400 Jahre langes Nachschlagen im Buchkirchner Kirchenbuch hatte den Einband aus gewachstem Schweinsleder, von den, mit feingedrehten Hanfschnüren gebündelten, handgeschöpften Flachsblättern, die dem Leseunkundigen ihre Geheimnisse verbargen, abgelöst. Nur rußtintengeschwärzte Pfarrersdaumen und ölig-schmutzige Gsellpriesterhände durften es berühren und hinterließen den Abdruck ihrer Zeitlichkeit auf der rechten unteren Ecke des Deckblatts. Auf dem Vorderschnitt entdecke ich tiefschwarze Flecken; Spuren der Ungeschicklichkeit eines weintrunkenen, alterszittrigen Pfarrers oder stumme Zeugen jenes dramatischen Augenblicks im Jahre 1595, als eine aufgebrachte Horde rebellierender Bauern, den Pfarrhof stürmte und der Mesner bei dem Versuch, die Matricula vor dem zerstörerischen Zorn der glaubensverwirrter Lutheraner zu retten, in aller Aufgeregtheit, das Tintenfass umstieß. Tief beuge, nein, verbeuge ich mich vor diesem Buch, welches für mich ein heiliges ist. Der Geruch von Schimmel und feuchtem Moder fährt in meine Nase und berauscht meine Sinne, ein süsslich lockendes Mittel meines erregenden Rausches, um meinen, von unbändiger, jedoch noch unerfüllter Wissbegier, durchtränkten Geist, endlich!, von der Qual seiner Neugier und dem Wahn jahrelangen Sehnens und Wartens zu erlösen und das Siegel der Vergangenheit zu brechen, um die steinernen Wurzeln meiner Ahnenväter aus dem Grab der Terra incognita einer längst vergessenen Zeit, zu heben.

Im Jahre des Herrn 1597 kam Pfarrer Wolfgang Erlinger der Aufforderung des Abts von Kremsmünster, Kirchen-Matriken anzulegen, nach und setzte in feierlicher Schönschrift und in gestochen scharfen Buchstaben das Wort Baptizati auf die erste Seite des Taufregisters, Sepulti, auf eine leere Seite in der Mitte des Buches, um der in geweihter Erde versenkten, abgeleibten Seelen zu gedenken und am Ende Copulati, wo er die Namen der jungen Paare verewigte, die er im Namen Gottes vereinigte. Es war kein leichtes für Pfarrer Erlinger die Buchkirchner Pfarre, die ihm sein Gönner, Abt Spindler, dem er als Hofkaplan jahrelang treu gedient hatte, von den hetzerischen Irrlehren Luthers abzubringen und wieder in die Arme der katholischen Kirche zurückzuführen. „Wenn ich den Pfarrleut das Sakrament nicht in deutscher Sprache consecriere, so wollen sie mich weder wissen noch hören und durchaus, sondern wollen einen evangelischen Pfaffen haben, der ihnen einen deutschen Herrgott reicht“, klage er oft dem Vikar. Seine Gemeinde war umgeben von sektischen Pfarren: Wallern stand ein alter, störrischer, apostatischer Priester vor, der sich gegen alle katholischen Gebräuche auflehnte, die Heilige Messe verwarf sich weigerte selbst dem Kaiser die Türkensteuer zu zahlen. Khrenglbach, Holzhausen, Unser Fraw in der Scharten, Oftering, Marchdrenkh, und Polhaimb Schlosskirchen zu Wels wurden von sektischen Prädikanten, „lutherischen Hunden“, wie Pfarrer Erlinger sie nannte, geführt. Ihnen allein gab er die Schuld, das einfältige Bauernvolk aufgewiegelt zu haben, so dass es sich erdreiste, sich gegen die gottgewollte Ordnung der Kirche zu erheben.

