ihnen das Sterben kein Grauen war, machten sie vor den Geburten wenig Aufhebens.

Das Haus meiner Familie war eines der größten Häuser des Marktes, in welchem wir den ganzen ersten Stock bewohnten und wo sich auch die Kanzleiräume meines Vaters, nach Süden gelegen, befanden. Das Haus stand zu oberst, einen kleinen Platz nach Westen abschützend, vom Norden kam die Straße aus Maria-Bründl herein, die am Haus vorbei und nach Süden abfallend führte und dann die Hochbruck hieß. Nach Westen führte die Straße zum Friedhof hinauf, weitergehen kam man, vorbei am reizend und von Blumen umwachsenen Häuschen des Rauchfangkehrers auf einem schönen Weg, der hinunter zu den Schatzlteichen und zum stattlichen Pfarreranwesen führte. Um den Pfarrhof herum standen in dichten Obstgärten noch einige Häuschen, die einem Binder, einem Rechenmacher und einigen Kleinbauern gehörten. Das Binderanwesen war für mich deshalb unvergesslich, weil Mutter dort alljährlich ihren Vorrat an Winteräpfel einkaufte und eine Sorte so tiefrote Wangen hatte, wie die Binder Resi, die mit mir zur Schule ging. Sie sprach sehr langsam und hatte immer verschwollene Augen, als ob sie Bienen gestochen hätten und ist mit ihren roten Wangen und strahlender Gesundheit wegen immer in Erinnerung. Ich brauche nur an sie zu denken und der ganze Weiler ist mir bis ins Kleinste gegenwärtig, ja ich höre das Quietschen des Türchens am Gartenzaun der Binderleute, ich sehe den alten Pfarrer Lang mit langer Pfeife und seinem Spitz Bello im Garten auf- und abgehen. Sein Brebierbüchl wird er ebenso wenig gelesen haben, wie ich die Buchstaben finde, wenn bei den kurzen Spaziergängen im Gefängnishof mich zum Lesen zwinge. Ein Schmetterling oder Maikäfer, wie gestern, lenken so leicht ab, als er sich aufs Buch setzte. 

“Die braune Zeit”

Seit über 70 Jahren schlummern in Archiven verstaubte Akten und längst vergessene Dokumente, welche von einer Zeit erzählen, die viele Österreicher nur allzu gern aus ihrem kollektiven Gedächtnis verdrängen würden.

Einige jener Akten, die sich am Ende des Krieges der Vernichtung durch die Nazis entziehen konnten, erzählen die Geschichte der Nazi-Täter. Täter, die zum Teil aus sehr angesehenen und angestammten Grieskirchner Familien entsprangen und bereitwillig im faschistischen Terrorregime Hitlers ihren Mann oder auch ihre Frau standen, um Karriere zu machen.

Dieses Buch schildert in vielen Details und in teilweise bisher unveröffentlichten Bildern, die Lebenswege von Bürgern, die sich von der Welle nationalsozialistischer Begeisterung mitreißen ließen und zu fanatischen und oftmals grausamen Tätern in ihrer eigenen Heimatstadt wurden.

„Die braune Zeit“ führt den Leser weit zurück zu den frühesten Anfängen des Nazitums und enthüllt schier Unglaubliches…

Erhältlich auf Amazon

https://www.amazon.de/dp/1090982569

Böller und Granaten

1934 setzt in Oberösterreich ein noch die dagewesener Bombenterror ein. Die seit 1933 illegalen Nationalsozialisten verschärfen ihre Gangart, versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken und zwingen den immer diktatorischer agierenden Bundeskanzler Dollfuß harte Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ein turbulentes Jahr auch im Bezirk Grieskirchen.

Das neue Jahr 1934 beginnt in Grieskirchen mit einem Knall. Am 3. Jänner wird „ein Böller gegen das Haus des Abgeordneten Franz Huber geworfen, wodurch einige Fenster zerschlagen wurden. Ein weiterer Anschlag war gegen den Gendarmerieposten geplant. An die Gartentüre vor dem Postengebäude wurde nämlich ein Sprengkörper gehängt, er konnte jedoch rechtzeitig entfernt werden.“ Die Schärdinger Chronik vermerkt, „ […] das an gewalttätigen Auseinandersetzungen reiche Jahr wurde in Schärding durch zwei Papierbölleranschläge in der Silvesternacht eingeleitet. Der erste Böller explodierte in der Silvesternacht am Stadtplatz und richtete keinen Schaden an.“ Die Alpenländische Morgen Zeitung weiß, dass „am Neujahrstag auf dem Hauptplatz in Schärding ein Papierböller geworfen [wurde], wodurch 52 Fensterscheiben zertrümmert wurden. Die Ladung des Böllers war so stark, daß noch zwanzig Schritte entfernt ein Fenster in Scherben ging. Viele Häuser waren mit Hakenkreuzen und Schmähschriften beschmiert.“

Die seit dem Jahr 1933 für illegal erklärte NSDAP verschärft zum Jahresanfang 1934 ihren Ton und beginnt nicht nur den Bezirk Grieskirchen, sondern auch ganz Österreich mit einer Terrorkampagne zu überziehen, welche die Regierung Dollfuss in Wien das Fürchten lehren und in weiterer Folge zu Fall bringen sollte. Harmlos, wie man aus dem Namen schließen könnte, sind die Papierböller, wie sie von den meist jungen Nazis in Dörfern und Städten zur Explosion gebracht und auf prominente Gegner des Nationalsozialismus geworfen wurden auf keinen Fall. So findet am 16. Jänner „ein Papierbölleranschlag gegen das Landesregierungsgebäude am Pestalozziplatz in Linz und in anderen Teilen Oberösterreichs, u. a. auch gegen die Redaktion der “Rieder Volkszeitung” statt, gefolgt von sieben weiteren Sprengkörpern, die in Linz am 28. Jänner zur Explosion gebracht wurden.

Wie in einem Berufungsprozess vor dem Obersten Gerichtshofe des ersten „Linzer Papierböllerprozesse“ im Juli 1934 festgestellt wird, waren entgegen der Auffassung der Verteidigung der beiden Angeklagten, dem Handelsangestellter Franz Altreiter und dem Hafner Hermann Sellner, die vom Landesgericht wegen Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz zu je 7 Monaten schweren Kerkers verurteilt worden waren, dass „diese Böller […] früher als Feuerwerkskörper im Handel frei erhältlich gewesen und schon daraus gehe hervor, daß sie nicht als „Sprengstoffe“ angesehen werden können“, die Gerichtsgutachter ganz anderer Meinung. Sie stellen fest, dass die Papierböller alles andere als harmlose „Kracher“ darstellen, sondern „ein Gemisch aus Chlorkalium und Aluminiumpulver gefüllte Papierböller [sind], die unter besonders starkem Knall explodieren, nicht nur großen Sachschaden verursachen, sondern auch, insbesondere bei direkter Berührung schwere Körperbeschädigungen hervorrufen können.“ Die Nichtigkeitsbeschwerde wird deshalb vom Obersten Gerichtshof verworfen. In Innsbruck wirde „am 23. Jänner mittags vor die Wohnung der Agnes Junger in Innsbruck ein Papierböller mit brennender Zündschnur gelegt. Der 17jährige Sohn Walter der Wohnungsinhaberin sah den rauchenden Böller, hob ihn auf und wollte ihn in der Küche in ein Wasserschaff werfen, um ihn auf diese Weise unschädlich zu machen. Der Böller explodierte jedoch, bevor ihn der Junger wegwerfen konnte, und riß ihm die rechte Hand beim Handgelenk ab. Außerdem wurde durch die Explosion die Kücheneinrichtung der Wohnung der Agnes Junger vollkommen zertrümmert.“ Am Dienstag, „den 23. Jänner abends krachte vor dem Gebäude der Kaiser-Franz-Josefs- Jubiläumsschule in Linz ein Papierböller. In Altheim explodierte am Donnerstag vor dem Kaufgeschäft Faschang ein Böller, drei Minuten später vor dem Hause des Schmiedemeisters Buchleitner. „Auf dem Kirchturm in Vöcklamarkt wehte am Samstagmorgen eine Hakenkreuzfahne, die wie das Blatt hervorhebt, von Leuten mit Rang und Namen schweigend und mit sympathischem Lächeln begrüßt wurde.“

Gegenmassnahmen des Austrodiktators Dollfuß

Die Regierung reagiert auf die schweren Terroranschläge indem sie nach jedem Anschlag eine bestimmte Anzahl amtlich bekannte Nationalsozialisten verhaften lässt und sie in das Durchzugslager in Wels oder Anhaltelager wie den „Kaisersteinbruch“ oder das Lager „Wöllersdorf“ steckt. Ein bekannter aufstrebender Nazi, der in Ried geborene Dr. Kaltenbrunner wird wegen seiner nationalsozialistischen Einstellung bereits im Januar 1934 von der Dollfuß-Regierung verhaftet und mit anderen führenden Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Kaisersteinbruch eingeliefert. Ein von ihm veranlaßter und geführter Hungerstreik zwing die „Systemregierung“, 490 nationalsozialistische Häftlinge zu entlassen.

In neuen Schnellverfahren verurteilen die Gerichte „Pöllerwerfer“ zu immer härteren und längeren Gefängnisstrafen. So werden die zwei Attentäter, die in Bad Hall am 17. Jänner Sprengsätze gezündet hatten, der 20jährige Maurer Franz Pernegger und den 26 Jahre alte Tischlermeister Ludwig Brunmayr zu fünf Jahren und neun Monaten schweren Kerker verurteilt, verschärft durch ein hartes vierteljähriges Lager.

Der Terror geht weiter

Trotz des harten Durchgreifens der österreichischen Regierung und Exekutive explodieren alle paar Tage in Oberösterreich Sprengsätze. „In der Nacht zum 19. Jänner wurden im Stadtgebiet Wels mehrere Papierböller zur Explosion gebracht. Ein Böller explodierte in der Maximilianstrasse vor dem kath. Preßvereinsgebäude, wo die Rollbalken zum Teil eingedrückt und einige Fensterscheiben zertrümmert wurden. In der Umgebung der Stadt sollen, wie verlautet, ebenfalls mehrere Explosionen stattgefunden haben.“ Am selben Abend waren „um etwa 19.45 Uhr […] in der Stadt Linz nacheinander drei Detonationen zu hören. Es stellte sich heraus, daß wiederum Papierböller zur Entzündung gebracht worden waren. Einer explodierte in der Domgasse vor dem Hause des Ordens der Gesellschaft Jesu […], wobei zahlreiche Fensterscheiben zertrümmert wurden, ein zweiter Pöller in der unbeleuchteten Marktstrasse vor der Westfront des Kolosseumgebäudes und zwei Pöller mit gleichzeitiger Detonation in der Harrachstrasse vor dem Gebäude des Priesterseminars der Diözese Linz. Die Linzer Tages-Post stellt beunruhigt fest: „In der Stadt herrscht wegen der fortgesetzten Gefährdung des Lebens und Eigentums der Bewohner durch Anschläge obiger Art begreifliche Aufregung.“

(K)eine Sache zum Lachen

Einer Terrorgruppe aus Marchtrenk wird unter regem Interesse der Öffentlichkeit der Prozess gemacht. Als die acht jungen Burschen, alle gerade mal zwanzig Jahre alt, von vier Justizwachebeamten aus der Haft dem Richter vorgeführt werden, sitzen sie auf der Anklagebank, lachen und kichern fortwährend. Die Anklage wirft den acht Jugendlichen neben Hakenkreuzschmierereien auch Sprengstoffanschläge „beim Bürgermeister Asböck, beim Tischlermeister Kührer und beim Vizebürgermeister Bittermann“ vor. „Weiters wollten sie auch die vaterländische Kundgebung dadurch stören, indem sie in ein Starlhäusl einen Sprengkörper legten, das sie in der Nähe des Kriegerdenkmales auf einen Baum hängten, damit es dort während der Kundgebung explodieren sollte. Weiters haben sie auch Sprengkörper nach Weißkirchen und Nettingsdorf gebracht, damit auch dort Anschläge durchgeführt werden sollten. Außerdem haben sie sich Gewehre verschafft, wovon sie einen Teil aus dem Besitze der christlich-deutschen Turner stahlen und einen Teil durch Kauf an sich brachten. Es wurden aber auch Unterhandlungen gepflogen wegen Ankauf eines Maschinengewehres. Wie niederträchtig sie bei ihren Handlungen vorgingen, beweist die Tatsache, daß sie die Spitzen der Gewehrmunition abfeilten, damit die Wirkung eine größere sein sollte.“

Die Schwere dieser Anklage scheint bei weitem keine Sache zum Lachen zu sein, doch das hindert die jugendlichen Angeklagten nicht während der Befragung dem Gericht schnippische Antworten zu geben. „Dem Angeklagten paßt das Wort „Terrorgruppe“ absolut nicht und so behauptet er, daß ihm diese Bezeichnung bei der Polizei in den Mund gelegt worden ist, obwohl seine Abteilung keine Terrorgruppe war, sondern die SS von Marchtrenk.“ Sie hätten „am 18. Jänner […] so einen Böller auf freiem Felde zur Explosion gebracht, zu Ehren der auf der Durchfahrt nach Wöllersdorf befindlichen Parteigenossen, damit sie auf uns Marchtrenker aufmerksam werden“, geben sie selbstsicher und keck als Rechtfertigung für ihre Sprengstoffanschläge dem Gericht gegenüber an. Auf die abgefeilten Spitzen der Munition angesprochen, gibt ein Angeklagter lässig zurück „Ja ich nahm aber das gar nicht so ernst, weil ich glaubte, daß es eine harmlose Sache ist.“ „Da der junge Mann immerfort lacht, rügt das der Vorsitzende mit ernsten Worten.“ Das Urteil: Sieben Angeklagte werden zu je fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt, einer freigesprochen.

