Römische Allherrlichkeit

Rom, ewiger Fluss, Gehen ohne Anzukommen, Vor-sich-treiben einer lebenslangen Flucht, der ihre Ernsthaftigkeit abhanden gekommen war. Rom das ist seine Muse, die ihn nicht wachgeküsst sondern wachgeschlagen hatte, seine Sinne berauschte und ihm unter seinen Füssen den letzten Rest bornierter Bodenständigkeit wegzog. Losgerissen das Boot, das nichtsahnend dem Abgrund zutreibt. Stolzer Kapitän, was fernrohrst du in entrückten Weiten? Das wirre Spiel enger Gassen aus altersschiefen Häusern, Zeitalter zerbrochener Römertempel und der Gigantomanie päpstlicher Bollwerke gegen den Unglauben, so urwüchsig wie das Geflecht zerstochener Venen seines ausgezehrten Leibes, in denen gestocktes Blut aufwallt, längst vergessene Lebenskraft, ihn nun unaufhörlich voran durch die julihitzene Ewigkeit einer Stadt treibend, von der er sicher war, dass nur Engel sie erbaut haben konnten. Schon driftet er am Pantheon vorbei, Stammeshügel anmutiger Vorzeit, drei rechtläufige Umrundungen huldigen verborgenen archaischen Mächten. Achtlos zur Seite stoßend teilt er den Strom betend-gaffender Geisterhorden aus Touristen und spuckt aus vor dem sakrosankten Heiligtum einer ans Kreuz genagelten Christenheit. „Was wissen die schon von Allherrlichkeit!“, wenn er doch der Messias war, gekommen um sie mit ihrem eignen Blut zu richten. Er schläft inmitten der gefallenen Säulen des Forum Romanum oder im Park des Circus Maximus, gebettet auf Tonscherben geheiligter römischer Erde. Als wäre Rom eine Stadt nur für ihn allein und er unsichtbar für ihre Bewohner und Besucher, Herr und Herrscher einer parallelen Welt, wie der Luftzug einer sanften Brise, flüsternd leise ein Windspiel erklingen lässt, umfährt seine Gegenwart ihre augenlosen hölzernen Gesichter. An allen Orten zugleich, niemals nur an einem, Pulsschlag einer Stadt, die ihn mit Haut und Haar verschlungen hatte.

geträumte lyrik

im verschmelzend zerhämmerten amalgan

lebensscharfer würze

er um sich greift

alle ströme er in sich vereint

und fließend spinnend wehend

schlingt er

hinunter

in den schlund

sein leben

 

des letzte stund ihm schlägt

in grabes tiefe

ihn zu sich hinunter zieht

im schwarzen morast

die schädel stecken

ein fluchen

ein schrei

vorbei! vorbei! vorbei!

 

die herrlichkeit geschaut

ich hab

in mich zusammenstürzen sehen

ich hab

die sturzbäche meiner seeligkeit

 

blutrot ist mein untergang

die weltenmacht aufbäumt sich

nun ein letztes mal

die sicht des todes schreit

bittere not

selbst der steile fels

der tränen weint

 

in tiefen

neues land gebiert

unter ozeanen

menschlichem seins

hinweg

und

fort

für immer

 

des weltentheaters letztes spiel

stürzt

der himmel auf erden

und du

erdrückst

in friedlich eingedenken

all derer

die

einst

vor dir waren

 

im weltenzauber

der letzte vorhang fällt

 

aus der brust deines eigenen vergehens

ein letzter schrei ertönt

so gellend durch die raue nacht

so einsam er danach

verhallt

 

ist jede leibesfrucht verloren

ausgespieen

ausgehauen

erlöst

der tod

wie weisser schnee

 

der glimmer letzten lichts

vergeht im angesicht des seins

 

das bistum deiner eigenen herrlichkeit

verkommen

im schlund

menschlicher begierlichkeit

 

der abgesang deines todes

unverbraucht und ausgelaugt

verhallt

deine welt

D

Ich habe dich geliebt,
unendlich geliebt
geliebt so sehr,
dass es mir die Sinne raubte
mich nachts nicht schlafen ließ
und ich mir oft vorstellte
einen Strick zu haben,
der um meinen Hals sich schlingt
und in den ich mich
—statt in deine Arme—
fallen ließ.