Am 2. Advent Sonntag des Jahres 1597 ereignete sich in der Gunskirchner Pfarre eine gar gräuliche Tat. Den darauffolgenden Sonntag beginnt Pfarrer Erlinger seine Predigt mit den Worten des Propheten Johannes des Täufers. Mit donnernder Stimme polterte er von der Kanzel herab: “Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. „Ich sag euch, ihr christlich Leut von Buchkirchen, gar Schreckliches sich ereignet hat, vor einer Woch in der Gunskirchen Pfarr. Der lieb Pfarrer Ziegler, Gott hab ihn selig, ein wahrlich guter, mutiger und frommer Mann, verkündete das heilige Wort, als ein irrgläubiges Pack einen Tumult hat angefangen, so dass der Pfarrer seine gute Red abbrechen musst und in die Sakristei sich begab. Als er ins freie trat, standen daselbst etliche Bauernknechte mit ihren Wehren. Da habe ein fremder Knecht ihn mit den Worten angeredet: „Hersus! Pfaff, du willst unseren Predikanten, Herrn Hansen vertreiben?“ Der fromme Pfarrer Ziegler, nicht einmal daran gedacht noch entschlossen hat er sich. Doch die Bauernknecht und Bauernsöhne haben sein Wort nicht annehmen wollen. Darüber ist der arme Pfarrer dem Messnerhaus zu geflüchtet. Auf dem Boden unterm Bett wollt er sich verbergen vor der hasserfüllten Lutheraner Schar. Die ist ihm gleich nach und haben ihn gefunden, worauf er in den Garten gelaufen ist. Die groben Bauern, voller Haß auf alles Katholische, sind ihm nachgedrungen und haben auf ihn gehauen. Wenn ich es euch sage, vom Teufel war dieses Pack besessen! Die Stecken haben sie aus den Zäunen gerissen und dann— habens den Pfarrer erschlagen.“ Er hält inne. Gespannte Stille erfüllt die Kirche. Schreckenserfüllte Augen starren zur Kanzel hinauf. Mit leiser Stimme die jeden die Ohren spitzen lässt und die Theatralik seiner Predigt ins unerträgliche steigert, fährt er fort zu erzählen: „Diese Irrgläubigen haben den seeligen Pfarrer auf das schlimmste zugerichtet. Seine halbe Hirnschale war auf der einen Seite entzwei, sein Mund stand offen und ganz blutig war sein Angesicht. In der linken Hand zwei Finger abgehauen, die der Messner zehn Schritte vom toten Körper fern in einem Gesträuch neben dem Zaune liegen. Der linke Schenkel wurd ihm auch entzwei gehauen. Selbst den Mantel des seligen Pfarrer Ziegler habe diese verruchten Mörder in drei Stück zerrissen und vom Zaune gehängt. Auch seinen treuen Diener haben sie im Messnerhaus am Kopf geschlagen, so dass er am nächsten Tag abgeleibt ist. Wahrlich, ich sage euch. Gottes Strafe mit Feuer wird dieses Mörderpack richten! Lasset uns für die Seele des aufgefahren Pfarrer, der nun zur rechten Gottes sitzt, beten.“

Bedächtig schlage ich Seite für Seite des alten Kirchenbuches um und bin erstaunt, eine Handschrift vor mir zu sehen, die in der Klarheit ihres Schriftbilds, wie bedrucktes Papier erscheint. Ein zwei Finger breiter, unbeschriebener Rahmen hebt durch seine schmucklose Schlichtheit die Eintragungen des Pfarrers wie ein Manifest von Leben, Tod und Glück hervor. Der ebenmäßige Tintenstrich läßt keine Hast des Schreibers erkennen. Jeder Punkt ist aufs genaueste über den Buchstaben gesetzt, kein Nasalstrich wurde vergessen und Monatsnamen enden in korrektem Genitiv. Ein ordnungsliebender, beherrschter Mensch, dem es nicht an Selbstdisziplin mangelt, mag Pfarrer gewesen sein, so lese ich aus dem Bewegungsbild von Verbundenheit, Regelmäßigkeit, Formfestigkeit seiner Schrift. Eigenbrötlerisch, nichts und niemanden sich anvertrauend, ein Schein täuscht über tieferes Sein hinweg. Die Majuskeln sind zurückgenommen und so bescheiden gezeichnet, als stammen sie von der Hand eines einfachen, demütigen