Grieskirchner Terroristen

Auch vier Neumarkter „Pöllerwerfern“, Franz D., Walter W., Rudolf H. und Josef F. wird der Prozess gemacht und in einem, von der Sicherheitsdirektion für OÖ erlassenen Bescheid vom 26. Jänner 1934 den Angeklagten vorgeschrieben, Entschädigungszahlungen für Sachbeschädigungen durch Sprengstoffanschläge zu leisten. In der Begründung heißt es: „Am 8.1, 15.1., 16.1., 15.1. 22.1. und 6.1.1934 wurden im Zuge der nationalsozialistischen Terrorpropaganda in Neumarkt in Kallham Papierböller von unbekannten Tätern zur Explosion gebracht.“ Es gingen im Haus des Pfarrers 15 Fensterscheiben zu Bruch, beim Spengler die Auslagenfenster, sowie Schäden am Schulhaus, am Haus des Nationalrates Johann Weidenholzer, weiters 22 kaputte Fensterscheiben im Personalhause der österr. Bundesbahnen. „Die vier [Angeklagten] haben durch ihr Verhalten den fraglichen Anschlag insoferne begünstigt, gefördert und dadurch mittelbar mitverschuldet, als sie aus ihrer nationalsozialistischen Gesinnung auch bis in die letzte Zeit noch kein Hehl machten, sämtliche wegen verbotener Parteitätigkeit bzw. politischer Demonstrationen von der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen im Jahre 1933 bestraft werden mußten und hiedurch wohl wesentlich dazu beigetragen haben, auch noch andere Personen zu verbotenen Parteitätigkeiten und zu Terrorakten zu ermutigen. Die Voraussetzungen für die im Spruch verfügte Ersatzvorschreibung war daher voll gegeben.“

Am 9. Jänner 1934 finden in Grieskirchen zahlreiche Hausdurchsuchungen bei Nationalsozialisten statt unter anderem bei dem bekannten Rechtsanwalt Dr. Hermann R., dem Darmhändler und späteren Grieskirchner Ortsgruppenleiter Josef H., den Gebrüdern die Bäcker W., sowie zahlreichen anderen amtsbekannten Grieskirchner Nazis. Es werden zahlreiche, „die NSDAP betreffende Bücher und Schriften gefunden und einstweilen beschlagnahmt.“ Rechtsanwalt Dr. Hermann R. sowie Darmhändler H. geben gegenüber der Gendarmerie an, dass sie „in Erfahrung brachte[n], daß bereits am 9. Jänner 1934 um 3 Uhr früh, die Gendarmerie diesbezüglich Aufträge erhielt. Die Aufforderung jene Person zu nennen, welche ihm dies mitteilte, beantwortete er dahin, daß er dies selbstverständlich nicht sagen werde.“

„Guat is gegangen, nix is gschehn!“

Johann H., Bäckergehilfe bei Bäckermeister Johann W. aus Grieskirchen, einem bekannten Nationalsozialisten der ersten Stunde und SS-Mann, wird am 22. Jänner 1934 verhaftet und ihm beim Bezirksgericht Grieskirchen der Prozess wegen des Verdachts des Verbrechens nach §9 des Sprengmittelgesetzes gemacht. Er wird „dringend verdächtig von den am 21. Jänner 1934, um ca. 19 Uhr 45 in der Nähe des hiesigen Gendarmeriepostenkommandos verübten Papierbölleranschlages, zu einer Zeit, da die Verhinderung dieses Anschlages noch möglich war, Kenntnis erlangt und es unterlassen zu haben, der Behörde die Anzeige zu erstatten. Nachdem kurz nach dem Pölleranschlag im Gastgarten des Gasthauses des Emil Hubinger […] in unmittelbarer Nähe des Gendarmeriepostens ein Pistolenschuß abgefeuert wurde, wurden sämtliche im Gasthaus anwesend gewesenen Gäste einer Leibesdurchsuchung nach Waffen mit negativem Erfolge unterzogen.“ „Da von verschiedenen Vertrauenspersonen die Vermutung ausgesprochen wurde, es könnten im Geschäft des Eisenhändlers Georg W. […] dessen Angestellte zum Großteil Anhänger der NSDAP sind, Papierpöller oder sonstiges Propagandamaterial verborgen gehalten werden, wurde am 22. Jänner 1934 […] eine gründliche Durchsuchung der Wohnung und der Geschäftsräume mit negativem Erfolge vorgenommen. Johann H. gab zu seiner Verteidigung an, ein Alibi zu haben. Er sei am 21. Jänner 1934 „in der Backstube meines Dienstgebers beschäftigt [gewesen und] hörte um ca. 19 Uhr 45 einen heftigen Knall und vermutete, daß dies die Explosion eines Papierpöllers gewesen sein müßte. Daß ich an dem Papierpölleranschlag selbst beteiligt war oder davon Kenntnis hatte, stelle ich entschieden in Abrede, weil ich zur Zeit des Anschlages schon längere Zeit zu Hause war, daher den Anschlag nicht verüben konnte. Daß ich zur Zeit der Explosion tatsächlich im Hause meines Dienstgebers war, muß meine Dienstgeberin Aloisia W., deren Töchter Mizzi, und Grete, sowie die Söhne Alfons und Karl bestätigen können.“ „Die mir vorgehaltene Äußerung: „Gut ist es gegangen, geklappt hat es und nichts ist geschehen“ stelle ich entschieden in Abrede und kann der Angeber nur aus Gehässigkeit gegen mich eine solche Behauptung aufstellen.“

Die „Österreichische Legion“ droht

Seit Mitte 1933 verlassen viele junge Oberösterreicher illegal das Land, um sich der „Österreichischen Legion in Bayern“, einer militanten Kampftruppe der NSDAP anzuschließen, die den gewalttätigen Umsturz der österreichischen Regierung unter Dollfuss zum Ziel hat und hofft dadurch den Anschluss an Hitlerdeutschland zu erzwingen. Bereits am 8. September 1933 verbreitet die Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen ein streng vertrauliches Rundschreiben an alle Gendarmeriekommanden des Bezirks, um vor der Bedrohung durch die Legion zu warnen. „Verschiedenen Nachrichten zufolge soll schon für die nächste Zeit eine Aktion der in Bayern aus österreichischen NSDAP Angehörigen gebildeten Österreichischen Legion beabsichtigt sein. Es sollen einzelne Angehörige derselben nach Österreich zurückgeschickt werden, um im Innern als Instrukteure oder Führer der dort befindlichen NSDAP Gruppen zu wirken. Es wäre daher nicht ausgeschlossen, daß diese Gruppen Sabotageakte gegen die Bahn, Telephon und andere öffentliche oder private Einrichtungen versuchen werden. Diesem Umstande muß demnach das größte Augenmerk zugewendet werden, um solche eventuell beabsichtigen Anschläge nach Möglichkeit zu verhindern. Alle aus Deutschland zurückkehrenden österreichischen Legionäre oder sonst verdächtige Personen sind an der Überschreitung der Bundesgrenze zu verhindern. Sollte dennoch in Einzelfällen ein solcher Grenzübertritt stattgefunden haben, so sind die Betreffenden festzunehmen und zur Bestrafung einzuliefern. […] Jeder Versuch einer feindseligen Aktion von aussen oder von innen ist mit der größten Rücksichtslosigkeit und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln sofort zu unterdrücken, worauf besonders aufmerksam gemacht wird.“

Der Sicherheitsdirektor in Linz fürchtet, dass es zu Massenverhaftungen von Legionären kommen könnte und läßt deswegen nachfragen, ob im Bezirk Grieskirchen „geeignete Objekte oder Lagerstellen zur Verfügung stehen, welche für den Fall des Bedarfes für längere Zeit als Sammellager in Betracht gezogen werden könnten.“ Es wird ihm geraten „in ganz dringenden Fällen könnte vorübergehend das sog. Schloß in Steegen, Gemeinde Steegen, in Betracht kommen. Dieses Gebäude ist 5 Minuten außerhalb des Marktes Peuerbach gelegen, alleinstehend und verfügt über eine größere Anzahl von Wohnräumen, in denen gegenwärtig lediglich Möbel, Bücher etc. untergebracht sein sollen. Im Schlosse selbst wohnt nur die Witwe des seinerzeitigen Eigentümers Johann Eisterer mit 2 Dienstboten.“

Die Tragik des 12. Februars

Nachdem die österreichische NSDAP am 19. Juni 1933 verboten wurde, erreicht sie schon Anfang 1934 wieder ihre ursprüngliche Schlagkraft, was sich in einer Häufung von Sprengstoffanschlägen zeigt. Als Anfang Februar in mehreren Städten große Bauernaufmärsche zur Unterstützung der Bundesregierung stattfinden, explodieren bis zu vierzig Böller an nur einem Tag. Als am 12. Februar 1934 in Linz, Attnang und Steyr Kämpfe zwischen dem Republikanischen Schutzbund und Regierungstruppen ausbrechen, kommt dies der NSDAP Führung sehr gelegen und so ordnet den sofortigen vorläufigen Stop der Terrorwelle an, um sich „diplomatisch als neutral zu geben.“

Als Konsequenz läßt die Reguering die Sozialdemokratische Partei und zahlreiche sozialistischer Vereine, sowie die Gemeinderäte vo Linz und Steyr auflösen, verhängt das Standrecht in Oberösterreich und Wien und ernennt Regierungskommissäre. Es kommt zu zahlreichen Verhaftungen in Linz, unter ihnen der Nationalrat Dr. Ernst Koref und Landesrat Eduard Euller. Die traurige Bilanz der Kämpfe laut amtlicher Verlustliste: 239 Tote und 658 Verwundete worauf auf Oberösterreich 29 Tote (darunter 2 Frauen), 54 verletzte Männer, 9 Frauen und ein Kind entfallen.

Eskalation des Nazi Terrors

Am 10. April schrauben die Nazis den Bombenterror, welchen sie über Oberösterreich brachten, noch eine weitere Stufe höher und schrecken selbst vor Sprengstoffanschlägen auf unschuldige Zivilisten nicht mehr zurück. Mit einem Bombenanschlag auf den Pariser Nachtschnellzug zwischen Oftering und Marchtrenk am 10. April, bei dem ein Eisenbahner getötet wird und 15 Personen zum Teil schwer verletzt wurden, „werden die nationalsozialistischen Attentate wieder aufgenommen, bei denen in den Wochen bis zum Beginn des Juliputsches in Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark weitere Menschen ums Leben kommen. Über 300 Attentate und Böller-Anschläge der ersten Jahreshälfte 1934 — waren von wenigen Ausnahmen abgesehen — keine spontanen Einzelaktionen, sondern wurden von Deutschland aus gesteuert, zumindest aber mit Waffen, Geld und logistischer Hilfe unterstützt.“ Innerhalb nur eines Jahres steigert sich die Gewaltbereitschaft der Nazis von vormals harmlosen Protestaktionen, wie dem Anbingen von riesigen Hakenkreuzen in Felswänden, Plakataktionen und Schmierereien an Hauswänden usw. die in der lokalen Erinnerungstradition als „persönliche Waghalsigkeiten“ romantisch verklärt werden zu brutalen terroristischen Aktionen, die in Mord- und Terroranschlägen ihren vorläufigen blutigen Höhepunkt finden.

Am 21. Mai wird die Grenzlandkundgebung der Vaterländischen Front mit Landeshauptmann Dr. Heinrich Gleißner und Landesrat Heinrich Wenninger in Schärding durch an Luftballons befestigten Papierböllern über der Stadt bedroht. Dem folgt am 9. Juni ein weiterer Sprengstoffanschlag auf die Bundesbahn bei Vöcklabruck, im Militärverpflegungslager Wels und ein Mordanschlag in Sierning. Sicherheitsdirektor Dr. Hans Hammerstein-Equord erlässt eine neue Terrorwarnung und befiehlt die schärfste Bewachung der Bahnstrecken durch die Exekutive.

Die traurige Bilanz des Terrors der illegalen Nationalsozialisten in Österreich. Vom Juni 1933 bis zum Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 werden 803 Menschen Opfer nationalsozialistischen Terrors. Durch Anschläge werden 117 Personen sofort getötet, weitere 52 so schwer verletzt, dass sie an den Folgen dieser Verletzungen verstarben.

Die Ermordung des Bundeskanzlers

Der 25. Juli 1934 ging in die österreichischen Geschichtsbücher ein, als 150 illegale Nationalsozialisten, als Offiziere und Soldaten des österreichischen Bundesheeres verkleidet „zur Wachablöse“ in den Hof des Bundeskanzleramtes am Wiener Ballhausplatz vorfahren. SS- und SA-Männer stürmen in das Kanzleramt um die österreichische Regierungsmitglieder gefangen zu nehmen und so durch den von Hitler geplanten Putsch die Regierung Dollfuß zu stürzen. Doch die Regierungsmitlieder waren vorgewarnt worden und hatten das Kanzleramt rechtzeitig verlassen, nur Bundeskanzler Dollfuß blieb zurück. Er wurde durch zwei Kugeln, welche wie bei der Obduktion festgestellt wurde verschiedene Kaliber hatten und deswegen aus zwei verschiedenen Waffen abgefeuert worden sind, verletzt und verblutete langsam, da die Nazis ihm medizische Hilfe sowie den Beistand eines Priesters verweigerten. Der 34-jährige arbeitslose Otto Planetta hatte einen Schuss auf den Bundeskanzler abgegeben und wurde später dafür gehenkt. Lange Zeit war der Name des zweiten Attentäters ein Geheimnis bis spätere Forschungen glauben in Rudolf Prochaska, einem 39jährigen Luftwaffenoffizier im Bundesheer der Ersten Republik und illegales Mitglied der SA, den zweiten Schützen identifizieren zu können. Trotz der tragischen Ermordung Bundeskanzler Dollfuß scheitert der Putschversuch schon wenige Stunden später. Jedoch kommt es in Oberösterreich zu zahlreichen Aufstandsversuchen. In Wilhering und in Laakirchen wird ein Gendarm ermordet, im Raum Hinterstoder – Windischgarsten kommt es zu umfassenderen nationalsozialistischen Aktionen und Verhaftungen in Bad Ischl, Pinsdorf und Goisern, verlustreiche Kämpfe der 4. Brigade (2 Tote und 9 Verletzte) gegen die am Pyhrnpass verschanzten nationalsozialistischen Aufständischen des Oberen Ennstales, die Ermordung eines Gendarmen bei einem Überfall der österreichischen Legion im Raume Kollerschlag und dieVerhaftung eines deutschen Kuriers mit detaillierten Putschanweisungen, ebenfalls in Kollerschlag, kennzeichnen den stürmischen und blutigen Höhepunkt des turbulenten Jahres 1934.