Alles nur
aus Liebe zu dir.
Unerfüllter Liebe,
denn niemals kann ich dich erreichen
zu fern bist du entrückt
einfach
zu weit weg von mir

Und manchmal,
wenn mich meine Einsamkeit wieder mal umfängt,
mir die Luft zum Atmen nimmt
und jegliche Hoffnung auf Glückseligkeit
in mir zerrinnt,
dann verwünsche ich dich
in der süssesten Art und Weise,
denn selbst an dem Tag
an dem der Schmerz nach dir mich darniederringt,
denke ich an dich
denke ich an dich
denke ich an dich

Reisejournal: Die Stadt der Toten

In Recoleta bauten sie den Toten prunkvolle Häuser, errichteten ihnen eine Stadt mit Plätzen und gepflasterten Wegen, pflanzten Bäume und Blumen um den Gegangenen in ihrer Unsterblichkeit zu huldigen. Meisterwerke aus gemeisseltem Stein, Paläste geschmückt mit Unvergesslichkeit und Engel, die sich auf Dächern niederließen, um unter ihren Schwingen der Vergänglichkeit der Zeit Einhalt zu gebieten. Schmiedeeiserne Tore, die den noch zum Leben verurteilten erlauben, ihre Stirn an die Glasscheiben ihrer Prachtbauten zu drücken, um sich an der Wahrhaftigkeit der Unsterblichkeit zu ergötzen. Steinerne Abbilder der Gewesten, erhabener als einst im Leben und auf Thronen sitzend, mit erhobenen Schwertern den Göttern zürnend, Büsten die Mausoleen ihrer eigenen Ewigkeit bewachend. Die Engel von Jericho blasen ihre Fanfaren hoch über Pyramiden aus Stein, der Freimaurer der Unendlichkeit.

Hier will auch ich begraben sein und zu meiner letzen Ruhe geleitet werden, nur um für alle Zeit umherwandeln zu können unter denen, deren Hingang die Zurückgebliebenen in Unvergessenheit zelebrieren. Hier will ich schlafen eines Nachts und bei den Unsterblichen ruhen, im Mondschein den Heldensagen der eisernen Soldaten der Gefallenen des Paraguay Krieges lauschen. Tanzen, ja tanzen will ich mit Maria Eva Duarte de Peron auf weißen und schwarzen Marmorgräbern, zwischen griechischen Säulen, die dem Pantheon entrissen wurden, bis zum Morgengrauen und dann den Obelisken, den erhabene Kondore krönen, umarmen.

Wie sehr ich doch die Lebenden verachte und nicht die Toten!

Reisejournal: Der König der Liebe

Ich hatte es ihm heute sagen müssen oder um genau zu sein, tippen müssen. Mittels Whatsapp hatte ich meiner aktuellen Flamme der letzten zwei Wochen, einem chinesischen Architekturstudenten, der— man höre und staune— an seinem zweiten Mastersdegree arbeitete (ich kam irgendwie nie dazu ihn darüber genauer zu befragen) erklärt, dass ich nicht länger als sein Liebhaber zur Verfügung stehen werde, da er in den ganzen letzten zwei Wochen mit keinem einzigen Wort angedeutet hatte, dass er seinen Boyfriend, den er —laut ihm— ohnehin nicht liebt und ihn deswegen— oder aus anderwertigen Gründen— mit mir —und sicherlich auch mit anderen— betrog, in absehbarer Zukunft verlassen würde, um mit mir den glückseeligen Hafen der Ehe anzusteuern. Das ganze als Whatsapp-Nachricht verschickt hörte sich noch lächerlicher und durchgeknallter an, als es tatsächlich war. Seine Antwort fiel dementsprechend aus: OK. Danke, machs gut.