Mönches, der sein Licht gerne unter den Scheffel stell. Doch verborgen in der Völle der Minuskeln und der Magerkeit ihrer Rundungen, tief hinter den toleranten Girlanden und verschlossenen Arkaden, lugt das wahre Gesicht des Pfarrer Erlingers hervor. Doch es ist die Nervosität seiner auf äußerste gespannten Schrift, die ihn entlarvt und ihm die Maske des gottesfürchtigen Dieners seiner Pfarre aus dem Gesicht reisst. Unter der Oberfläche brodelt der Fanatismus eines Mannes, der sich von nichts und niemanden beeinflussen läßt und seine Überzeugung, wenn es sein müsse, bis zu seinem Tod verteidige. Grausamkeit und Kalkül steckt hinter den bewusst klein gehaltenen Buchstaben, die über das Fehlen jeglicher Empathie hinwegtäuschen sollten, reissender Wolf unter Lämmern, trunken von Gier und der Macht. Die Gestalt eines hageren Büßers steht am Fenster des Turmerkers im lichtdurchfluteten Präfektenzimmer des aufwendig neu renovierten Pfarrhauses, seine dürren Hände, mit langen knochigen Fingern ragen aus den weit geschnittenen Ärmels seines schmucklosen schwarzen Talars und sind am Rücken verschränkt. Kleine, flinke Falkenaugen überfliegen die kargen Felder, die sich wie ein bunter Fleckerlteppich in alle Richtungen um Buchkirchen erstrecken. Sein Blick streift einen entfernten Hügel, kreist über das strohbedeckte Dach eines alten, hölzernen Bauernhauses, mit niedrigen Türen und winzig kleinen Fenstern. Feucht, modrig, schmutzig. Wie wilde Tiere kauern sie allabendlich, zwischen dem Gestank ihrer Tiere, in der kleinen dunklen Stube um eine Schüssel herum, aus der sie schlatzigen Körnerbrei oder Rübensuppe schlürfen. Dort war sie, die Behausung der Sippe des Leopold Paur, dem er nach seiner Feuerpredigt zum 3. Advent seine Frau Rosina begraben musste. Das törichte Bauernvolk, das sich vermehren muss, wie Rattengesindel. Heute werden sie ihn bitten, ihren Sohn Lorentz mit der Tochter des Wibmer Hannsen zu vereinen. Bald schon würden sie um Einlass bitten und den Schmutz und Gestank ihrer ärmlichen Existenz in Ihres Gnaden Zimmers hineintragen. Sie würden sich drängen, und ihre Bälger würden herumlaufen und alles mit ihren schmutzigen Kinderhänden begreifen. Der Gedanke daran lässt ihn erschaudern.

Groß gewachsen mit einem zarten Gesicht, aus dessen Mitte sich eine schmale, geradlinige Nase erhebt, die ihr das Aussehen einer antiken Götterstatue schenkt, durchschreitet Anna die mit Zwiebelhauben bekrönten stillen Torwächter des Pfarrhofes, welcher sich wie ein Schloss neben der Kirche erhebt. Ihre brünetten Haare hat sie zu aufgesteckten, mit Feldblumen verzierten, Zöpfen geflochten. Sie trägt ein einfaches Leinenkleid, welches ihre eine feenhafte Erscheinung verleiht. Umringt von ihren vier Brüder, Georg, Hans, Walthauser und Weickart, gefolgt von ihrem Vater und zahlreichen Onkel, Tanten, Nichten und Neffen, Vettern und Basen, steigt sie steinernen Treppen zu dem imposanten Vorhaus empor, welches sich über die gesamte Länge des Obergeschosses erstreckt. Sie lächelt als sie Lorentz, umringt von seiner Familie, erblickt, der sie verlegen eine Wildblumenstrauß, der mit einem reich verzierten Band in die Arme legt, so wie er ihr schon als kleiner Junge Gänseblümchenketten um den Hals gelegt hatte, wenn sie im Wald oder beim Perwender Bachl zusammen gespielt hatten. Anna hat ihm für die Taschenuhr, die er von Vater Hannsen an diesem Festtag erhalten hat eine Kette aus ihren Haaren gesponnen. Letzten Sommer, hinter dem Troadkasten bei der alten Scheune, wurde wurde aus dem unschuldigen Beisammensein zweier Nachbarskinder durch einen plötzlichen, überraschenden