Der in Ried geborene Ernst Kaltenbrunner, ehemaliger Sicherheitsdirektor des Landes und Heimwehrführer, der im Bezirk Grieskirchen Schloss und Land besaß, Führer des illegalen Linzer SS-Abschnittes und von 1943 bis Kriegsende Chef der Sicherheitspolizei und des SD sowie Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) äußert sich bei seinem Prozess in Nürnberg am 11. April 1946 zurückblickend, dass die Nationalsozialisten Opfer der Regierung Dollfuß gewesen seien und meint lapidar: „Dieser Putschversuch, der auch unglücklicherweise den Mord an Dollfuß mit eingeschlossen hatte, ist niedergeschlagen worden und mit strengsten Verfahren gegen eine Unzahl von Nationalsozialisten gerächt worden. Eine besonders harte Maßnahme bestand darin, daß viele Tausende von Nationalsozialisten ihres Berufes verlustig erklärt wurden, und es bestand die Notwendigkeit, eine Befriedung, ich möchte sagen, eine Milderung der Grundsätze der Regierung herbeizuführen.“

Eine misslungene „Befriedung“

Indirekt schien der Terror mit dem die illegalen Nazis das Land überzogen hatten, Früchte zu tragen. Es beginnen Versuche einer Befriedung mit den Nationalsozialisten. Ernst Kaltenbrunner und Anton Reinthaller aus Vöcklabruck, seit Ende der 1920er Jahre NSDAP Mitglied, wird es „gestattet“ mit seinen eigentlich illegalen Parteigenossen „Besprechungen abzuhalten“. „Schon im August 1934 hatte der oberösterreichische Landeshauptmann Gleißner mit „nationalen“ bzw. „gemäßigt [sic!] nationalsozialistischen Gruppen“ Gespräche geführt. Kein Jahr darauf hatte der Sicherheitsdirektor des Landes Oberösterreich, Peter Graf Revertera, gegenüber – dem späteren NS-Bürgermeister von Linz und Richter beim Volksgerichtshof – bedauert, so viele Nationalsozialisten verhaften zu müssen.“

Schuschnigg, der Dollfuß nachfolgt unterliegt 1938 am Berghof den Einschüchterungen Hitlers, der am 12. März der deutsche Wehrmacht befiehlt die Grenzen zu überschreiten und ein im Sterben gelegenes Österreich „heim ins Reich“ zu holen. Den Jubeltag der „österreichischen Befreiung“ den viele österreichische Legionäre jahrelang im deutschen Exil sehnsüchtigst erwartet hatten, müssen die Männer der Legion in ihren Baracken verbringen. Auf Hitlers Befehl darf die Österreichische Legion erst Ende März die neuen deutschen Gaue betreten und muss ernüchternd feststellen, dass die meisten der versprochenen lukrativen Posten, Ämter und arisierten Betriebe schon von deutschen Nazibonzen vereinnahmt und unter ihnen aufgeteilt wurden. Österreich verschwindet unter dem Jubel der Bevölkerung, von denen die meisten erst der Realität und des Schreckens eines Krieges bedurften, um aufzuwachen aus der kollektiven Hypnose eines Führerkults, an den sie so gerne glauben wollten.

Die Registrierung der Grieskirchner Nazis

Als die Amerikaner Anfang Mai 1945 den Gau Oberdonau aus dem Würgegriff einer siebenjährigen Nationalsozialistischen Herrschaft befreien und Oberösterreich zur amerikanischen Besatzungszone erklären, sehen sie sich bald mit der Frage konfrontiert: Wie geht man mit hunderttausenden— nun politisch desorientierten— früheren NSDAP-Mitgliedern um?

Sieger und Besiegte

Während in vorhergegangen Kriegen diese Trennung eine sehr klare war, finden die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine vollkommen neue Situation vor. Zwar ist Hitler endlich tot und sein verkohlter Körper unter den Trümmern seines tausendjährigen Deutschen Reichs begraben, doch lebt in den Köpfen vieler Menschen die Ideologie des Nationalsozialistischen Terrorregimes weiter.

Zwölf Jahre lang hämmert Göbbels totalitäre Propaganda-Maschinerie den Hass auf Juden und Andersdenkende und die Überlegenheit der eigenen, der deutschen Rasse in die Köpfe der Menschen, die sich kritiklos dem Willen ihres Führers unterwerfen. Der Nationalsozialismus überlebt den Untergang im Denken der Bevölkerung. Den alliierten Siegern bleiben nur zwei Möglichkeiten um sicherzustellen, dass sich nach ihrem Abzug kein 4. Deutsches Reich aus dem Schutt der Vergangenheit erheben würde. Entweder all jene ehemaligen Nazis sofort töten oder ihr Denken von allen Einflüssen des Nationalsozialismus zu „säubern“.

Die Entnazifizierung – ein Unwort

Das (Un)wort der „Entnazifizierung“ wird geboren und soll für das erste Mal in der Weltgeschichte, die Bevölkerung eines besiegten Landes, in friedensliebende, demokratieverherrlichende, kritisch denkende und hart arbeitende Bürger verwandeln und so immerwährenden Frieden garantieren. Diesen utopischen Träumereien verfallen vor allem die Amerikaner und beschließen, dass das perfekte Mittel um die Nazi-Doktrin ein für alle mal aus den Köpfen der Bevölkerung zu vertreiben, ein Fragebogen sein muß.

Wieder auf dem österreichischen Boden der tristen Nachkriegsrealität ihrer amerikanischen Besatzungszone gelandet, wird den Amerikanern, die Unmöglichkeit eines Unterfangens wie der Entnazifizierung der ganzen Bevölkerung eines Landes klar. Schnell findet man eine Lösung: Sollen sich doch die besiegten Österreicher selbst „entnazifizieren”, beschloss man in Rettung seines eigenen Rufs. Im Februar 1946 wird der österreichischen Regierung die Entnazifizierungskompetenz für das ganze Land übertragen und über sie gleichzeitig das Damoklesschwert der Wiedererlangung der Eigenstaatlichkeit und Freiheit gehängt. „Ohne Entnazifizierung, kein Staatsvertrag“, lautet die Devise.

Grundlage für den österreichischen Versuch einer Entnazifizierung sind unter anderen das “Verbotsgesetz” vom Mai 1945, welches die NSDAP und ihre Gliederungen verbietet, eine Registrierung der Nationalsozialisten bestimmt, Strafbestimmungen für “Illegale” und “schwer belastete” Nazis festsetzt sowie Volksgerichte zur Aburteilung der NS-Verbrecher errichtet.

Eine Drei-Parteien-Einigung führt im Februar 1947 das Nationalsozialistengesetz ein, mit einer Einteilung der Registrierten in Kriegsverbrecher, Belastete und Minderbelastete womit nunmehr neben der Frage der Parteizugehörigkeit, das Ausmaß und die Art der nationalsozialistischen Aktivität im NS-Regime im Vordergrund stehen.

Mit vollem Elan und Entschlusskraft geht das das junge Österreich die Säuberung des eigenen Landes an: Kriegsverbrecher, sofern sie nicht schnell genug über Rattenlinien ins rettende Südamerika fliehen oder als braune U-Boote in der Anonymität einer komplizit schweigenden Bevölkerungsmasse abtauchen konnten, werden von Volksgerichten zu langjährigen Haftstrafen oder sogar zum Tode verurteilt. Doch sehr schnell wandelt sich der Wille zur Entnazifizierung in eine, von wählerstimmen-gierigen Parteien betriebene Konsenspolitik, so dass die, oftmals mit ehemaligen Nazi-Richtern besetzten Volksgerichte, immer öfters, selbst den schlimmsten Kriegsverbrechern, in skandalösen Freisprüchen, weiße Westen ausstellen.

Die Registrierung der Nazis

Obwohl aufgrund der Verordnung vom 11.6.1945, StBGl. Nr. 13 die ehemaligen NationalsozialistInnen verpflichtet sind sich selbstverantwortlich zu registrieren, weiß man dass der Widerwille, seine eigene braune Vergangenheit freiwillig amtlich zu melden und dadurch öffentlich bekannt zu machen, bei den meisten Ehemaligen so stark ausgeprägt ist, dass man ihn nur brechen kann, indem man die Registrierung zu einer Überlebensfrage macht. Ein kluger Kopf kommt auf die Idee, die Registrierung der NationalsozialistInnen an den Erhalt von Lebensmittelkarten zu koppeln.

Die für die Stadt Grieskirchen zuständige Meldestelle befindet sich im Gemeindeamt. An Hand der ausgewerteten Daten der Meldeblätter wird eine amtliche Registrierungsliste angelegt. Um einer kollektiven Amnesie und allzu kreativen Auslegung beim Ausfüllen des Fragebogens Einhalt zu gebieten, wird die Registrierungsliste öffentlich ausgehängt.  Jedermann ist berechtigt sie einzusehen und Änderungen, sofern unrichtige oder unvollständige Daten bemerkt werden, vornehmen zu lassen.

Nach Überprüfung des Fragebogens teilt ein „Entnazifizierungsbeamter“ die AntragstellerInnen in eine von vier Kategorien ein: Kriegsverbrecher und Belastete, Illegale und Minderbelastete, auch als Mitläufer bezeichnet. Für den ehemaligen Nationalsozialisten hängt viel davon ab, in welche Kategorie er eingestuft wird. Je nach Art und Ausmaß der früheren nationalsozialistischen Betätigung reicht die Palette der Bestrafungen von Freiheitsentzug bis zur Sühnepflicht, welche mit finanziellen Sühneabgaben, dem Verlust der Arbeit, Berufsverbot, sowie der Streichung sämtlicher Privilegien, die sich so manch einer in opportunistischer Weise durch geschicktes Hochschleimen oder Denunzieren anderer im NS-System erworben hatte, verbunden waren.

Der arme Bürgermeister


Wie groß noch ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Not des täglichen Überlebens und die allgemeine Ressourcenlosigkeit, nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch bei der Stadtgemeinde Grieskirchen ist, spiegelt sich in der Art des Briefpapiers wieder, welches Bürgermeister Gföllner verwendet, um darauf wöchentliche Berichte über den Fortschritt der Registrierung an die Bezirkshauptmannschaft zu tippen. Er benutzt die Briefvordrucke, welche schon der Nazi Bürgermeister Dr. Peyrer-Heimstätt verwendet hatte und die mit dem Titel „Der Bürgermeister der Kreisstadt Grieskirchen, Oberdonau“ überschrieben sind. Mit seiner Schreibmaschine entnazifiziert Gföllner das offizielle Briefpapier, indem er das Wort „Kreis“ streicht und „Oberdonau“ mit „Oberösterreich“ ersetzt.

Die Wochenberichte über den Ablauf der Nationalsozialistenregistrierung der Stadt Grieskirchen erlauben uns einen Blick hinter die Kulissen einer wohl gut-gemeinten, jedoch sowohl auf Lokalebene, wie auch in ganz Österreich, völlig gescheiterten Säuberung der Bevölkerung von allen Spuren der Nazi-Ideologie.

