Auf Gräbern spielte ich als Kind, ließ Knochen zerschellen zu Pulverregen, blickte manchem Totenschädel in leere Augenhöhlen tief hinein ohne Angst, ohne Scheu, ohne Widerstreben. Waren sie es doch, die mir ein Lächeln schenkten, in grauer elterlicher Welt. Sie waren da, wenn ich sie brauchte, hörten zu mir, manchmal stundenlang. Gefürchtet hatte ich die Lebenden und nicht die Toten. Treue Freunde sie mir geworden sind und mein Geheimnis und meine Flucht vor dem Feuerregen mütterlichem Hasses. Die Kraft ihrer gewesenen Tage mit der Weisheit von eintausend Jahren tränkt meine Seele mit der Zuversicht, es doch noch irgendwie zu schaffen, in einer Welt aus Tränen, die wie Glassplitter zerborstener Träume am Boden jäh zerspringen. Die Zeit meiner Täuschung ist vorbei. Ich verlasse nun die Gräber, die nur mehr bleiche Knochen tragen. Umringt von Gestaltlosen, berührt, gestreichelt mein Gesicht, geführt. Bilder aus fernvergangener Zeit erwachsen in der Dunkelheit meiner geschlossenen Augen. Ein Sternenschweif von Äonen, tanzende Erinnerung im kosmischen Schein. In ihren Gesichtern erkenne ich meinen eigenen Schatten. Tote Münder erzählen Geschichten, Worte der Wahrheit finden in mir Widerhall. Bis an den Horizont das Stelenmeer, still schreit es das Unaussprechliche. Die Stelen der Zeit begrabener Väter in verwittertem Stein der Unendlichkeit gekleidet. Fingerzeig einer Vergangenheit, die mich umschleicht, mit kleinen Schritten stille Namen ruft. Schätze vergessen in den Tiefen meines Innersten, verborgen vor Blicken unreifer Seelen, noch nicht erblüht genug, um die Wahrheit selbst zu schauen. Eine Landschaft namenloser Menschengesichter zerpflügt durch Krankheit, Krieg und Tod. Überall sah ich sie, umringt ich war im Ahnenangedenken, entrissen aus sprachlosem Vergessen, dankbar und am Leben. Ich umschlich die Stelen, schabte Moose ab und Flechten, laß die Runenzeichen in Botschaften, die zu mir sprachen: Geschichten von Leid und Liebe, Brüderlichkeit und zuviel Hass, von Läuterung, der Verdammnis der Hölle und von Pfaffenspott. Geheimnisse verborgen in Jahrhunderten offenbarten sich, zerschlugen das Schweigen der Schuldigen, ein Weltgericht der Toten aus Gräbern erhoben, ihr Fluch ereilt die Lebenden und ihre Taten. Ich spüre den Hauch von Göttinnen.

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