Damit war meine Lust meinen ersten Tag in Buenos Aires mit Sightseeing zu verbringen mit einem Male verpufft und ich stolperte ins nächstbeste Restaurant, dem La Estancia, mit der Absicht meine Stimmung durch die Konsumation einer größeren Menge Bier zu heben. Es war nachmittag und das Lokal bis auf wenige Gäste leer. Ich setzte mich an einen Tisch, der sich direkt unter einer ausgesprochen hässlichen Wandbemalung befand, die argentinische Gauchos kuhtreibend im Sattel ihrer Pferde verherrlichen sollte, aber wegen freskenartiger aus der Wand wachsenden Bäumen, gepinselten schneebedeckten Andengipfeln und einem den gesamten Plafond überziehenden kitschigen Wolkenhimmel, in dem nur noch der liebe Herrgott fehlte, dem Restaurant den Flair einer Bahnhofshalle mit abgewetzten Werbeplakaten aus den 60er Jahren verlieh. Mir war es egal und ich fand das Abbild dieser monströsen Hässlichkeit auch bestens zu meiner Stimmung passend. Ich bestellte: Una Cerveca, por favor, un grande! und erhielt eine Flasche argentinischen Quilmes Biers vorgesetzt. Nein, essen möchte ich nichts!

Das Bier rann meine Kehle hinunter, schickte aus der Tiefe meines Magens einen lauten Rülpser zurück und beruhigte mein verwundetes Herz. Mit einem Male ging es mir wieder gut. Erst da bemerkte ich, dass mich ein junger Mann, schlank, gekleidet in einem Hemd mit aufgestülten Ärmeln und mit kurzrasierten Haaren von seinem Tisch unentwegt anstarrte und selbst dann, als ich ihn daraufhin scharf, fast schon ein wenig bösartig anblickte, weder seinen Blick senkte oder wegschaute, sondern im Gegenteil, dies als Einladung missverstanden haben musste, aufstand, zu mir herüberkam und sich an meinen Tisch setzte. Er streckt mir seine Hand zum Gruß entgegen und stellt sich als Antonio vor. Arthur, es mi nombre, sagte ich ihm und schüttelte seine Hand, er ergriff mit seiner zweiten Hand die meine, drückte sie fest, ließ sie nicht mehr los, verneigte sich, küsste sie und rief laut aus: Arthurro, el rey! Der König, was für eine Ehre es doch sei. Ein Verrückter dachte ich mir, doch anstatt mein Heil in einer Flucht, einer Ausrede oder einer Drohung zu suchen, schlug ich vor gemeinsam zu trinken und rief dem Kellner zu, uns sofort zwei Bier zu bringen. Erst als wir mit lautem Salut! die Krüge klingen ließen, gab er meine Hände frei.