Die Wochenberichte

Am 12.2.1946 fasst Bürgermeister Gföllner in einem ersten Bericht an die Bezirkshauptmannschaft seine Eindrücke zusammen: „Im Stadtgebiet Grieskirchen und in der Gemeinde Schlüßlberg wurde einen Tag nach Eintreffen der dortigen Verfügung durch gedruckte Kundmachungen die Durchführung der Registrierung verlautbart. Am Montag, den 11.2. l. J. wurde mit der Registrierung begonnen. […] Eine verhältnismässig große Anzahl der Registrierungspflichtigen gibt an, nicht in der Lage zu sein, nähere Angaben über Beitrittsdaten usw. zu geben. Manche ehemalige Soldaten geben als Daten des Austritts den Tag Ihrer Einrückung an. Von den bis Dienstag mittags eingebrachten 25 Ansuchen hat ein großer Teil Ansuchen um Abstandnahme von der Registrierungspflicht eingebracht. Mit Ausnahme eines Falles wurde bisher von allen anderen die Registrierungsgebühr entrichtet, obwohl der Betrag für manche Registrierungspflichtigen eine große finanzielle Belastung darstellt. Ansonsten verlaufen die Anmeldungen klaglos.“

Eine Woche später folgt schon der nächste Bericht: „Die Registrierung verläuft bisher klaglos […] In den meisten Fällen können sich die Registrierungspflichtigen an die Beitrittsdaten nicht mehr erinnern. Sie geben vielmehr an, daß durch eine von der Bezirkshauptmannschaft getroffene Anordnung sämtliche Personaldokumente über die Zugehörigkeit zur NSDAP vernichtet werden mußten. […] Die Registrierungspflichtigen geben in der Mehrzahl an, daß sie außer ihren Mitgliedsbeiträgen mit der NSDAP nichts zu tun hatten. Es haben auch schon einige Blockleiter ein Ansuchen um Abstandnahme von der Registrierung eingebracht.“

Nur zögerlich macht man und frau sich auf den Weg ins Gemeindeamt Grieskirchen um sich zu seiner/ihrer eigenen braunen Vergangenheit zu bekennen und die damit verbundene Sühnepflicht zu akzeptieren. Am 20. Februar meldet Bürgermeister Gföllner „Da sich bisher bei weitem noch nicht die Hälfte der Registrierungspflichtigen gemeldet haben, ist es sehr wahrscheinlich, daß in der gestellten Frist nicht alle Meldungen erstattet werden.“

Die Meldestelle der Stadtgemeinde Grieskirchen vermeldet am 22. Februar telefonisch ein Zwischenergebnis: „Bisher registriert insgesamt 245, Nachsichtsgesuche 111, Illegale [Anmerkung: NSDAP Mitglieder vor am Anschluss am 13.3.1938]: 124“. Der Bürgermeister antwortet schlagfertig: „Unter diesen 124 befinden sich 44, die im Mai 1938 in die Partei aufgenommen wurden, allerdings nicht am 1. Mai. Ich habe der Meldestelle gesagt, dass diese gedächtnisschwachen Leute ruhig zu den Illegalen gezählt werden können.“

Im nächsten Wochenbericht vom 27. Februar stellt Bürgermeister Gföllner verblüfft fest: „Auffallend ist, daß sich noch kein einziges Mitglied der SS gemeldet hat, sowie auch die Frage des Ansuchens um Aufnahme in die SS bisher von sämtlichen Registrierungspflichtigen verneint wurde.“ Der Verfasser ist von der kollektiven Beteuerung der Unschuld der Grieskirchner weniger erstaunt als der Bürgermeister. Im Bezirk Grieskirchen sind 19 „Blutordensträger und Träger des goldenen Ehrenzeichens“ verzeichnet. Es gab also guten Grund einiges zu verheimlichen.

Verwirrter Opportunismus – Zwei entschuldigte Fälle

Nach Ablauf der Registrierungsfrist und Auswertung der angegebenen Daten meldet am 2.4.1946 Bürgermeister Gföllner der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen zwei Fälle in denen „ehemalige Parteigenossen der Registrierungspflicht nicht nachgekommen [sind].“

Bei der ersten Person handelt es sich um Maria S. welche „in der von den ehemaligen Blockleitern der NSDAP aufgestellten Liste über die in Grieskirchen wohnhaften Parteimitglieder auf[scheint].“ Der zweite, der nicht dem Aufruf zur „freiwilligen“ Registrierung folgte, war Josef W., dessen „Parteimitgliedschaft […] die Registrierungsstelle durch die vom Bahnhofsvorstand in Grieskirchen eingesandte Mitteilung über die Parteizugehörigkeit der Bediensteten der österr. Staatsbahnen in Erfahrung gebracht hat.“

Das Informationsbüro der BH Grieskirchen geht der Sache nach und meldete am 16. April: „Maria S. […] wurde in ihrer Wohnung befragt, warum sie ihrer Registrierungspflicht als Nationalsozialistin nicht nachgekommen sei. Sie gab an, dass sie hierüber in völliger Unkenntnis gewesen sei und sich über die Bedeutung des Wortes „registrieren“ vollkommen im Unklaren war.“ Als Erklärung für die Verwirrung von Frau S. wird im Bericht angefügt: „Bei der Genannten handelt es sich um eine gutmütige, altersschwache Frau, die zweifellos seinerzeit nicht aus Überzeugung, sondern über Aufforderung der damaligen NS-Funktionärin, zahlendes Mitglied der NSDAP wurde. [Da sie] seit 2 Jahren ihr Wohnhaus nicht verliess, kann [sie] als eine harmlose Mitläuferin der NSDAP bezeichnet werden. Diese Schlussforderung wird auch durch eine Vorsprache der Frau von Medizinalrat Dr. Engl bestätigt.

Auf Vorladung erscheint am 16.4. der ständige Arbeiter der österreichischen Bundesbahnen Josef W. auf der Bezirkshauptmannschaft und gibt nach einer verwirrenden Einleitung seiner „Wahrheitserinnerung“, in der er seine einmonatige HJ-Mitgliedschaft zugibt, an, dass „während [ich] im Bahnhofe in Grieskirchen den Dienst eines Fahrdienstleiter-Einschülers [versah], […] habe ich innerhalb dieser Zeit für meine Dienststelle einen Fragebogen ausgefüllt, in welchem ich, um mir später eine berufliche Besserstellung zu erwirken, angegeben habe, dass ich Mitglied der NSDAP sei, obwohl dies eigentlich nie der Fall war.“

Das Informationsbüro der BH scheut keine Mühe der Wahrheit auf den Grund zu gehen und pflegt Rücksprache mit dem Vorstand des hiesigen Bahnhofes, welcher angibt, dass „W. bestimmt kein Mitglied der NSDAP war und seinerzeit im Personalfragebogen nur deshalb angegeben hatte Mitglied der NSDAP zu sein, um sich dadurch, nach seiner Neueinstellung zur damaligen Reichsbahn, einen besseren beruflichen Aufstieg zu sichern.“ Von offizieller Stelle wurde W.’s opportunistische Lüge kein Nazi gewesen zu sein, sondern sich nur nach oben hieven haben wollen, geglaubt und bestätigt „Der Genannte dürfte daher in politischer Hinsicht einwandfrei sein und nicht unter die Bestimmungen über die Registrierung ehemaliger Nationalsozialisten fallen.“ Damit ist für die Behörden die ganze Sache gegessen und abgeschlossen.

Der kuriose Fall der zwei Franz K.

Gegen die Aufnahme in die Registrierungslisten bzw. wegen der Nichtaufnahme von Nationalsozialisten in diese Listen konnten Einspruchs- und Beschwerdekommissionen angerufen werden. Natürlich wurde auch im Bezirk Grieskirchen von diesem Einspruchsrecht ordentlich Gebrauch gemacht.

Ein kurioser Fall ereignet sich in Gaspoltshofen, der in seiner Naivität typisch ist, für das vollkommene Fehlen jeglicher Selbsteinsicht oder Schuldbewusstseins der eigenen braunen Vergangenheit gegenüber und sich mit einer Unverfrorenheit und blankem opportunistischem Zynismus direkt an die österreichische Freiheitsbewegung wendet, deren Mitglieder oftmals unter Einsatz des eigenen Lebens für die Freiheit unseres Land kämpften. Lesen wir die mit Schreibmaschine getippte Anfrage der Gaspoltshofener Nachbarn Franz K. und Franz K., beide „Besitzer in Hairedt“ an die österreichische Freiheitsbewegung in Grieskirchen vom Juli 1945 im Orginalwortlaut:

„Wir die Unterfertigten wurden am 16.11.1944 von der Partei der NSDAP wegen gemäß § 4. Abs. 7 ausgeschlossen. Trotz alldem werden wir noch immer in der Liste, die in der Gemeinde Gaspoltshofen aufliegt, als gewesene Parteigenossen geführt. Als Parteigenossen kamen wir nie in Frage, da wir erst seit 1938 Parteianwärter waren und noch keine Mitgliedsnummer hatten. Jedoch hatte der gewesene Ortsgruppenleiter der NSDAP in Gaspoltshofen Dr. K. uns als Parteigenossen der Gemeinde bekannt gegeben, was unrichtig ist, denn als ausgeschlossener Parteigenosse kann ich nicht als Parteigenosse in Frage kommen. Wir bitten daher um Richtigstellung der Liste und der Gemeinde Gaspoltshofen das mitteilen zu wollen.“

Mit einem „Wir bitten daher uns an dem Aufbau des neuen Österreich teilhaben zu lassen“ schließen die beiden Gaspoltshofener Nachbarn ihren Brief ab. Es unterliegt der Interpretation des Lesers diesen Schlusssatz entweder als sarkastische Verhöhnung der österreichischen Freiheitsbewegung zu sehen oder als sehr plumpen Versuch sich bei den neuen Machthabern im Land einzuschleimen.

Auf Anfrage des Bezirkshauptmannes Dr. Hofer, der als KZ-Überlebender am eigenen Leib die Gräuel des Nationalsozialistischen Terrorregimes erfahren musste, wird der Bürgermeister von Gaspoltshofen um Aufklärung in dieser Angelegenheit gebeten.

Bereits eine Woche später antwortet der Bürgermeister in fast schon poetischer Ausdrucksweise: „Ich glaube, dass es keinem Anstand unterliegt, wenn Franz K. und Franz K. in einer Liste verzeichnet aufscheinen, dass sie früher einmal Parteigenossen waren, hierbei möchte ich hervorheben, eifrige Parteigenossenwaren. Dass die beiden Genannten von der NSDAP ausgestossen wurden, mag zutreffen, weil sie in einer Wilddiebstahlsangelegenheit verwickelt waren und K. auch tatsächlich vom Gericht wegen Wilddiebstahl verurteilt worden ist.“

Auch über den zweiten Nachbarn weiß der Bürgermeister von Gaspoltshofen interessantes zu berichten: „Franz K. war nach dem November 44 noch als Blockleiter in der NSDAP tätig, da er ja in den Listen der Blockleiter, die in den Monaten Dezember 1944 und März 1945 die Viehzählung durchzuführen hatten, aufscheint. Ab 21. März 1945 ist Franz K., der bis dahin beamteter Schuhmachermeister beim Reichsarbeitsdienst in Gallspach war und ich glaube, er hätte das nicht sein können, wenn er früher von der Partei ausgestossen worden wäre, gefänglich eingezogen worden. […] Franz K. war im Jahre 1934 aktiv beim Nazi-Putsch beteiligt und er ist damals ins Altreich geflüchtet. Er war bei der Legion und hat auch, als er zurückkam, deshalb die beamtete Schuhmacherstelle beim RAD erhalten.“

Das Ergebnis der Registrierung

In Österreich waren mehr als eine halbe Million Menschen Mitglieder der NSDAP, was etwa 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung entspricht. Ein Bericht der Bezirkshauptmannschaft an die „Militärregierung für Oberösterreich“ gibt zum „Stand der Registrierung der Nationalsozialisten mit dem Stichtag 31. August 1946“ über den Bezirk Grieskirchen folgende Auskunft:

Gesamtzahl der nach dem Verbotsgesetz Registrierte         6.396
Illegal [d.h. Parteimitglieder vor dem „Anschluss“]                  1.730
Funktionäre ab Blockleiter und Gleichgestellte                             801
Zahl der registrierten SA-Angehörigen                                            636

Aus der Stadt Grieskirchen, deren Einwohnerzahl auf dem Sammelnachweis mit 3.089 Personen angegeben wird, vermeldet Bürgermeister Gföllner am 11. März 1946 das vorläufige Ergebnis der Registrierung der Nationalsozialisten.

Gesamtzahl der Registrierten503 [16.28% der Einwohner von Grieskirchen]

1. Illegale Parteimitglieder: 131
2. Illegale Angehörige der Wehrverbände: 43
3. Parteimitglieder mit Funktionen vom Zellenleiter aufwärts:

a) Zellenleiter: 13
b) Ortsgruppenleiter: 3 (diese sind namentlich aufgeführt)
c) Ortsgruppenschulungsleiter: 1
d) Beauftragter für Vereinsliquidierung: 1
e) NSV-Ortswalter: 1
f) Ortsfrauenschaftsleiterinnen: 3
g) Kreisamtsleiter für Volkstumsfragen: 1
h) Kreishandwerkswalter der DAF und Gemeinderat der Stadt Wien: 1

4. Gliederungsangehörige vom Untersturmführer aufwärts (ausgenommen SS)

a) Sturmführer: 1
b) SA-Arzt: 1

5. Einfache Parteimitglieder und Angehörige der SA, des NSKK und NSFK: 297
6. SS-Angehörige: 3 (Ein Mann der Waffen-SS meldete sich ebenfalls zur Registrierung)
7. Parteianwärter: 52

Zahl der [Ent]Registrierungsansuchen: 355

Als Anmerkung fügt Bürgermeister Gföllner noch an: „Als illegale Parteimitglieder wurden alle diejenigen Parteimitglieder gezählt, die eine Parteizugehörigkeit zwischen dem 1.7.1933 und dem 1.5.1945 selbst zugegeben haben. Die Mitgliedskarte haben durchwegs alle Parteimitglieder verbrannt und die meisten geben auch zu, ihre Mitgliedsnummer nicht zu wissen, so daß auf Grund dieser eventuellen Angabe die Illegalität nicht festgestellt werden konnte.

355 von 503 ehemaligen NSDAP Mitgliedern, also satte 70.5% suchten um eine Ausnahme von der Registrierung als ehemalige Nationalsozialisten an, ein schockierend hoher Wert und Gradmesser, der die Weigerung der Ehemaligen, eine persönliche Mitverantwortung an der Nazi Diktatur zu akzeptieren, sehr gut widerspiegelt. Diese hohe Zahl zeigt an, wie sehr sich bereits 1946 die Österreicher, nicht nur in der Stadt Grieskirchen, sondern im ganzen Land, sich als selbst Opfer und nicht als Mittäter sahen, obwohl viele neben ihrer Parteimitgliedschaft und monatlichen NSDAP Beiträge, das totalitäre Regime der Nazi Diktatur tatkräftig unterstützten.