und heimlichen Kuss auf ihre Lippen, eine Liebe, die ihre Erfüllung von Gottes Segen finden suchte. Auch wenn Lorentz nicht die bärenhafte Stärke und den wuchtigen Bart seines Vaters, Leopold geerbt hatte, so war er doch hochgeschossen, sein Körper fest und straff, die Muskeln sehnig von harter Arbeit. Er war Bauer mit Leib und Seele, genoß den Umgang mit den Elementen, kümmerte sich um die vier Schweine, ein paar Schafe, zwei Milchkühe, einer Schar Hühner und Gänse und das alte Pferd, welches sie auch heute, wie jeden Sonntag zur Messe in die Kirche gebracht hat. Solange seine Augen es Großvater Paur noch erlaubten, verbrachte er täglich ein paar Stunden hinter dem Webstuhl und half mit das Flachs zu spinnen, welches Lorentz geerntet und Leopold gebrochen, geschwungen und gekämmt hatte. Bis auf Helena, der Frau von Annas Bruder Georg, die hochschwanger zu Hause war, waren alle zusammen gekommen, die Wibmers und die Paurs, von Epping, Schnadt, Niederlaab, Hocherentz oder Hartberg. Die befreundeten Familien, wie die Söllners vom Hartberg und die… warteten vor der Kirche auf den Einzug des Paares nachdem sie im Pfarrhaus die Zustimmung zu ihrer Verbindung vom Pfarrer eingeholt hatten. Endlich öffnet der Messner die Tür zu Ihres Gnaden Zimmers und ein dicht gedrängtes Knäuel von Männern, Frauen und Kindern, Alten und Jungen, Verwandten, Nachbarn und Freunden ergießt sich in den edlen Prunkraum. Erfüllt mit Ehrfurcht und unverdeckter Neugier betrachten sie fingerzeigend murmelnd die kostbaren Statuen und Heiligenbilder an den Wänden, die kassettenförmige Deckenverzierung und den wertvollen Bischofstisch mit seinem purpurnen gepolsterten Stuhl dahinter und einer gläsernen, mit Wein gefüllten Karaffe darauf. Staunen steht in ihren Gesichtern, denn für viele ist dies das erste Mal, dass sie den neu renovierten Pfarrhof betreten haben.

Anna verbeugt sich tief mit einen Knicks, tritt vor und übergibt dem Pfarrer als Weisat einen Krug aus Gmundner Keramik, gefüllt mit selbst gepresstem Most von kleingedrungenen, wettergepeitschten Birnbäumen, die rund um das Haus dem Paurn auf dem Berg wuchsen. Pfarrer Edlinger läßt sich seine Abscheu vor diesem Bauerngesöff, dass so sauer war, dass sich die Mäuler zusammen ziehen, dass man meint, man müsse daran erwürgen oder ersticken, nicht anmerken und stellt, ohne Anna oder das Geschenk auch nur mit einem Blick zu würden, den Krug auf die Seite. Mit strengen Blick mustert er die Gruppe vor ihm bis ihr aufgeregtes Getratsch und verhaltenes Reden verstummt ist und alle Augen sich auf ihn richten. Mit einer Stimme, der jegliches menschliche fehlt, die weder feierlich und so des Anlasses würdig, noch die Stimme eines Gottesmannes, sondern hinter der sich die Gefährlichkeit eines knurrenden Wolfes verbirgt, stimmt der Pfarrer mit den Worten: „Lasset uns beten“, ein Vater Unser an, dem alle Anwesenden betend folgen. Anschließend richtet er seine Worte an das Brautpaar, welche Seite an Seite stehend vorgetreten waren. „Wir sind heute zusammen gekommen, um Lorentz, des Leopoldens Sohn und Anna, des Wibmer Hannsens vor Gott zu vereinigen und seinen Segen zu erbeten. Wenn zwei Familien sich vor Gott auf ewig binden, so ist dies eine groß Verantwortung und bedarf einer Prüfung vor dem Angesicht unseres Herrn“

Er wendet sich dem Bräutigam zu. „Du, Lorentz Paur, bist du frei und weder versprochen noch angetraut einem anderen Weibe, so dass du frei seist, mit ehrlichen Worte und guten Herzen, um dieses vor mir getretene Weib, Anna, zu deiner Frau ernennen kannst.“
Lorentz blickt freudig verliebt auf seine Anna und bejaht.