Seinen Job habe er vor einem Jahr verlorn, ein Periodista, also ein Journalist sei er gewesen. Gegen die Mächtigen und Reichen habe er geschrieben, ihre Gier nach Macht und Geld entblößt und wurde dafür fristlos entlassen. Seitdem sei sein Leben die Hölle und er leide jeden Tag aufs neue. Ein weiteres Bier müsse sofort bestellt werden und er werde mich zu diesem und auch noch zu einem argentinischen Whiskey einladen, die er sogleich beim Kellner bestellte und von denen ich wusste, dass ich letztendlich die Rechnung zahlen müsse, doch irgendwie mochte ich diesen schrägen Vogel, diesen komischen Kautz, der mir wie ein argentischer Münchhausen vorkam. Der Whiskey brannte in meiner Kehle und nun wir waren „hermanos“, Brüder, die zusammen tranken und gemeinsam soffen. Seitdem er arbeitslos ist, komme er jeden Tag hierher, erzählt er mir bei einer weiteren Runde Whiskey, es waren nun doppelte. Immer sitze er am selben Tisch und bestellt einen italienischen Espresso, den ihm die schönste Frau auf Erden, eine wahrliche Prinzessin bringe. Nur ein Blick in ihr engelhaftes Angesicht genüge ihm, um all seine Sorgen und Nöte zu vergessen. Sie ist das schlagende Herz seiner Tage, die Essenz seiner Existenz. Wieder ergriff Antonio meine Hände, wieder küsste er sie innig, betäubt von Whiskey und dem Gedanken an die Frau, die er innig liebte. Ob er sie schon einmal eingeladen habe, vielleicht auf einen Spaziergang, ein Abendessen oder ins Kino, frage ich ihn. Er springt auf, wie von einem Skorpion gestochen, schreit mich an: „Aber nein, nein! Gott verbiete! Niemals könne er auch nur ein Wort an sie richten, niemals eine Frage stellen oder sie mit einer Bitte belästigen, niemals auch nur seine Leidenschaft für sie auch nur mit der Silbe eines Wortes andeuten, denn sie ist die Königin, die Reine, die Unerreichte und seiner Liebe nicht würdig. So bewundere er sie im Stillen, jeden Tag aufs neue, verzehrt sich an ihrem Anblick, den er mit sich trägt um sich in den langen Stunden der Nacht in denen er wachliegt daran zu erinnern. Nur so könne er die Misere seiner Existenz einen weiteren Tag ertragen. Ich will sie sehen, sage ich ihm, will die Reinheit des Engels seiner Liebe mit meinen eigenen Augen erfahren, denn vielleicht könne auch ich das Geheimnis aller Geheimnisse verstehen und endlich bereit sein meine Liebe zu finden.

Antonio hebt schweigend sein Glas, blickt mich lange an, bevor er aufsteht und ohne ein Wort zu sagen, zurück geht an seinen Tisch. Als ich die Rechnung bezahle frage ich den Kellner nach dem Namen der Angebeteten, der Königin der Liebe, an der Antonio sich Tag für Tag verzehrt. Der Kellner wirft mir einen verachtenden Blick zu bevor er mir erklärt, dass es in diesem Lokal nur ihn und seine männlichen Kollegen gibt und der „Loco“, einfach nur verrückt ist, ein Trinker und ich solle bloß nicht seine Geschichten glauben. Ich stehe auf, gehe zu Antonios Tisch und verneige mich tief vor ihm. Gracias por Amore! sage ich ihm zum Abschied. Er ergreift meine Hände, zieht sie zu seinem Mund und küsst sie. Mein König, mein König!

Reisejournal: Viva Loca in Sao Paulo

Ich fliege über das Land, die Stadt, Sao Paulo, welches sich als rotes Ziegelmeer bis an den Horizont und darüber hinaus erstreckt. Hochhäuser ragen wie Tetrisblöcke heraus, ein übermenschliches Spiel von niemandem gespielt und immer ohne Sieger. Ein Moloch einer Stadt von 16 Million Seelen und Armut, Gefahr als einziger Reiz, Glück als Garant fürs Überleben.