Die Lüge vom Opfermythos

Noch bevor das offizielle Österreich die Lüge vom „Opfermythos“ als Strategie für eine jahrzehntelange Weigerung die eigene nationalsozialistischen Vergangenheit aufzuarbeiten für sich adoptierte, beschweren sich bereits 1946 viele der, von der Registrierung betroffenen NationalsozialistInnen über die, in ihren Augen ungeheuerliche Ungerechtigkeit, die ihnen widerfährt.

„Nur die Pflicht habe man/frau erfüllt“„gemacht, was einem aufgetragen wurde“„war wäre einem denn auch anders übergeblieben?“ lautet der Tenor der Klagen der Ewiggestrigen. Manch einer geht sogar weit, seine eigene Unschuld, an jenen Opfern des NS-Terrorregimes zu messen, die das Glück hatten den Vernichtungswahn des Holocausts zu überleben.

Helmut Qualtinger fasst diese Niederung menschlichen Verhaltens in einer Schlüsselszene des „Herrn Karl“ präzise und in unnachahmlicher Kürze in einem einzigen Satz zusammen:

“Is eahm eh nix passiert” – „ein Satz, der nicht nur die Überlebenden als Zeugen für die Unschuld der Täter aufruft, sondern ihnen wegen ihres Überlebens auch noch das Recht auf die Erinnerung an das erlittene Unrecht abspricht.“

Nazi Coup in Gaspoltshofen

Gaspoltshofen. Als im Juli 1934 SS-Männer das Kanzleramt in Wien stürmen, Bundeskanzler Dollfuß ermorden und versuchen die Macht in nationalsozialistische Hände zu reißen, erhebt sich auch in dem tief in der Provinz gelegenen Örtchen Gaspoltshofen, ein Haufen jugendlicher Nazi-Rebellen, um die Macht im Dorf zu übernehmen. Ein tragisch-komisches Polizeiprotokoll kläglichen Scheiterns.

„Grünfront“ und Turner auf zum Sägewerk!

Wie durch die Erhebungen sichergestellt werden konnte, kam schon am 26.7.1934 um ca. 20 Uhr ein Motorradfahrer aus Neumarkt a/H. nach Gaspoltshofen und hatte mit dem Haupträdelsführer Rupert St. eine Unterredung. Dieser Motorradfahrer dürfte zweifellos derjenige gewesen sein, der wie St. angab, die Weisungen für den geplanten Umsturz gebracht hat. Von Rupert St. wurde auch daraufhin sofort die Bereitschaft bei seinen Gesinnungsgenossen anbefohlen und angeordnet, daß sich die Gesinnungsgenossen am 26.7.1934 um 11 Uhr beim Sägewerk des Maurer- und Zimmermeisters Johann K. […] einzufinden haben. Die Parteigenossen, Mitglieder der „Grünfront“ (Wehrformation des Landbundes) und des deutschvölkischen Turnvereines verständigten sich auch tatsächlich untereinander. Zwischen 22 und 23 Uhr kamen die Vorgenannten auch tatsächlich bei der […] Säge zusammen.

Den Nazis alle Macht im Staate

Dort selbst ergriff Rupert St. das Wort und erklärte sich als ihr Führer und Kommandant der ganzen Aktion. Er bedeutete ihnen, daß heute um 23 Uhr in ganz Österreich losgeschlagen und die Macht im Staate von den Nationalsozialisten ergriffen wird. Es gebe kein Zurück mehr, jeder müße mittun und wer sich weigert oder sich entferne wird erschossen werden.Zuvor hatte er schon eine Gruppe von ca. 10 Mann mit Gewehren bewaffnet um seinen Befehlen den entsprechenden Nachdruck zu verleihen und jeder die Aussichtslosigkeit einer eventuellen Weigerung zu dieser Aktion schon im Vorhinein einsehen müße. […]

Über das Nichtvorhandensein der gesuchten Waffen entstand eine Empörung

Da sie aber zu wenig Waffen hatten und beim Sägewerk Waffen vergraben gewesen sein sollten, wurde nach diesen Waffen gegraben. Es wurden aber weder Waffen noch Munition gefunden. Über das Nichtvorhandensein der gesuchten Waffen entstand eine Empörung und äußerte sich Max K. und auch noch andere Teilnehmer, daß der gewesene Landbundsekretär Franz L. aus Gaspoltshofen, die 3500 S[chilling], die er seinerzeit von den Landbundmitgliedern zum Ankaufe von Waffen erhielt, für sich verbracht haben müße und keine Waffen angekauft hat. […]

Einmarsch der Rebellen in Gaspoltshofen

Nachdem noch weitere Weisungen ausgegeben worden waren, erfolgte um ca. 24 Uhr der Abmarsch der angesammelten Aufrührer in den Ort Gaspoltshofen. Eine Gruppe unter Kommando des gewesenen Obmannes der Ortsgruppe des N.S.D.A.P. Gaspoltshofen, namens Anton F. […] besetzte das Postamt und forderte den dienstverrichtenden Amtsverwalter Josef H. auf, den Fernsprechdienst nur nach ihren Weisungen zu verrichten.

Sturm läuten. Umsturz ist!

Eine zweite bewaffnete Gruppe unter dem Kommando des Rupert St. begab sich zu dem Gendarmerieposten. Sie läuteten an der Glocke stürmisch an und verlangten, von dem im Krankenstande befindlichen Postenkommandanten Bez. Insp. Franz S., die Haustüre zu öffnen und zu kommen, weil ein Toter draußen liege. Als sich Bez. Insp. S. aus dem Fenster neigte und ca. 15 bis 18 bewaffnete Männer bei der Kaserne stehen sah, antwortete er, daß er unter keinen Umständen die Haustüre öffne und ging wieder in seine Wohnung um sich anzukleiden. Unterdessen liefen aber einige Männer zum Schlosser D. Als S. die Hose angezogen hatte, hörte er, daß die ganze Menge schon im Hause sei und in den 1. Stock komme. Sie schlugen mit Gewalt an die Wohnungstüre und verlangten Einlass.

Bez. Insp. S. öffnete aber nicht. Als aber zugleich im Vorhause ein scharfer Schuß fiel, öffnete S. seine Wohnungstüre und fragte, was den eigentlich sei. Rupert St. antwortete, daß die Regierungsgewalt in ihren Händen sei und sie den Auftrag haben, die Sicherheitsorgane zu entwaffnen; S. soll sofort die Postenkanzlei aufsperren. S. verweigerte dies mit der Begründung, daß die beiden Gendarmen im Außendienste stehen und den Kanzleischlüssel bei sich hätten, er deshalb nicht öffnen könne. Auf das hin öffnete L. mit einem Nachschlüssel die Kanzlei. Rupert St. nahm aus dem Waffenkasten 3 Gendarmeriestutzen samt Bajonette, 160 Stück scharfe Patronen dazu, 48 Stück Pistolenpatronen, 1 beschlagnahmtes Jagdgewehr und einen Revolver sowie 5 Patronentaschen. Sodann, nachdem die Waffen verteilt waren, riß St. die Telefonleitung herunter, so daß die Verbindung unterbrochen war. St. erklärte auch noch dem Bezirksinspektor S., daß die Nationalsozialisten die Regierung übernommen haben und in ganz Österreich Umsturz sei. […]

Der Gattin des Gendarmen befiehlt man nichts

Zu gleicher Zeit ging eine Gruppe zur Wohnung des Ray. Insp. Sch. und verlangten von der Gattin des Gendarmen, das Haus zu öffnen, weil sie ihren Mann suchen. Als Frau Sch. aber nicht öffnete und ihnen erklärte, daß ihr Gatte nicht zu Hause sei, verlangten sie die Ablieferung der Waffen, die ihr Gatte zu Hause habe. Als ihnen Maria Sch. sagte, daß ihr Gatte auch keine Waffen zu Hause habe, verließen sie schließlich wieder das Haus Sch. […]

„Hände hoch!“ – Haus schießt Baum

Sodann ging eine Gruppe zum Vizebürgermeister Karl S. […] und verlangten, daß er herunterkommen soll. Dem S. kam es aber, da er bewaffnete Männer stehen sah, bedenklich vor und alarmierte seine Hausbewohner. Der Bruder der Vizebürgermeister, namens Alois S. ging schließlich hinunter und öffnete die Haustüre. Vor der Haustüre standen 2 Männer, die mit vorgehaltenen Gewehren „Hände hoch“ riefen. Alois S. schlug aber die Haustüre zu und lief ins Haus. Die Täter drangen aber nicht nach, sondern hielten das Haus besetzt. Als sie jedoch einsehen mußten, daß weder die verlangten Waffen abgeliefert werden, noch der Hausbesitzer selbst kommt, verließen sie schließlich das Haus. Den Schuß, den Karl S. gegen einen Baum, woselbst er einen der Aufständischen vermutete abgab, wurde wieder mit einem Schuß gegen das Haus S. beantwortet.

Dem Ersuchen auf Hausarrest wird entsprochen

Ebenfalls zur gleichen Zeit ging wieder eine Gruppe der Aufrührer zum Gemeindeamte und forderten von dem dort wohnenden Gemeindewachmanne Josef D., daß er sich freiwillig ergeben, seine Waffen abliefern und den Gemeindearrest aufsperren soll, weil die Nationalsozialisten die Regierung übernommen hätten und in ganz Österreich der Umsturz sei. Doppler, der die Übermacht sah und erkennen mußte, daß ein Widerstand zwecklos wäre, öffnete auch dann die Haustüre und die Arreste. Die Aufrührer wollten auch den D. sofort in den Gemeindearrest einsperren. Erst über dessen Ersuchen, daß sie ihn ja auch in seine Wohnung einsperren können, nahmen sie davon Abstand. Sie gingen dann in die Privatwohnung des D., nahmen ihm seine Dienstpistole ab und versperrten die Wohnungstüre. Den Schlüssel nahmen sie mit. Zwischen 2 Uhr und halb 3 Uhr früh wurde auf einmal die Wohnungstüre bei D. wieder aufgesperrt und die Türe offen gelassen. Somit war D. wieder frei.

Dann doch lieber heim zu Mama

Eine Gruppe, unter Kommando St., […] verlangten vom Bäckermeister Johann A. die Herausgabe seiner Waffen. St. hielt dem A. zur Bekräftigung seiner Forderung, seine Pistole vor, die übrigen waren ebenfalls bewaffnet. Da A. eine größere Gewaltanwendung fürchtete, folgte er sein Jagdgewehr mit 2 Schrottpatronen aus. Nach ca. ¼ Stunde hörte A. von seinem Neffen Anton M. seinen Namen rufen. Er öffnete die Haustüre und M. übergab ihm sein Gewehr samt Patronen. A. frug seinen Neffen, ob er sich „gedrückt“ hat, was dieser bejahte […]. M. ging nach Hause.

… der zum Zeichen seiner Kommandowürde den gestohlenen Säbel trug

Vermutlich wieder zur gleichen Zeit ging wieder eine Gruppe zum Gastwirte Erasmus S. in Gaspoltshofen […] und forderten von ihm, daß er aufmachen und seine Waffen abliefern müsse, weil die Regierung gestürzt und die ganze Macht in den Händen der Nationalsozialisten sei. Auf die Antwort, daß S. nicht aufmachen und auch seine Waffen nicht abgeben werde, sagte einer der Täter […], daß sie dann einbrechen müssen. Sie versuchten aber nicht einzubrechen, sondern entfernten sich wieder.

Zwei Knechte unter einer Tuchent

Beim Gastwirte Anton B., in Gaspoltshofen […], öffneten die Rebellen gewaltsam das Hoftor und kamen in die Schlafkammer der Knechte Rudolf D. und Josef G. Die 2 Knechte wurden von Rudolf D. und Franz K. aufgefordert, sofort mitzukommen. Da aber die Knechte nicht wollten, riß ihnen K. die Tuchente herunter. Da die Eindringlinge bewaffnet waren und daher die Knechte Furcht vor dem Erschießen hatten, gingen sie schließlich mit auf die Strasse. Unterdessen kamen aber die Gendarmen nach Hause, die den Rebellen wichtiger schienen, als die 2 Knechte. Deshalb ließen sie die Knechte allein und liefen gegen die Kaserne. Die beiden Knechte benützten nun diese Gelegenheit um wieder in ihre Schlafkammer zu gehen. Diesen Moment aber kam Paul L. und setzte ihnen den Revolver an, falls sie nach Hause gehen sollten. Die beiden Knechte sagten daß ihnen vom K. mitgeteilte Losungswort „77“, weshalb sie auch vom Paul L. sofort wieder freigelassen wurden. Die Knechte gingen dann in ihre Kammer und kamen nicht mehr heraus. Das Losungswort „77“ bedeutete nämlich die Zugehörigkeit zu den Hochverrätern.

Die Gendarmen waren per Fahrrad

Um ca. 0 Uhr 40 kamen die im Außendienste gestandenen Gendarmen, Rev. Insp. Ludwig M. und Ray. Insp. Josef Sch. nach Gaspoltshofen. Die Gendarmen waren per Fahrrad.

Als sie bei der Kaserne angelangt waren, wurde ihnen „Halt! Hände hoch! Waffen ablegen!“ zugerufen. Zugleich kamen aber von allen Seiten ca. 10 bewaffnete Männer, deren Zahl sich aber bald auf rund 20 erhöhte. Die Rebellen […] verlangten immer wieder die Ablieferung der Dienstpistolen; Gewalt getrauten sie sich aber nicht anzuwenden. Ray. Insp. Sch. verlangte den Kommandanten der Aufrührer, damit mit ihm gesprochen werden kann. Unterdessen kam auch St., mit dem in Verhandlungen eingegangen wurde. Er sagte immer wieder, daß in ganz Österreich die Aktion um 23 Uhr begonnen habe und die Regierungsgewalt bereits in den Händen der Nationalsozialisten sei. Er habe Befehl, die Sicherheitsorgane zu entwaffnen und will auch diesen Befehl durchführen.