„Und du Anna, seist du noch Jungfrau, unversprochen und rein in Körper und Geist, so dass du vor dem Allmächtigen Herrn mit deinem Seelenwohl dies bezeugen willst?“
Anna antwortet mit einem scheuen „Ja, Ehrwürden“.
Der Pfarrer hält inne. Sein starrer Blick fixiert ihren Blick bis sie sich anwendet. Erneut richtet Pfarrer Erlinger sein Wort an Anna.
„Sag Frau, seist du nicht verwandt mit dem Andre Wibmer zu Strass?“
Anna antwortet mit leiser beinahe unhörbarer Stimme. „Mein Vetter ist er“
Der Pfarrer donnert plötzlich so laut, dass die Kinder erschreckt ihre Köpfe hinter den Rockzipfeln der Frauen verstecken „So du weisst, was dieser Lump dem Pfarrer von Gunskirchen angetan hat?“
Stille. Anna fängt an zu schluchzen.
Leopold ergreift das Wort: „Ehrwürdiger Pfarrer, ich bitt sie, heut doch ned, an diesem feierlichen Tag!“
„Kein Tag, an dem nicht der sträflichen Sünd, die dieser feige Hund in Teufelsnamen begangen hat! So antworte mir Frau!“
Lorenz, wutentbrannt schleudert ihm entgegen: „Genug ists, Pfarrer, haltet dein Maul.“
„Auch du, mein Sohn, sollst wissen, dass kein Sünder der gerechten Straf entkommt.“, antwortet ihm Erlinger mit ruhiger Stimme bevor er sich wieder an die weinende Anna wendet: „Dein Vettern hat dem Freimann gestanden, zu eigener Hand auf den Pfarrer eingedroschen zu haben, so dass dieser grausigst zu Tode kam.“
„Das ist erlogen! Des Pfarrers Dienerin und auch sein Sohn und der Knecht vom Pfarrer entschuldigen ihn. Er hat nichts gemacht! Der Freimann hat ihm das Daumenstöckl angelegt. Auf die zweite Drehung hat er gesagt, was er sagen musst, um dem peinlichen Verhöre zu entgehn.“
„Der Herrgott wird nun über ihn richten, ob er ins ewige Fegefeuer gehn muss. Unschuldig kann er nicht sein, den sein Urteil wurd schon vollstreckt letzte Woch. Aufgehängt auf demselben Baume, unter dem der arme Pfarrer sein Leben hat lassen.“
„Es reicht, Pfarrer!“, herrscht Lorentz ihn an. „Wenn du uns nicht trauen willst, dann gehn wir heut noch zum Prädikanten zu Wels, so war der Herrgott mein Zeuge ist!“
Pfarrer Erlingers Gesicht verfinstert sich, er weiß dass wenn diese zwei Familien zu Luthers Glauben wechseln, würde er dem Abt von Kremsmünster Rede und Antwort zu stehen haben.
„Vier Taler Brautgeld“, zischt er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. Leopold tritt vor, zieht einen kleinen Lederbeutel aus seinem Wamst, entnimmt die Münzen und schlägt sie mit geballter Faust auf den Tisch. „Und nun mach deine Arbeit, Pfaff“, grölt er.
Der Pfarrer streicht die Taler vom Tisch in seine Hand, geht zu einer großen hölzernen Truhe, entsperrt sie mit einem Schlüssel, den an einer Kette hängt, die er um den Halt trägt. Einen Taler nach dem anderen fällt in die Truhe. Er schlägt das dicke Buch auf, blättert bedächtig zum letzten Eintrag unter Copulati, taucht den zugespitzten Gänsekiel in das Glas mit schwarzer Tinte und trägt mit ebenmäßigem, ruhigen Strich in das Buch ein:

„Den 8. Februarii ist Lorentz des Leopolden Pauers zu Hörling ehlicher Sohn. Mit der ledigen Person Anna des Hans Wibner zu Hörling ehliche Tochter. Beide in Buckirchner Pfarr zusammen geben worden.“

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