Neben mir fallen zwei fettleibige verschwitzte Donnas in ihre Sitze. Schweiss vermischt mit billigem Parfum. Ich wende mich ab, doch ihr Gestank umfährt mich wie die schwarze Pest. Ich weiß wieder einmal warum ich immer einen Gangsitz buche. Wer sie zueinander sind ist schwer zu sagen. Mutter und Tochter? Zwei Schwestern oder beste Freundinnen auf der Rückkehr von einem Shopping Trip in Rio? Ihre mit Makeup zugespachtelten Gesichter und dann noch der grellrote Lippenstift und ihre streng zurückgesteckten Haare lassen sie wie alterslose Masken wirken, Grimassen, furchtbar und entstellt. Dicke Bäuche spannen sich in blumenbedruckten Sackkleidern auf denen ihre herunterhängenden Titten aufliegen. Weh dem der diese Weibsmasse nächtens besteigen muss. Sie holen ihre Smartphones aus den Handtaschen, die sie den ganzen Flug auf ihren Knien festhalten als wären es die Knäufe der Sättel ihrer Pferde, die sie einst auf ihre Fincas ritten. Doch nun versinken sie in portugiesischen Soap Operas, die sie neben mir ohne Kopfhörer und mit voller Lautstärke konsumieren. Ich existiere nicht in ihrer Welt, wende mich von ihnen ab und schliesse die Augen.

Das San Rapphael Hotel erreicht der Taxifahrer nur über ein Gewirr von Umwegen, da eine Fiesta da la Cultura im Stadtzentrum stattfindet und die meisten Straßen abgeriegelt sind. Ein hölzerner Lift bringt mich in mein kleines Zimmer im 15. Stock. Ich mag dieses alte Hotel welches irgendwann einmal mitten in den fünfziger Jahren steckengeblieben ist. Im Restaurant bin ich der einzige Gast einer Kellnerin die mir Bavaria Beer empfiehlt mit dem ich Spaghetti und trockenes Brot hinunterspüle. Es ist Nahrung, sage ich mir, kein Essen oder gar ein Mahl.

Neben dem Hotel wurde eine Bühne aufgebaut und ein Konzert beginnt. Eine Hip Hop Band heizt die Stimmung tausender Fans für dem Main Act auf, einer Rockband, die unter Jubelschreien der Masse die Bühne betritt und mich an Mana aus Mexico erinnert. Vom Balkon herab beobachte ich die Menge, wie sie in Ekstase gerät und jede Liedzeile aus geeinter voller Kehle gröhlt und feiert als wäre es der letzte Tag auf Erden. Ich schieße noch schnell ein paar Bilder bevor auch ich mich nicht mehr halten kann und und in die Menschenmenge eintauche. Im Taumel der Masse zelebriere ich pures brasilianisches Lebensgefühl und schaffe es irgendwie spätabends unversehrt und doch noch am Leben ins Hotel zurück.

Reisejournal: Der Boy von Ipanema

Es ist kurz nach fünf Uhr früh, die dunkleste Stunde der Nacht, als ich im Taxi sitze. Sade’s „Smooth Criminal“ im Flüsterton untermalt die Stille einer Fahrt durch Rio de Janeiro. Schemenhafte Schatten, in grauen Farben der Dunkelheit durchbrochen vom fernen Licht der Farvellas, die sich an die Hügel der Stadt klammern, ziehen am Fenster vorbei. Jetzt bist du also doch zurückgekehrt, sage ich mir, nach über zwanzig Jahren. Wie hast du dich verändert. Und Rio — Rio kein bisschen.

Sonnenaufgang am Ipanema Beach. Ich atme das Salz der kalten Meeresluft, den neuen Tag, lausche dem Gemurmel und Gespüle der Wellen und schieße Fotos von der Dachterasse des Sol de Ipanema Hotels. Der zuckerhutartige Berg sieht zum Anbeißen aus, ob er wohl den Eingang zur Unterwelt unter all der Schönheit des Strandes verbirgt? Es muss wohl am Jetlag liegen, der solch wirre Gedanken am Horizont meiner Müdigkeit brechen lässt. Schlafen und dann nocheinmal in Rio aufwachen, das beschließe ich zu tun.