Das mannhafte Auftreten der Gendarmen dürfte ihnen den Mut genommen haben

Schließlich einigte man sich, daß auf dem Posten die Verhandlungen weitergeführt werden. St. gab seinen Leuten noch einige Befehle, worauf sich dann die Leute in der Richtung gegen Jeding entfernten, er selbst ging aber mit den beiden Gendarmen auf den Gendarmerieposten. Die Verhandlungen mit St. kamen schließlich zu dem Resultat, daß die Gendarmen auf dem Posten bleiben müssen; St. wird zu seinen Leuten gehen und dann wieder zurückkommen. Er kam aber nicht mehr.

Die Kaserne blieb aber außen von den Aufrührern besetzt, so daß die Gendarmen die Kaserne nicht verlassen konnten. Da auch das Telefon beschädigt war, war auch eine Verständigung mit Nachbarposten etc. unmöglich. Während der ganzen Zeit blieb auch das Postamt besetzt, so daß auch von der Post aus nicht telefoniert werden konnte. Als dann um 2 Uhr 30 bemerkt wurde, daß die Post frei sei, versuchte Ray. Insp. Sch. durch das Postamt Verbindung zu bekommen, was ihm auch gelang. Er sprach mit dem Posten Lambach. Auch waren die Rebellen bereits verschwunden.

“Der Hund schießt immer herunter!”

Während der Verhandlungen zwischen den Gendarmen und St. in der hiesigen Postenkanzlei ging ein Teil der Aufrührer […]zum Produktenhändler Ferdinand F. . L. läutete an der Glocke und verlangte, daß sofort geöffnet werden müsse. Da sich aber bei F. niemand meldete, wurde immer ungestümer Lärm gemacht und endlich gegen das Haus F. geschossen. Auf das hin sprang F. aus dem Bette und feuerte 3 Schüsse zum Finster hinaus gegen die Belagerer. Diese erwiderten das Feuer mit mehreren Schüssen, so daß das Haus F. im ganzen 19 Geschoßeinschläge aufweist. Auch durch das Fenster wurde in das Schlafzimmer geschossen; verletzt jedoch niemand. Als F. sah, daß er der Übermacht weichen müsse, gab er schließlich sein Jagdgewehr heraus. […]

„…und dadurch wieder Ruhe eintrat“

Die Hochverräter dürften von jemanden Nachricht erhalten haben, daß in den umliegenden Orten Ruhe ist und die Aktion nicht gelungen sei, weshalb sie sich dann schließlich zerstreuten und dadurch wieder Ruhe eintrat.

Vae victis – Von der Asche der Welt

„Durch Gerechtigkeit muß das Land bestehen,
durch Unrecht wird es ganz vergehen.“[spacer height=”10px” id=”2″]

Der Morgen ist kühl mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und selbst tagsüber werden sie nicht über 8 Grad klettern, ein trostlos grauer Oktobertag in München. Durchgehend mäßiger Sprühregen fällt auf den Ostfriedhof, als um 9 Uhr früh, zwei Armeelastwägen, begleitet von einer Militäreskorte aus sechs Jeeps und mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten, nach 200 km langer Fahrt, auf Umwegen von Nürnberg kommend, vor jenem Krematorium vorfahren, in dem die Nazi-Diktatur die Leichen tausender ihrer Gegner und Opfer verbrannt hatte. Es ist Mittwoch, der 16. Oktober 1946. US-Soldaten entladen elf Holzkisten, welche, so wurde ihnen gesagt, die Leichen verstorbener amerikanischer Soldaten enthalten, welche unter der Aufsicht von Offizieren eingeäschert werden sollen. Auf jedem Sarg klebt ein Zettel, auf einem steht „George Munger“, auf einem anderen “Abraham Goldberg“. Doch liegen in den Särgen weder die sterblichen Überreste des Trainers des Football-Teams der Universität von Pennsylvania oder der Jude „Goldberg“, noch enthalten sie die Leichen der anderen Mitglieder der Fußballmannschaft. Sie sind auch keine verunglückten amerikanischen Flieger, als welche sie der Chef-Bestatter der US-Army, Major Rex S. Morgan, in die Krematoriumsakten einträgt. [spacer height=”10px” id=”2″]

30 oder 40 Soldaten schleppen die elf Sperrholzkisten in den Keller des aus grauen Steinblöcken errichteten Krematoriums, wo sich die Verbrennungsöfen befinden. Die hölzernen Särge werden geöffnet und die, in Bettlacken gehüllten Leichen, von Amerikanischen, Britischen, Französischen und Sowjetischen Offizieren inspiziert. Erst jetzt erfahren die Anwesenden die wahre Identität der Toten. Es sind die Leichen der in der Nacht zuvor am Galgen hingerichteten Nazi Hauptkriegsverbrecher. George Munger ist Hermann Göring, der sich kurz vor seiner Hinrichtung mit Zyankali das Leben nimmt. Der Judenhasser und Herausgeber der propagandistischen Hetzschrift „Der Stürmer“, Julius Streicher, wird als „Abraham Goldberg“ ohne jegliches Zeremoniell in den Ofen geschoben. Ein letzter Triumph über einen rassistischen Menschenhasser. Nacheinander werden in den Öfen zu Staub verbrannt: Außenminister Joachim von Ribbentrop, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel, der Chef der Sicherheitspolizei und des RSHA, Ernst Kaltenbrunner, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg, der Generalgouverneur von Polen Hans Frank, Innenminister Wilhelm Frick, Gauleiter von Thüringen Fritz Sauckel, Generaloberst Alfred Jodl und der Reichskommissar für die Niederlande Arthur Seyss-Inquart. [spacer height=”10px” id=”2″]

Da die Särge aus dickem Sperrholz gezimmert sind, dauert es über eine Stunde, bis die 1000 Grad heiße Gasflamme, den Körper in Asche verwandelt und so wird es 11 Uhr nachts werden, bis die schlimmsten Kriegsverbrecher des Großdeutschen Alptraums zu Staub der Geschichte zerfallen. [spacer height=”10px” id=”2″]

In der öffentlichen amtlichen Mitteilung wird verlautbart: „Die Leiche Hermann Wilhelm Görings ist zusammen mit den Leichen der Kriegsverbrecher, die gemäß dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes am 16. Oktober in Nürnberg hingerichtet worden sind, verbrannt und die Asche im geheimen in alle Winde verstreut worden.“ Doch die Wirklichkeit ist anders, als diese offizielle Verlautbarung die Bevölkerung glauben läßt. Eine Lüge, absichtlich verbreitet, um jeglichen Nazi Totenkult zu verhindern.[spacer height=”10px” id=”2″]

Im Münchner Stadtteil Solln, an der Heilmannstraße 25, befindet sich eine imposante Villa, welche im Jahr 1901 im englischen Landhausstil von Gustav Schellenberger erbaut und später von dem berühmten Architekten Jakob Heilmann erweitert wurde. Der ehemalige Besitzer der Villa, verheiratet mit Heilmanns Tochter, ist der Geheime Kommerzienrat und Konsul Roman Oberhummer, der von seinem Vater das angesehene Kaufhaus „Roman Mayr“ in München übernommen hatte. Gemeinsam mit anderen wohlhabenden Kaufleuten, dem SS-Führer der Gestapo und der Polizeidirektion München nimmt Kommerzienrat Oberhummer Ende April 1935 an der Gründungsversammlung der Münchner Zentrale für das antisemitische Hetzblatt “Der Stürmer” des fränkischen Gauleiters Julius Streicher teil, die neben Auslieferung und Abonnentenwerbung auch den Verkauf des antisemitischen Hetzblattes auf der Straße übernimmt um der “stetigen Erhöhungen der Umsätze der jüdischen Geschäfte” entgegenzuwirken. Roman Oberhuber beteiligt sich mit 200 Reichsmark und es stört ihn nicht im geringten, dass unter Duldung durch die Münchener NSDAP-Gauleitung und SS- und Polizeiführung, nächtlich Schaufenster jüdischer Geschäfte und Kaufhäuser eingeschlagen werden, da auch sein Kaufhaus „Roman Mayr“ in den folgenden Jahren von der “Arisierung” der jüdischen Betriebe profitierten wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Wenn man von der „Villa Oberhummer“ zwei Kilometer die Heilmannstraße entlang Richtung Pullach spaziert, erreicht man ein Gelände, welches eine sehr interessante Geschichte aufweist, die Anfang der 30er Jahre beginnt, als ambitionierte Nationalsozialisten aus ganz Deutschland in die „Hauptstadt der Bewegung“ ziehen, um unter Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess zu arbeiten. Martin Bormann, der selbst in einem repräsentativen Haus, der Stabsleitervilla wohnt, läßt von 1936 bis 38 die NS-Mustersiedlung, „Reichsiedlung Rudolf Hess“, auch „Sonnenwinkel“ genannt, errichten mit Häusern, umgeben von weitläufigen Gärten zur Selbstversorgung für die Nazi-Privilegierten und ihren kinderreichen Familien. Als der Krieg beginnt läßt er dem Führer auf dem Gelände das Führerhauptquartier „Siegfried“ errichten unter dem der „Hagen“ Bunker mit seinen 3.5 Meter dicken Stahlbetonmauern angelegt wird. Das ganze verschlingt 13 Millionen Reichsmark, das Zehnfache des neuen Führerbunkers im Garten der Reichskanzlei in Berlin. Hitler benutzt den Bunker kein einziges Mal.[spacer height=”10px” id=”2″]

In Pullach ist Adolf Hitler jedoch immer wieder gerne zu Gast, kommt einmal im Jahr für ein paar Tage vorbei und schätzt die Ruhe der Anlage, wo er unter anderem das Münchner Abkommen vorbereitet. Den ersten Besuch Hitlers in Pullach am 14. September 1938 vermerkt Martin Bormann in seinem Taschenkalender: „Besuch des Führers im Sonnenwinkel (lange Besprechungen mit Ribbentropp im Hause Bormann). Hernach Fahrt zum Obersalzberg.“ Für die bequeme Anreise des Führers wird eigens eine Bahntrasse angelegt, welche von der Strecke München-Wolfratshausen abzweigt und direkt auf das Gelände führt womit Pullach zur perfekten Station zwischen Hitlers Privatwohnung am Münchner Prinzregentenplatz und dem Berghof oberhalb von Berchtesgaden wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Die Bewohner des idyllischen „Sonnenwinkels“ sind glühende Nationalsozialisten und vor allem die Söhne und Töchter der Pullacher NS-Elite erleben ihr Zuhause als Kinderparadies mit großen Wiesen und Spielplätzen. 1943 verlegt Generalfeldmarschall Erwin Rommel seine Befehlszentrale in das Führerhauptquartier und bereitet dort nach Mussolinis Sturz die Besetzung Italiens vor. Während München in Schutt und Asche gebombt wird und die Luft erfüllt ist vom Gestank verwesender Leichen unter eingestürzten Häusern, zieht der Krieg an den, mit einem dunklen Tarnanstrich versehenen Häusern, vorbei. Die Reichssiedlung wird niemals wird sie direkt getroffen und die Menschen spazierten in Pullach herum, als ob der Krieg sie nichts angehe. [spacer height=”10px” id=”2″]

Vor den heranrückenden Alliierten Truppen wird im April 1945 die Siedlung plötzlich geräumt, so dass die Amerikaner, als sie am 30. April die Heilmannstraße erreichen, anstatt der erwarteten SS-Kaserne, eine leere Wohnsiedlung mit riesigem Bunker vorfinden. Nach Kriegsende richtet sich auf dem Gelände eine Zensureinheit der US-Armee ein, die Post und Telefone in Deutschland überwacht und hofft Kriegsverbrecher aufzuspüren. Unter den Mitarbeitern sind neben deutschsprachigen Emigranten auch Holocaust-Überlebende, die nun zum Teil in den früheren Häusern von NS-Verbrechern wohnen. Am 6. Dezember 1947 zieht in der Heilmannstraße 30 und den übrigen Häusern der ehemaligen Siedlung „Rudolf Hess“ die Organisation Gehlen ein, ein von US-Behörden aus deutschem Nazi und SS-Personal gebildeter Nachrichtendienst, der später in Bundesnachrichtendienst (BND) umbenannt wird. [spacer height=”10px” id=”2″]

Am 9. September 1944 verstirbt Roman Mattias Oberhummer 73 jährig und erlebt deshalb nicht mehr wie am 17. Oktober 1946 amerikanische Soldaten, elf runde Aluminium Zylinder, 40 cm hoch und 15 cm im Durchmesser, in seine weiße Stuckvilla in München-Solln tragen, welche zuvor von den Besatzern für diskrete Zwecke requiriert worden war.[spacer height=”10px” id=”2″]

In den schmucklosen Urnen, die Asche der schlimmsten Nazi-Verbrecher, welche die Verantwortung für den Tod von Million unschuldiger Menschen trugen und ganze Länder in Schutt und Asche gelegt hatten. Drei oder vier Soldaten, ein hochrangiger US-Army-Offizier, der Chef-Bestatter der US-Armee, Major Rex S. Morgan, sowie ein ziviler Leichenbestatter steigen, die Aluminiumdosen in der Hand, eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Durch diesen fließt der Wenzbach, ein kleiner, nichts-sagender Bach im Süden von München. Er entspringt in der Adolf-Wenz-Straße nahe der Großhesseloher Brücke und fließt auf nur etwa 1 km Länge entlang der Conwentzstraße und dem Isarwerkkanal, in den er beim „Isar-Flößerdenkmal“ mündet. [spacer height=”10px” id=”2″]

75 Meter unterhalb der Villa stellen die Soldaten neben dem, kaum drei Meter breiten Bach, die elf Zylinder in das Gras und beginnen mit Äxten auf die Urnen einzuschlagen bis sie aufplatzen. Achtlos schütten sie den Inhalt, die sterblichen Überreste, der, am Vortag in der Turnhalle des Nürnberger Gefängnisses gehenkten deutschen Hauptkriegsverbrecher, in den Bach, der die Leichenasche davonträgt. Die leeren Behälter zerschlagen die Militärs mit Äxten und treten das zerfetzte Blech mit ihren Stiefeln platt. Nichts darf mehr von den Nazi-Verbrechern und deutschen Regierungsmitgliedern übrig bleiben, nichts soll mehr an den Abschaum der Menschheit erinnern.[spacer height=”10px” id=”2″]

Noch in seiner Nürnberger Gefängniszelle hatte der eitle Reichsmarschall Hermann Göring schwadroniert, dass seine Gebeine eines gerechten Tages in einem “Marmorsarg” landen würden, das Volk werde ihm “Statuen” setzen, “große in den Parks und kleine in jedem Wohnzimmer”. Er irrte ein letztes Mal. Die Sieger stellten sicher, dass niemand die Spur der sterblichen Überreste der Nazi-Führer aufnehmen konnte. Keine Reliquie, kein Andenken, keine Würdigung. Nichts. Die Asche der elf Nazi-Verbrecher sollte sich verdünnen mit allem Wasser dieser Welt, einer Welt, die durch deren Schuld und Barbarei, zu viel Leid ertragen musste.

Weihnachten wird abgeschafft!

Die Bühnendekoration ist auf ein Minimum beschränkt. Eine einfache Holzbaracke, im Hintergrund ein kleiner Ofen mit Kochplatte und ein Holzstuhl. Ein kleiner Tannenbaum mit nur wenigen Ästen. Es ist der 24. Dezember 1947 im Lager „Marcus W. Orr“ in Glasenbach.

Hauptakteure sind eine Gruppe weiblicher Häftlinge, der Lagerkommandant und zwei SS-Männer. Die Dialoge und Bewegungen der Schauspieler sind slapstick-artig überzeichnet, wie bei einem Kasperltheater. Die Präsenz des Theaterpublikums und seine Reaktion zu dem Stück wird in das Stück einbezogen, die Akteure kommunizieren mit dem Publikum.

Hauptakteure

MARGARETE FREINBERGER – ehemalige Oberaufseherin des Lagers in Lenzing-Pettighofen

MARIA SCHICHO – ehemalige Gaufrauenschaftsleiterin des Gau Oberdonau

LAGERFÜHRER – ehemaliger SS-Sturmbannführer Felix Rinner, nach dem Josefi-Aufstand zum Lagerleiter ernannt

SS-MÄNNER – sehen sich wie Zwillinge sehr ähnlich

WIENER HÄFTLING – ein weiblicher Häftling mit breitem Wiener Dialekt

BARACKENFÜHRERIN – ein weiblicher Häftling mit oberösterreichischem Dialekt

LESBISCHER HÄFTLING – ein weiblicher Häftling mit Berliner Dialekt

HÄFTLING MIT PAKETEN – ein weiblicher Häftling

EINE GRUPPE WEIBLICHER HÄFTLINGE

Verhaltenes Sprachgemurmel aus dem Zuschauerraum, vereinzeltes Husten. Die Theaterglocke schrillt, der Vorhang öffnet sich, die Geräusche im Publikum verstummen.

Einige weibliche Häftlinge sind um den Herd herum gruppiert und wärmen sich auf. Maria Schicho sitzt auf einem Stuhl und bekommt von Freinberger eine Tasse Tee serviert.

Zwei Häftlingsfrauen bemühen sich, ein grob gefertigtes, hölzernes Hakenkreuz, auf der Spitze des kleinen Tannenbaums zu fixieren.

WIENER HÄFTLING verärgert: „So a Dreck! Das Hitler-Kreuz hoidt ned!“

LESBISCHER HÄFTLING „Nöl mal nicht rum, Meesta. Halt es jut und ick zurr es fest.“

WIENER HÄFTLING verliert die Geduld: „Schaaaß!“

Die Tür der Holzbaracke geht auf, man hört den Schneesturm, der draußen tobt. Ein weiblicher Häftling betritt den Raum und trägt zwei große Pakete im Arm. Mühsam schließt sie wieder die Tür.

BARACKENFÜHRERIN „No endlich kummst! Wolltns heuer nix über den Zaun werfen, unsere“ zynisch: „Wohltäter?“

HÄFTLING MIT PAKETEN erschöpft und ausser Atem: „Zwei Packerl sinds.“

MARIA SCHICHO rührt ihren Tee um, dann in betontem Hochdeutsch: „Die Freizügigkeit des Deutschen Volkes hält sich in Grenzen.“

BARACKENFÜHRERIN „Ich hoff es is wos zum Essn drinnan. I würd mi so auf a Weihnachtsgansl freuen!“

FREINBERGER belehrend, streng: „Julfeiergans, heißt das!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

WIENER HÄFTLING gibt den Versuch auf, das Hakenkreuz auf der Tannenspitze zu montieren und schleudert es wütend zu Boden: „Hearst, des kann mi amoi am Arschl leckn, des saudeppate Haknkreuz.“

Lachen aus dem Publikum

BARACKENFÜHRERIN „Geh, mach die Packerl endlich auf!“

HÄFTLING MIT PAKETEN stellt die Pakete vor dem Ofen auf den Boden: „An Moment“

LESBISCHER HÄFTLING setzt sich neben die Pakete auf den Boden und fängt an, sie langsam zu öffnen. „Ick kann ja mal kieken“

FREINBERGER einen strengen Tonfall versuchend: „Aufmachen!“

WIENER HÄFTLING „Mah, tua weita und moch die gschissanen Packerln auf“

LESBISCHER HÄFTLING zieht angeekelt ein Paar alter Männerstiefel aus einem Paket.

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO sarkastisch: „Ein würdiges Geschenk für unseren Herrn Lagerführer.“

HÄFTLING MIT PAKETEN bissig: „Na, der wird sich freun!“

WIENER HÄFTLING „Der Oarsch soi lieba schaun, dass er uns ausm Häfn aussekriagt.“

FREINBERGER energisch: „Ich verbitte mir diesen Tonfall!“

LESBISCHER HÄFTLING hat inzwischen das andere Paket aufgemacht und zieht eine lange Hakenkreuzfahne hervor, die sie über eine Schulter wirft und zurecht richtet, also ob es sich um ein Ballkleid handeln würde und kokettiert vor den Häftlingsfrauen auf und ab.

Lachen und vereinzelte Pfiffe aus dem Publikum

BARACKENFÜHRERIN mit abfälliger Handbewegung: „I wü wenigstens zWeihnachten mei Gansl hobn!“

FREINBERGER energisch: „Julfest!

WIENER HÄFTLING „Wos hast do Julfest? Am Vierazwanzigstn homma nu imma Weihnachten gfeiert.“

FREINBERGER belehrend: „Das Weihnachtsfest wurde mit Erlass des Führers abgeschafft. Dafür wurde die Tradition des germanischen Julfest wiedereingeführt.“

BARACKENFÜHRERIN „Mir is es wurscht, ob des bei ana Julfeier oder zWeihnachten is, Hauptsach is, dass mir des Christkindl ma mei Gansl bringt.“

Einige Häftlinge lachen

FREINBERGER außer Fassung: „Julfeier“

WIENER HÄFTLING zu Freinberger: „Wos jetzt, Julfestl oder Julfeia?“

FREINBERGER beherrscht: „Julf…“

BARACKENFÜHRERIN zu Freinberger, wütend: „Halts Maul, du mit deinem Jul-Scheiß!“

Lautes Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO versucht zu beruhigen: „Meine Damen, ich darf bitten. Wo bleiben die Manieren?“

WIENER HÄFTLING „Deine deppaten Manieren bringen mir ah ned die Freiheit.“

BARACKENFÜHRERIN „Und mir a ka Gansl ned.“

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO seufzend: „Der Herr Lagerführer wird uns bald mit seinem Besuch ehren und wir haben nichts, um ihn zu verköstigen.“

LESBISCHER HÄFTLING hat mittlerweile die Fahnenanprobe beendet und hält sie in der Hand ernsthaft: „Ick kann ja die Fahne in Strippen schneiden und sie frikassieren!“

WIENER HÄFTLING hebt das hölzerne Hakenkreuz vom Boden auf, zerbricht es in kleine Teile „oda im Fett aussebochn wia a Schnitzerl mit ana Panier aus Hoizspona.“

Gelächter unter den Häftlingsfrauen und aus dem Publikum

Lautes Klopfen an der Tür. Der lesbische Häftling schlendert langsam und lässig hinüber und öffnet sie. Das Toben des Schneesturms ist wieder zu hören. Zwei SS-Männer, ihre Häftlingsuniformen in lächerlicher Weise eine Uniform imitierend, mit großen aufgenähtem Hakenkreuz, treten ein, klopfen sich den Schnee ab, schlagen die Hacken zusammen und strecken den rechten Arm zum Führergruß nach vorne. Die Häftlinge blicken sie an und warten auf das Eintreten des Lagerführers, der sich verspätet. Die beiden SS-Männer flankieren beidseitig die Tür, ihre Hand noch immer zum Führergruß erhoben.

WIENER HÄFTLING „Jetzt kummt der Hansl und wir hobn nu immer nix kocht für earm.“

BARACKENFÜHRERIN zu einigen Frauen gewandt, die neben dem Ofen stehen: „Schnell, setz ma a Wassersuppn auf für den Führa“

Der Lagerführer betritt die Holzbaracke.

MARIA SCHICHO „Herr im Himmel, steh uns bei!“

FREINBERGER ist entsetzt. Sie will etwas zu Maria Schicho sagen, besinnt sich aber und fällt in einen Befehlston: „Achtung! Strammgestanden! Zum Deutschen Gruß!“ sie streckt ihre Hand zum Hitlergruß nach vorne: „Heil Hitler!“

BARACKENFÜHRERIN noch immer zum Ofen gewandt, deutet den Frauen am Herd mit ihrer rechten Hand und drei ausgestreckten Fingern: „Drei Liter!“

Lautes Lachen aus dem Publikum, vereinzeltes Johlen.

Der Lagerführer, verstört über das Lachen aus dem Publikum, wendet sich diesem zu und gestikuliert, was dieser Applaus soll. Danach blickt er die Häftlingsfrauen an, die er mit einem schlampigen Führergruß (mit nach vorne gerecktem Oberarm, einem zur Schulter zurückgeneigten Unterarm und nach hinten abgewinkelter Handfläche) begrüßt. Die anderen Frauen stehen lässig herum. Der lesbische Häftling steckt sich eine Zigarette an und bläst den Rauch dem Lagerführer ins Gesicht, der hustend mit seiner rechten Grußhand den Rauch aus dem Gesicht vertreibt.

LAGERFÜHRER den Tonfall Hitlers imitierend: „Unserem Deutschen Volk, Sieg Heil!“

Es herrscht beklemmende Stille.

BARACKENFÜHRERIN bricht das Schweigen: „Was soll ma scho drauf sagn?“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER hebt ihren Arm für einen weiteren Führergruß: „Sieg Heil, mein Führer!“

Auch Maria Schicho hebt den Arm zum Führergruß, bleibt aber dabei sitzen. Die anderen Häftlinge zeigen keine Reaktion.

WIENER HÄFTLING „Sieg, wöcha Sieg? Verlorn homma, sonst wär ma jo a ned eingsperrt, du Einedrahra!“

Lachen aus dem Publikum

Freinberger und Schicho senken ihren Grußarm. Die beiden SS-Männer schauen sich an. Sie wissen nicht, ob sie den rechten Arm runter geben oder den Gruß halten sollen. Hilfesuchend blicken sie den Lagerführer an. Der Lagerführer nickt ihnen zu.

Während ein SS-Mann seinen ausgestreckten Arm, steif wie ein Roboter senkt, hält der andere den Führergruß.

Der Lagerführer nickt noch einmal.

Nun hebt der SS-Mann, der den Arm nach unten gegeben hat, diesen wieder mechanisch an oben, während der andere, ihn steif senkt. Dies wiederholt sich ein paar Mal.

LAGERFÜHRER zischt sie wütend an: „Schluss damit!“ und hebt seine Hand zu einem schlampigen Führergruß: „Genug gegrüßt!“

Lachen aus dem Publikum

Beide SS-Männer salutieren und behalten die Hand in Kopfhöhe. Ihre Gesichtern verraten, dass sie nicht wissen, ob sie diese Position halten sollen oder nicht.

Der Lagerführer ignoriert sie und wendet sich den Frauen zu, die in einem lockeren Halbkreis Aufstellung nehmen.

FREINBERGER räuspert sich: „Es ist uns eine Ehre SS-Sturmbannführer zum Julfest des Deutschen Volkes begrüßen zu dürfen!“

MARIA SCHICHO erhebt sich mühselig von ihrem Sessel: „Im Namen der Gaufrauenschaft begrüße ich sie, mein Führer“

Einige Häftlinge reden halblaut miteinander.

FREINBERGER herrscht sie an: „Ruhe und der Führerrede zuhören!“

Der Lagerführer tritt vor, seine beiden SS-Männer flankieren ihn. Die Häftlingsfrauen verstummen und hören zu, wie der Lagerführer spricht.

LAGERFÜHRER den Tonfall der Reden Hitlers imitierend:

„Bla Blah!”