Es ist noch früh, erst zehn, als ich den Ipanema Strand entlang laufe, das kalte Wasser an meinen Füßen spüre, den Sand, der versucht mich zu verschlingen. Ich bin wieder angekommen in Südamerika, dem Ziel meiner Flucht, meiner Angst und der Freiheit die ich suchte, damals als ich noch ein Teenager war und ohne Geld in Chile strandete. Ein Jahr dauerte es, bis ich mich auf dem Landweg nach Mexico City durchschlagen konnte. Oft arbeitete ich in kleinen Bars und Restaurants und oft nur für Essen – Pollo con arroz – oder verkaufte amerikanischen Touristen Kokain und fertiggerollte Joints. Damals kannte ich keine Angst, verlor keinen Gedanken daran, dass ich Opfer eines Raubüberfalls werden könnte, was hätte man mir schon wegnehmen können, ich besaß ja nichts. Heute lasse ich Laptop und Smartphone im Hotel und nur mit einem Handtuch über der Schulter und ein wenig Geld in der Badehose versteckt, verliere ich mich am Strand.

Gabriel, sagt er, ist sein Name. Er deutet auf sein Herz – Corazon – und zeigt dann auf mich. Arthurrrrro – mit langen rollenden rrrrrs, um meinen Namen so spanisch wie möglich klingen zu lassen. Ich erinnere mich nur mehr an ein paar Brocken Spanisch, es ist ja doch schon lange her. Er checkt mich aus. Ein Mulatte, jung, keine fünfundzwanzig. Muskulös, braungebrannt, wild. Ich würde sein Bildnis auf einer Postkarte verewigen und sie in alle Welt schicken, aber wer schreibt schon noch Postkarten? Ich mag ihn, er ist gefährlich. Ein Strandboy der für Touristen Strandsessel aufstellt und ihnen Bier bringt. Lange schaut mich Gabriel an, mustert mich, versucht mich zu lesen und ich starre ihn hinter dunklen Sonnenbrillen versteckt unentwegt an. Über und über mit Tattoos bedeckt und einem wilden punkigen Haarschnitt bin ich keiner seiner üblichen Touristen, die er mit billig gemixten Caipirinhas oder Touren zur Jesusstatue zufriedenstellen kann. Und wie ein schwuler Sextourist, mit denen er manchmal eine Stunde im Hotel verbringt, sehe ich auch nicht aus. Gabriel kommt näher an mich ran, fasst mit seinen Händen in seine Badehose, dessen mächtige Ausbeulung mir sofort an ihm aufgefallen ist. Er holt eine kleine Dose heraus, öffnet sie verdeckt in seiner großen Hand und zeigt mir den Inhalt. Marihuana? Cocaina? Er lacht und ich lache auch. Wir haben unsere Sprache gefunden. Me gusta mucho! antworte ich in perfektem Spanisch und schiebe ihm verdeckt einen Geldschein zu. Er drückt mir einen kleinen Plastikkegel in die Hand. Was? Keine gefalteten Koksbriefchen aus Zeitungspapier mehr? Wie hat sich Rio doch verändert. Una Cervesita mas? Noch ein Bier? Klar, es ist ja mein Urlaub und letzter Tag in Rio. Morgen Sao Paulo. Immer weiter.

Der Gewittersturm fegt die Sonnenschirme davon, spült die Stühle ins Meer und Regen peitscht die fliehenden Touristen vom Strand. Irgendwie hatte ich das Nahen der Apokalypse gespürt und filme von meinem Hotelzimmer einen Clip für Facebook – hoch über Rio und angenehm berauscht. Das Zeug ist gar nicht  so schlecht. Ich versuche Gabriel unter den Boys zu entdecken, die versuchen das Hab und Gut der Strandbars vor dem Zorn der Elemente zu retten, aber kann ihn nicht finden. Der Sturm hat auch ihn verschluckt. Der Strand ist leergefegt, als ich abends einen Spaziergang mache. Ich weiß, es ist gefährlich und jeder Reiseführer warnt Touristen sich auf keinen Fall nach Sonnenuntergang dort aufzuhalten. Ich lese keine Reiseführer und bin auch kein Tourist. Ich bin auf der Suche nach Gabriel.