„Bla Blah, blah bla! Bla Bla Blah, bla. Blah!“

LAGERFÜHRER hält einen Augenblick inne, bevor er mit lauter Stimme zu schreien anfängt: „Blah! Blah! bla BLAH!!!!“, dann in gemäßigter Lautstärke: „Bla bla bla blah“ bevor er zum großen Finale anhebt: „BLA BLAH! BLAH! BLAHHHHHHH“

Lachen aus dem Publikum

WIENER HÄFTLING „Wos vazöhlt der Schwindliche do?“

BARACKENFÜHRERIN „Er sogt, dass Weihnachten abgeschafft wird!“

FREINBERGER rechthaberisch: „Dafür haben wir jetzt das schöne Julfest.“

WIENER HÄFTLING „Abgschafft? Von wem? Von dem Dampfplaudera?“

Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER verärgert, sich an die beiden Frauen wendend: „Vom Führer, natürlich!“

MARIA SCHICHO die wieder auf dem Stuhl Platz genommen hat, gähnt: „Der Führer befiehlt, wir folgen.“

WIENER HÄFTLING „Warum sollt er so an Schaß onschoffn? San jo kane Judn ned bei am Weihnachtsfestl“

FREINBERGER in belehrendem Tonfall: „Weihnachten wurde abgeschafft, weil es Teil der jüdischen Weltverschwörung gegen das Deutsche Reich ist.“

WIENER HÄFTLING „Des vasteh i oba ned!“

FREINBERGER wütend: „Da gibt es auch nichts zu verstehen! Einem Führerbefehl ist ohne zu Denken Folge zu leisten!“

WIENER HÄFTLING geht zum Herd und rührt mit einem Kochlöffel in der Suppe um. Zu sich: „Den Heilign Abend obschaffn, so a Bledsinn muass da erst amoi einfalln!“

LAGERFÜHRER glaubt sich verhört zu haben, schreit: „Was erlauben Sie sich, über einen Führerbefehl lustig zu machen?! Ich werde sie dem Reichsführer SS melden!“

WIENER HÄFTLING rührt in der Supper um, spöttisch: „Hearst Deppata, wüllst dem Himmla a Luftpost schickn zu seina Woikn auffe, von wo er jetz obeschaut, der „Herr Reichsführer SS“? Der hodt si scho im 45er Johr hamdraht.“

Lautes Lachen aus dem Publikum, eine Häftlinge lachen ebenfalls.

LAGERFÜHRER empört über das Lachen, dreht sich zum Publikum und droht mit erhobenen Finger: „Das Lachen wird euch allen noch vergehen!“

Lachen aus dem Publikum, ein paar Pfiffe sind zu hören

LAGERFÜHRER nach einer Weile, an Maria Schicho gewandt: „Was gibt es zum Essen, an diesem besonderen Festtag?“

WIENER HÄFTLING „Des konnst da aussuachn. Entweda oide Schuah mit am frittiertns Hackenkreuzfahnderl oder a Wossasuppn.“

LAGERFÜHRER versteht nicht, was sie sagt: „Wie bitte?“

DER LESBISCHE HÄFTLING versucht Hochdeutsch zu reden, verfällt aber in einen Berliner Dialekt: „Schuh, frittiert— dazu eine Hakenkreuzfahne, in Strippen geschnittenen, als Beilage mein ick.“

Lachen aus dem Publikum

LAGERFÜHRER entsetzt, schreit: „Was? Jetzt machen Sie sich sogar über das Weihnachtsfestessen lustig?“

FREINBERGER verliert die Fassung, schreit: „JUL-FEST-ESSEN!“

Lautes Lachen aus dem Publikum, vereinzeltes Klatschen

LAGERFÜHRER leiser: „Das meine ich ja“ er wechselt wieder in einen lauten, schreienden Tonfall:„Machen Sie sich nicht über das JULFEST lustig! Ich habe eine Frage gestellt und erwarte darauf eine Antwort! Und zwar Zack! Zack!“

WIENER HÄFTLING „Mah, der plärrt jo wie da Adi. Wir sind ja ned derrisch!“

Lautes Lachen aus dem Publikum

LAGERFÜHRER brüskiert: „Das verbitte ich mir, das will ich überhört haben.“

Er geht auf Maria Schicho zu, bleibt vor ihrem Stuhl stehen und blickt auf sie hinab, betont: „JUL-FEST-ESSEN!“

MARIA SCHICHO verängstigt: „Es sind noch ein paar Erdäpfel vorrätig, die könnten wir für den Herrn Lagerführer anbraten, aber Zwiebel haben wir keine.“

WIENER HÄFTLING bemerkt am Gesichtsausdruck, dass der Lagerführers nicht versteht und erklärt: „Broatene Bramburi ohne Zwüfeln!“

BARACKENFÜHRERIN lachend: „Na, des wird vielleicht fad schmeckn!“

LESBISCHER HÄFTLING als der Lagerführer noch immer nicht versteht: „Knolln aber kene Bolln.“

LAGERFÜHRER verärgert: „Wie bitte?“

Lautes Lachen aus dem Publikum und von einzelnen Häftlingen

FREINBERGER versucht sich an die plattdeutsche Bezeichnung für Kartoffel zu erinnern, die sie in ihrer Zeit im mecklenburgischen KZ Ravensbrück gehört hat, betont, langsam: „T-ü-ff-e-l“ in normalem Tonfall: „aber keine“ betont: „Zi-poll-en“

LAGERFÜHRER dreht sich zu Freinberger um und fährt sie wütend an: „Wie können Sie es wagen, mich einen Schwachkopf zu nennen? Das ist eine bodenlose Frechheit, die sie sich da erlauben, Oberaufseherin Freinberger!“

FREINBERGER schluchzend: „Was hab ich denn gesagt?“ sie weint bitter

Lachen aus dem Publikum, Pfiffe, Klatschen

MARIA SCHICHO versucht zu beruhigen: „An den Herd, meine Damen. Husch! Husch! Kochen sie ein Mahl, welches unserem Führer würdig ist.“

WIENER HÄFTLING zu sich, lachend: „Oide Schuach!“

LAGERFÜHRER gibt vor diese Bemerkung überhört zu haben, verschränkt seine Arme auf dem Rücken und spaziert in der Baracke auf und ab. Er gibt vor, jeden Winkel zu inspizieren. Leise murmelt er immer wieder: „Jawohl!“ und: „Sehr schön.“

BARACKENFÜHRERIN hält ein kleines Hitler Bild in den Händen. Als der Lagerführer vor ihr steht, hebt sie es zögernd in die Höhe, hält es vor ihr Gesicht, als ob sie sich dahinter versteckt.

LAGERFÜHRER nickt: „Dass lobe ich mir.“

BARACKENFÜHRERIN streckt das Bild höher und hält es über ihren Kopf.

LAGERFÜHRER in lautem, militärischen Tonfall: „Jawohl!“

BARACKENFÜHRERIN zuckt zusammen und streckt das Bild unnatürlich hoch über ihren Kopf.

Lachen aus dem Publikum

MARIA SCHICHO vorsichtig, überfreundlich: „Die Damen haben für den Herrn Lagerführer ein Lied einstudiert!“

LAGERFÜHRER „Ein Lied. Sehr gut! Machen sie mal!“

FREINBERGER zu den Häftlingen: „Aufstellen, wie wir es geübt haben!“

Chaotisches Durcheinander, als die Häftlingsfrauen sich eng zusammendrängen und in einem zweireihigen Halbkreis aufstellen. Maria Schicho erhebt sich schwerfällig vom Stuhl, der nun zwischen Freinberger und den Chor gestellt wird. Freinberger nimmt dem Wiener Häftling den Kochlöffel aus der Hand und benutzt ihn als Taktstock. Die Barackenführerin stellt auf den Sessel einen selbstgefertigten Julbogen, auf den einige Kerzen fixiert sind.

FREINBERGER deutet Maria Schicho mit einer einladenden Armbewegung: „Frau Gaufrauenschaftsführerin, darf ich um die Ehre bitten.“

MARIA SCHICHO hat sich eine Stoff Schärpe um den Wamst gehängt und begibt sich schwerfällig in Richtung des Stuhls. Die Barackenführerin drückt ihr eine Schachtel Streichhölzer in die Hand.

MARIA SCHICHO versucht ein Streichholz zu entzünden, während Freinberger, als Dirigent, mit dem Kochlöffel den Einsatz gibt und halblaut dazu zählt: „Drei, zwei, eins…“

Häftlingschor bei „eins“ fängt der Chor im Schlagerrhythmus an das Horst-Wessel-Lied zu singen. Die Frauen im Chor, die viel zu eng zusammen stehen, reissen bei der Textstelle „SA marschiert“ ihren rechten Arm zum Führergruß nach vorne. Die zweite Reihe schlägt den Frauen in der ersten auf den Kopf.

„Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“ die angerempelten Frauen der ersten Reihe drehen sich um: „Arsch!“, während die Frauen der zweiten Reihe weiter den Text des Horst-Wessel-Liedes halten: „SA marsch…“ 

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

Als der Chor anfängt zu singen heben die SS-Männer ihren rechten Arm zum Führergruß und drehen sich mechanisch einander zu und wieder weg. Maria Schicho hat wegen ihres Übergewichts Mühe sich zu dem Julbogen hinunterzubeugen und ein Streichholz zu entzünden. Der Lagerführer hat seine Kappe abgenommen und sie unter seinen Arm geklemmt.

FREINBERGER schlägt mit dem Kochlöffel auf die Sessellehne, mit lauter Stimme „Ich erbitte mir Ruhe!“

MARIA SCHICHO betrachtet das Streichholz: „Jetzt ist es ausgegangen.“

WIENER HÄFTLING „A so a Schaß!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

Maria Schicho versucht ein weiteres Zündholz zu entzünden. Als das Streichholz brennt, klopft Freinberger mit dem Kochlöffel auf die Sesselleiste gibt den Einsatz.

Die Häftlingsfrauen im Chor drehen sich voneinander in verschiedene Richtungen weg, strecken ihren Arm zum Führergruß nach vorne und fangen an laut im Schlagertakt zu singen. Die SS-Männer drehen sich im Takt zueinander und wieder voneinander weg.

Häftlingschor „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!

SA marschiert mit ruhig festem Schritt.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist….“

Das Streichholz erlöscht erneut.

MARIA SCHICHO ruft wütend aus: „Heilige Maria und Josef!“

Das Singen verstummt.

FREINBERGER ist sichtlich entsetzt über die erneute Unterbrechung. Sie blickt den Lagerführer an. Dieser wendet sich seinen SS-Männern zu

LAGERFÜHRER in schroffem Befehlston: „Schwefelhölzer! Zack! Zack!“

SS-MÄNNER die beiden SS-Männer stürzen in Panik zu Maria Schicho hin und nehmen wieder Haltung an.  Sie legen ihre Hände an die Schläfen und antworten zusammen: „Schwefelhölzer, jawohl!“

Vereinzeltes Lachen aus dem Publikum

SS-MÄNNER die beiden SS-Männer rühren sich nicht. Sie blicken sich gegenseitig an, zusammen: „Keine Schwefelhölzer, mein Führer“ und einer der beiden anfügt: „Nichtraucher, mein Führer!“

Lachen aus dem Publikum

FREINBERGER im Befehlston an den Chor: „Raucher vortreten!“

Etwa 5-6 Frauen treten etwas unsicher hervor und formieren sich langsam zu einer Reihe.

FREINBERGER „Streichhölzer!“

Die Frauen schauen sich gegenseitig an, bis der lesbische Häftling, dem noch eine erloschene Zigarette im Mundwinkel hängt, lässig nach vor tritt und Maria Schicho mit einem Augenzwinkern eine Schachtel Streichhölzer gibt. Diese bückt sich wieder schwerfällig nach vorne und zündet ein Streichholz an.

FREINBERGER klopft mit dem Kochlöffel auf die Stuhllehne: „und zwei, und eins…“

Der Chor fängt an zu singen, die Arme zum Führergruß in alle Richtungen gestreckt. Genauso wie die SS-Männer drehen sie sich nach links und rechts im Schlagertakt.

Die beiden SS-Männer reissen ihre rechten Arme zum Führergruß nach vorne und stossen dabei die vornüber gebückte Maria Schicho am Hinterteil an. Diese fällt unter lautem Geschrei auf den Sessel und reisst ihn und den Julbogen mit sich auf den Boden.

Der Chor singt weiter während Maria Schicho sich am Boden wälzt und die SS-Männer im Takt der Melodie und breitem Grinsen rotieren. Freinberger dirigiert.

Lautes Lachen aus dem Publikum, Pfiffe, Schreie, Klatschen

Häftlingschor „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!

SA marschiert mit ruhig festem Schritt.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit.

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit“

LAGERFÜHRER Wutentbrannt, wirft er seine Kappe auf den Boden, schreit: „Aufhören! Ich befehle ihnen sofort damit aufzuhören!“

WIENER HÄFTLING „Jetzt ist er im Oasch, der Juldreck-Schaß!“

BARACKENFÜHRERIN „Ich hab genug von diesem Weihnachten“

FREINBERGER rot im Gesicht vor Wut, vollkommen außer sich, schreit: „JULFEST! Verdammt noch mal, ihr Idioten! ES HEISST JULFEST!“ Mit erhobenem Kochlöffel stürmt sie auf die Häftlingsfrauen zu und fängt an, auf ihre Köpfe einzuschlagen: „JULFEST! Geht das nicht in eure Köpfe hinein! Es gibt kein Weihnachten mehr! Weihnachten wurde abgeschafft!“

Die Häftlingsfrauen aus dem Chor versuchen den Schlägen zu entkommen und fallen über die, wie ein gestrandeter Wal am Boden liegende, Maria Schicho, die laut aufstöhnt.

WIENER HÄFTLING „Aus is! Jetzt hommas darennt!“

Licht aus, der Vorhang fällt.